J. Kriz: Grundkonzepte der Psychotherapie

Kapitel 1: Einführung: Zu den Wurzeln der Psychotherapie

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir sind beeinflußt von Kultur und Interaktionsprozessen.
Besonderes Kennzeichen des Menschen: reflexives Bewußtsein. Sinnhafte Strukturierung der Erfahrungen und intentionales Handeln.
Gerade wegen der Einbettung in soziale Rollenmuster sind wir sensibel gegenüber Abweichungen von diesen Normen. Daher gibt es seit jeher Menschen, die solche "beeinträchtigungen" zu mildern versuchen.
Anfänge der professionellen Psychotherapie: Freud am Ende des 19. Jahrhunderts.

1.1 Das psychologisch / anthropologische Menschenbild zur Zeit Freuds

Für die Betrachtung der Menschen war die Bibel maßgebend.
Agassiz (1807-1873): Menschenrassen sind getrennte Arten. Schwarze stellen eine andere Lebensform dar und müssen nicht gleichberechtigt behandelt werden.

Morton (Mitte 19. Jhd.): Messung von Hirnvolumina durch Einfüllen von Bleischrot. Die Hirngröße sollte Aufschluß über die geistigen Fähigkeiten geben. Daher wurden Indiander, Schwarze usw. ganz unten angesiedelt.
Broca (1824-1880): Versuchte so, die angeborene Dummheit minderwertiger Rassen zu beweisen.
Es galt auch als erwiesen, daß Frauen dümmer waren als Männer. Ein schwarzer Mann sollte ungefähr so schlau sein wie eine weiße Frau.
Lombroso (1836-1910): Die Neigung zum Verbrechen ist angeboren und anhand der Anatomie diagnostizierbar. Er fand auch eine typische Anomalität an den Füßen von Prostituierten.


1.2 Zum medizinischen Menschenbild

In der Zeit, als Freud Medizin studierte, herrschte gerade ein extrem mechanistisches, deterministisches Menschenbild vor.
Die Erklärung von Geisteskrankheiten gingen auf Hippokrates zurück (versch. Körpersäfte in fehlerhaften Mischungen).
Bis zum 18. Jhd. glaubte man daran, daß Geisteskrankheiten eine Gottesstrafe waren. Darauf folgte dann im 19. Jhd. die naturwissenschaftliche Sicht.
Kraepelin (1856-1926): Für jede Geisteskrankheit gibt es eine organische Ursache.

1.3 Geistige Wegbereiter Freuds

Kierkegaard (1813-1855): Betonte subtile, unterbewußte Gefühle.
Schopenhauer (1788-1860): Alltagserfahrungen und Beobachtungen hinsichtlich unbewußter Vorgänge.
Mehrere Ärzte und Forscher, die das mechanistische menschenbild vertraten (Charcot, Braid, usw).

1.4 Die Anfänge der Psychoanalyse

Hysterische Zustände (Tics, Lähmungen, Bewußtseins- und Sprachstörungen) waren früher im Vergleich zu heute recht häufig.
Charcot (1825-1893): Erforschte die Zusammenhänge zwischen Hysterie und Hypnose. Er fand heraus, daß hysterische Zustände oft mit Traumata zusammenhingen.
Zusammen mit Breuer arbeitete Freud dann als Psychiater in Wien.
Die Patienten erinnerten sich in Hypnose an ihre schlimmen Erlebnisse und durchlebten diese noch einmal. Nach dem Erwachen waren sie dann frei von Symptomen (karthartischer Prozeß).
Im Gegensatz zu Breuer betonte Freud die Energie des Sexualtriebes (Libido), die wegen moralischer Instanzen nicht ausgelebt werden können, so trennten sich die beiden.
Danach ging Freud von der Hypnose zur freien Assoziation über und entdeckte im Patienten den "Widerstand".
Er arbeitete an Träumen und ersann das Konzept der Übertragung.

Bedeutend an Freud ist auch, daß er viele Schüler anzog, die sich nach einem Streit über die Theorie wieder von ihm trennten und eine eigene Richtung begründeten. Kriz nennt das die "katalytischen Funktion Freuds", die mindestens so bedeutend sei wie seine Theorie selbst.

1.5 Freud und seine Schüler

Ab 1902: Die Psychologische Mittwochs-Gesellschaft (Adlerm Kahane, Reitler, Stekel, später Jung, Reich, Ferenczi usw)

Alfred Adler (1870-1937)
Trat 1911 aus Freuds Gesellschaft aus und nannte seine eigene Lehre "Individualpsychologie", obwohl es ein sozialpsychologisch orientierter Ansatz war.

Carl Gustav Jung (1875-1961)
Trat 1913 aus Freuds Gesellschaft aus. Er erweiterte den Begriff Libido zur allgemeinen Seelenenergie und postulierte das persönliche und das kollektive Unbewußte (Archetypen).
Er bezeichnete seine Lehre als "Analytische Psychologie" und integrierte religiöse und mythische Vorstellungen.

Durch die Emigration Freuds und vieler seiner Schüler im 2.WK kam es zu einer weiteren Zersplitterung der psychoanalytischen Bewegung.

I. Tiefenpsychologische Ansätze

Kapitel 2: Psychoanalyse (Freud)

Umfaßt drei Bereiche:

  1. Allg. Theorie: Trieblehre (Libido), Persönlichkeitstheorie (Strukturmodell), Entwicklungspsychologie (Phasenmodell), Neurosenlehre
  2. Methode zur Erforschung psychischer Vorgänge (freie Assoziation, Traumdeutung)
  3. Vorgehensweise zur Behandlung psychischer Störungen (bertragung, Widerstand, Deutung)

2.1 Entwicklung der Freudschen Theorie

Die Traumatheorie (bis 1900)
Breuer stellte fest, daß die Symptome eines Patienten, der in Hypnose frei assoziierte, verschwanden. Daraus schloß er, daß die Ursache der Symptome in einer frühen seelischen Verletzung (Trauma) zu finden sind.
Katharsis: Symptomverbesserung durch erneutes Durchleben der traumatischen Erfahrungen.
Freud dachte, daß die vielen sexuellen Themen beim Assoziieren deshalb aufkamen, weil die Patienten tatsächlich als Kinder mißbraucht wurden. Später änderte er seine Meinung, indem er annahm, daß keine tatsächliche Vergewaltigung (passives Erleiden) stattfand, sondern es sich um sexuelle Phantasien (aktives Erleben) der Patienten handelte, die Angst auslösten, weil sie moralisch verwerflich waren.
Hier ist der Schritt zum Ödipuskonflikt.
Freud suchte nach einer Alternative zur Hypnose und erfand die "Freie Assoziation".

Die Entstehung der Psychoanalyse (1900-1920)
Der Widerstand des Patienten gegen das Bewußtmachen mit unbewußten Inhalten wurde immer wichtiger.
Die Übertragung frühkindlicher affektiver Erlebnisse und Verhaltensmuster des Klienten auf den Therapeuten wurde zum Kern der Therapie.
Die Energie des Sexualtriebs (Libido) durchläuft in der kindlichen Entwicklung bestimmte Phasen; unbewältigte Konflikte können dabei zu Störungen der Libido und zu Neurosen führen.
Aktualneurose: Angstneurose. Mangelnde Abfuhr von sexueller Energie (z.B. durch Masturbation). Die Energie wird dann in Angst umgewandelt. Das passiert über Stoffwechselprodukte, also rein physisch.
Psychoneurose: Hysterie, Zwangsneurose. Symbolischer Ausdruck frühkindlicher Konflikte, die mit der Libidoentwicklung zu tun haben. Das passiert psychisch.
Diese Theorie hat er aber später wieder verworfen.

Vom Energie- zum Strukturkonzept (ab 1920)
Aufgabe der früheren Angsttheorie: Angst ist nicht mehr umgewandelte Libido (Ergebnis der Verdrängung), sondern die Ursache der Verdrängung.
Das ICH vermittelt zwischen ES und ÜBERICH. (Näheres hierzu siehe bei Kuhl).
Angst entsteht durch die unbewußten Triebwünsche des ES.
Das deformierte ICH: Es konnte sich in der frühen Kindheit nicht gut entwickeln. Heute werden so z.B. Schizophrenie, das Borderline-Syndrom und einige psychosomatische Störungen erklärt.
Der Psychoanalytiker stützt das ICH, damit es Gelegenheit zum Wachsen bekommt.

Zentraler Gedanke: Psychische Störungen hängen mit ungelösten Konflikten aus bestimmten Entwicklungsphasen zusammen.
Für jede Phase gibt es typische Auseinandersetzungen zwischen der Psyche, den biologischen Trieben und der Umwelt.

2.2 Das Strukturmodell der Persönlichkeit

ES

  • biologische Triebe in nicht sozialisierter Form (animalisch)
  • Grundbedürfnisse, primäre Impulse
  • bezieht seine Energie aus den inneren Organen
  • drängt auf sofortige und rücksichtslose Befriedigung basaler Bedürfnisse
  • unbewußt

ÜBER-ICH

  • moralische und ethische Wertvorstellungen
  • Gebote und Verbote der Außenwelt, die verinnerlicht werden (Gewissen)
  • Bei Neurotikern stark ausgeprägt

ICH

  • Kompromiß zwischen Grundbedürfnissen und Einschränkungen des ÜBER-ICH
  • realitätsnahe Entsprechung der Bedürfnisse finden
  • bewußt

2.3 Trieblehre

Triebe = Kräfte, die hinter den Bedürfnisspannungen des ES stehen.
Eros = Liebestrieb, Selbsterhaltungstrieb, verkörpert das Lustprinzip, dient der Fortpflanzung. Zusammenhänge herstellen und zu immer größeren Einheiten zusammenfügen.
Die zugrundeliegende Energie heißt Libido. Diese ist am Anfang ausschließlich auf das Kind selbst und seine Bedürfnisse gerichtet. Das ICH beginnt dann, auch Objekte mit Libido zu besetzen.
Sublimierung: Verschiebung der Libido auf ein gesellschaftlich anerkannteres Objekt.
Thanatos = Todestrieb, Destruktionstrieb. Zusammenhänge auflösen und Dinge zerstören. Vollkommene Auflösung aller Spannungen, also das Lebewesen zurück in einen anorganischen Zustand bringen.

2.4 Das Phasenmodell psychosexueller Entwicklung

Orale Phase (erstes Lebensjahr): Erogene Zone ist der Mund (saugen, lutschen, beißen).
Anale Phase (2-3 Jahre): Befriedigung der Aggressionen, Sadismus als Mischung aus Eros und Thanatos.
Kampf um die Reinlichkeitserziehung (Macht der Eltern vs. Verweigerung des Kindes)
Phallische Phase (4-6 Jahre): Für Freud spielt hier nur das männliche Genital eine Rolle. Jungen haben es, Mädchen fehlt es.
Genitale Phase (Pubertät): Aktives Sexualleben.
Der Ödipuskomplex: Mädchen entwickeln den Penisneid, Jungen Kastrationsangst.
Jungen haben auch sofort eine libidinöse Bindung an die Mutter und identifizieren sich mit dem Vater. Dann entwickelt sich der Ödipuskomplex: Die Feindseligkeit gegenüber dem Vater nimmt zu, weil der Junge den Vater bei der Mutter ersetzen möchte.

Objektbeziehung und Narzißmus
Autoerotismus (Primärer Narzißmus): Die Libido ist auf den eigenen Körper gerichtet und findet in der erogenen Zone selbst (ohne äußeres Objekt) Befriedigung (bevor das ICH entsteht, Organlust).
Bei gesunder Entwicklung entwickelt sich der Autoerotismus immer mehr in eine Objektliebe (zuerst die Mutter, dann ein Geschlechtspartner).
(Sekundärer) Narzißmus: Die Libido ist ganz auf die eigene Person gerichtet, auf das eigene ICH. Vom Objekt zurückgezogene Libido (Regression).

2.5 Konflikt, Symptombildung, Neurose

Konflikt: Mehrere gegensätzliche Forderungen, z.B. zwischen Trieben und dem ÜBER-ICH, zwischen Wunsch und Abwehr.
Abwehr = Gesamtheit der psychischen und physischen Vorgängr, die eingesetzt werden, um die Integrität und das Selbstwertgefühl möglichst wenig zu gefährden.
Mißlingt dies, manifestiert sich das Abgewehrte in entstellter Form als neurotisches Symptom. Die Symptombildung ist also ein Versuch, das Gleichgewicht wiederherzustellen, aber mit unbefriedigendem Ergebnis.

Hemmungen in der Entwicklung führen zu Fixierungen (Regressionen) auf die jeweiligen Phasen.
Oraler Typ: Fordernde triebhafte Haltung. Orale Aktivitäten (seltsames Sprechen, Essen, Trinken, Rauchen)
Analer Typ: Zwanghaftes Reinlichkeitsverhalten, Ordnungssinn, pedantisch, betont materiellen Besitz, redet weitschweifig, von Anerkennung anderer abhängig.
Phallischer Typ: Ehrgeiz, waghalsig, impulsiv, oder aber Abwendung von der Sexualität.
(Primär) narzißtischer Typ: schiziodes Verhalten, unklare ICH-Grenzen, Idealisierung der Bezugsperson, Depression.
(Sekundär) narzißtischer Typ: Oberflächlichkeit, Angeberei, phallisch-exibitionistische Tendenz, Geltungssucht.

Zu den Abwehrmechanismen siehe wieder Kuhl.

2.6 Die therapeutische Situation

Der Therapeut verbündet sich mit dem geschwächten ICH des Patienten, um das Verdrängte freizulegen.
Die beiden schließen einen Vertrag, der besagt, daß der Patient alles so, wie es ihm in den Sinn kommt, sagen soll. Der Therapeut gewährt stillschweigen über das Gesagte.
Damit der Patient den Vertrag einhalten kann, muß das ICH wenigstens ein bißchen funktionieren. Deshalb hat Freud die Psychoanalyse nur mit Neurotikern gemacht, nicht mit Psychotikern.
Der Therapeut stützt das ICH und übernimmt bestimmte ICH-Funktionen, muß daher die Abstinenzregel vielleicht manchmal durchbrechen.
Der Patient produziert dann Material, das in bestimmtem Ausmaß die sonst übliche Selbstkritik des ICH (und ÜBER-ICH) umgeht und direkt aus dem Unbewußten kommt und gedeutet werden kann.

2.7 Traum und Deutung

Über die Bedeutung der Trauminhalte und wie sie zustandekommen, steht ganz viel im Kuhl-Text.
Kriz schreibt allerdings, daß man nicht die Trauminhalte einfach laut Katalog durch festgelegte Symbole deuten kann.
Die Traumdeutung soll eher eine Rekonstruktion und Einsicht in die Dynamik des frühkindlichen Konflikts, der der jeweiligen Störung zugrundeliegt sein, die durch den Patienten und den Therapeuten gemeinsam in einem langwierigen Prozeß erarbeitet wird.

2.8 Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung

Der Patient leistet Widerstand, weil das Hervorholen der verdrängten Inhalte natürlich schmerzhaft ist.
Dabei benutzt er die charakteristischen Verdrängungsmuster, die die allgemeine Abwehrorganisation des Patienten kennzeichnen.
So kann man anhand der Form der Widerstände auf den zugrundeliegenden Konflikt und dessen Inhalte schließen.
Übertragung: Hier werden die Handlungs-, Erlebens- und Wahrnehmungsmuster des Patienten deutlich.
Gegenübertragung: Beim Therapeuten auftretende Gefühle wie Wut, Langeweile, Mitleid usw., obwohl er grundsätzlich passiv, wohlwollend und neutral sein sollte.
Sie ist aber als nicht-neurotische Reaktion des Analytikers ein Instrument, das bei der Therapie hilfreich ist.
Daher ist es notwendig, daß bei einem Analytiker durch eine vorherige Lehranalyse eventuelle neurotische Tendenzen geklärt und beseitigt werden.

Kapitel 3: Individualpsychologie (Adler, 1870-1937)

  • betont sozialpsychologische Aspekte
  • Der Mensch ist eine unteilbare Einheit, jeder mensch ist einmalig
  • Fähigkeit des Organismus zum Wachstum und zur Entfaltung (Überwindung von Mängeln)
  • Spannungsfeld zwischen individuellen Gegebenheiten und sozialen Anforderungen

3.1 Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben

Neurotische Symptome entwickeln sich nicht wegen verdrängter sexueller Phantasien, sondern als eine Abwehr gegen Anforderungen der Umwelt.
Minderwertigkeitsgefühl: Reale angeborene organische Mängel führen zu verminderter Leistungsfähigkeit und Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls.
Daß dies von seinen eigenen Erfahrungen herrührt, weiß man ja.

Kinder erfahren immer eine Schwäche und Abhängigkeit von den Eltern, daraus entsteht ein Minderwertigkeitsgefühl. Um dies zu kompensieren, entsteht ein Geltungsstreben, um das Selbstwertgefühl wiederzuerlangen.
Körperliche Beeinträchtigungen können so zu einer Überkompensierung führen und besonders leistungsfähig machen.

Geschwisterposition:

  • Erstgeborene: machen oft die Erfahrung, größer, klüger und stärker zu sein als die Geschwister und entwickelt konservative Einstellungen.
  • Zweitgeborene: Messen sich mit dem älteren Geschwister und entwickeln daraus ein Bedürfnis nach einem Gegenspieler.
  • Letztgeborene: Muß gegenüber den anderen aufholen
  • Einzelkind: verzärtelt, verwöhnt, daraus entwickelt sich der Anspruch der ständigen Aufmerksamkeit anderer.

3.2 Lebensstil, Leitlinien und Lebensplan

Bis zum 4. oder 5. Lebensjahr wird festgelegt, nach welchen Grundmustern sich der Mensch der Welt stellen wird, und wie er das primäre Minderkeitsgefühl zu überwinden versucht (Lebensstil).
Der Lebensstil ist dazu da, daß der mensch sein Ziel (Leitbild) für die Bewältigung von Anforderungen seiner Umwelt erreichen kann und damit Selbstwertgefühl bekommt.
Die Leitlinien seines Verhaltens drücken sich im Lebensstil aus. Der Lebensplan legt die Leitlinien fest.

Primäres Bezugssystem: Das kleine Kind in uns: bildhaft, subjektiv, vorurteilshaft, Grundlage für egoistisches Verhalten.
Sekundäres Bezugssystem: Der Erwachsene in uns: wird im Laufe der Sozialisation erworben. Regelhaft, logisch, vernünftig, sprachnah.

3.3 Gemeinschaftsgefühl und Machtmensch

Gemeinschaftsgefühl: Das zentrale Konzept Adlers Individualpsychologie.
Die volle Entwicklung des Menschen ist am besten gewährleistet, wenn er sich in eine ideale Gemeinschaft als Strebender und Wirkender einfügen kann.
Das Minderwertigkeitsgefühl ist dabei der Motor, wie eine Spannung, die nach einer lösung verlangt.
Das Gemeinschaftsgefühl ist auch ein Kennzeichen für seelische Gesundheit. Man interessiert sich für die Belange anderer und geht auf sie zu.
Gut vorbereitet ist ein Kind, wenn es erfährt, daß die Erwachsenen vertrauenswürdig sind. Beeinträchtigend für eine gesunde Entwicklung ist, wenn das Kind zu streng erzogen wird, verhätschelt wird, Verachtung erfährt, minderwertige Organe hat oder vernachlässigt wird.
So entsteht ein Minderwertigkeitskomplex, der durch einen Überwertigkeitskomplex zu verdecken versucht wird (Machtmensch).

3.4 Das Arrangement der neurotischen Symptome

Neurotische Symptome dienen dazu, die Verantwortlichkeit des Menschen für einen Rückzug aus einem Bereich von Lebensanforderungen aufzuheben, ohne daß das Selbstwertgefühl leidet. Durch die Symptome wird die vermeintliche Minderwertigkeit versteckt. Hierzu dienen auch Phantasien und Fiktionen, die ein Neurotiker sich ausdenkt.
Wenn man die irraionalen Gedanken aber unter dem Blickwinkel des Leitmotivs des Neurotikers betrachtet, werden sie verständlicher.
Der einzige feststehende Punkt ist das Persönlichkeitsideal.
Der Mensch strebt nicht danach, sich in der Gesellschaft anzupassen, sondern sein Persönlichkeitsideal (Überlegenheitsgefühl)zu erreichen.
Die Angst, dabei zu scheitern, führt tiefer in die Krise, weil der Rückzug in die Privatheit das Gemeinschaftsgefühl immer weiter verkümmern läßt.
Die Symptome sind immer darauf ausgerichtet, den Neurotiker anderen überlegen zu machen. Wenn er zum Beispiel Ohnmachtsanfälle hat, müssen sich alle dem Symptom unterordnen, und er hat auch eine Begründung für seine Unzulänglichkeit: "Ich würde..., wenn die Krankheit nicht wäre."
Die Skala von "gesund" zu "krank" verläuft fließend.

Die vier Typen, die durch den elterlichen Erziehungsstil und einer Disposition entstehen:

Erziehungsstil
der Eltern
Aktivität des Kindes
stark schwach
streng Nero:
eigenwillig, rücksichtslos, selbstherrlich
Tölpel:
macht alles falsch, glaubt nicht an sich
verzärtelnd Star:
braucht Bewunderung und Anerkennung
Heimchen:
erwartet Hilfe, Mitleid und Fürsorge

3.5 Prinzipien der Therapie

  • Zur Erziehung gehört es, dem Kind Zärtlichkeit, Geborgenheit und Wärme zu geben.
  • Hauptprinzip der Erziehung: Liebe, ohne zu verhätscheln
  • Lob und Belohnung in Maßen
  • Mut in die eigenen Fähigkeiten wecken und fördern (auf die Gemeinschaft ausgerichtet)
  • Aufdeckung und Bewußtmachung des "falschen" Lebensplanes
  • Erforschung des funktionalen Zwecks der Symptome
  • Entdeckung des Mangels an Gemeinschaftsgefühl
  • Erhebung der Familienkonstellation, um den Lebensplan zu erforschen
  • auch die Registrierung aktueller Probleme und Verhaltensweisen, Schilderung früher Erlebnisse
  • Erhebung frühester Kindheitserinnerungen
  • das "Familienmotto" erheben
  • Vermeidungsfrage: "Was würden sie tun, wenn sie jetzt geheilt würden?". So erfährt man, was zur Zeit vermieden werden soll.
  • Heilung kann nur auf intellektuellem Weg, durch kognitive Arbeit zustandekommen (auf der Ebene des sekundären Bezugssystems).
  • auf der Ebene des primären Bezugssystems kann der Therapeut sich mit dem Kind im Patient verbünden, indem er aufzeigt, daß die Symptome ein gut gewähltes Mittel sind, um mit der Situation zurechtzukommen. So gerät der Patient aus der passiven in eine aktive Rolle.

Kapitel 4: Analytische Psychologie (Jung, 1875-1961)

4.1 Struktur und Funktionen der Psyche

Bewußtsein: Haut über einem ausgedehnten unbewußten Gebiet.
Bewußtsein und Unbewußtes verhalten sich zueinander kompensatorisch, es handelt sich um ein selbstregulierendes System (homöostatisch).
Die Grenze zwischen Bewußtsein und Unbewußtem ist verschiebbar.
Ektopsyche: Verbindungssystem zwischen den Inhalten des Bewußtseins und den Umwelteindrücken.
Vier zugehörige Funktionen: Empfinden, Denken, Fühlen, Intuieren
Endopsyche: Beziehungssystem zwischen den Bewußtseinsinhalten und den Prozessen des Unbewußten.
Vier zugehörige Funktionen: Gedächtnis, subjektive Komponenten der bewußten Funktionen (Neigung, in einer bestimmten Weise zu reagieren), Emotionen, Einbrüche (wenn das Unbewußte in das Bewußtsein einbricht, z.B. pathologisch, aber auch bei der Kunst oder Musik)


4.2 Jungs Typenlehre

Der Grad der Zuwendung zu Objekten der äußeren oder inneren Welt wird mit Extra- und Introversion bezeichnet.
Extraversion: auf äußere Objekte gerichtet, und auf kollektiv-gültige Normen.
Introversion: innere Erfahrung, durch äußere Stimuli leicht überreizt, schlechtere Anpassung an die Umwelt.

So entstehen drei Dimensionen:

  1. Einstellungsweisen: Extra-/Introversion
  2. Wahrnehmungsfunktionen Intuieren, Empfinden
  3. Urteilsfunktionen Denken, Fühlen

Daraus bilden sich acht verschiedene Ausrichtungen der Psyche, indem jeder Mensch auf jeder Dimension eine bestimmte Ausprägung hat.
Dann gibt es eine Hauptfunktion, die am meisten von allen im Bewußtsein liegt. Die Hauptfunktion ist durch den Willen steuerbar, während die "minderwertige" Funktion genauso stark ausgeprägt ist, aber nur wenig willentlich beeinflußbar ist.
Denktypus: Die Bewertung von wahr und falsch herrscht vor, er fürchtet sich aber vor seinen undifferenzierten Gefühlen.
Fühltypus: Kann mit seinen Gefühlen gut umgehen, kennt sie genau. Seinen Gedanken ist er aber ausgeliefert (Zwangsgedanken).
Intuitionstypus: Fühlt sich von der Realität bedrängt
Empfindenstypus: Fühlt sich krank, wenn er nicht die gegebene Realität vor sich hat.

4.3 Das kollektive Unbewußte und die Archetypen

Persönliches Unbewußtes: wie bei Freud verdrängtes, vergessenes, unterschwellig wahrgenommenes Material.
Kollektives Unbewußtes: mythologischer Charakter, unabhängig von Kultur oder persönlicher Lebensgeschichte (Archetypen). Strukturierungsprinzipien.
Animus: Alles männliche, logische, sprachlich-rationale im Unbewußten der Frau.
Anima: Alles weibliche, erdhafte, gefühlvolle, schöpferische im Unbewußten des Mannes.

4.4 Individuation

Innerer Prozeß der Menschwerdung vor dem Hintergrund der gesamtkosmischen Evolution.
Das lebenslange Bemühen, zu sich selbst zu finden, nicht mit einem bestimmten Ziel, sondern als lebenslanger Läuterungsprozeß.
Erste Lebenshälfte: Initiation in die äußere Wirklichkeit. Ausprägung und Entwicklung der Hauptfunktionen (Ausformung des Ich, Erzeugung von Nachkommen und Brutschutz)
Persona: Teil des Selbst, der zur Außenwelt gekehrt ist, hinter dem sich der Mensch wie hinter einer Maske verschanzt.
Zweite Lebenshälfte: Initiation der inneren Wirklichkeit. Erlangung innerer Werte.

Erste Phase: Begegnung mit dem Schatten (kollektives und persönliches Unbewußtes, minderwertige Funktionen)
Zweite Phase: Auseinandersetzung mit Animus bzw. Anima.
In allen Phasen tauchen neue Archetypen auf, um bestimmte Probleme bewußt zu machen, die bewältigt und integriert werden können.
Am Ende steht das vollintegrierte Selbst.

4.5 Jungsche Psychotherapie

Ziel der Psychotherapie: Nicht symptombezogene Heilung, sondern Wachstum und Selbstverwirklichung. Abbehmen des gesamten Unbewußten, das zugleich gut undböse ist.
Traumarbeit: Konflikte und alle Energieprozesse der Psyche werden im Traum zu symbolischen Bildern. Der Therapeut bietet Interpretationsmöglichkeiten und hilft dem Patienten so, den möglichen Gesamt-Sinn zu rekonstruieren.
Objektstufe: Trauminhalte sind symbolisierte äußere Objekte (bei jüngeren Menschen), z.B. "Tante Grete kommt auf der Straße auf mich zu, aber ich tue so, als sähe ich sie nicht." (Problem mit Tante Grete?)
Subjektstufe: Symbolisierungen innerer Aspekte des Träumers selbst, z.B. fragt man sich dann, welche Teile der Persönlichkeit Tante Grete ähneln.
Neurose: Minderwertige Funktionen drängen ins Bewußtsein, oder eine Störung von Teilbereichen der Psyche.

Kapitel 5: Vegetotherapie (Reich, 1897-1957)

Ansätze, die von Reich beeinflußt sind:

  • Körper-orientierte Psychotherapie, besonders Bioenergetik (Lowen)
  • Primärtherapie (Janov)
  • Gestalt-Therapie (Perls)
  • Systemische Therapie

5.1 Reich vs. Freud

Während Freud seine Interessen immer mehr auf die Struktur der Psyche verlagerte, blieb Reichs Interesse bei der Energie (Libido) und dabei, wie sich so neurotische Störungen manifestieren und aufrecht erhalten werden.
Er untersuchte die unterschiedlichen Formen, in denen die Energie und ihre Abfuhr behindert wird.

5.2 Energie, Orgasmus und Neurose

Freud sagte, daß keine psychische Krankheit auftritt, wenn die affektive Energie genügend abreagiert werden kann.
Die primäre Funktion des Neuronensystems ist, Energie sofort und vollständig abzuführen. Die sekundäre Funktion ist, Energie in bestimmten neuronen zu speichern.

Reich: "Die seelische Gesundheit hängt ab von der Orgastischen Potenz."
Orgastische Potenz = Fähigkeit, sich dem Strömen der biologischen Energie, die sich in unwillkürlichen Muskelkontraktionen entlädt, ohne Hemmungen oder Verkrampfung hingeben zu können. Sie umfaßt die gesamte beziehung eines Menschen zu seinem Körper und zu seinem Partner.
Die Energiequelle für eine Neurose liegt in der Differenz zwischen Energieaufbau und -abbau im Körper, so staut sich die Libido (Stauungsneurose).
Wenn man sich beim Orgasmus nicht richtig gehen lassen kann (warum auch immer), kann es sein, daß frühkindliche Konflikte reaktiviert werden.


5.3 Sexualität und Gesellschaft

Die Grundlagen für Neurosen werden in drei Etappen erzeugt:

  1. Elternhaus in der frühen Kindheit: willkürliche und unwillkürliche Entladungen (heftiges Weinen, Toben, Onanieren) werden mißbilligt.
  2. Pubertät: Damals war Sex vor der Ehe noch nicht selbstverständlich, Onanie wurde mißbilligt.
  3. Zwangsehe: Verhütungsmittel waren auch nicht selbstverständlich, und Moralisten forderten, Sex nur zur Fortpflanzung zu haben, und sonst eben nicht.

Reich gründete Sexualberatungsstellen.

5.4 Die Struktur des Charakters

Reich stellte fest, daß sexuelle Energie auch noch gebunden wird, indem es für Neurotiker verschiedene charakteristische Widerstandsmuster (Charakterpanzer) gibt, die Energie benötigen.
Diese Charakterpanzer gehen mit typischen muskulären Verspannungen und Erhärtungen einher und sind dazu da, vor allzu starken Affekten zu schützen, die aus frühkindlichen Grundkonflikten entstehen.
Therapie besteht darin, die Panzerungen aufzulösen und die erstarrten Emotionen durch Mobilisierung der gebundenen Energie wieder zum Strömen zu bringen.

Der Charakter ist in drei Schichten zergliedert:

  1. Gesicht: das zeigt eine Person der Umwelt (wie Jungs Persona)
  2. Gefährliche, groteske, vernunftlose Impulse und Phantasien (wie Freunds Unbewußtes)
  3. Primäre Schicht: einfache, anständige, spontan aufrichtige, natürliche menschliche Strebungen


Phallisch-narzißtischer Charakter: Entsteht durch eine maskuline Mutter, so dasß der Sohn in der Pubertät veranlaßt ist, seine Liebesregungen ihr gegenüber zu unterdrücken.
Passiv-femininer Charakter: Entsteht durch strenge Mutter während der analen Phase. Nachgiebigkeit, Untrwerfung.
Männlich-aggressiver Charakter: Entsteht durch strengen Vater, der die Weiblichkeit der Tochter zurückweist.
Hysterischer Charakter: Entsteht, wenn die Mutter wegen der Liebesäußerungen gegenüber dem Vater moralisch und repressiv wird. Genitale Angst, aufreizendes Verhalten und Zurückziehen, wenn der Mann darauf eingeht.
Zwangscharakter: Entsteht durch übermäßig strikte Reinlichkeitserziehung. Gewalttätige und sadistische Bedürfnisse, die streng kontrolliert werden. Selbstverachtung.
Masochistische Charakter: Unfähiger Ehrgeiz und angstbeseelte Größensucht.


Ab hier geht es mit der aktuellen Auflage weiter...

34 Der Körperpanzer

Die typischen neurotischen Widerstände manifestieren sich in typischen muskulären Spannungen (Muskelpanzer).
Diese Muskelverspannungen enthalten den Sinn und die Geschichte ihrer Entstehung.

Die Lebensformel: Besteht aus dem Viertakt "Mechanische Spannung - bioelektrische Ladung - bioelektrische Entladung - mechanische Entspannung." Dies ist die Grundlage aller Lebensprozesse.
Dazu kamen die Urgegensätze vegetativen Lebens: Expansion (Streckung, Weitung) und Kontraktion (Abkugelung, Einengung).

Lust und Angst: Gegensätzliche Manifestationen derselben Energie.
Lust: Energie kommt am Genital zum Vorschein
Angst: Energie erfaßt das kardiovaskuläre System

Bedeutung der Muskulatur: Deren Verkrampfung ist die körperliche Seite des Verdrängungsvorgangs und die Grundlage seiner dauerhaften Erhaltung. Es gibt sieben Muskelsegmente, die Reich eingeteilt hat.
Therapeutische Körperarbeit: Verschiedene Formen der Massage und Arbeit an der Atmung: Vegetotherapie.
Bei der Körperarbeit werden auch automatisch Erinnerungen hervorgebracht, die für die Bildung der Neurose entscheidend sind.
Orgon-Energie: Verbindung von körpereigener und kosmischer Energie.
Man kann übrigens Geräte zum Einfangen von Orgon-Energie kaufen.
Hier zum Beispiel: www.asklepios-versand.de
Oder hier den "Standard-Orgon-Akkumulator": www.orgon.de

Bioenergetik (Lowen)

Beruht in weiten Teilen auf Reichs Vegetotherapie.

36 Bioenergetische Charakterstrukturen

Der Charakter ist auch hier das zentrale Konzept (Organisation der gesamten Lebensbewältigungsstrukturen, Abwehr von Unlust und Bewältigung von Konflikten)
Streß und physische Anspannung: Jeder Streß verursacht Anspannungen im Körper. Beides kann chronisch werden. Aus den Anspannungen entstehen bestimmte Körperhaltungen (Charakterhaltungen).
Charakterstrukturen: Gewohnheiten, die unbewußt, reflexartig täglich wiederholt werden. Dynamisch, nicht statisch.
Frühe Traumata: Sind entscheidend für diese Grundmuster, besonders unerfüllte Bedürfnisse.

Lowen baut 5 Charaktertypen anhand einer entwicklungspsychologischen Bedürfnishierarchie auf:

  • Existenz: Ohne eigenes Dazutun, das Kind im Mutterleib.
  • Bedürfnis: Nach der Geburt entwickeln sich sofort viele Bedürfnisse, das Kind hat ein Recht auf Befriedigung dieser.
  • Unabhängigkeit: "ich kann das selbst"
  • Nähe: Dieses Bedürfnis entwickelt sich aufgrund der Unabhängigkeit.
  • Freiheit: und Opposition gegenüber den Eltern
  • Geschlechtlichkeit: zwischen 3 und 6 Jahren. Identifizierung mit dem eigenen Geschlecht, Zuwendung zum gegengeschlechtlichen Elternteil.


Die fünf Charaktertypen:

  1. schizoid: Existenz gegen Bedürfnis. "Wenn ich mein Bedürfnis nach Nähe ausdrücke, ist meine Existenz bedroht."
  2. oral: Bedürfnis gegen Unabhängigkeit. "Wenn ich unabhängig und selbständig bin, muß ich auf Halt und Wärme verzichten."
  3. masochistisch: Nähe gegen Freiheit. "Ich will dir gehorchen, und du wirst mich dafür lieben."
  4. psychopathisch: Unabhängigkeit gegen Nähe. "Ich kann Dir nahe sein, wenn ich zulasse, daß du mich lenkst oder benutzt."
  5. rigid, starr: Freiheit gegen Kapitulation vor der Liebe. "Ich kann frei sein, wenn ich nicht den Kopf verliere und nicht vor der Liebe kapituliere."

Die ersten beiden sind Ergänzungen zu Reichs Typen.
Dies sind aber nicht Menschentypen, sondern Abwehrhaltungen. Ein mensch hat also immer eine Mischung aus mehreren.

37 Grounding und Körperarbeit

Hier geht es um das Ausmaß des Bodenkontaktes während der Therapie, bei der der Klient steht.
Es geht um die gesamte Stellung zu den Dingen und Personen der Welt und zu sich selbst.
Während Reich bei der Körperarbeit von oben nach unten auf das Becken hinarbeitete (starke Betonung der Sexualität), geht es bei Lowen von außen nach innen, und Ziel und Zentrum bildet das Herz.


Die Behandlung besteht aus Massage, Druck, sanfte Berührungen, Spiel der Muskeln.
Dabei geht es um mehr Kontakt mit dem Boden, Intensivierung der Vibration des Körpers, Vertiefung der Atmung, Erhöhung des Selbstbewußtseins, Erweiterung des Selbstausdrucks.

Zwei zentrale Gebote:
Die Knie immer elastisch halten, damit der Körper nicht starr wird.
Den Bauch herauslassen, was für die freie Atmung wichtig ist.

Die Stimme: Eine wichtige Form der Vibration für den Körper und auch Mittel, um Gefühle auszudrücken.


Transaktionsanalyse (Berne)

Menschenbild: Der mensch ist einzigartig. Betont werden Ganzheit, Selbstbestimmung, Eigenverantwortlichkeit.
Drei Ich-Zustände, die für die nach innen und außen gerichteten Prozesse bestimmend sind:

  1. Kind-Ich: Spontane, unkontrollierte Gefühlsregungen und Wünsche. Regressive Relikte aus der Kindheit, frühkindliche Fixierungen.
  2. Erwachsenen-Ich: Kognitive Verarbeitung aller Einflüsse (auch vom Kind-Ich und Eltern-Ich).
  3. Eltern-Ich: Interbalisierte Normen und Werte, Vorurteile, Handlungs- und Urteilsprinzipien von Elternfiguren.


Angeboren sind...

  • ... Grundbedürfnisse "Hunger nach Zuwendung" (am wichtigsten), "Hunger nach Stimulierung" und "Hunger nach Zeitstruktur"
  • ... Grundgefühle (Liebe, Freude, Trauer, Angst, Zorn)


Die Entwicklung des Kind-Ichs wird in drei zustände unterteilt:

  1. Somatisches Kind: Bis zum 8.Lebensmonat. Grundgefühle und Grundbedürfnisse und ihre sofortige Befriedigung.
  2. Kleiner Professor: 8 Monate bis 1,5 Jahre. Aufnahme und Verarbeitung von Information, Erproben neuer Handlungen.
  3. Elektrode: 1,5 bis 3 Jahre. Übernommene Handlungs- und Bewertungsmuster. Die Muster werden automatisch abgerufen.

Danach erfolgt die Entwicklung des Eltern-Ichs, das bis zum 6. Lebensjahr voll entwickelt ist..
Dann entwickelt sich das Erwachsenen-Ich bis zum 10-12. Lebensjahr.

Wie es zu Störungen kommt
Bei einer gesunden Person sind die drei Ich-Zustände klar von einander abgegzrenzt und interagieren miteinander.
Sind die Grenzen defekt, entsteht eine Persönlichkeitsstörung.
Grenzen zu durchlässig: unkontrollierbare Vermischungen von Inhalten egeben eine Trübung. ⇒ Neurose
Grenzen zu starr: Einzelne Ich-Zustände haben keinen Einfluß (Abspaltung). ⇒ Psychose.

In beiden Fällen ist die freie Verfügbarkeit über alle Ich-Zustände eingeschränkt.
Das passiert, wenn ein Kind, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, einen Ich-zustand übermäßig ausprägt und dadurch andere trübt, oder wenn es bestimmte Ich-Zustände nicht benutzt ("Ich darf nicht erwachsen werden.")
Die Grenze zwischen gesund und krank ist fließend.

Zwei Dimensionen des Eltern-Ichs:
fürsorglich ⇐⇒ kritisch
konstruktiv ⇐⇒ destruktiv

Zwei Funktionsaspekte des Kind-Ichs: Freies Kind, Angepaßtes Ich.
Das angepaßte Kind wird unterteilt in:
- kontruktiv angepaßt, wenn es mit den Anforderungen wächst
- destruktiv angepaßt, wenn es durch Rebellion negative Zuwendung hervorruft

40 Kommunikationsmodell und Transaktionsanalyse

Transaktionen: Botschaften, die in zwischenmenschlichen Beziehungen von jedem Ich-Zustand an jeden Ich-Zustand des Partners gesandt werden.
Es gibt 729 mögliche Transaktionsmuster, davon drei Hauptformen:

  1. komplementäre Transaktionen: Es wird von dem Ich-Zustand reagiert, von dem aus und an den gesendet wurde.
  2. überkreuzte Transaktionen: wenn der obige Fall nicht zutrifft
  3. verdeckte Transaktionen: Neben dem vordergründigen Inhalt wird eine verdeckte Botschaft an einen anderen Ich-Zustand übermittelt.

Das Herausarbeiten typischer, wiederkehrender Transaktionsmuster (Rollenspiele) ist wichtig.
Diese sind Manifestationen eines grundlegenden Lebens-Drehbuches (Skript-Analyse).

41 Spielanalyse

Berne: "Ein Spiel besteht aus einer fortlaufenden Folge verdeckter Komplementär-Transaktionen, die zu einem ganz bestimmten, voraussagbaren Ereignis führen." (Ergebnis: emotionaler Gewinn, oft auf Kosten anderer)

Ersatzgefühle: Frühkindliche, in Eltern-Kind-Interaktionen erlernte Ersatzmuster für die Gefühle, die nach dem Familienkodex nicht erlaubt sind (Jungen weinen nicht).
Im Spiel wrden dann Rollen übernommen, die die Bedürfnisse befriedigen (z.B. Hunger nach Zuwendung).
Ersatzgefühle sind mit erlernten Botschaften verbunden, zum Beispiel ein Hilflosigkeitsgefühl mit der Botschaft "Ich schaffe nichts."
Durch Verstärkung der Bezugspersonen und Selbstverstärkung werden sie zu festen Bestandteilen des Lebensskripts. So entstehen im Spiel R2ollen, die sich immer wiederholen.

Das Spiel "Wenn du nicht wärst"
Eine Frau, die Angst davor hat, selbständig ihr Leben zu gestalten, sucht sich einen starken Partner, der Erfolg im Beruf hat, so daß sie gezwungen ist, für die Kinder zu sorgen.
So entgeht sie der Verantwortung, kann aber gleichzeitig ständig klagen "Wenn Du nicht wärst, könnte ich..."

So werden von Menschen bestimmte Rollen wiederholt bevorzugt gewählt.
Operation: Wenn man eine Rolle spielt, um ein Bedürfnis befriedigt zu bekommen.
Manöver: Wenn dies zum Nachteil eines anderen Menschen führt.

Nullsummenspiele: Dabei gibt es immer Gewinner und Verlierer, der emotionale Gewinn geht auf Kosten anderer. Allerdings finden sich auch oft Spieler zusammen, die komplementäre Rollen spielen und sich so ergänzen und bei einen Gewinn davontragen.
Das wird beim Kollusions-Prinzip von Willi eher berücksichtigt.

42 Skriptanalyse

Spiele sind Manifestationen eines schon in der Kindheit geprägten Lebensplanes (Skript). Der entwickelt sich durch den Hunger nach Zuwendung in Abhängigkeit vom "Familien-Streichelmuster".
Fünf Lebenseinstellungen können sich so entwickeln:

  1. Ich bin O.K. - du bist O.K. (prä-/postnatal): Urvertrauen.
  2. Ich bin nicht O.K. - du bist O.K. (1. Lebensjahr): Das Kind stellt fest, daß es hilflos ist. Wird diese Haltung beibehalten, kommt es zu mengelndem Selbstwertgefühl.
  3. Ich bin nicht O.K. - du bist nicht O.K. (2. Lebensjahr): Die intensive Pflege läßt nach, das Kind bekommt Strafen oder Verbote. Würde dieser zustand beibehalten, würde die Entwicklung des Erwachsenen-Ich hier aufhören ⇒ Abgestumpftheit, Mutlosigkeit
  4. Ich bin O.K. - du bist nicht O.K. (ggf. ab 2. Lebensjahr): Entsteht nur bei fortdauernder Deprivation und Mißhandlung. Folge ist ein "Selbststreicheln". ⇒ Arrogante, selbstgefällige Haltung, Kriminalität.
  5. Ich bin O.K. - du bist O.K. (realistisch): Gelten und Gelten lassen.

Subtile und offene Indoktrinationen und Handlungsanweisungen der Eltern sind auch Bestandteil des Skripts ("werde nicht erwachsen", sei ein Versager").
Handlungsanweisungen: Durch Vormachen, direktes oder nonverbales Anleiten, oder über Lebensregeln.
Lieblingsgefühle: Traurigkeit kann zum Lieblingsgefühl werden, wenn das kind immer dann "gestreichelt" wird, wenn es traurig ist.

43 Therapeutische Intervention

Ziel: Aufdeckung und Befreiung von einem Lebensskript durch verändertes emotionales Erleben und Neuentscheidung für eine alternative Grundeinstellung.
Festigung der Ich-Grenzen. Methoden: Provozierende Fragen, Klarstellungen von Klientenaussagen, Konfrontationen, Erklärungen, Illustrationen, Interpretationen, Überredung, Ermahnung, usw.
Therapeutischer Imperativ: An das Erwachsenen-Ich gerichtet. Zum Beispiel: "Sei ganz du selbst!"
Die drei Ps sind dafür Voraussetzung:

  • Permission: der Therapeut gibt die Erlaubnis, gegen die elterlichen Skriptbotschaften zu widersprechen
  • Potenz: Der Klient glaubt an die magische Kaft des Therapeuten
  • Protection: Der Therapeut muß zunächst unterstützen

Verhaltenstherapie (Grundkonzepte)

Wurde zunächst als Gegensatz zur Psychoanalyse entwickelt.


45 Frühe theoretische Ansätze


Pawlow (1849-1936) interessierte sich nur für Die beobachtbaren Vorgänge.
Die Stärke einer Konditionierung kann man mit der Löschung feststellen. Wird der CS ohne UCS dargeboten, zählt man, wieviele Durchgänge man braucht, bis keine CR mehr auftritt.

Eine genaue Erklärung der Konditionierung gibt es in der Mazur-Zusammenfassung.

Bechterew (1857-1927): Versuchte, diese materialistischen Paradigmen auf Menschen anzuwenden. Das Bewußtsein wollte er auf rein materielle Vorgänge reduzieren.
Er erfand die Psychoreflexologie und die Motilitätsmethode.
Thorndike (1874-1949): Wollte die Intelligenz verschiedener Tiere vergleichen und entwickelte den berühmten Käfig. Er ersann das "Gesetz des Effektes", das besagt, daß der Erfolg eines Verhaltens verantwortlich für die Fixierung einer Handlung ist.
Watson (1878-1958): Wollte die "fruchtlose" Introspektion überwinden und eine Psychologie nach den Prinzipien der Naturwissenschaften entwerfen.

46 Frühe praxisorientierte Verhaltensforschungen

Aversionstechnik: Rosenbach (1851-1907) benutzte den "elektrischen Pinsel", um Kranke oder Kinder von bestimmten Symptomen zu heilen. Er meinte, diese seien durch Verstärkung entstanden und bestrafte die Symptome also mit dem elektrischen Pinsel, brachte sie so zum Verschwinden.

Experimentelle Neurosen
Pawlow konditionierte Hunde darauf, beim Anblick eines Kreises mit Speichelfluß zu reagieren. Dann zeigte er ihnen Ellipsen, die der Form eines Kreises immer mehr glichen.
Die Hunde konnten zwischen Ellipse und Kreis unterscheiden. Nur bei einem Verhältnis von 8:9 fingen sie an zu winseln und zeigten kein konditioniertes Verhalten mehr.
Pawlows Erklärung: Der Kreis ruft eine exzitatorische Reaktion hervor, die Ellipse eine inhibitorische. Ähneln die beiden Reize sich zu sehr, bricht das Gleichgewicht zusammen.
Eine Reaktionsart überwiegt aber noch. So entsteht entweder Agitation (Zähnefletschen, heulen, beißen) oder Apathie (Bewegungslosigkeit).

Näheres zu Watson und dem kleinen Albert findet man hier.

47 Die amerikanischen Lerntheorien

Hull (1884-1952): Reiz-Reaktionsschema. Versuchte, Thorndikes und Pawlows Vorstellungen zu verbinden.
Näheres hier.
Skinner (1904-1990): Operante Konditionierung. Betrachtete die Kontingenzen zwischen Verhalten und den Nachfolgebedingungen.
Näheres hier.
Guthrie (1886-1959): Kontiguitöätstheorie. Versuchstiere wiederholen genau die Bewegung, die zufällig beim ersten Finden des Öffnungsmechanismus zum Erfolg geführt hatte. Die räumlich-zeitliche Nähe ist also entscheidender als Verstärker.
Tolman (1886-1959): Latentes Lernen. Satte Ratten, die in einem Labyrinth ohne Futter umherliefen, lernten später den Weg zum Futter viel schneller als Ratten, die das Labyrinth nicht kannten. Hier spielen auch Erwartung und Absicht eine Rolle.

Lerntheoretische Verhaltenstherapie

Gegenkonditionierung: Eine neue Konditionierung hemmt und verdrängt die alte. Die Angst vor dem weißen Kaninchen wird dem kleinen Albert genommen, indem er etwas Süßes bekommt, während ihm das Kaninchen gezeigt wird.
Problem hier: Verliert er die Angst vor dem Kaninchen oder verbindet er danach womöglich Süßes mit etwas Negativem?
Progressive Relaxation: Angst hängt mit dem sympathischen Nervensystem zusammen. Diese Entspannungsübung (erst an-, dann entspannen) wirkt sich positiv auf Angstzustände aus.
Systematische Sesensibilisierung: Nachdem sich der Patient entspannt hat, stellt er sich Aspekte des angstauslösenden Reizes vor, und zwar entsprechend einer Angsthierarchie zuerst einen Aspekt, der am schwächsten mit dem Angstauslöser verbunden ist, dann immer stärkere.
Die Angsthierarchie wird vorher zusammen mit dem Therapeuten aufgestellt und umfaßt ca. 10 Items.
Habituierung: Durch Gewöhnung an den Reiz ist auch eine Verringerung der Angst möglich.
Reizkonfrontation: Entweder durch systematische Desensibilisierung oder durch Reizüberflutung. Dabei erfahren die Patienten, daß gar nichts schlimmes passiert, wenn sie z.B. auf einen ganz hohen Turm steigen.
Angstbewältigungstraining: Die Angst wird deutlich wahrgenommen und durch Entspannung bewältigt. Ist besonders wirksam unter drei Bedingungen: Frühe Wahrnehmung der Angst, bewußte Selbstinstruktion, wirksame Entspannungstechnik.
Entspannungstechniken: Progressive Relaxation, Atemkontrolle, an ein verbales Signal konditionierte Entspannung.
Reaktionshemmung: Die Angstreaktion wird durch eine Ärgerreaktion gehemmt. Angst und Ärger schließen sich gegenseitig aus.

49 Operante Ansätze

  Darbietung Beseitigung
positiver
Verstärker
positive
Verstärkung
Bestrafung
negativer
Verstärker
Bestrafung negative
Verstärkung

Erwünschtes Verhalten wird aufgebaut, indem es belohnt wird - unerwünschtes Verhalten wird abgebaut, indem man den Verstärker findet und beseitigt und gleichzeitig Handlungsalternativen verstärkt.

Token-Programme
Ayllon und Azrin entwickelten dieses Programm in einer psychiatrischen Anstalt. Die Patienten waren schwer gestört und kaum zu einer Aktivität zu bewegen. Die Forscher stellteneine Anzahl von "Jobs" zusammen (Botengänge, Kleiderpflege) und belohnten diese mit Münzen, die dann gegen andere Dinge eingetauscht werden konnten, die die Patienten gern mochten (Film sehen usw).
Die Patienten wurden tatsächlich aktiver.
Ethischer Einwand: Es ist schwer zu vertreten, wenn Patienten für die Erfüllung grundlegender Bedürfnisse erst "zahlen" müssen.

Biofeedback: Verstärkung bestimmter willkürlicher reaktionen (Blutdruck, Herzfrequenz, muskuläre Spannungen). Es ist allerdings sehr fraglich, ob und wie autonome Reaktionen willentlich beeinflußt werden können.

50 Selbstkontrolle

Der Mensch ist kein passiver Organismus, den man von außen durch Bestrafung und Verstärkung beeinflussen kann. Die meisten Handlungen sind intendiert, er begibt sich zum Beispiel selbst in die Behandlung eines Therapeuten.
Selbstverstärkung: Die operanten Methoden werden vom Patienten selbst angewendet. Der Therapeut ist Vermittler und Berater dabei. Man belohnt sich selbst für erwünschtes Verhalten.
Stimuluskontrolle: Kontrolle der Situationen (Hinweisreize), in denen erwünschtes oder unerwünschtes Verhalten verstärkt wird.
Selbstbeobachtung: Protokollieren unerwünschten Verhaltens wirkt als Bestrafung, Protokollierung erwünschten Verhaltens als Verstärkung. Man bekommt zudem Feedback über Verhalten, das evtl. unbewußt und automatisch abläuft.
Kanfers integratives Modell der Selbstregulation: Es gibt 3 Phasen: Selbstüberwachung, Selbstbewertung, Se&oumllbstverstärkung.

Kognitive Verhaltenstherapie

52 Lernen am Modell

Beobachtungslernen: Durch Beobachtung bestimmter Reaktionen wird von Modellpersonen gelernt, ohne daß der Patient die Reaktionen selbst ausführt.
Bandura fand heraus,...

  • ... daß eine wirkliche Beobachtung der eines Films überlegen ist
  • ... daß eine fortschreitende Annäherung des Modells positiv ist, wenn das Modell nicht gleich volle Kompetenz hat
  • ... daß ein positiver Kontext förderlich ist
  • ... daß Modelllernen mit anleitender Teilnahme am effektivsten ist

Drei Prozesse beeinflussen das Verhalten:

  1. externe Reize (klassische Konditionierung)
  2. innere symbolische Prozesse (Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Merken)
  3. Reaktionen verstärkende Prozesse (operante Konditionierung)

Training sozialer Kompetenz: Mögliche Gründe, warum sich jemand unangemessen verhält:

  • ankonditionierte Angst
  • das Verhalten wurde gar nicht erst oder nicht genügend erworben
  • Situation und Verhalten können nicht angemessen aufeinander abgestimmt werden


Drei Typen von sozialen Kompetenzen, die Schwierigkeiten bereiten können:

  1. Typ R (Recht): Eigene Rechte in Anspruch nehmen
  2. Typ B (Beziehung): Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse einbringen, Umgang mit Kritik
  3. Typ K (Kontakt): Kontakte aufnehmen und gestalten


53 Problemlöse-Therapien

Erwerb allgemeiner Strategien für die bessere Bewältigung problematischer Situationen.
Phasen des Problemlöseprozesses:

  1. Allgemeine Einstellung: Erkennen, daß Probleme "normal" sind
  2. Definieren und Formulieren des Problems: möglichst klar und auf einer abstrakten Ebene
  3. Finden von Alternativen: Brainstorming, viele lösungsmöglichkeiten sammeln, nicht gleich wieder eliminieren
  4. Entscheiden: Kosten und Nutzen abwägen
  5. Überprüfen: erneute Bewertung

54 Verdeckte Konditionierung

Verhaltensbeeinflussende Wirkung von im Geiste vorgestellten Handlungen, Verstärkern und Strafen.
Wenn man sich z.B. vorstellt zu rauchen, und wie einem dann ganz übel wird.
Genauso gibt es "verdeckte löschung", "verdeckte Belohnung", "verdecktes Modelllernen".

55 Selbstinstruktion

Handeln und Erleben wird immer von einem inneren Dialog begleitet. Dabei wird vielen Dingen eine Bewertung zugeordnet. Die gleiche Sache kann mal positiv und mal negativ bewertet werden.
Bei der Selbstinstruktion geht es daher um einen fehlerhaften Denkstil.
Der Therapieprozeß gliedert sich in 3 Phasen:

  1. Begriffliche Strukturierung des Problems, Situationsanalyse, Planen des Behandlungsanfangs
  2. Erprobung des Konzepts, der Klient lernt, auf Selbstaussagen zu horchen, und daß es diese sind, die Angst machen und nicht die Situation
  3. Modifikation der Selbstaussagen und Produktion neuer Verhaltensweisen

56 Kognitive Therapie

Wir reagieren nicht auf die Dinge selbst, sondern auf unsere Wahrnehmungen und Interpretationen.
Persönliche Domäne: Unser Selbstbild, Persönlichkeit, Aussehen, Werte, Ziele usw.
Dinge und Ereignisse werden dahingehend bewertet, ob sie eine Einschränkung, eine Gefährdung oder eine Verletzung der persönlichen Domäne darstellen.
Kognitive Trias: Besteht aus einem negativen Selbstbild, negativer Interpretation der Lebenserfahrung und nihilistischer Sicht der Zukunft.
Emotionale Störungen beruhen auf Denkfehlern, die Beck in 5 Gruppen einteilt:

  1. Personalisieren: Ereignisse werden extrem auf die eigene Person bezogen
  2. Polarisiertes Denken: Neigung zum Denken in Extremen
  3. Selektive Abstraktion: Bestimmte Aspekte werden herausgegriffen und überbewertet
  4. Übergeneralisierung: Einzelne Aspekte werden ungerechtfertigt verallgemeinert
  5. Übertreibung: geringfügige Veränderungen erhalten irrelevante Bedeutung

Die meisten Gedanken laufen automatisch und unbewußt ab. Ziel der Therapie ist, den Patienten sensibler zu machen gegenüber diesen selbstzerstörerischen automatischen Gedanken.

4 Phasen der Kognitiven Therapie:

  1. Beobachten: Der Klient lernt, sich selbst zu beobachten und seine Gedanken zu notieren
  2. Identifizieren: Analyse der Gedanken zusammen mit dem Therapeuten
  3. Hypothesenüberprüfung: Der Klient lernt, seine Hypothesen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen.
  4. Training der alternativen Erklärungen: Zusammen mit dem Therapeuten

57 Multimodale Therapie

Wenn mehrere Techniken unabhängig vom theoretischen Hintergrung gekoppelt werden.
Nachteil: Der Erfolg ist schwerk kontrollierbar, die Therapie kann kaum gelehrt werden.

Rational-Emotive Therapie (Ellis)

59 ABC der RET

Zentraler Punkt sind hier "false belief systems". Falsche Schlußfolgerungen, Übergeneralisierungen, Vereinfachungen usw.
Die Wahrnehmung hängt ja vom Verhalten, Fühlen und Denken ab. Bestimmte Ereignisse werden oft als einzige, unmittelbare Ursache für etwas gesehen, was aber nicht stimmt.
Dazwischen stehen immer Bewertungen, die das Ereignis mit der reaktion verbinden.

ABC-Schema

  • A: aktivierende Erfahrung
  • B: belief system (Bewertung, Ereignis trägt zwar zu Gefühlen und Verhalten bei, verursacht es aber nicht)
  • C: emotionale und verhaltensmäßige Konsequenz


Muß-Sätze
Was das Unangenehme zur Katastrophe werden läßt.

  • "Ich muß eine Sache gut machen, sonst gelte ich als wertlos."
  • "Andere müssen mich rücksichtsvoll und freundlich behandeln, sonst sollten sie für ihre Rücksichtslosigkeit bestraft werden."
  • "Ich muß alles, was ich will, schnell und ohne Mühe bekommen und darf nicht mit Dingen konfrontiert werden, die ich nicht will."

Diese zentralen irrationalen Gedanken entstehen durch genetische Prädisposition und Indoktrinationen durch Eltern, Familie und Gesellschaft.
Das Individuum indoktriniert sich auch ständig selbst. Wenn jemandem gesagt wurde, daß er Angst vor Hunden hat, und er begegnet einem Hund und hat Angst, wertet er dies als Bestätigung.

Folgende irrationale Ideen verursachen emotionale Störungen und halten sie aufrecht:

  • Idee, daß ein Erwachsener immer von jedem geliebt werden muß statt sich auf die Selbstachtung zu konzentrieren.
  • Idee, daß bestimmte Handlungen und die so handelnden Leute böse sind und bestraft werden müssen.
  • Idee, daß es entsetzlich ist, wenn die Dinge nicht so sind, wie man will. Man versucht, die Umstände zu ändern statt das beste aus den gegebenen zu machen.
  • Idee, daß menschliches Elend von außen verursacht wird.
  • Idee, daß man sich aufregen sollte, wenn etwas Schlimmes passiert statt das Beste draus zu machen.
  • Idee, daß es einfacher ist, Schwierigkeiten zu vermeiden als sie anzupacken.
  • Idee, daß man etwas Stärkeres braucht, auf das man sich verlassen kann.
  • Idee, daß man in vielen Bereichen kompetent und erfolgreich sein sollte statt Schwächen zuzugeben.
  • Idee, daß etwas, was früher das Leben stark beeinlußte, dies auch heute noch tun sollte
  • Idee, daß man Kontrolle über die Dinge haben muß
  • Idee, daß menschliches Glück durch Trägheit und Inaktivität erreicht werden kann.
  • Idee, daß man eigentlich keine Kontrolle über seine Gefühle hat.

60 Praxis in der RET

Sokratischer Dialog:Das A-B-C-Schema wird um D erweitert: Debattieren, definieren durch hartnäckige Fragen des Therapeuten. Mit dem Patienten wird ein sokratischer Dialog über seine zentralen irrationalen Ideen geführt, um deren zerstörerischen Wirkungen auf C aufzudecken.
Darauf sollte dann ein E (Effekt) folgen. Hier geht es nicht nur um Symptombekämpfung, sondern um grundlegende kognitive Umstrukturierung.
Zuerst muß man so ein A-B-C-Schema aufdecken und analysieren, da dem Patienten nur die A-C-Verbindung bewußt ist.
Emotive RET-Techniken: Vor allem in der Gruppentherapie. Gefühle werden direkt und unbarmherzig ehrlich ausgedrückt. Ellis provoziert dabei durch Rollenspiele, Humor oder Kraftausdrücke.
Behavioristische RET-Techniken: Verbale und andere Verstärker, Selbstverstärkung. Hausaufgaben werden aufgegeben: Bestimmte Handlungen müssen im Alltag ausgeführt werden. Die Klienten lernen, Risiken einzugehen und neue Erfahrungen zu machen.
Kognitive RET-Techniken: Informieren durch Bücher. Arbeit mit bestimmten geistigen Bildern, Gegenindoktrinationen, Sätze, die sich der Patient gezielt selbst sagt.

Humanistische Ansätze

Geschichte der Humanistischen Psychotherapie

61 Geistesgeschichtlicher Hintergrund

Neben Psychoanalyse und Behaviorismus die "Dritte Kraft"

  • Holistische Orientierung
  • Emergenz: Entstehen neuer Qualitäten durch ganzheitliches zusammenwirken
  • Interdependenz: Gegenseitige Abhängigkeit in einem umfassenden Wirkungsgefüge
  • Der Mensch als reflexives Wesen

62 Philosophische Wurzeln

  • Existenzphilosophie (Kierkegaard, Heidegger, Nietzsche): Die menschliche Existenz ist von allen andeen Formen des Seins verschieden. "Mensch" ist zwar eine Klasse, er ist aber kategoriell frei, da es verschiedene Weisen gibt, sein zu können. Der Mensch ist demnach nicht durch statistische Designs erfaßbar. Sartre: "Zur Freiheit verdammt".
  • Phänomenologie (Hegel, Husserl): Die Welt der Phänomene, all das dem Menschen sinnlich und bewußt Erscheinende ist im Zentrum. Das erfahrende Subjekt mit seinen sinnlichen Möglichkeiten, Intentionalität und Verstehensprozessen.
  • Humanismus (Herder, Sartre, Camus): Der mensch als Individuum ist einmalig. Selbstverwirklichtes Individuum jenseits von gut und böse.

63 Einflüsse aus der Psychologie

Gestaltpsychologie:
Holismus: Ganzheitliche Betrachtungsweise.
Näheres siehe im Text "Allgemeine Psychologie I".

Leitsätze für therapeutisches Handeln

  • Nicht-Beliebigkeit der Form: Man kann niemandem auf Dauer etwas gegen seine Natur aufzwingen.
  • Gestaltung aus inneren Kräften: Der Betreuer kann diese Kräfte nur steuern, stärken oder schwächen.
  • Nicht-Beliebigkeit von Arbeitszeiten: jedes Lebewesen hat seine fruchtbaren Zeiten und kann nicht auf seine Pflege warten. Zu manchen Zeiten ist es zugänglich, manchmal nicht.
  • Nicht-Beliebigkeit der Arbeitsgeschwindigkeit: Prozesse haben ihre eigene Geschwindigkeit
  • Duldung von Umwegen: Wenn diese im Wesen selbst vorgesehen sind.
  • Wechselseitigkeit des Geschehens: Man kann nur lieben und wiedergeliebt werden.

Diese Aspekte entsprechen auch der Systemtheorie.

Moreno: Psychodrama. Gruppentherapie, in der zwischenmenschliche Konflikte in kreativen, Theater-ähnlichen Szenen dargestellt werden.
Betonung von Hier und Jetzt, körperbezogene Arbeit, Rollenspiel und -tausch.

64 Menschenbild

  • Autonomie und soziale Interdependenz: Der Mensch strebt nach Unabhängigkeit und lernt, in seine eigene Entwicklung einzugreifen.
  • Selbstverwirklichung: Selbstaktualisierungstendenzen und Wachstumsbedürfnisse gehen über die Grundbedürfnisse hinaus.
  • Ziel- und Sinnorientierung: Und Wertvorstellungen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde.
  • Ganzheit: Menschlicher Organismus als Gestalt, als organisches, bedeutungsvolles Ganzes.

Personzentrierte Psychotherapie (Rogers)

Auch: Nicht-direktive Therapie, Gesprächspsychotherapie.

Person: Einzigartigkeit, Würde, Freiheit, Bezug zum gegenüber und zur Gemeinschaft. Das Selbst zu sein, das man in Wahrheit ist. Alles wirkliche Leben ist Beziehung.
Q-Sort: Karten mit 100 Statements ("Ich bin liebenswert", "Ich bin ein harter Arbeiter") sollen nach dem Selbstbild, dem Idealbild und dem Bild eines normalen Menschen sortiert werden.
Nichtdirektive Therapie: Man bietet dem Klienten eine Situation, in der er sich sicher und geborgen fühlt. Sie ist frei von jeder Art des Dirigismus und stattdessen von Wärme, Anteilnahme und Akzeptanz als Grundhaltungen getragen.
Klient: Ersetzt den Begriff "Patient". Medizinisches Modell: Defizitmodell (Störung = Defizit an Bewußtheit, Mangel an Wachstum).
Selbstverantwortlichkeit: des Klienten. Er soll sich nicht als Objekt der Behandlung empfinden.
Verbalisierung von Gefühlen: Der Klient setzt sich mit seiner Gefühlswelt auseinander.
Selbstkonzept: Der Therapeut verhilft dem Klienten zu einer höheren Selbstwahrnehmung und Reflexion der eigenen Gefühlswelt.
Erlebniszentrierung: Nur verbalisieren reicht nicht, das Erleben der Gefühle ist auch wichtig. Der Klient soll intensiven Kontakt zu sich selbst bekommen.

Das Selbst ...

  • ... differenziert sich im Laufe der frühkindlichen Entwicklung aus den Körperwahrnehmungen in Interaktion mit der Umwelt heraus.
  • ... organisiert und strukturiert Erfahrungen.
  • ... kann auch Erfahrungen verleugnen oder verzerren, wenn sie keinen Bezug zum Selbstbild haben oder dieses bedrohen.

Aktualisierungstendenz: Komplexe, nicht-linear rückgekoppelte Systeme sind in der Lage, ohne von außen induzierte Ordnung inhärent gegebene Ordnungen zu entfalten (Selbstorganisationsprozesse).
Selbstaktualisierung: Ist eine dynamische Struktur in psychisch-sozialen Bereichen. Eine Struktur symbolisierter Erfahrungen, die für die Beschreibung aktueller Erfahrungen wesentlich sind. Also die eigenen charakteristischen Eigenschaften und Werte.
Es kann Unterschiede zwischen dem aktualisierten und dem wahrgenommenen Selbst geben. Das heißt, jemand sieht sich selbst anders als er nach außen wirkt.

Thesen zur Persönlichkeitstheorie:

  1. Jeder existiert in einer sich ständigen ändernden Welt.
  2. Man reagiert auf die wahrgenommene Umwelt, nicht die tatsächliche.
  3. Man reagiert auf die Umwelt als ein organisiertes Ganzes.
  4. Jeder hat die Tendenz, seinen Organismus zu aktualisieren.
  5. Verhalten = zielgerichteter Versuch, die Bedürfnisse zu befriedigen.
  6. Verhalten wird durch Emotionen begleitet.
  7. Ausgangspunkt zum Verstehen des Verhaltens ist der innere Bezugspunkt des Individuums.
  8. Ein Teil des Wahrnehmungsfeldes entwickelt sich zum Selbst.
  9. Das Selbst formt sich als Resultat der Interaktion mit der Umwelt.
  10. Werte werden von anderen Übernommen oder bilden sich im Individuum.
  11. Erfahrungen werden wahrgenommen (Bezug zum Selbst), ignoriert (keinen Bezug zum Selbst) oder geleugnet (Gefährdung des Selbst).
  12. Verhaltensweisen stimmen meist mit dem Selbstkonzept überein.
  13. Verhalten kann auch durch organische Bedürfnisse ausgelöst werden und dann dem Selbst widersprechen.
  14. Psychische Fehlanpassung: Wenn man Erfahrungen leugnet, die dann nicht ins Selbst integriert werden.
  15. Psychische Anpassung: Alle Erfahrungen werden integriert.
  16. Erfahrungen, die dem Selbst schaden, sind Bedrohungen. Je mehr davon, desto starrer wird das Selbst.
  17. Liegt keine Bedrohung vor, können Erfahrungen, die nicht mit dem Selbst übereinstimmen, integriert werden.
  18. Kann man alle Erfahrungen integrieren, hat man mehr Verständnis für andere.
  19. Je mehr Erfahrungen man akzeptiert, umso mehr ersetzt man bestehende Introjekte mit eigenen Erfahrungen.

Bedingungen für die Therapie:

  • Der Klient ist inkongruent, verletzbar oder ängstlich.
  • Der Therapeut ist kongruent und integriert.
  • Der Therapeut empfindet bedingungslose Zuwendung dem Klienten gegenüber.
  • Der Therapeut versteht den inneren Bezugsrahmen des Klienten.
  • Es wird eine Kommunikation erreicht.
  • keine trainierte Freundlichkeit
  • Achtung haben vor dem Klienten
  • keine Ratschläge und Empfindungen
  • Echtheit und einfühlendes Verstehen
  • Rückmeldung über Gefühle und Empfindungen (Erlebnisinhalte)

68 Der therapeutische Prozeß

Durch die Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten (Achtung, Echtheit, Verständnis) soll ein Prozeß in Gang gebracht werden, der im Individuum blockierte Selbstheilungs- und Selbstaktualisierungskräfte freilegt.
Der Klient entwickelt...

  • ... mehr Autonomie statt Abhängigkeit
  • ... Selbstachtung statt Selbstablehnung
  • ... Bewußtheit über sein Erleben statt Verzerrung
  • ... Flexibilität statt Rigidität
  • ... mutige Kreativität statt ängstlich-konservativer Kontrolliertheit und Angepaßtheit

Orientierungsrichtung: "fully functioning person".

Selbststruktur: Die Organisation von Hypothesen zur Bewältigung des Lebens. Ist diese erfolgreich, hat man ein positives Selbstgefühl.
Die Selbststruktur kann unangemessen werden, wenn z.B. ein sich selbst als "brilliant" wahrnehmender Schüler an die Uni kommt und dort feststellt, daß er nur noch durchschnittlich ist.
Dann werden diese Wahrnehmungen verleugnet, verzerrt oder unangemessen symbolisiert.
Diese Wahrnehmungsverzerrungen engen das Erleben unter Umständen immer mehr ein, wenn die Bedrohung zu groß wird (erstarrtes Erleben).
Wenn in der frühkindlichen Entwicklung die hohe Abhängigkeit von Achtung und Wertschätzung von den Eltern nicht verstanden werden, werden diese Erfahrungen vom Kind u.U. geleugnet. Es empfindet nur noch das, was die Eltern wollen. Demütigende Erfahrungen werden verleugnet.
Und wenn der Klient in der Therapie feststellt, daß jeder Aspekt seines Selbst akzeptiert wird, das er vorsichtig freilegt, kommen auch bedrohliche Erfahrungen zum Vorschein, die er dann in eine neue Struktur integrieren kann.

7-stufige Prozeßskala:

  1. Gefühle werden auf Stufe I nicht ausgedrückt oder erkannt, auf Stufe VII aber unmittelbar erfahren und geäußert.
  2. Die Erfahrensweise auf Stufe I ist starr, auf Stufe VII lebt der Klient seine Erfahrungen unmittelbar und frei.
  3. Auf Stufe I ist der Klient inkongruent, ohne das zu merken, auf Stufe VII ist er es nicht mehr.
  4. Auf Stufe I fehlt die Selbstkommunikation, auf Stufe VII ist sie jederzeit möglich.
  5. Auf Stufe I starre kognitive Strukturierung des Erfahrungsraumes, auf Stufe VII sind die Strukturen flexibel und können durch Erfahrung verändert werden.
  6. Auf Stufe I werden Probleme nicht erkannt, auf Stufe VII wird Verantwortung für Veränderung übernommen.
  7. Auf Stufe I werden Beziehungen zu anderen als gefährlich gemieden, auf Stufe VII gibt es offene und freie Beziehungen.


Experiencing: Das im Augenblick vor sich gehende Erleben des Klienten.
Gefühlte Bedeutung: Impliziter, noch nicht in Worte symbolisierter Erlebnisgegenstand.

Focusing: Vorgehen, bei dem der Klient sein Erleben vertiefen soll.

  1. Direkte Bezugnahme: Der Klient legt sein Urteil über sich und wie er ist beiseite und drückt nur das aus, was erlebt wird.
  2. Entfaltung: Der Klient kann schon besser ausdrücken, was er erlebt.
  3. Erweiterte Anwendung: Der Klient erreicht direkten Zugang zu Erlebensbereichen.
  4. Änderung der Bezugnahme: Neue Bedeutungsgehalte des Erlebten sind spürbar.

Gestalttherapie (Perls)

71 Gestalttherapeutische Lebensphilosophie

  1. Lebe jetzt.
  2. Lebe hier.
  3. Höre auf, dir etwas vorzustellen. Erfahre die Realität.
  4. Höre auf, unnötig zu denken. Probier und schau.
  5. Lass dich auch auf Unerfreuliches und Schmerz ein.
  6. Akzeptiere keine "sollte" und "müßte".
  7. Drücke dich deutlich aus statt zu manipulieren.
  8. Übernimm die volle Verantwortung für deine Handlungen, Gefühle, Gedanken.
  9. Akzeptiere dich und andere.

Wachstum: Findet immer durch Interaktion mit der Umwelt statt. Das Herantreten an die Umwelt ist ein Akt der Aggression. Diese ist eine positive und notwendige Grundvoraussetzung menschlichen Lebens.
Assimilation: Transformation von Fremdmaterial in Eigenmaterial (beim Essen: in den Mund stecken, kauen, schlucken).
Das Beispiel "Essen" kann man auf den geistig-seelischen Stoffwechsel übertragen.
Man muß zwischen Brauchbarem und Unbrauchbarem unterscheiden können und den Kontakt mit der Umwelt seinen Bedürfnissen entsprechend gestalten können.

Zwei Assimilationsstörungen:

  1. Introjektion: Aufnahme unbekömmlichen Materials, das als fremder Bestandteil bestehenbleibt.
  2. Projektion: Verweigerung jeglicher Aufnahme von Material. Vieles wird nicht als "eigen" erkannt, sondern als "fremd" in die Umwelt projeziert.


Das Selbst umfaßt die drei Teilsysteme:

  1. "Es": Hieraus kommen die Bedürfnisse.
  2. "Ich": Greift die Bedürfnisse auf, die als bewußte, zielgerichtete Handlungsintentionen gegenüber der Umwelt erscheinen. Hat eine Art Verwaltungsfunktion, es verbindet die Handlungen des Organismus mit seinen Bedürfnissen.
  3. "Persönlichkeit": Verantwortungsstruktur, die sich aus den bisherigen Sozialstrukturen ergeben hat.


Der Kontaktzyklus verläuft in 4 Schritten:

  1. Vorkontakt: Ein Verlangen oder ein Reiz taucht auf, wird zur Figur, die übrige Welt rückt in den Hintergrund.
  2. Kontaktnahme: Das Verlangen wird zum Hintergrund, ein "Suchbild" für die Möglichkeiten der Befriedigung tritt in den Vordergrund.
  3. Kontaktvollzug: Körper und Umwelt sind in Kontakt. Die Person ist vom Erleben erfaßt.
  4. Nachkontakt: Die Figur tritt in den Hintergrund zurück. Wachstums- und Reifeschritt.

Lebenslanges Wachstum: Eine permanente Aufeinanderfolge solcher Kontaktzyklen ist die Voraussetzung für lebenslanges Wachsen und Reifen.
Doch nicht viele Menschen lassen alle ihre Bedürfnisse zur Figur werden und können sich und die Umwelt voll im Strom der Bewußtheit erfahren.
So entstehen unvollendete Gestalten, die zur Schließung drängen (Zeigarnik-Effekt).

Grenzen: Nur, wo Grenzen sind, kann auch Kontakt stattfinden. Sonst würde nur eine undifferenzierte Verschmelzung stattfinden.
Widerstand: Behindert einen Organismus in seiner vollen Entfaltung, aber der hat bisher auch wohl guten Grund dazu gehabt, Kontakt zu meiden.
Eine neurose ist also ein Verteidigungsmanöver gegen starke Bedrohung (Störung der Kontaktgrenzen). Zwei solche Störungen sind Introjektion und Projektion. Drei weitere:

  1. Retroflektion: Man richtet Aggresivität auf sich selbst. So können Muskelverspannungen entstehen, weil spontane Reaktionen gehemmt werden. Auch Schuldgefühle können entstehen.
  2. Konfluenz: Kontakte, die jemanden mit der Umwelt verschmelzen lassen, sind wichtiger als die eigene Identität. Die Person erfährt sich nicht klar, kann eigene Wünsche nicht durchsetzen. Aufweichung der Ich-Grenzen.
  3. Deflektion: Jeder engere Kontakt zur Außenwelt wird vermieden.


5 Schichten oder Phasen um das Selbst (Zwiebelschalen), die in der Therapie von außen nach innen bearbeitet werden:

  1. Klischeephase: Man ist zu keiner intensiven Begegnung fähig, verhält sich unecht.
  2. Rollenspielphase: Rigide Rollenmuster, geringe Spontaneität, Bedürfnisse werden meist nicht akzeptiert.
  3. Blockierungsphase: Die ersten beiden Schichten sind überwunden, Ratlosigkeit.
  4. Implosionsphase: Programme aus dem Selbstkonzept werden aktiviert, die der Situation aber noch nicht gut entsprechen.
  5. Explosionsphase: Die bisher vermiedenen Bedürfnisse und Gefühle werden nun voll zum Ausdruck gebracht.

72 Gestalttherapeutische Intervention

Gestalttherapie ist eine Widerstandsanalyse. Der Widerstand wird nicht beseitigt, sondern als Gestalt prägnant und dem Klienten erfahrbar gemacht.
Auf der Basis einer tragfähigen Basis einer Therapeuten-Klienten-Beziehung findet ein Wechselspiel zwischen Unterstützung und Frustration statt.
Dazu geht der Therapeut empathisch mit, gibt Halt und ermutigt. Gleichzeitig weist er den Klienten auf Widersprüche und Brüche in Aussagen hin, die zu Frustration führen.
Zuerst wird die Bewußtheit für das eigene Abwehrverhalten gestärkt. Die abgespaltenen Teile werden vom Klienten dann als "eigen" anerkannt und integriert.

Logotherapie (Frankl) und Existenzanalyse

Zunahme des Sinnlosigkeitsgefühls in Industrienationen.
"Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muß, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll - und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will."

Noogene Neurose: Psychogene Erkrankung, die in dem Sinnlosigkeitsgefühl, dem existenziellen Vakuum und in Gewissenskonflikten begründet sind.
Wille zum Sinn: Primäre Motivationskraft, angeborenes Streben nach einem größeren Zusammenhang, in dem der Mensch sich verstehen kann. Ohne kann der Mensch keine Entscheidungen treffen oder handeln.
Dereflexion: Probleme entstehen oft, weil man dem Thema zu viel Aufmerksamkeit schenkt (Hyperreflexion). Dem soll entgegengewirkt werden.
Paradoxe Intention: Der Patient wird aufgefordert, sich die angstmachenden Symptome herbeizuwünschen oder sich vorzunehmen. So wird der Erwartungsangst der Wind aus den Segeln genommen. So etwas geht auch gut auf humorvolle Art.

Personale Existenzanalyse in vier Schritten:

  1. Deskriptive Vorphase: Erfassung der Probleme. Aufnahme der therapeutischen Beziehung.
  2. Phänomenologische Analyse: Die primäre Emotion wird barbeitet.
  3. Stellungnahme: Zum erlebten Inhalt. Werte des Patienten werden mit den erlebten Emotionen in Verbindung gebracht.
  4. Handlung: Adäquater Ausdruck der gesamten Existenz wird erarbeitet.

Psychodrama (Moreno)

76 Grundkonzepte des Psychodramas

Im Zusammenhang mit aktiv gespielten Rollen entwickelt sich unser Selbst.
Rolle als Kategorie: Verhaltenskonserve, in der gesellschaftlich vorgegebene Handlungsmuster manifestiert sind. Gelernte, starre Rollen.
Rolle als aktive Handlung: Im Hier und Jetzt gespielte Rollen, die das Selbst mit seiner spontanen Kreativität ausmachen.

Aspekte der Lebenswelt des Menschen:

  1. Raum: der ganze Lebenszusammenhang, physisch, psychisch und soziologisch. Wird auf der Bühne rekonstruiert.
  2. Zeit: Hier und Jetzt-Prinzip. Vergangenheit und Zukunft werden in der Therapie in die gegenwart geholt, um eine Roll spielen zu können.
  3. Kosmos: Gesamter Kontext, in dem man seinen Entwicklungsprozeß vollzieht und zur Selbstverwirklichung findet.
  4. Realität: Auf Zeit und Raum bezogen. Eine dargestellte Szene kann durchaus als real empfunden werden.

77 Praxis der Psychodrama-Therapie

Katharsis: Heilende Wirkung des Nacherlebens und Ausagierens von belastenden Erfahrungen.
Bühne: Ist vom übrigen Raum abgegrenzt. So wird das Bühnenbild symbolisch.
Protagonist: Mitglied der Gruppe, das spontan in Szene setzt, was ihm in den Sinn kommt.
Spielleiter: Therapeut, der durch Warm-Up-Übungen Prozesse initiiert. Arbeitet auf eine Intensivierung der Probleme hin und bespricht alles hinterher mit den Teilnehmern.
Assistenten: Symbolisieren reale oder fiktive Personen und helfen so dem Protagonisten bei der Realisierung seines Spiels.
Teilnehmer: Publikum und Resonanzboden.
Psychodrama-Techniken: Warm-Up-Phase, Handlungsphase, Abschlußphase, Gesprächsphase.

Grundlagen Systemischer Therapien

(Aus einer älteren Auflage)

16.1 Einführung in die Problematik

Erste Hälfte des Jahrhunderts: Psychoanalyse (Unbewußtes, Konflikt, Energie)
50er Jahre: Verhaltenstherapie (Lernen, Reiz-Reaktion, Kognition)
60er Jahre: Humanistische Therapieformen (Begegnung, Wachstum, Autonomie)
70er Jahre: Systemische Therapieformen (Kommunikation, Struktur, Ökologie, Evolution)

In der systemischen Betrachtungsweise werden einige bisher als Grundvoraussetzung angesehene Annahmen in Frage gestellt:
Z.B. die Annahme, daß alles eine oder mehrere Ursachen hat und die Frage "warum" wichtig sei.
Stattdessen geht man von einer Zirkularität aus, in der die betreffenden Personen komplex interagieren und äußere Einflüsse zusätzlich berücksichtigt werden.
Selbstrückbezüglichkeit: Jede Einwirkung von A auf andere Elemente wirkt auch auf A zurück. (auch: "Selbstreferenz")

Beispiel für ein System:


Die Struktur dieses Systems bleibt stabil, auch wenn äußere Bedingungen verändert werden. Dann ändern sich vielleicht einzelne Teile, aber nicht die Struktur. Wenn man das System stört, kann man nicht vorhersehen, in welcher Weise es sich verändern wird, es ist autonom (Selbstorganisation, Autopoiese).

16.2 Exkurs über das System "Familie"

System = Menge von Elementen und eine NMenge von Relationen, die über dieser Elementen-Menge definiert sind.
Relation = z.B. "ist rot" oder "ist größer als" oder "liegt zwischen"
Ein-, zwei-, dreistellige Relationen, je nachdem, ob ein, zwei oder drei Elemente dafür nötig sind.
Elemente = Personen in der Familie zum Beispiel.

Die Familie kann als ein System betrachtet werden, dessen Elemente die Personen und dessen Relationen die Kommunikationen sind. Hier sind die Relationen also als mind. zweistellig anzunehmen.
Meistens geht es um bestimmt Muster von Kommunikationen, also um Relationen zwischen diesen Kommunikationen.
Das wäre dann ein Metasystem, dessen Elemente die Relationen (Kommunikationen) sind und dessen Relationen zwischen den Kommunikationen bestehen.

Systemhierarchien: Familie als Subsystem der Gesellschaft. Diese Hierarchien und Systeme überschneiden sich aber und beeinflussen sich gegenseitig, können also nicht losgelöst voneinander betrachtet werden.
Individuum, Familie, Gesellschaft usw. beeinflussen sich alle gegenseitig.

16.3 Zu den Wurzeln Systemischer Therapieansätze

Wilhelm Reich: Betonte systemische Aspekte bei körperlichen Symptomen (Muskelversoannung)
Freud: Eltern-Kind-Interaktion prägt einen Menschen
Schizophrenie: Beeinflußt durch eine zu sehr behütende Mutter

Systemische Einzeltherapie: Kommunikation und Paradoxon

Einzeltherapie: Wäre eigentlich, wenn der Therapeut allein versucht, seine eigenen Probleme zu therapieren. Allgemein ist damit aber die Therapie eines Patienten gemint, obwohl dann ja schon zwei Personen im Spiel sind, die kommunizieren.
Kommunikation: Alles zwischenmenschliche Verhalten, auch nonverbales.
Metakommunikation: Kommunikation über die Kommunikation (z.B. "Warum fragst Du mich das?")

17.1 Pragmatische Axiome und Kommunikationsstörungen

Watzlawik: Fünf Axiome über menschliche Kommunikation:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren.
    Kommunikationsstörung auf dieser Ebene: Wenn man versucht, nicht zu kommunizieren, indem man nichts sagt
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, daß letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.
    Kommunikationsstörung auf dieser Ebene: Vermengung von Inhalts- und Beziehungsebene, wenn z.B. Hintergedanken unterstellt werden.
  3. Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktionsabläufe seitens der Partner bedingt.
    Kommunikationsstörung auf dieser Ebene: Teufelskreis des Nörgelns der Frau und des Zurückziehen des Mannes. Interpunktion: Teilung des kontinuielichen Flusses der Kommunikation und kausale Interpretation der einzelnen Teile (Sie nörgelt, weil sie etwas gegen mich hat)
  4. Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logisch Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzureichende Semantik. Analoge Kommunikationen haben semantisches Potential, ihnen fehlt aber für eindeutige Kommunikation die logische Syntax. Digital: Erlernte Zuordnung von Zeichen zu Inhalten. Analog: Ähnlichkeitsbeziehungen.
    Kommunikationsstörung auf dieser Ebene: Mißverständnisse über diese beiden Ebenen.
  5. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung auf Gleichheit oder Ungleichheit beruht. Sind beide gleich, steigert sich das jeweilige Verhalten immer mehr. Sind sie verschieden oder ergänzen sich, wirkt dies auch verstärkend.
    Kommunikationsstörung auf dieser Ebene: Wenn man in seiner Rolle "festsitzt" und sich auf eine Interaktionsform beschränkt.

17.2 Begriffe und Aspekte systemisch betrachteter Kommunikation

Positive Rückkopplung: Abweichungen vom Sollwert führen zu mehr Abweichung.
Negative Rückkopplung: Abweichung führt zu einer Aktivierung entgegengesetzter Mechanismen, um das System stabil zu halten.
Geschlossene Systeme: Beziehungen nur zwischen den Elementen selbst.
Offene Systeme: Es gibt andere Einflüsse von außen. Lebende Systeme sind immer offen.
Homöostase: Gleichgewicht eines Systems, das sich selbst reguliert, wenn sich die Umgebung veändert.
Kalibrierung: Ein System kalibriert sich bei sich verändernden Einflüssen neu ein, um dann wieder stabil zu sein.

17.3 Kommunikative Paradoxien und "Double-bind"

Paradoxie: Widerspruch, der sich aus folgerichtige Deduktion aus widerspruchsfreien Prämissen ergibt.
Paradoxe Anweisung: z.B. "Sei spontan!" oder "Sei nicht nachgiebig!". Fügt sich die angesprochene Person, hat sie schon verloren. (Watzlawik: pragmatische Paradoxie)
Der einzige Ausweg wäre zu metakommunizieren ("Das geht so nicht!"), aber oft ist das nicht möglich. So kann man versuchen, nicht zu handeln oder zu kommunizieren, so gut es geht (Schizophrenie, Kommunikationsstörung als Antwort auf eine unhaltbare Situation. Man hat dann nicht gewonnen, aber auch nicht verloren)

Kennzeichen der "Double-bind"-Theorie (Watzlawik):

  • Die Personen sind lebenswichtig füreinander (typisch: Mutter / Kind)
  • Eine unvereinbare Aussage wird gemacht (paradox).
  • Der Empfänger kann nicht metakommunizieren oder sich zurückziehen. Di Aussage ist daher pragmatische Realität.

Für die Entstehung einer Schizophrenie kommt noch hinzu:

  • Passiert dies oft, bekommt das Kind (z.B.) schwer beeinflußbare Erwartungen über die Menschen.
  • Das durch das "double-bind" verursachte Verhalten hat auch wiederum Rückwirkungen, und das führt zu Kommunikationsstörungen


17.4 Kommunikativ-systemisch orientierte Einzeltherapie

Man kann sich so eine pragmatische Paradoxie auch selbst zufügen: Wenn man sich vornimmt, einzuschlafen und sich anstrengt, wird es nicht klappen, weil Einschlafen ein spontaner Prozeß ist.
Erst das Bemühen, die Einschlafprobleme zu lösen, läßt das Problem entstehen. Um aus der Problem-Lösungs-Falle zu entkommen, müßte der Patient aus dieser Problemlösungs-Ebene herausspringen.
Watzlawik nennt das "Lösung zweiter Ordnung".

Therapeutische Doppelbindung (paradoxe Intervention): Der Therapeut sagt dem Patienten, er solle das Verhalten zeigen, das der gerade ändern möchte. Damit entsteht eine Paradoxie, denn der Patient soll sich durch Nichtändern ändern. Befolgt dieser die Aufforderung, sieht er, daß er sein Verhalten unter Kontrolle hat. Befolgt er die Anweisung nicht, hat er sein Verhalten geändert. In beiden Fällen hat man Erfolg.
Zum Beispiel: Man sagt dem Patienten, er soll sich zum Wachbleiben zwingen.

Die Zweierbeziehung als Kollusion (Willi)

(Jetzt wieder aktuelle Auflage)

85 Systemische Paartherapie

Besonderer Stellenwert der Paarbeziehung: Basis für Sexualität, Intimität, Geborgenheit und Vertrauen, Keimzelle der Familie, kleinste und reinste Form einer Beziehung, an der sich die Entstehung und Veränderung von Interaktionsmustern untersuchen läßt.
Abgrenzung: Die Abgrenzung innerhalb der Paarbeziehung und auch die Abgrenzung des Paares gegenüber anderen Personen ist im Normalfall klar und durchlässig. Im pathologischen Fall ist die Angrenzung entweder zu starr oder zu diffus.
Innen starr, außen diffus: Aus Angst vor Selbstverlust und zu großer Intimität. Die Verbindung mit außenstehenden Personen soll die Abgrenzung zum Partner noch verstärken.
Innen diffus, außen starr: Exklusive Liebesbeziehung mit hohen Idealen und Erwartungen an sich und den Partner. Totale Symbiose, die auch überfordern kann.
Klar und durchlässig: Die Beziehung untereinander ist klar unterscheidbar von jeder anderen Beziehung. Die Partner müssen sich als Paar fühlen und für sich eigenen Raum beanspruchen. Die beiden Partner bleiben aber klar voneinander unterschieden und respektieren die Grenzen.

Regressive Verhaltenstendenzen: "kindliche" Bedürfnisse wie nach Schutz, Geborgenheit, Abhängigkeit, Zärtlichkeit, Einander-Gehören.
Progressive Verhaltenstendenzen: "erwachsene" Bedürfnisse wie Stärke, Kompetenz, Tatkraft, Überlegenheit. Befriedigen die regressiven Bedürfnisse des Partners.

Jeder hat beide Tendenzen und kann auch beide in einer Partnerschaft zum Ausdruck bringen, wenn diese nicht neurotisch ist.
Neurotiker sind eingeschränkt und starr in ihren Wünschen und auf nur wenige Verhaltenstendenzen fixiert.
Es kommt zu einer Fixierung auf die entweder regressive oder eben progressive Position, die jeweils andere wird neurotisch abgewehrt.

86 Kollusion und Kollusionstypen

Es gibt 4 Grundthemen, mit denen sich ein Paar bei der Gestaltung der Beziehung auseinandersetzen muß:

  1. Narzißtisches Beziehungsthema: Entwicklung eines eigenen, autonomen Selbst und Abgrenzung vom Partner oder Selbstaufgabe und Verschmelzung mit ihm?
  2. Orales Beziehungsthema: Verteilung der gegenseitigen Fürsorge, Übernahme der Verantwortung für den anderen.
  3. Anal-sadistisches Beziehungsthema: Ausmaß an Beherrschung, Führung oder Abhängigkeit und passive Hingabe.
  4. Phallisch-ödipales Beziehungsthema: Klassische Geschlechtsrollen und Ausleben der Tendenzen.

Neurose: Fixierung auf eine Entwicklungsphase. Diese Fixierungen haben natürlich schon einen Einfluß auf die Partnerwahl.
So haben die Partner dann komplementäre Bedürfnisse.

Kollusion: Uneingestandenes, einander verheimlichtes Zusammenspiel der Partner aufgrund eines gleichartigen Grundkonflikts.
Der eine Partner ist geradezu das Gegenteil des anderen, es handelt sich aber nur um polarisierte Varianten des gleichen Konflikts.
Bei längeren Beziehungen scheirtern diese Selbstheilungsversuche aber, weil das Verdrängte bei jedem irgendwann wieder hochkommt.

Positive Rückkopplung: Jeder Partner lebt von der positiven Verstärkung seines Partners. So delegiert er seine eigenen verdrängten Bedürfnisse auf den anderen. Diese Dynamik nimmt immer extremere Positionen ein, die Delegierung wird zum absoluten Verbot und zur totalen Fixierung. Man verwehrt sich selbst die geringste Befriedigung dieser verdrängten Wünsche.
Der Progressive erträgt nicht mehr, seinem Partner immer nur die regressive Befriedigung zu geben, die er sich selbst verbietet. Und der Regressive will nicht mehr so abhängig sein.
Das führt zur Destruktiven Kollusion.

Narzißtische Kollusion:
Das Selbst konnte sich in der Kindheit nur begrenzt entwickeln, weil die Mutter das Kind nur als Teil ihres eigenen Selbst gesehen hat ("Ich kenne Dich besser!"). So hat das Kind gelernt, eigene Wünsche und Gefühle zu verleugnen, wenn sie nicht zu den Vorstellungen der Mutter passen.
In der Beziehung dann: Verschmelzung und idealisierte Bewunderung.
Progressiver Narzißt: Will dem Partner das Selbst ersetzen und verdrängt sein egenes fremdbestimmtes Selbst. Findet seinen Partner zuerst "verehrend", und später "vepflichtend".
Regressiver Komplementär-Narzißt: Sucht im Partner das Ersatz-Selbst und verdrängt sein eigenes Selbst. Findet seinen Partner zuerst grandios und später rücksichtslos.

Orale Kollusion:
Regressiver Pflegling: Bekommt orale Bedürfnisse befriedigt und verdrängt das eigene Helfenwollen. Findet seinen Partner zuerst füsorglich und später vorwurfsvoll und abweisend.
Progressiver Helfer: Übt Mutterfunktionen aus und verdrängt die eigenen oralen Bedürfnisse. Findet den Partner zuerst pflegebedürftig, und später unersättlich und undankbar.

Anal-sadistische Kollusion:
Der Herrscher beherrscht nur vermeintlich. Er will eigentlich, daß der Beherrschte sich freiwillig fügt, dieser tut es aber offenkundig widerwillig. So ist es oft der Beherrschte, der unterschwellig die Zügel führt.
Progressiver Herrscher: Kann autonom herrschen und verdrängt Abhängigkeitswünsche. Findet seinen Partner zuerst gefügig und später nachlässig und unverpflichtet.
Regressiver Untertan: Lebt die Abhängigkeit und verdrängt Autonomiewünsche. Findet seinen Partner zuerst aktiv und mächtig und später tyrannisch.

Phallisch-ödipale Kollusion:
Hier geht es um die Geschlechterrollen-Stereotype. Hier geht es nicht um die biologischen Geschlechter, sondern um die Rollen.
Progressiver Mann: Erlebt männliche Bewährung und verdrängt passiv-feminie Tendenzen. Findet den Partner zuerst in seiner Männlichkeit bestätigend und später verächtlich und kastrierend.
Regressive Frau: Akzeptiert die passiv-feminie position und verdrängt männliche Rollenansprüche. Findet den Partner zuerst männlich und später Bestätigung erheischend und impotent.

Therapeutische Intervention:
Die kollusiven Grundthemen sollen nicht unwirksam gemacht werden, sonder das Einspielen eines flexiblen Gleichgewichts soll hergestellt werden.
Selbsterkenntnis: Man integriert auch die verdrängten Bedürfnisse.
Erhöhtes Verständnis für den Partner.
Erkenntnis der Paardynamik.

Familientherapie

Joining: Therapeutisches Arbeitsbündnis. Ab der ersten Therapiestunde wird aus dem Familiensystem ein neues System aus Familie und Therapeuten. In der ersten Sitzung werden auch die Regeln festgelegt.
So entsteht ein Arbeitsbündnis zwischen Therapeuten und Familienmitgliedern. Zudem versucht der Therapeut, zu jedem einzelnen Familienmitglied einen persönlichen und stabilen Kontakt herzustellen.
Das kann er bei der Familienanamnese gut erreichen, die am Anfang stattfindet.
Auch bei der Familientherapie ist es wichtig, die Grenzen zwischen den Familienmitgliedern zu betrachten.

Reframing: Die Sichtweise der Probleme (familiäre Wirklichkeit) wird umdefiniert. In Familien gibt es oft eine starre Perpetuierung pathologischer Kommunikations-, Definitions-, Erwartungs- und Interpretationsmuster. Beim Reframing durchbricht man diese Muster, indem man die Probleme in einen veränderten Verstehens- und Interpretationsrahmen gestellt werden.
Z.B. wird ein Verhalten einer Person vom Therapeuten wertschätzend umgedeutet.
Systemisches Fragen: Technik, um allzu stabile Familien-Dynamiken aufzuweichen, in denen die Familie gefangen ist. Schwarz-weiß-Denken soll überwunden werden, Verständnis für die Familienmitglieder aufgebracht werden.
Zirkuläres Fragen: Familienmitglieder werden in Anwesenheit der anderen befragt, was eine bestimmte Handlung wohl für Dritte bedeutet.
Familienskulptur: Ein Familienmitglied fungiert als "Bildhauer" und formt andere Mitglieder und bestimmt, welche Haltung sie einnehmen sollen. So sollen Beziehungen und Haltungen dargestellt werden.
Familienaufstellung: Hier werden Strukturen und Beziehungen durch Aufstellen von Mitwirkenden dargestellt. Die Aufgestellten teilen dann ihre Empfindungen mit.

88 Psychoanalytisch orientierte Familientherapie-Konzepte

Dynamische Familientherapie nach Stierlin:
Horizontale Aspekte: Beziehungen zwischen Mitgliedern gleicher Generation
Vertikale Aspekte: Wie wirkt sich die ungelöste Bindung an die Eltern auf den Ehepartner aus?
Bindungsmodus: Überwiegt dieser, bleibt der Jugendliche zu lange in der Familie, oder das Kind wird zu sehr verwöhnt und irgendwie an die Eltern gebunden.
Ausstoßungsmodus: Das Kind wird vernachlässigt, es besteht kein Interesse an ihm und seinen Gedanken und Gefühlen.

Es können auch Verdienste und Vermächtnisse über Generationen weitergegeben werden.

89 Strukturelle Familientherapie-Konzepte

Struktur: Gliederung der Familie in Subsysteme, Ausmaß an Starrheit dieser Subsysteme, Transaktionen zwischen ihnen und Aspekte der Abgrenzung und Durchlässigkeit der Grenzen.
Die Grenzen der Subsysteme sollten weder zu starr noch zu durchlässig sein.

3 Subsysteme:

  1. Eheliches Subsystem: Beide Partner sollten nachgeben können, ohne sich aufzugeben. Klare Abgrenzung gegenüber den anderen Familienmitgliedern ist wichtig.
  2. Elterliches Subsystem: Einsatz von Autorität ist wichtig, Kontrolle, Führung, Schutz.
  3. Geschwisterliches Subsystem: Auch diese Grenzen müssen klar sein.


Schritte der Therapie:

  • Der Therapeut schließt sich der Familie an und übernimmt die Führungsrolle
  • Er deckt die zugrundeliegende Familienstruktur auf
  • Er schafft Umstände, die eine Veränderung der Strukturen ermöglichen

Der Therapeut dringt in die Momöostase der Familie ein und schafft Krisen, um die Familie in Richtung auf ein neues Gleichgewicht zu drängen.

3 Hauptstrategien:

  1. Herausforderung des Symptoms: Das Symptom hält die Homöostase aufrecht. Daher muß es durch Reframing umdefiniert werden.
  2. Herausforderung der Familienstruktur: Der Therapeut deckt nun Strukturen auf, Bündnisse, Koalitionen, Konflikte usw. So versucht er, das Gleichgewicht der Familie zu erschüttern, damit ein neues entstehen kann.
  3. Herausforderung der Familienrealität: Die Wahrnehmung der Realität wird verändert durch Reframing, paradoxe Intervention usw.


90 Erfahrungszentrierte Familientherapie-Konzepte

Es geht um die gegenseitige Erfahrung der Familienmitglieder hinsichtlich ihrer emotionalen Äußerungen, Reaktionen und Interaktionen im Hier und Jetzt.
Und es geht um die bisherige individuelle und familiäre Erfahrung als Hintergrund für das jetzige Geschehen (Entwicklung).

In pathologisch-dysfunktionalen Familien steht nicht die Heirat der Eltern am Beginn, sondern schon die Famlien der Ehepartner (Großeltern usw.).
Ein geringer Selbstwert führt zu dysfunktionaler Kommunikation, weil auf starre reaktionsmuster zurückgegriffen werden muß, um den Selbstwert zu schützen.
Den Selbstwert erfährt man durch die Ursprungsfamilie. In der aktuelen Familie findet die Kommunikation statt. So gibt es eine dynamisch-systemische Zirkularität.

Vier universelle Reaktionsmuster / Kommunikationsformen, um den Selbstwert zu schützen (Satir):

  1. Beschwichtigen: Therapie durch Arbeit am Ärger, Selbstwert steigern, Nein sagen, Wünsche äußern usw.
  2. Anklagen: Therapie: eigene Grenzen setzen, mit Näheund Distanz experimentieren usw.
  3. Rationalisieren: Therapie: nonverbalen Ausdruck fördern, viel Anerkennung geben usw.
  4. Ablenken: Therapie: klar bleiben, zu Ende bringen, leiten usw.

Zu jedem Muster gibt es eine typischeKörperhaltung.
Die Grundhaltung des Therapeuten entspricht der der Humanistischen Richtung.

91 Strategische Familientherapie-Konzepte

Die eingefahrenen Strukturen werden verstört, so daß das System ein neues Gleichgewicht finden muß. Dabei ist es nebensächlich, welche Probleme genau bestehen.
Dies passiert meist durch die paradoxe Intervention. Dabei muß der Therapeut noch nicht einmal genau wissen, welche Spiele die Familienmitglieder spielen. Wichtig ist, daß er sie zum Handeln bringt.
Das "Familenspiel" steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, nicht die einzelnen Mitglieder.

Bowen sagt z.B., daß mindestens 3 Generationen nötig seien, um einen Schizophrenen hervorzubringen. Starre Normen in den Familien kommen mit einer Scheu vor Auseinandersetzungen zusammen, und es entsteht ein Regelsystem, in dem Schizophrenie entstehen kann.

In schizophrenen Familien wird die Metakommunikation durch einen "Nebelschleier" verhindert. Die Beziehung wird nicht definiert. So entsteht ein subtiler Machtkampf, weil jeder die Kontrolle über die Definition der Beziehung erlangen will.
Weil die Beziehung symmetrisch ist, darf das Spiel nicht zu Ende gehen, damit niemand verliert. Die Homöostase hängt von der Aufrechterhaltung des Spiels ab.
Der Schizophrene hat dieses Spiel gewissermaßen durch seinen Rückzug aber schon verlassen.

Strategische Intervention:
Sobald der Therapeut versucht, die Regeln der Familie zu verändert, befindet er sich mitten im Spiel und macht sich dadurch durch die Familie beherrschbar.
Um das zu verhindern, gibt es folgendes Setting: Zwei Therapeuten sitzen mit der Familie in einem Raum mit Einwegscheibe. Draußen sind auch zwei Therapeuten, die den Kollegen im Raum Anweisungen geben. So ist es für die Familie zwecklos, Einfluß auf die "von außen gelenkten" Therapeuten zu nehmen.

3 zentrale Konzepte (Grundregeln):

  1. Hypothetisieren: Die komplexe Information über die Familie muß in systemische Hypothesen gebracht werden. Diese Hypothesen sind dann Ausgangspunkt für Informationserhebung und Intervention.
  2. Zirkularität: Bei der Befragung werden besonders Unterschiede im Verhalten hervorgehoben statt Gefühle oder Interpretationen.
  3. Neutralität: Die Familie darf nach der Sitzung nicht sagen können, mit wem der Therapeut ein Bündnis eingegangen ist. Dazu muß er unbeteiligt und kühl wirken und auf einer anderen Ebene sein als die Familie.

92 Narrative Familientherapie-Konzepte

Intervenierender und die Familie sind nicht mehr streng getrennt, sondern es findet es eine gemeinsame Konversation statt. Der Therapeut hat nur die Kompetenz für den Prozeß der Veränderungen.

Man betrachtet nicht so sehr die Probleme und Verstrickungen, sondern eher die Ausnahmen, in denen die Probleme mal nicht auftraten. So wird die Aufmerksamkeit auf die Lösungswege gelenkt, die offenbar vorhanden sind und beachtet werden müssen.

Wunderfrage: "Wenn Sie morgen früh durch ein Wunder Ihr Ziel erreicht hätten bzw. das Problem über Nacht verschwunden wäre, woran würden Sie das merken? Was würden Sie als Erstes tun? Wie würden es Ihre Familienangehörigen oder Ihr Chef merken?
Das schärft auch die Wahrnehmung für kleine Veränderungen in die richtige Richtung.