Mögliche Prüfungsfragen: Vordiplom Entwicklungspsychologie (Herr Chasiotis)

Lehrbuch - Kap.I.1: Menschenbilder und Entwicklungskonzepte

Beschreibe verschiedene Entwicklungskonzepte und deren Gegenstandsbereiche!

Ontogenese: Merkmalsvergleiche (kognitive, affektive, Verhalten). Individualentwicklung von Geburt bis Tod.
Aktualgenese: Entstehen, Aufbau, Verlauf und Abschluß einer Handlung. Zustandsvergleiche.
Pathogenese: Entstehen von Entwicklungs-abweichungen. Normative Vergleiche.
Phylogenese: Mensch als Angehöriger einer biologischen Art. Artvergleiche.
Historiogenese: Kulturgeschichte. Kulturvergleich.
Sozialer Wandel: Kohortenvergleich. Der Mensch als Mitglied einer Generation.

Wie definiert Thomae Entwicklung?

"Entwicklung erscheint als eine Reihe von miteinander zusammenhängenden Veränderungen, die bestimmten Orten des zeitlichen Kontinuums eines individuellen Lebenslaufs zuzuordnen sind."

Was sind nach Keller Entwicklungsaufgaben?

Aus psychobiologischen Anpassungsprozessen heraus stellen sich bestimmte Themen zu bestimmten Zeitpunkten in Abhängigkeit von der funktionellen Entwicklung.
Wichtig hier: Kulturelle Einbindung.
Individuelles Entwicklungsergebnis: Dieses organisiert dan Art und Verlauf der Auseinandersetzung mit dem nächsten Entwicklungsthema.

Wie wird "Zeit" in der Entwicklungspsychologie betrachtet?

Zuerst wurde "Zeit" mit dem Alter gleichgesetzt. Aber das gleiche Alter bedeutet nicht für jede Person das Vorhandensein bestimmter Reifung.
Stattdessen werden Zeitfenster angegeben, in denen bestimmte Merkmale erscheinen.

Was kann zum Begriff des Paradigmas in der Entwicklungspsychologie gesagt werden?

Entwicklungspsychologie ist mehrparadigmisch, d.h. daß Theorien aich auf mehrere grundlegend verschiedene Sichtweisen zurückführen lassen.
Die Menschenbilder unterscheiden sich qualitativ voneinander, schließen sich gegenseitig aus. (mechanistisch und organismisch)

Welche Vorteile bringt die Reflexion über Paradigmen?

  1. Bewertung der Möglichkeiten und Grenzen einer Theorie
  2. Es wird deutlich, daß die Verwendung bestimmter Methoden keine allgemeingültige legitime Bewertungskategorie für die Forschung ist, da eine Methode nur innerhalb eines Parasigmas sinnvoll bewertet werden kann
  3. Synthesen verschiedener Theorien sind nicht möglich, weil die inhaltliche Integration zu schwierig wäre.
  4. Erst durch den Blick auf die verschiedenen Grundannahmen sind Diskussionen über z.B. die Wirksamkeit verschiedener Therapien möglich.

Welche Paradigmen wurden bisher unterschieden?

Mechanistische Perspektive: Mensch als Maschine
Organismisch-adaptives Modell: Selektion und Adaption
Modell des potentiell selbstreflexiven Menschen: Der Mensch kann über sich denken und zukunftsorientiert handeln.

Wie unterscheiden sich die Weltbilder von Descartes, Darwin und Galilei, was haben sie gemeinsam?

Descartes: Selbstreflexibilität, Teleologie
Der Mensch kann über sich selbst denken. Paradigma des potentiell selbstreflektiven Subjektes"cogito ergu sum"
Darwin: Teleonomie, organismisch adaptives Paradigma.
Galilei: Harmonie. Mechanistisches Paradigma, das kausale Erklärungen bevorzugt.

Geimsamkeit: Mensch als Mittelpunkt.

Was ist teleonomisch, was teleologisch?

Teleologie: Hebt auf ein Ziel und auf einen Plan hinter der Phylogenese ab und setzt somit die Existenz eines Schöpfers voraus. Evolution als Akt der Schöpfung.
Teleonomie: "Zweck" wird durch "Zweckmäßigkeit" ersetzt. Das, was zweckmäßig ist, setzt sich in der Phylogenese durch. Unter äußerem Selektionsdruck erzwungene Organisation.

Beschreibe das mechanistische Menschenbild!

Mensch als Maschine.
Ort der Entwicklungsdynamik: außerhalb des Subjektes.
Entwicklung wird in quantitativen, sich kontinuierlich verändernden Größen definiert.
Bidirektional (Zu- und Abnahme von Leistungen)
Normativ neutral: Keine optimale Entwicklungssequenz- oder Geschwindigkeit

Beschreibe das organismische Menschenbild!

Ort der Entwicklungsdynamik: innerhalb des Subjektes.
Es wirkt aktiv auf die Umwelt ein, bildet kognitive Schemata.
Qualitative Veränderungen (Stufentheorien).
Diese Stufen sind ein normatives Element dieses Paradigmas.
Der Mensch hat keine Sonderstellung in der Natur, phylogenetische Kontinuität.

Wieso kann man Piaget und die Soziobiologie in das organismische Menschenbild einordnen?

Piaget: Subjekt wird aktiv auf die Umwelt ein (kognitive Schemata)
Neue Erfahrungen werden verstanden (Assimilation), Schemata werden geändert (Akkomodation).
Reflektierende Abstraktion.
Schemata sind ganzheitlich strukturiert und führen zu qualitativen Veränderungen. (Stufentheorien)
Entwicklung erklärt vorhandene Strukturen
Normative Elemente
Soziobiologische Ansätze: Entwicklungsdynamik durch Interaktion mit Umwelt
Kein Entwicklungsziel, nicht normativ
Entwicklung kann Verhaltenssysteme erklären.

Beschreibe das Modell des selbstreflexiblen Menschen!

Der Mensch kann über sich selbst denken, er kann intendiert und zukunftsorientiert handeln. Man schafft seine Umwelt, diese bietet Handlungsmöglichkeit und auch Handlungsgrenzen. Man ist für die Konsequenzen daher selbst verantwortlich.
Kultur ist gleichzeitig Voraussetzung und auch Folge von Handlungen. Voraussetzungen für Entwicklung sind Widersprüche, persönliche Krisen.

Was ist das Anlage-Umwelt-Problem in der Entwicklungspsychologie?

Anne Anastasi (historische Reigenfolge):

  1. Welches hat Einfluß?
  2. Wieviel Einfluß hat eines der beiden?
  3. Wie setzt sich die Interaktion zusammen?

"tabula rasa" bei der Geburt (Empiristen) vs. angeborener Ideen (Nativisten)
Es gibt keinen Organismus, der nicht in einer Umwelt heranwächst, und es gibt kein Verhalten ohne einen Organismus. (Interaktion)

Was bedeuten ultimat und proximat?

Proximat: unmittelbare Wirkmechanismen (Schneehase ist weiß, weil sein Fell keine Pigmente hat)
Ultimat: Zweckursachen (Schneehase ist weiß, weil seine Feinde ihn im Schnee nicht sehen können)

Unterscheide Genotyp und Phänotyp!

Genotyp: alle Erbanlagen
Phänotyp: entwickelt sich aus dem genotyp

Wie behandelt das mechanistische Menschenbild die Anlage-Umwelt-Thematik?

Welcher der beiden Faktoren steuert die Entwicklung? "tabula rasa" bei der Geburt (Empiristen)
Welchen Anteil haben Anlage- und Umweltkomponenten? Additive Mischung.
Wie wirken beide zusammen? Zwei Dimensionen:

  1. Dimension der Indirektheit (Wirkung des Genotyps oder der Umwelt)
  2. Dimension der Breite (Spezifität der Wirkung).

Warum sind die Konzepte der Reifung und des Lernens in reiner Form nur theoretisch greifbar?

Für das konkrete Verständnis der Verhaltensentwicklung müssen diese beiden theoretischen Begriffe empirisch spezifiziert werden. Die Komplexität der interaktion mit der Umwelt geht über über die Frage hinaus.
Beispiel: Entwicklung der rechten Hemisphäre in einem Zeitfenster, gleichzeitige passende sozial-affektive Aktivität der Mutter

Was sind geschlossene und offene genetische Programme?

Geschlossene genetische Programme: Vollständig in der DNA des Genotyps festgelegt
Offene genetische Programme: Umweltlabil, durch lernen modifizierbar

Wie wird die Anlage-Umwelt-Thematik im organismischen Modell behandelt?

Piaget: Die Interaktion "Organismus - Umwelt" führt zu äußerer Adaption und innerer Organisation.
Soziobiologie: Das einzelne Gen ist Teil eines Systems und als solches nich einzeln dem Selektionsdruck ausgesetzt.

Wie wird die Anlage-Umwelt-Thematik aus der Sicht des potentiell selbstreflexiblen Menschen behandelt?

Zum Verständnis des Menschen ist eine andere Ebene der Erklärung notwendig als für die Analyse tierischen Verhaltens.
Zentral ist die Frage nach den (proximaten und ultimaten) Gründen, nicht nach Ursachen.

Was ist der moralistische und was der naturalistische Fehlschluß?

Naturalistischer Fehlschluß: Was so ist, soll auch so sein. Von der Empirie zu normativen Konsequenzen.
Moralistischer Fehlschluß: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.Vom Sollen zum Sein.

Lehrbuch - Kap.I.2: Kultur und Entwicklung

Welche Ansätze zur Beziehung zwischen Kultur und Entwicklung unterscheidet man?

Klassischer Ansatz des Kulturvergleichs: Differenzierungsstudien.
UV: Einzelne kulturelle Bedingungen, deren Einfluß auf die Entwicklung psychischer Merkmale abzuschätzen ist.
Quasiexperimenteller Ansatz: Generalisierungsstudien.
Kultur als Störvariable. Prüfung der Unabhängigkeit psychischer Phänomene.
Kultur als angeboren psychisches Phänomen: Psychische Phänomene sind ohne kulturellem Kontext gar nicht zu verstehen. Interaktion.

Wie ist Kultur entstanden?

Zunächst bildeten sich kleine Gruppen, die durch kooperative Beziehungen gekennzeichnet sein mußten, um gegen Feinde bestehen zu können. Soziale Kommunikations- und Regelsysteme.
Das Entstehen kultureller Muster und Systeme ist eine Anpassung an die Erfordernisse ökologischer Verhältnisse.

Wie läßt sich Kultur in unterschiedlichen Konzepten sozialer Beziehungen kategorisieren?

Individualistische Kulturen: Westlich geprägt. Betonung von Autonomie, Individualität, Konkurrenz.
Kollektivistische Kulturen: Harmoniestreben, Opfer- und Teilungsbereitschaft.

Welche Kritik kann man den verschiedenen kulturabhängigen Konzepten sozialer Beziehungen entgegenbringen?

Es gehören immer beide Orientierungen zum Menschen. Sind die Dimensionen unabhängig? Sind die Definitionen vergleichbar?

Welche Forschungsprobleme ergeben sich durch die Annahme, daß sich psychische Merkmale in verschiedenen Kulturen qualitativ unterschiedlich zeigen können?

Stichproben werden entnommen, um daraus auf die Population zu schließen. Das ist problematisch.
Problem der Vergleichbarkeit psychischer und kultureller Phänomene
Analyseeinheit im Kulturvergleich: Vogelperspektive oder einheimischer Psychologe?

Wie kann man von einem kulturspezifischen Verlauf der ontogenetischen Entwicklung selbst ausgehen?
Welche Phasen werden unterschieden?

Auch die ontogenetischen Phasen sind Anpassungen an ökonomische Verhältnisse.
Rezeptionsphase (0-3): Die Kinder wachsen in den "Script" anderer auf, im Familienkontext.
Akquisitionsphase (3-Pubertät): Aktive Erkundung der Umwelt. Es werden zunehmend Kontexte eigener Wahl aufgesucht. Interaktionen.
Transformationsphase (Pubertät - Reproduktion): Erhaltenes Wissen wird an die eigenen Bedürfnisse angepaßt.

Welche zwei in sich konsistenten Verhaltensmuster lassen sich beim Kulturvergleich unterscheiden?

Westlich (14% der Weltbevölkerung)

Nicht-westlich

Was sind soziale Settings?

Rahmenbedingungen einer konkreten Umwelt für die frühen Sozialisationserfahrungen.
Zwei Kriterien:Soziale Interaktionsstruktur
Auf den Säugling gerichtete Aufmerksamkeit.

Was ist die Entwicklungsaufgabe in der Rezeptionsphase?

Herstellung einer grundlegenden Matrix (primärer) sozialer Beziehungen, die für die jeweilige Umwelt als adaptiv angesehen wird.

Was versteht man unter Interaktionskontexten?

In Interaktionskontexten werden Verhaltensabläufe sichtbar, die der Differenzierung der sozialen Settings einen kulturellen Sinn geben, indem implizite Sozialisationsziele erkennbar werden.
Die meisten westlichen Untersuchungen beziehen sich auf exklusive "face-to-face"-Interaktionen im freien Spiel.

  • in westlichen Kulturen mehr Kommunikation und Blickkontakt
  • westliche Kulturen: Verbaler Austausch über dingliche Welt
  • Menge des Körperkontaktes (im Westen halb so viel)

Was ist das Komponentenmodell des Elternverhaltens?

Das elterliche intuitive Repertoire besteht aus unterschiedlichen, vielleicht sogar unabhängigen Verhaltenskomponenten.

  • Sensitivität (emotionale Wärme)
  • Einhaltung bestimmter Kontingenzfenster im Sinne schneller Reaktionen auf kindliche Signale
  • Daraus folgt Vorhersagbarkeit und kontrollierbarkeit.

Welche unterschiedlichen Sozialisationsziele gibt es zwischen den westlichen und nicht-westlichen Kulturen?

In den westlichen Kulturen wird das Sozialisationsziel einer frühen Selbstregulation verfolgt.
Angesteuertes Selbstkonzept: Selbst als Agens mit aktionaler Handlungskontrolle
In nicht-westlichen Kulturen wird das Sozialisationsziel einer engen sozialen Verwobenheit von Bezugspersonen und Säugling verfolgt. Selbst als Co-Agent: Empathischer Handlungskontrolle

Was ist probabilistische Epigenese?

Kulturelle Werte entstehen teilweise durch die Fähigkeit einer Kultur, aus ihrem eigenen durchschnittlichen Genotyp ein bevorzugtes Stereotyp zu bilden.
Bei den mexikanischen Zinacanteco ist es angesehen, sich langsam zu bewegen. Die Babys weisen schon bei der Geburt eine geringe motorische Aktivität auf.

Was ist Entwicklungsaufgabe in der Akquisitionsphase?

Die Entwicklungsaufgaben differieren kulturspezifisch. In westlichen Kulturen werden kulturelle Werkzeuge erworben, die es erlauben, Kompetenzen für das Erwachsenenleben zu erlangen.
In nicht-westlichen Kulturen ist die Kultur Inhalt der Entwicklung. Die jeweiligen Kulturtechniken werden im Arbeits- und Lebenskontext erworben.

Wieso sollte Intelligenz kulturspezifisch konzeptioniert werden?

Es gab in Untersuchungen Kulturen, die Piagets Stadium der konkreten Operationen nie erreichten. Problematisch ist hier die Operationalisierung der Stufen durch bestimmte Aufgaben mit Objekten, die den Menschen fremd waren. Kognitive Leistungen sind im jeweiligen sozialen Setting adaptiv, die kulturelle Einbettung ist wichtig. Kulturabhängigkeit des Gedächtnisses.

Welche kulturspezifischen Kontexte des Lernens gibt es?

Westlich und Mittel- und Oberschicht in nicht-westlichen Kulturen: Kinder lernen in speziell dafür hergestellten Kontexten (Schule).
Formale Bildung, die in verschiedenen Kontexten angewendet werden können (Flexibilität).
Nicht-westlich: Gelenkte Teilnahme, Lernen im sozialen Austausch mit anderen. Alltagslernen. Zone der proximaten Entwicklung.

Was ist die Zone der proximaten Entwicklung?

Die Distanz zwischen dem aktuellen Entwicklungsniveau des Kindes, bestimmt durch seine Fähigkeit, Probleme selbständig zu lösen, und der höheren Ebene als potentieller Entwicklung, die durch seine Fähigkeit bestimmt wird, unter Anleitungvon Erwachsenen Probleme zu lösen.

Welche unterschiedlichen wissensbasierten Entwicklungsziele gibt es?

Westlich und Mittel- und Oberschicht in nicht-westlichen Kulturen: Wissen als dekontextualisiertes individuelles Besitztum mittels formaler und verbaler Instruktionen.
Nicht-westlich: (örfliche Handwerksstrukturen)
Durch selbstverantwortliche Beobachtung und einübende Teilnahme mit multipler Aufmerksamkeitsorientierung Wissen erwerben, das dazu beitragen kann, die Kompetenz der Gruppe zu erweitern. Klare Hierarchisierung von Verantwortlichkeit.

Was ist die Entwicklungsaufgabe in der Transformationsphase?

Entwicklung eines Selbstkonzeptes, d.h. einer Identität durch die Transformation kultureller Werte und Normen.
Aggregatzustände des Ich (figurale und mediale Identität)
Notwendigkeit einer Transformationsphase: Hängt davon ab, ob man direkt nach der Akquisitionsphase in die Reproduktionsphase eintreten kann oder nicht)
Operationalisierung des Endes: Heiratsalter, Erstelternschaft.
Übergangsrituale: fast in allen Kulturen

Lehrbuch - Kap.I.3: Entwicklungsgenetik

Was ist das Genom?

Die gesamte genetische Information eines Menschen. (früher Genotyp)
Das Genom besteht aus den Genen (lokale Abschnitte).

Was ist Entwicklung aus genetischer Sicht?

Zellen teilen und spezialisieren sich. Die Ursprungszelle ist noch zu allem fähig. Durch Zellteilung vermehrt sie sich geordnet, so daß unterschiedliche Zellen verschiedene Funktionen übernehmen.

Sind genetische Wirkungen altersabhängig?

Genetische Wirkungen folgen dem kumulativen Prinzip. Genetische Einflüsse aus früheren Entwicklungsphasen können sich auf neuronaler Ebene verfestigt haben und dadurch weiter wirken, auch wenn die Gene nicht mehr aktiv sind.
Die Genaktivität schwankt stark im Laufe des Lebens.

Gibt es einen genetischen Einfluß auf das Lernen?

Es gibt eine genetische Prädisposition zum Erlernen spezieller Inhalte.(keine Angst vor Autos, aber vor Spinnen)

Wie wird der relative Einfluß von Genom und Umwelt auf ein Merkmal geschätzt?

Nur indirekte Abschätzungen sind möglich. Dazu werden Verwandte unterschiedlichen Verwandtschaftsgrades verglichen. (z.B. Eltern-Kind 50%, Geschwister 50%)
Die %-Zahlen beziehen sich nicht auf Gene (alle Menschen teilen alle Gene), sondern auf Allele, also auf in den von Person zu Person variierenden unterschiedlichen Formen eines Gens.

Welche Methodenprobleme gibt es bei Zwillings- und Adoptionsstudien?

Zwillingsmethode: Überschätzung des genetischen Einflusses wegen nichtadditiver genetischer Effekte und der ähnlichen Umwelt eineiiger Zwillinge. Unterschätzung des genetischen Einflusses wegen der genetischen Ähnlichkeit der Eltern.
Adoptionsmethode: Unterschätzung des genetischen Einflusses wegen nichtadditiver genetischer Effekte und weil die Adoptionsfamilie der biologischen ähnelt. Überschätzung des genetischen Einflusses wegen der genetischen Ähnlichkeit der Eltern und den geringen Unterschieden zwischen Adoptivfamilien.

Lehrbuch - Kap.II.2: Theorien der kognitiven Entwicklung

Was ist das innere Arbeitsmodell?

Bowlby: Geistige Repräsentation der eigenen Person und ihrer Beziehung zu anderen Personen.

Was sind kognitive Theorien im engeren Sinn?

Sie haben das Ziel, das zustandekommen unserer wichtigsten geistigen Fähigkeiten und Leistungen (Erwerb von Wissen, Lernen, Denken) zu beschreiben und zu erklären.
Motor der Entwicklung sind die Veränderungen mentaler Repräsentationen (z.B. inneres Arbeitsmodell).
Welcher Ausgangszustand liegt beim Neugeborenen vor?
Was entwickelt sich?
Welche Mechanismen bewirken die kognitive Entwicklung?

Was ist genetische Epistemologie?

Wissenschaft vom Aufbau der Erkenntnis in der Ontogenese.
"Kind als Wissenschaftler" ist durch intrinsische Motivation und Entdeckungslust getrieben.

Was ist Konstruktivismus und Strukturalismus?

Konstruktivismus: Erschaffung einer Konstruktion der Realität
Strukturalismus: Die Konstruktion entsteht auf der Basis adaptive kognitiver Strukturen (Schemata), die Interpretation und Integration von erfahrungen möglich machen.

Nenne einige zentrale Merkmale von Piagets Theorie!

  • abstrakte, übergeordnete Strukturen des Denkens
  • universelle Stadien
  • invariate Sequenz
  • Restrukturierungsprozesse
  • qualitative Veränderungen

Welche vier Hauptstadien der geistigen Entwicklung postuliert Piaget?

Sensumotorisches Stadium: 0-2 Jahre
Präoperatorisches Stadium: 2-7 Jahre
Konkret-operatorisches Stadium: 7-11 Jahre
Formal- operatorisches Stadium: ab 12 Jahre

Wie erfolgt nach Piaget die Entwicklung der Objektpermanenz?

Das Produkt einer aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt.
Zunehmende Differenzierung von Handlung und Objekt.
Stadien 1 und 2 (0-4 Monate): Reflexe werden durch Generalisierung und Differenzierung modifiziert.
Stadium 3 (4-8 Monate): Noch keine Objektpermanenz
Stadium 4 (8-12 Monate): Mittel-Ziel-Verbindungen werden gebildet. Noch keine gute Identifizierung zwischen Handlung und Objekt. A-nicht-B-Fehler (zwei Verstecke, A und B)
Stadium 5 (12-18 Monate): Keine Erkenntnis unsichtbarer Objektverlagerungen.
Stadium 6 (18-24 Monate): Beginn des Strukturwandels von der sensumotorischen zur symbolisch-repräsentativen Intelligenz. Spracherwerb, Fiktionsspiel, Imitation.Unsichtbare Objektverlagerungen werden durch Schlußfolgerungen rekonstruiert.

Was sind sensumotorische Schemata?

Strukturierte Verhaltensmuster, die eine spezielle Form der Interaktion mit der Umwelt widerspiegeln. Alles Wiederholbare und Generalisierbare.
Schemata befähigen kinder, eine bestimmte Klasse von Handlungen auszuführen und entsprechende Umweltereignisse zu organisieren und wiederzuerkennen.

Wie zeigt sich der Strukturwandel von der sensumotorischen zur symbolisch-repräsentativen Intelligenz?

Stadium 6 des sensumotorischen Stadiums: Kinder kommen durch Denken zum Problemlösen, statt durch Versuch und Irrtum. Spracherwerb, verzögerte Imitation, symbolisches Spiel. Unsichtbare Objektverlagerungen werden durch Schlußfolgerungen rekonstruiert.

Welcher Befund läßt Zweifel an Piagets Annahme eines qualitativen Unterschieds zwischen der sensumotorischen und der symbolisch-repräsentativen Intelligenz aufkommen?

Befund von Meltzoff (1988): Neugeborene und 9 Monate alte Säuglinge sind auch in der Lage, verzögerte Imitation zu zeigen.
Befund von Baillargeon (1995): Säuglinge erwarten, daß ein Objekt fortbesteht, wenn es durch ein anderes verdeckt wird.
Befund von Spelke (1992): Säuglinge erwarten, daß Objekte solide und dreidimensional sind, und daß sie sich auf kontinuierlichen Bahnen bewegen.

Was kennzeichnet das präoperatorische Stadium?

2-7 Jahre: Symbolbildung- und Verständnis, Spracherwerb, Egozentrismus. Irreversibilität des Denkens
Zentrieren auf eine Aufgabendimension, Fehlen des Erhaltungsbegriffes. Anschauungsgebundenes Denken.
Untersuchungen:

  • Umschüttaufgabe
  • großer versehentlicher Schaden vs. kleinem absichtlichen Schaden
  • Drei-Berge-Aufgabe
  • Stäbe der Länge nach ordnen
  • Objekte gruppieren
  • Objekte haben Gefühle

Was sind Operationen, was das Grundmerkmal?

Logische verinnerlichte Formen einer Handlung.
Operationen erfordern symbolisch-repräsentationale Intelligenz. Grundmerkmal: Reversibilität (Negation, Kompensation)

Warum bezeichnet Piaget das Denken im pröoperatorischen Stadium als egozentrisch und anschauungsgebunden?

Egozentrisch, weil Kinder unfähig sind, zwischen der eigenen und der Perspektive anderer auf ein Objekt zu unterscheiden.
Anschauungsgebunden, weil das Kind bei einer Aufgabe an die auffälligere Dimension gebunden ist.

Was sieht Piaget als grundlegend für alle kognitiven Einschränkungen des Vorschulkindes? Nenne Beispiele!

Das Fehlen logischer Operationen.
Beispiele:Intentionalistisches Kausaldenken
Keine hierarchische KlassenbildungKeine Dezentrierung

Wann erwirbt das Kind konkrete Operationen?

Mit dem Eintreten in das konkret-operatorische Stadium, etwa im ersten Schuljahr.
Neue Kompetenzen:

  • Erhaltungsbegriff
  • Fähigkeit zu transitiven Schlüssen
  • soziale Perspektivenübernahme
  • Klasseninklusion
  • neues Verständnis für Kausalität

Wie unterscheidet sich das formal-operatorische vom konkret- operatorischen Denken?

Konkret- operatorisches Stadium: Operationen werden auf konkrete Objekte angewendet.
Formal-operatorisches Stadium: Operationen können auf operationen angewendet werden. Das Denken selbst kann Gegenstand der Reflxion sein.

Was ist das Äquilibrationsmodell?

Diskrepanz zwischen Individuum und Umwelt: Qualitative Strukturveränderungen sind nötig, um sich anzupassen. Es werden entweder die Erfahrungswerte an bestehende Schemata angepaßt (Assimilation), oder beides wird modifiziert (Akkomodation). Beide Prozesse laufen meistens parallel ab.

Wie wurde Piagets Annahme kritisiert, daß Kinder nur über ein itentionalistisches Kausalschema verfügen?

Piaget schloss aus den animistischen Erklärungen von Naturphänomenen auf ein fehlendes Verständnis für physikalische Kausalität.
Befunde legen aber nahe, daß einfach das relevante Wissen fehlt, daß die Kinder aber schon in der Lage sind, physikalische Kausalitäten zu verstehen

Wie kann man alternativ erklären, daß Vorschulkinder keine linearen Ordnungen herstellen und transitive Schlüsse ziehen können?

Werden Kinder darauf trainiert, Größenverhältnisse zwischen Paaren einer Menge bis zu 6 Stimuli zu erinnern, dann können sie sowohl lineare Ordnungen herstellen als auch transitive Inferenzen ziehen.
Piaget sprach den Kindern die Fähigkeit zur Dezentrierung ab. (Fähigkeit, ein Objekt in Relation zu zwei Objekten einer Reihe zu setzen)
Die Befunde sprechen eher für Defizite beim Gedächtnis.

Wie interpretieren die Informationsverarbeitungs-Theorien das unterschiedliche Abschneiden von Piaget-Aufgaben bei Kindern unterschiedlichen Alters?

Der "qualitative" Anstieg kognitiver Leistungen ist z.T. auf die steigende Informationsverarbeitungskapazität zurückzuführen.

Beschreibe eine Neo-Piaget-Theorie!

Robbie Case (1985): Nimmt an, daß Operationen immer weniger Platz einnehmen und dait mehr Kapazität für Zwischenspeicherung von Ereignissen bleibt.
Case nimmt vier Stadien an:

  1. Sensumotorische Operationen
  2. repräsentationale Operationen
  3. logische Operationen
  4. formale Operationen

Angeborene Wissenskerne werden durch Automatisierung und Reifung transformiert.

Lehrbuch - Kap.II.3: Natürliche Selektionund Individualentwicklung

Wie entsteht nach Darwin die Artenvielfalt?

Zufällige Mutationen und Rekombination verändern durch die Selektion das quantitative Verhältnis der Gene im Genpool der Population.
Kriterium ist die Anpassung an die ökologische Nische in der Umwelt.
Evolution: nicht arterhaltend, sondern arterschaffend!

Was ist die zentrale Annahme evolutionspsychologischer Überlegungen?

Auch Motivation und Verhalten des Menschen können unter dem Aspekt stammesgeschichtlicher Anpassung verstanden werden.

Was ist nepotistischer Altruismus, reziproker Altruismus und Mutualismus?

Nepotistischer Altruismus: Hilfsbereitschaft unter Verwandten. Der genetische Nutzen muß größer sein als die Kosten.
Reziproker Altruismus: Außerfamiliäre Hilfsbereitschaft unterder Bedingung von Gegenleistung.
Mutualismus: Kooperatives Verhalten, das der ganzen Gruppe nützt.

Wie kann die Stabilität frequenzabhängiger Verhaltensstrategien untersucht werden?

Mit Hilfe der mathematischen Spieltheoriewurde die Stabilität frequenzabhängiger Verhaltensweisen untersucht.
Kooperatives Verhalten ist nützlich, aber manchmal ist auch Betrug nützlich. Beide Verhaltensweisen begrenzen sich gegenseitig. Resultat ist ein Gemisch beider Verhaltensweisen, jeder kann beides machen.
Ausschließlich Kooperation wird nie allein auf Dauer in einer Gruppe existieren.

Was ist die energy-budget-rule?
Welche Implikationen hat diese übertragen auf bewußte, rationale Entscheidungen beim Menschen?

Energy-budget-rule: Bei niedrig erwartetem Nutzen wird eine riskante Entscheidung gewählt. Bei hohem erwarteten Nutzen die sichere.
Die bewußte, vernünftige Entscheidungsfähigkeit des Menschen stellt eine evolvierte, kognitive Anpassungsleistung dar und dient somit primär evolutionären Zwecken.

Was besagt die Theorie der Lebenslaufstrategie?

Im Laufe der Phylogenese entwickelten sich Lebenslaufstrategien, deren Zweck die Genmaximierung war, für die eine optimale Ressourcenverteilung notwendig ist.
Auch höhere kognitive Funktionen wurden zur optimalen Ressourcen-Zuteilung entwickelt.

Wieso gibt es bei den Menschen eine so lange Kindheit zudem verbunden mit hoher parentaler Investition?

Alexander (1988): better-adult-Hypothese
Die lange Kindheit ermöglicht eine Anpassung an die sozioökonomische Nische des Menschen. So kann der Mensch seine Nachkommen zu besseren Erwachsenen erziehen. Ab dem 4. Lebensjahr lernt das Kind, wann entweder kooperatives oder kompetetives Verhalten besser ist.
Befund: Film gucken. Ranghöchste Kinder sahen am meisten vom Film, wobei sie eine flexible Strategie benutzten.

Wie kann die hohe Varianz von ca. 8 Jahren des Menarchenalters erklärt werden?

Einsetzen der Menarche:

  • unter psychosozialem Streß eher
  • unter ökologischem Streß später

Wieso sind in den modernen Industrieländern eher psychosoziale Streßfaktoren zu beachten?

Die ökologischen Bedingungen sind in westlichen Ländern eher konstant.

Was ist der adaptive Wert der Jugenddeliquenz?

Partnerfindung - Konkurrenzverhalten
Am häufigsten bei jungen, ledigen Männern. Wegen der höheren Reproduktionsvarianz des männlichen Geschlechts geht dieses eher Risiken ein, weil es weniger zu verlieren und mehr zu gewinnen hat.

Zeichnet sich in den modernen Industrienationen ein Ende der traditionellen Familie ab?

Nein, ca. 85% der Singles sind nicht freiwillig allein.
Es werden weniger Ehen geschlossen, aber die Zahl der unverheiratet zusammenlebenden Paare nimmt zu.
Ca. 75% aller deutschen Kinder wachsen mit beiden Elternteilen auf.

Was ist die evolutionäre Definition von Familie?

Mutter und Kind.
Durch die hohe parentale Investition beim Menschen muß der Vater auch dabeisein. Die Stabilität der Familie korreliert mit dem sozioökonomischen Status.

Warum werden nicht alle Kinder gleich behandelt?

Reproduktionswerte der Eltern und Kinder variieren: Je größer das Kind ist, desto größer ist sein Reproduktionswert, desto größer auch die Hilfe der Verwandten.
Der Reproduktionswert der Mutter sinkt mit dem Alter.
Das Risiko zur Kindstötung korreliert negativ mit dem Alter der Mutter.
Genetische Verwandtschaft: Stiefväter töten häufiger und schmerzhafter.
Geschlecht: Bei unsicherer Ressourcenlage wird eher in eine Tochter investiert: Geringere Reproduktionsvarianz, aber höhere Erfolgswahscheinlichkeit.

Welche evolutionäre Funktion hat das höhere Erwachsenenalter?

Dient der Investition in bereits existierende Träger der eigenen Gene.Varianz beim Alter der Menopause ist ähnlich wie bei der Menarche: immer später.

Wie kann die angeblich mangelnde Rationalität menschlicher Entscheidungen evolutionsbiologisch erklärt werden?

Tversky & Kahneman: Framing-Effekt:
Mangelnde Rationalität menschlicher Entscheidungen gehen auf fehlinterpretierte Überlegungen zurück. Ökologisch relevante Variablen wie Gruppengröße, Alter, Geschlecht, Verwandtschaftsgrad werden berücksichtigt.

Welche Rolle haben soziale Emotionen?

Evolutionärer Ausdruck eines auf soziale Interaktion ausgerichtetes Gegenseitigkeitsempfinden.
Psyche als soziales Kontrollorgan.

Was ist angeborene Umwelt?

Jeder Genotyp braucht spezifische Informationen aus der Umwelt, um einen Phänotyp entfalten zu können. Die Informationen müssen wie ein Schlüssel zu einem Schloß zum Genotyp passen. Diese Entfaltung eines optimalen Phänotyps aufgrund der Interaktion eines Genotyps mit einer angemessenen Umwelt kann man als Reifung definieren.
Bischof: Selektionseinflüsse vergangener Umwelten.

Lehrbuch - Kap.IV.1 - Kognitive, motivationale, emotionale Entwicklung

Was ist implizites bzw. intuitives Wissen bei Kindern?

Jüngere Kinder verstehen Sachverhalte, bevor sie sie selbst artikulieren können.

Was versteht Bischof-Köhler unter vorrationaler Verhaltenssteuerung?

Emotional bedingte Handlungssteuerung Im Gegensatz zur durch Einsicht und Voraussicht gekennzeichneten Handlungssteuerung.
Beispiel: Bindungsverhalten

Wie findet sich die Phylogenese in der frühen ontogenetischen Entwicklung wieder?

Drei Niveaus von Verhaltenssteuerung:

  1. Instinktiv vorrational: Bei Tieren und Kindern bis 2,5 Jahre
  2. Mentale Simulation von Problemlösungen: Menschenaffen und Kindern ab dem 2. Jahr
  3. Rationale Handlungsplanung: Auf den Menschen beschränkt, beginnt im Alter von 3,5 Jahren.

Was sind Instinkte?

Mechanismen der vorrationalen Verhaltenssteuerung, die nicht nur basale, sondern auch soziale Bedürfnisse umfassen.

Was sind Kognitionen im engeren und im weiteren Sinn?

Im engeren Sinn: Denken, Vorstellungen, Begriffe, Vernunft, rationale Einsicht
Im weiteren Sinn: Alle Leistungen, die einem Lebewesen ermöglichen, relevante Sachverhalte zur Kenntnis zu nehmen.

Welche Strategien haben sich im Laufe der Evolution entwickelt, um Probleme bei der Bedürfnisbefriedigung zu bewältigen?

Copingstrategien:

  • Supplikation (Hilfesuchen)
  • Aggression (Hindernis beseitigen)
  • Invention (Ausweg suchen durch Umweg)

Inwiefern sind Emotionen kognitiv?

Kognitiv im weiteren Sinne.
Vorrationale Verhaltenssteuerung.
Erfüllen zwei Kriterien:

  • Steuerung
  • Bewertung

Was ist die "natürliche Umwelt"?

Sammelbegriff für die Bedingungen, unter denen Instinkte und Emotionen evolviert wurden.
Eine natürliche Umwelt muß also solange konstant geblieben sein, daß die Adaption erfolgen konnte.

Was versteht man unter mentalem Probehandeln?

Handlungen und Ergebnisse werden zunächst simuliert.
Selbstkonzept: eng verknüpft mit der Fähigkeit zum mentalen Probehandeln. Das Selbst muß in Relation zu den Objekten gesehen werden.
Soziale Kognition: Empathie könnte ein Vorteil bei der Selektion gewesen sein.

Worin unterscheiden sich Menschen und Schimpansen?

Affen entwickeln keine Sprache. Sie können Symbolsprache lernen, wissen aber nicht, wozu.
Schimpansen können die Zeitdimension nur auf der Basis gegenwärtiger Antriebe in das mentale Probehandeln einbeziehen.
Beim Menschen äußern sich Bedürfnisse nicht in mehr im Verhalten, sondern in emotionalen Appellen. Dadurch erhöhte Flexibilität.

Über welche Fähigkeiten verfügen Neugeborene?

Neugeborene haben bereits Motive.
Wahrnehmung und Motorik sind wesentliche Erkenntnisquellen.
Emotionen sind verhaltensorganisierende und bewertende Mechanismen.

Wie entwickeln sich beim Menschen motorische Fähigkeiten?

Menschen bilden während der sensumotorischen Phase motorische Schemata aus.
Primäre Zirkulärreaktion (ab 2 Monate): Zufallsimpulse erzeugen im ZNS Bewegungsleitbilder (Schemata). Die ausgeführte Bewegung wird an die Sinnesorgane rückgemeldet und stimuliert evtl. Korrekturen und Wiederholungen.
Sekundäre Zirkulärreaktion (ab 3 Monate): Objekte werden in die Feedback-Schleife mit einbezogen.
Tertiäre Zirkulärreaktion (ab 1 Jahr): Die Aufmerksamkeit wird jetzt auf spezielle Qualitäten eines Objekts gerichtet. Schemata werden gezielt angepaßt.

Wie unterscheidet sich das Wahrnehmungslernen von Piagets Annahmen?

Piaget: Das Kind konstruiert aktiv die Katergorien (Objekt, Identität, Raum, Kausalität).
Neue Befunde: Neugeborene: Unterscheidung von Gerüchen, Fraben, Tönen, Orientierung nach einer Schallquelle (Stimme).
3 Monate: Formkonstanz, Figur-Grund-Gliederung4 Monate: Größenkonstanz
5-6 Monate: Objektpermanenz
6 Monate: anschauliche Kausalität des Anstoßens

Beschreibe kurz das Zürcher Modell!

Erklärt Bindung und Ablösung als Distanzregulation.
Detektorsysteme: Sicherheitssystem, Erregungssystem, Autonomiesystem. Diese weisen Sollwerte auf (Abhängigkeit, Unternehmungslust, Autonomieanspruch).
Das Sicherheits- und das Erregungssystem bilden eine negative Feedbackschleife. Der Ist-Sollwertvergleich erzeugt Appetenz oder Aversion.

Wie erklärt das Zürcher Modell Typ-C und Typ-A-Verhalten der Bindungstheorie?

Typ C: Unsicher ambivalent. Pendeln zwischen supplikativem und aggressivem Coping.
Typ A:Unsicher vermeidend.Chronische Herabregulierung des Sollwertes für Abhängigkeit.

Inwiefern besitzen Kinder bis 18 Monate schon Kognitionen?

Soziale Kognition: Alle Leistungen, die es ermöglichen, die psychische Verfassung anderer zu berstehen.
Selbstverständnis in den ersten 18 Monaten: Bezieht sich nur auf ein Kern-Selbst, nur Unterscheidung zwischen external-internal. Gefühlsansteckung: noch keine Empathie!

Was ermöglicht das Erlangen der Vorstellungstätigkeit im 2. Lebensjahr?

Kognitionen im engeren Sinn sind als Folge von Reifungsvorgängen zwischen dem 15. und 18. Monat möglich: Die Vorstellungstätigkeit setzt ein.Angetroffene Inhalte: Wahrnehmungen, unreflektierte ErwartungenVergegenwärtigte Inhalte: bildhafte und symbolische Repräsentationen

Was ist synchone vs. diachrone Identität?

Zwei Wahrnehmungskategorien.
Diachrone Identität: phylogenetisch älter. Ermöglicht Verknüpfung aktueller Reizmuster mit Gedächtnisspuren und bewirkt Objektpermanenz.
Synchrone Identität: Grundlage für mentales Probehandeln, Sprache, Selbsterkenntnis im Spiegel.

Was ermöglicht die Figur-Grund-Gliederung?

Fähigkeit zur Bildung von Konturen und Grenzen.
Verdinglichung: Gebrauch von Verben, Adjektiven, Präpositionen. Attribute, Prozesse werden als eigenständige Phänomene behandelt.
Verben wie Sehen und Hören werden benutzt für Tätigkeiten, die man nicht richtig fassen kann.

Was zeichnet echte Objektpermanenz aus?

Echte Objektpermanenz setzt das Einsetzen der Vorstellungstätigkeit voraus. Ein Objekt kann in der Phantasie transformiert werden.

Wie erfolgt die Sprachentwicklung?

  1. Phase des Sprachgebrauchs: nur konditionierte Reaktionen
  2. Phase: drastischer Anstieg der Lernquote, dragendes Ausdrucksverhalten und Erkenntnisstreben, Sprechen von abwesenden Sachverhalten (Vorstellung), großes Mitteilungsbedürfnis, Verdinglichung von Eigenschaften und Beziehungen

Was ist Selbstobjektivierung?
Was ist ein Indiz dafür?

Repräsentation des Selbst durch die einsetzende Vorstellungstätigkeit, das Selbst wird zum Objekt.
William James: "I" (unreflektiertes Selbst-Erleben) und "Me" (reflektiertes Ich-Bewußtsein).
Bischof: Figurales Ich (Verdinglichung), mediales Ich (Medium, Bezugssystem).

Ist Selbsterkenntnis das Resultat von Lernerfahrungen?
Nenne einen Befund!

In kulturvergleichenden Studien konnte gezeigt werden, daß auch Spiegel-unerfahrene Nomadenkinder sich mit 18 Monaten im Spiegel erkennen. Also ist die Selbsterkenntnis nicht erlernt.

Was passiert motivational und emotional im 2. Lebensjahr?

Wiederannäherungskrise / Trotzphase
Zwischen 12 und 18 Monaten ist das Kind in einer ruhigen Übungsphase. Keine Fremdenfurcht, Exploration, Funktionslust wegen motorischer Fähigkeiten.Ab dem 2. Jahr zeigt sich wieder Fremdenfurcht, erhöhte Abhängigkeit, erhöhter Autonomieanspruch.Selbstbewertende Emotionen: Scham, Stolz, Schuld.

Wie kann die erneute Fremdenfurcht im Laufe des 2. Lebensjahres erklärt werden?

Steigender Autonomieanspruch, während gleichzeitig durch die entwickelnden Ich-Grenzen die größere Distanz zur Bezugsperson wahrgenommen wird. So ruft das Sicherheutssystem Appetenz hervor. Motivkonflikt.

Was ist Empathie?
Warum hängt sie mit Selbsterkennen zusammen?

Empathie: Konsequenz der Selbstobjektivierung bzw. Selbsterkenntnis.
Erfahrung der unmittelbaren Gefühlslage anderer Personen. Einsicht in fremde Emotionalität, die Emotion kann aber vom Selbst abgegrenzt werden (nicht Gefühlsansteckung).
Bischof-Köhler: Der Spielpartnerin geht die Puppe kaputt.Zusammenhang mit Rouge-Test (Ich-Andere-Unterscheidung)

Was sind die Folgen des Erwerbs von Empathie?

Prosoziale motivationale Konsequenzen: MitleidSozial negative: Schadenfreude, Neid

Welche zwei Formen von Lernen durch Beobachtung gibt es?

Lernen am Modell: eine andere Person macht die Erfahrung.
Synchrone Identifikation und Imitationslernen:
Prozeßorientiertes Nachahmen: exaktes Kopieren
Ergebnisorientiertes Nachahmen: Einsicht in die Relevanz des Verhaltens zu Lösung von Problemen.

Was ist eine Theory of mind?
Wie wird festgestellt, ob ein Kind eine solche besitzt?

System impliziter und expliziter Hypothesen über Bewußtseinsvorgänge anderer Menschen. (Intentionen, Wünsche, Ziele, Einstellungen, Wahrnehmung, Emotionen)
Festellung durch der Erkennung von "false beliefs". Erst 4jährige können erkennen, daß die Puppe Maxi am falschen Ort sucht. Auch erkennen sie falsche Meinungen an anderen und sich selbst, bewußte Täuschung, echte Perspektivenübernahme tritt auch auf.

Welche Leistungen setzen eine Theory of mind voraus?

Differenzierung zwischen Angetroffenem und Vergegenwärtigtem. Empathisch nachvollzogene Zustände werden durch die Lage jenseits der bereits entwickelten Ich-Grenze qualitativ dem "figuralen Du" zugeordnet.

Von welchen Faktoren ist die Fähigkeit zur Verselbständigung abhängig?

Verselbständigung = Fähigkeit, vorübergehende Trennung von Bezugspersonen auszuhalten.
Abhängig von:

  • Bindungssicherheit
  • kognitiven Faktoren (Belohnungsaufschub)
  • Bewußtsein über eigene Kompetenz (Selbstwirksamkeit)

Was ist Geschlechtspermanenz?
Was sind die Folgen?

Wird mit 3-5 Jahren erworben. Vorher wird das geschlecht der Eltern zwar erkannt, bleibt aber unverbindlich. Die Familie ist eine Einheit
Mit der Theory of mind brechen die eigene, die väterliche, die mütterliche Perspektive auseinander. Dann rückt auch der gleichgeschlechtliche Elternteil näher.

Welchen Unterschied gibt es zwischen Raufen und Aggression?
Wie ist ersteres zu erklären?

Im spielerischen Raufen (ab 3 Jahren) werden Coping-Strategien geübt.
Erklärung durch Zürcher Modell: Nach spezifischer Exploration entsteht Erregungsappetenz, die dann durch diversiver Exploration (Raufen) gestillt wird.

Haben Kinder bereits einen Sinn für ihre Ranghöhe und die der anderen?

Eine Theory of mind erlaubt es, sich selbst in Realtion zu anderen im Kontext einer Hierarchie zu sehen. Ranghöhe kann operationalisiert werden durch die Aufmerksamkeit, die das Kind erhält.

Lehrbuch - Kap.V.1: Im Zentrum steht das Wort

Von welchem Ansatz legt Grimm für die Sprachentwicklung aus?

Funktion statt Struktur.
Das Wort steht am Anfang und im Zentrum der Sprachentwicklung. Kinder entwickeln Sprache wegen der kommunikativen Funktion.Spracherwerb ist genetisch vorbereitet.

In welchem Zeitrahmen vollzieht sich der Spracherwerb?

10-12. Monat: erste Wörter
Das Zeitfenster der Entwicklungsaufgabe "Spracherwerb" erstreckt sich bis zum 5 Jahr.

In welche Kompetenzbereiche läßt sich die Sprachfähigkeit unterteilen?

Prosodische Kompetenz: Betonung, Rhytmik, Lautheit, Länge, Tonhöhe, Pausen
Linguistische Kompetenz: Grammatik, Wortbildung, Satzbildung, Wortschatz
Pragmatische Kompetenz: Sprachliches Handeln, Konversations-Kohärenz

Welchen Bedeutungsgehalt haben die ersten gesprochenen Wörter?

Ausdruck von Affekten und soziale Interaktion.

Wie kann intrauterines Lernen nachgewiesen werden?

Entwicklung vom Laut zum Wort wird vorbereitet.Föten reagieren mit Augenpressen auf Sprachlaute, vor allem der Mutter.

Nenne die fünf Stadien vom Laut zum Wort!

  1. Stadium der ersten Laute (bis 1 Monat)
  2. Gurr-Stadium (2-3 Monate)
  3. Expansions-Stadium (4-5 Monate)
  4. kanonisches Lallstadium (6-9 Monate)
  5. Stadium der ersten Wörter (10-14 Monat)

Welche vier Regeln der Sprachwahrnehmung postulieren Trehub und Trainor?

  1. frühkindliche Reaktion auf Sprachlaute
  2. Präferenz für die Stimme der Mutter
  3. Differenzierungsleistungen anhand prosodischer Merkmale
  4. Aufmerksamkeit für "baby-talk"

Nenne einen Befund, der zeigt, wie Säuglinge die Muttersprache von Fremdsprachen unterscheiden können!

Habituierungs-Dishabituierungs-Paradigma: Messung der Saugrate während der Präsentation der Muttersprache und einer anderen Sprache.

Was sind Vorausläuferstrategien?

Einfachere Mechanismen, die den Spracherwerb vorbereiten.
Affektive und kognitive Grundfähigkeiten:

  • Einzigartigkeit menschlicher Sprache
  • Interindividuelle Varianz des Lerntempos
  • Sprachbezogene Entwicklungsstörungen

Wie trägt die affektgesteuerte Aufmerksamkeit zum Spracherwerb bei?

Säugling richtet die Aufmerksamkeit auf das Gesicht der Mutter. Die affektiv gefärbte Mimik der Mutter und der Sprachausdruck hängen für das Baby zusammen, bilden eine funktionale Einheit.

Inwiefern ist die Kognition nichtsprachliche Voraussetzung für den Spracherwerb?

Entwicklung reizverarbeitender Strukturen.
Jeder bedeutende Schritt in der Sprachentwicklung korrespondiert mit einer non-verbalen Vorausläuferfähigkeit.

Inwiefern sind vorsprachliche Gesten Voraussetzung für den Spracherwerb?

Auch Vorausläuferfähigkeit.
Man unterscheidet vor-symbolische, referentielle und konventionalisierte Gesten.
Positive Korrelation zwischen Gesten
Häufigkeiten mit einem Jahr und dem Wortschatz acht Monate später.

Gibt es eine angeborene Universalgrammatik à la Chomsky?

Nein. Grammatik ist keine Voraussetzung für den Spracherwerb, sondern Ergebnis.
Große individuelle Unterschiede beim Spracherwerb zeigen, daß universelle Muster wohl nicht angeboren sind.

Welche Rolle spielt der soziale Interaktionskontext für den Spracherwerb?

Didaktisches Eltern-Kind-System.
Intuitives Elternprogramm: "baby-talk", Wechsel zwischen Altem und Neuem, optimale Anregung, Unterstützung des Blickkontaktes, kontingentes Eingehen auf kindliches Verhalten (Nachahmung).

Wieso können grammatikalische Regeln im sozialen Interaktionskontext besonders gut erworben werden?

Hoff-Ginsberg: 3 Phasen der Enticklung der grammatikalischen Kompetenz:

  1. Intentionales Einsetzen von Gesten (8-11 Monate)
  2. Kinder verwenden selbst sprachliche Ausdrücke, um ihre Intention auszudrücken (ab 16 Monate)
  3. Sprachliche Ausdrücke nehmen rasch an Vielfalt und Länge zu. (2,5 Jahre)

Wie unterscheidet sich das explosive Wortlernen nach der 50-Wort-Grenze von der langsamen Sprachlernphase zuvor?

Die 50-Wort-Grenze wird mit 18 Monaten erreicht. Parallel mit Einsetzen der Vorstellungstätigkeit. Viel schnellere Zuordnung statt Paarassoziationen. Dadurch Übergeneralisierung oder Überdiskriminierung.
Kinder erkennen jetzt Einschränkungen einer möglichen Bedeutung eines Wortes.

Nenne einen Befund dafür, daß nach der 50-Wort-Grenze eine zunehmende Kategorisierung als Strategie des Spracherwerbs erfolgt!

Eine bloße Nennung einer Phantasiebezeichnung reicht aus, um bei 4-5jährigen eine taxonomische statt einer thematischen Objektwahl auszulösen. (Kuh zu Schwein statt zu Milch)

Was sind late-talkers?
Was sind mögliche Folgen?

Kinder, die mit 2 Jahren noch immer keine 50 Wörter beherrschen.
Es kann in Folge zu einer allgemeinen psycho-sozialen Entwicklungsstörung kommen.

Lehrbuch - Kap.V.4: Spiel- und Explorationsverhalten

Was ist distale, was proximale Exploration?

Distale Exploration: Ohne physischen Kontakt mit dem Objekt, also visuell, auditiv oder epistemisch.
Proximale Expoloration: Manipulative und taktile Handlungen.

Was ist Zweck von Spiel- und Explorationsverhalten?

Informationserwerb. Objekteigenschaften, Interaktion mit der Umwelt.
Kompetenzbestreben und Herstellung von Bedeutung.

Welchen evolutionären Ursprung könnte Spiel- und Explorationsverhalten haben?

Ultimate Ursache: Adaptionsvorteil. Ermöglicht auf ungefährliche Weise das Erlernen sozialer Regulationsmechanismen, einer größeren Flexibilität des Verhaltens und das Üben komplexer sensumotorischer Schemata.

Wie wird Exploration in der Bindungstheorie gehandhabt?

Bindungs-Explorationsbalance. Rolle der Mutter als sichere Basis. Positiver Zusammenhang zwischen Exploration und sicherer Bindung.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen symbolischem Spiel und Sprachentwicklung?

Erwerb von Transformationsleistungen findet zuerst im Spiel, dann in der Sprache statt.
Beide Leistungen sind von der Entwicklung repräsentationaler Fähigkeiten abhängig.

Lehrbuch - Kap.V.5 - Geschlechtliche Selektion und Individualentwicklung

Was ist geschlechtsspezifisch vs. geschlechtstypisch?

Geschlechtsspezifisch: qualitativ, betreffen die körperbaulichen, funktionalen und verhaltensmäßigen Merkmalsausprägungen.
Geschlechtstypisch: quantitativ. Betreffen nicht die Art, sondern den Umfang der Merkmalsausprägung (z.B. Körpergröße)

Was ist psychisch der Hauptunterschied zwischen den Geschlechtern?

Zwei verschiedene Reproduktionsstrategien:
Qualitativ (Frauen, wenige große, nährstoffreiche Keimzellen)
Quantitativ (Männer, viele kleine, bewegliche Keimzellen)

Dadurch unterschiedliches parentales Investment, und dadurch unterschiedliche Interessen.

Warum gibt es überhaupt das männliche Geschlecht?

Zweigeschlechtliche Vermehrung, damit die Gene immer wieder neu gemischt werden.
Eine Alternative: Große nährstoffreiche Keimzellen.
Andere Alternative: Kleine nährstoffarme Keimzellen.
Beide Alternativen haben ihre Nische und setzten sich bei der Evolution durch.

Welche zwei Reproduktionsstrategiengibt es?
Wieso sind sie entstanden?

Qualitativ (Frauen, wenige große, nährstoffreiche Keimzellen)
Quantitativ (Männer, viele kleine, bewegliche Keimzellen)
Größere Reproduktionsvarianz: Ein Mann kann viel mehr Kinder haben, aber auch eher kinderlos bleiben als eine Frau. Einerseits setzten sich die kleinen Keimzellen durch, die am schnellsten waren, und die großen weiblichen Keimzellen wurden immer träger und größer.

Was ist der Unterschied zwischen natürlicher und geschlechtlicher Selektion?

Natürliche Selektion: Überleben adaptiver Merkmale.
Geschlechtliche Selektion: Überleben der Merkmale, die Vorteile im innergeschlechtlichen Konkurrenzkampf haben.

Was sind die Folgen des unterschiedlichen parentalen Investments zwischen Mutter und Vater?

Männer: stecken wenig in viel Nachkommen
Frauen: stecken viel in wenig Nachkommen.Daraus ableitbar:

  • väterliche Unsicherheit (sexuelle Eifersucht)
  • männliche Neigung zum Partnerwechsel
  • reproduktive Varianz bei Männern höher (sehr viel mehr Kinder oder auch keine)

Nach welchen Kriterien verläuft die weibliche und die männliche Partnerwahl?

Weibliche Partnerwahl: Gute gene und Ressourcen. Männer müssen Ehrgeiz, sozialen Status und Gesundheit haben, um die Kinder gut versorgen zu können.
Männliche Partnerwahl: Reproduktionserfolg. Physische Attraktivität, Gesundheit der Frau.

Was ist Spermakonkurrenz?

Frauen gehen während der fruchtbaren Tage häufiger fremd, häufiger Sex mit dem Partner.
Frauen, die die Spermakonkurrenz anheizen, geben ihren Söhnen einen Wettbewerbsvorteil mit.

Wieso weist das männliche Geschlecht eine höhere Anfälligkeit auf?

Männer haben eine geringere Lebenserwartung, sind genetisch schlechter abgeschirmt. Männer sind risikobereiter, um ihre Chancen zu erhöhen (Reproduktionsvarianz).

Wie ist die hohe männliche Aggressionsbereitschaft evolutionär zu erklären?

Hohe männliche innergeschlechtliche Konkurrenz."Young aggressive male syndrome" (Daly & Wilson)
Junge unverheiratete Männer zeigen die höchste Gewaltbereitschaft. Opfer sind auch meist Männer gleichen sozialen Ranges.

Was besagt die Statushypothese?

Fehlende Initialisierungsrituale schafft ein Rollenvakuum. Deliquentes Verhalten wird als relevant angesehen und nachgeahmt. Jungen neigen wesentlich stärker zur Ausbildung von Ranghierarchien.

Warum haben Männer ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen, Frauen dagegen ein besseres räumliches Erinnerungsvermögen?

Frauen orientieren sich an s.g. Landmarks: Sammler müssen gute Stellen wiederfinden.Männer finden sich besser zurecht: Jäger müssen sich gut orientieren können.

Wie unterscheiden sich die sozio-kommunikativen Fähigkeiten zwischen den Geschlechtern?
Warum?

Bei Frauen stärker ausgeprägt: Sozio-kommunikative Fähigkeiten und Fürsorgeverhalten.
Junge Mädchen und auch nicht-Primaten zeigen Interesse an solchen Spielen.Typisch weibliche Fähigkeiten sind für die Versorgung des Babys gut.

Erläutere die epigenetische Sicht für die ontogenetische Entwicklung des Geschlechtsunterschiedes!

Das Y-Chromosomen sorgt für die Ausbildung des gonadalen Geschlechts, das wiederum sorgt für die Ausprägung des hormonellen Geschlechts.
Die hormonelle intrauterine Umwelt und die Sozialisation sorgen für die Ausbildung geschlechtstypischer Merkmale. Die artspezifische genetische Ausstattung sorgt aber erst dafür, welche Umwelt ein Individuum hat. (Selbstsozialisation)

Nenne Befunde, die zeigen, daß rein sozialisatorische Einflüsse nicht als primär für die Entwicklung der Geschlechtsidentität anzusehen sind!

Mädchen mit AGS-Syndrom (adrenogenitales Syndrom mit hoher intrauteriner Testosteron-Konzentration) und Jungen mit 5alpha-Reduktase-Mangel.

Wie erfolgt die Geschlechtsrollenübernahme?

Auf der Basis der genetischen Disposition mit dem Erwachen der subjektiven Geschlechtsidentität (2-3 Jahre) und dem Wissen um die Geschlechtskonstanz.
Kinder suchen sich ihre Umwelt selbst aus, Jungen finden Puppen langweilig, Mädchen Autos.

Welche Befunde gibt es für geschlechtstypische Spielpräferenzen?

!Ko-Kinder werden nicht in Geschlechterrollen gedrängt, deren Spielverhalten wurde untersucht: Die Kinder wählten gleichgeschlechtliche Spielpartner, Jungen wählten typische Spiele (Raufen, Erforschen), Mädchen auch (Tanzen, Mutter-Kind-Spiele)
Spielzeugvorlieben von 750 sechsjährigen in den USA stimmten überein.

Welchen Einfluß hat die Sozialisation auf die Reproduktionsstrategie?

Kulturübergreifend dauern Beziehungen ca. 4 Jahre lang. Das könnte der Dauer einer phylogenetisch evolvierten "Brutzeit" entsprechen.
In der modernen Gesellschaft herrscht die Monogamie vor. Dies kann dazu gut sein, die Aggressivität der jungen, unverheirateten Männer zu dämpfen.

Was kann man zur Gleichbehandlung der Geschlechter sagen?

Da die Geschlechter unterschiedlich sind, darf man sie nicht gleich behandeln. Damit Männer und Frauen gleich werden, müssen sie unterschiedliche behandelt werden.

Handbuch - Kap.I.1: Humanethologische Perspektive

Nenne verschiedene Kindheitskonzepte!

Theory-of-mind-Ansatz: Einzelne Stadien werden als eigenständige Erlebniswelten mit eigenen Gesetzmäßigkeiten verstanden.
Defizitäres Erwachsenenmodell: (Kompetenzen des Babys werden zwar herausgestellt, werden aber nicht als Qualitäten verstanden, sondern als Stadien auf dem Weg zum Erwachsenen)

Was versteht man unter impliziter Entwicklungstheorie?

Frage nach der Kontinuität oder Diskontinuität der menschlichen Entwicklung.
Kontinuität der Selbsterfahrung über den Lebenslauf hinweg. Frühere Strukturen bedingen spätere, und Eltern haben irgendeinen Einfluß auf die Entwicklung.

Was ist die grundlegende Arbeitshypothese der Humanethologie?

Menschliches Verhalten kann nur unter Einbeziehung seiner Phylogenese verstanden werden.

Welche Methoden benutzt man vor allem in der Humanethologie?

Vergleichende Methoden:

  • Vergleich von Verhaltensweisen zwischen Menschen mit sensorischen Ausfällen und Gesunden
  • zwischen höheren Tieren und Menschen
  • Kulturvergleich

Nenne die wichtigsten phylogenetischen Anpassungen der frühen Kindheit!

Das Kind ist während seiner Ontogenese an die Anforderungen seines Lebens angepaßt, indem mütterliches und kindliches Verhalten aufeinander abgestimmt sind.

Was ist Zeichen einer sicheren Bindung zur Mutter?

Protest des Kindes mit Weinen, Schreien, wenn es gegen seinen Willen von der Mutter getrennt wird.

Wie kann man aus humanethologischer Sicht das Fremdeln erklären?

Im Fremdel-Alter haben Kinder ein stärkeres soziales Interesse, das mit dem Sicherheitsbedürfnis in Konflikt steht.

Welche Funktionen haben die Bindungen an andere Personen als der Mutter?

Lernen sozialer und anderer Kompetenzen, da sich das Kind auf unterschiedliche Persönlichkeiten einstellen muß. Durch mehr Sozialbeziehungen wird eher das Bedürfnis nach körperlicher, emotionaler und intellektueller Stimulation erfüllt.

Welche Interaktionsmechanismen sind daran beteiligt, eine Bindung aufzubauen?

  • Stillen
  • Körperkontakt
  • Weinen
  • Baby-Talk
  • Kindchenschema
  • Dialoge
  • Intuitives Elternverhalten

Wie lockert sich die enge Bindung zwischen Mutter und Kind wieder?

Im Alter von 2-3 Jahren erfährt das Kind einen Selbständigkeitsschub, der traditionell mit der Zeit des Abstillens verbunden ist, oft auch mit einer neuen Schwangerschaft der Mutter.
Das Kind kommt in eine Spielgruppe: erweitertes soziales Netzwerk.
Beide müssen den anderen freigeben, was in der Pubertät noch einmal ein großes Thema ist.

Wie kommt kulturelle Variation zustande?

Kinder lernen von ihren Bezugspersonen nicht nur Verhaltensweisen, sondern auch Verhaltensnormen.

Handbuch - Kap.I.2: Die Bindungstheorie

Was ist Bindung?

Besondere Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern oder Bezugspersonen. Bindung ist im Gefühl verankert und verbindet das Individuum mit anderen, besonderen Personen über Raum und Zeit hinweg.

Was war und ist jetzt zentrales Thema der Bindungstheorie?

Bowlby entwickelte die Theorie als klinische theorie, um die vielen Formen von Persönlichkeitsstörungen zu erklären, die durch ungewollte Trennung und Verlust ausgelöst werden.
Thema heute noch: Auswirkung der Bindungen auf den lebenslauf und die Organisation von Gefühlen.

Wie erfolgt die empirische Umsetzung der Bindungstheorie?

Fremde Situation: Standardisierte Beobachtungssituation.

Wie ist die Ethologie in der Bindungstheorie verankert?

Verhaltensbobachtung als grundlegende empirische Methode.Begriff der Verhaltenssysteme.

Was ist Bindungsverhalten?
Welchen Unterschied gibt es zur Bindung als Organisationsstruktur?

Eine Klasse von variablen Verhaltensweisen (Weinen, anklammern, rufen,...), die das Kind mit seiner Bindungsperson in Verbindung bringen soll.
Sie werden nur dann geäußert, wenn das Bindungssystem aktiviert wird.
Bindung als Organisationskonstrukt dagegen stellt die innere Organisation des Bindungsverhaltenssystems und der zugehörigen Gefühle dar.

Welche Phasen der Entwicklung der Bindung postuliert Bowlby?

Phase 1 und 2 (3-6 Monate): Verhalten noch nicht auf spezielle Personen gerichtet. Erst ab dem 4. Monat werden Individualdetektoren gebildet.
3. Phase (6 Monate - 3 Jahre): Bindung tritt klar an eine spezielle Person zu Tage.
4. Phase (ab 3 Jahre): Zielorientierte wird zu zielkorrigierten Partnerschaft.

Was ist nach Bowlby ausschlaggebend für das gelingen einer sicheren Bindung, und wie entstehen unsichere Bindungsqualitäten?

Sozio-emotionale Erfahrungen des Kindes mit der Bindungsperson. Qualität der Bindung ist umwelt-labil.
Ausmaß an Zugänglichkeit bzw. Verfügbarkeit er Bezugsperson im Hinblick auf die emotionalen Bedürfnisse des Kindes.

Wie sind nach Bowlby Bindungsqualitäten verinnerlicht?

Sie sind als Arbeitsmodelle verinnerlicht.Inneres Arbeitsmodell: Repräsentation internalisierter und später u.U. reinterpretierter emotionaler Bindungserfahrungen.

Was ist mütterliche Feinfühligkeit nach Ainsworth?

Besteht aus vier Komponenten:

  1. Wahrnehmung
  2. richtige Interpretation der Äußerungen des Babys
  3. prompte Reaktion
  4. angemessene Reaktion

Wie unterscheiden sich 6 Monate alte Babys feinfühliger Mütter von anderen Babys?

  • zeigten eine harmonische Bindungs-Explorations-Balance
  • weinten seltener
  • äußerten weniger Ärger, Aggression und Ängstlichkeit
  • verhielten sich kooperativer (gingen auf Ge-/Verbote ein)
  • vokalisierten mehr und differenziertere Laute

Wie wird durch die fremde Situation die Bindungsqualität erfaßt?

Bezugsperson = Sicherheitsbasis und Trostspender.
Das kritische Verhalten setzt dann ein, wenn die Bezugsperson zurückkehrt, denn hier läßt sich am kindlichen Verhalten die Erwartung an die Bindungsperson ablesen.
Skalen: Nähe suchen, Nähe erhalten, Kontaktwiderstand, Vermeidung

Beschreibe die Bindungskategorien!

B: Sicher gebunden: Suchen bei der Rückkehr Nähe und Trost, Interaktion, zeigen Freude über die Rückehr (30-60%)
A: Unsicher-vermeidend: Zeigen kaum trauer, lassen sich von Fremden trösten, ignorieren und meiden die Bindungsperson nach der Rückkehr. Das tatsächliche Streßniveau ist aber hoch. (30-50%)
C: Unsicher-ambivalent: Hohe Ängstlichkeit vor der Trennung, sehr aufgeregt, sofortiges Nähe suchen, dann aber Kontaktwiderstand und Agression.

Nenne einige längsschnittliche Zusammenhänge der Bindungsqualität mit einem Jahr!

5-Jährige: B-Kinder zeigten öfter konzentriertes Spielen mit Angebotenan andere, kompetenteres, selbständiges Konfliktmanagement, weniger Verhaltensauffälligkeiten.
Interaktion Geschlecht/Bindungsqualität: B-Mädchen schnitten am besten ab.6-Jährige: Unsicher gebundene Kinder verhalten sich normorientierter (höflich-zurückhaltend).
10-Jährige: korrelation von elterlicher Unterstützungshaltung bei emotionaler Belastung.B-Kinder waren offener.

Sind gute Bindungspersonen auch gute Spielpartner?

Bei den Mutter-Kind-Dyaden war die Bindungsqualität unabhängig von der Qualität der Mutter als gute Spielpartnerin.
Bei den Vater-Kind-Dyaden waren die beiden Qualitäten korreliert.

Welche neurobiologischen Befunde gibt es zur Bindung?

Alle Kinder zeigten einen Herzfrequenzanstieg, auch die unsicher-vermeidenden, die auf den ersten Blick kaum belastet erscheinen.
Cortisolanstieg wurde auch bei allen festgestellt. Bei den sicher gebundenen kindern konnte man einen leichten Abfall des Cortisolspiegels feststellen.

Gibt es Geschlechtsunterschiede in der Bindungsentwicklung?

Größere Störanfölligkeit der Verhaltensorganisation von Jungen. Bei Mädchen häufiger Ärger.
Mütter geben sich verschieden feinfühlig gegenüber Mädchen und Jungen.
Jungen mit unsicherer Bindung erhielten von den Eltern am wenigsten Instruktionen und Hinweise, bei Mädchen gab es keinen Unterschied.
Jungen mit unsicherer Bindung: Häufiger aggressives Verhalten, weniger hilfsbereit., erhielten weniger Hilfe.
Unsicher gebundene Mädchen: zurückhaltender, viel Beschwichtigungsverhalten, erhalten viel Schutz und Hilfe.

Wie kann die Bindungsrepräsentation von Erwachsenen erhoben werden?

Adult Attachement Interview
Als die Kinder 1 Jahr alt waren, stimmte die Bindungsklassifikation zu 76% mit der mütterlichen überein. Bei der Vater-Kind-Bindung waren es 73%.
Klassen: sicher-wertschätzendunsicher-abwertend

Wie wirkt sich die Bindung auf Affektregulation und Selbstwert aus?

Die die Annahme eines Arbeitsmodells im Sinne Bowlbys kan erklärt werden, warum eine Person, die Gefahr läuft, von ihren Gefühlen überwältigt zu werden, mit Abwehrverhalten reagiert, während eine andere Person über ausreichende Kompetenz verfügt, um ihr Selbstsystem in einem anpassungsfähigem Zustand zu halten.
Sichere Bindung: Höhere Ich-Flexibilität, soziale Kompetenz, eher klare Identität, weniger Feindseligkeit.

Handbuch - Kap.I.3: Die vergleichende Perspektive

Was versteht man unter Fitnessmaximierung?

In der Evolution geht es nur darum, daß die eigenen Gene überleben. In den Genen müssen auch "Regieanweisungen" kopiert sein, die für Vehaten sorgen, das die Reproduktionschancen erhöhen.

Wozu dient der vergleichende Ansatz der Evolutionsbiologie?

Macht evolutionäre Trends sichtbar, die den Menschen auf sein natürliches Maß zurückstutzen oder Besonderheiten klarer herausstellen.

Was ist elterliches Investment, elterliche Fürsorge und elterlicher Aufwand?

Elterliche Fürsorge: jede Form elterlichen Verhaltens, das dazu dient, die Fitness der Nachkommen zu erhöhen
Elterlicher Aufwand: jede leistung, die Eltern für ihre Kinder aufbringen (Zeit, Energie, Ressourcen)
Elterliches Investment: jede Form elterlicher Fürsorge, die die Fitness des Kindes steigert, aber gleichzeitig die eigenen Überlebenschancen mindert.

Erläutere Trivers Theorie, wie wurde sie kritisiert?

In der Zeit des Abstillens kommt es zu Konflikten zwischen Eltern und Kind.
Die Mutter versucht, Ihre Ressourcen auf alle Kinder aufzuteilen, woraus folgt, daß ältere Kinder zurückstecken müssen.

Wozu dient elterliche Fürsorge?

Die eigene Fitness zu maximieren. Reproduktiver Erfolg der Nachkommen.

Was postuliert das Trivers-Willard-Modell?

Eltern sollten vorzugsweise in genetische Hoffnungsträger investiren, da sie die eigene Fitness maximieren. Männchen haben größeres Fortpflanzungspotential, aber auch höhere Varianz.Mütter mit hohem sozialen Status investieren eher in Töchter, Mütter mit niedrigem Status eher in Söhne.

Warum kümmern sich einige Primaten-Väter um ihren Nachwuchs, die meisen jedoch nicht?

Wenn die Aufzucht so lange dauert und so schwierig ist, helfen die Männer.
Aber nur dann.

Wie erklärt die sexuelle Selektion Kindstötungen?

Männchen töten die Kinder anderer Männchen, um ihren eigenen Genen einen Vorteil zu verschaffen.

Handbuch - Kap.I.4: Die soziobiologische Perspektive

Nenne proximate und ultimate Gründe dafür, warum Menschen Kinder bekommen!

Proximate Gründe:

  • gesellschaftliche Normen
  • psychologisch grundgelegter Kinderwunsch
  • Lust am Geschlechtsverkehr

Ultimate Gründe:

  • reproduktive Interessen
  • Gene vermehren

Welche Befunde gibt es zum Trivers-Willard-Modell?

In Upper-class-Familien werden 90% der Söhne gestillt, aber nur 60% der Töchter.
In einkommensschwachen Famlien zeigt sich das Gegenteil. Dies läßt sich kulturübergreifend beobachten.

Widerspricht das Krummhörn-Beispiel dem Trivers-Willard-Modell?

Die Aufzeichnungen aus Krummhörn widersprechen dem Trivers-Willard-Modell:
Töchter hatten bessere Chancen, Mortalitätsrate der Jungen nahm mit steigender Brüderzahl zu.
Sonderfall hier: Zuviele Söhne würden das Erbe auf zuviele Individuen aufteilen.

Wie kann Adaption und Kindstötung erklärt werden?

Adoption: Generelles, selektionsbedingtes Helfersystem.
Kindstötung: Maximierung der Fitness des Täters. Oder Überforderung junger Mütter.

Warum sind Interessenkonflikte zwischen Mutter und Kind evolutionär bedingt?

Jedes Kind fordert zum Nachteil seiner Geschwister mehr, als die Mutter geben will.Kinder, die viel schreiben, behindern durch den häufigen Brustkontakt die Produktion weiterer Kinder.

Handbuch - Kap.I.9: Kontinuität und Entwicklung

Was ist Kontinuität?

Bezogenheit von späterem Verhalten auf früheres. Eine Reihe miteinander zusammenhängenden Zuständigkeiten. Verbundenheit von Verhalten, Zusammenhang von Veränderungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Inwiefern unterscheidet sich das Konzept der sensiblen Phase in der Entwicklungsgenetik von der in der kognitiven Psychologie?

Kognitive Psychologie: Erfahrungs-Erwartungsmodell. In der frühen Kindheit existieren noch 50% mehr Synapsen, neurobiologisch wird ein ein breites Spektrum potentieller Erfahrungen erwartet. Spezifische Erfahrung sorgt dafür, daß aktivierte Synapsen nicht abgebaut werden.
Entwicklungsgenetik: Keilhypothese, SOK-Modell, das Modell der epigenetischen Landschaft, Schaufelmodell (diese widersprechen dem oberen)

Was ist homotypische bzw. phänotypische Kontinuität?

Homotypische Stabilität: Zusammenhänge von Verhalten zu mehreren Zeitpunkten. Starke und schwache Form.
Phänotypische Kontinuität: Ein Merkmal verändert sich nach dem Erwerb der Fertigkeit kaum.

Was ist Homologie?

Ähnlichkeiten aufgrund genetischer Verwandschaft.
Entfernte Homologie: A und B korrelieren durch gemeinsame Reifungsfaktoren
Spezifische Homologie: A und B sind Ausdruck von C
Lokale Homologie: A und B sind differentieller Ausdruck von C, sie korrelieren nur zu bestimmten Zeitpunkten.

Was versteht man unter struktureller Kontinuität?

Kontinuität auf der Ebene der Verhaltensorganisation.
Struktur von Verhaltenssystemen.
Retrospektiv oder prospektiv: Nicht alle verhaltensauffällige Kinder werden erwachsene Psychotiker, aber alle Psychotiker waren verhaltensauffällige Kinder.

Was ist Holismus?

Im Kontext der Kontinuitätsdiskussion: Beziehung zwischen Variablen. also das gesamte Zusammenhangsmuster berücksichtigen. So können unterschiedliche Verhaltensweisen zu zwei Zeitpunkten das gleiche bedeuten, gleiche Verhaltensweisen je nach Zusammenhang unterschiedliches.

Was ist die differentielle Perspektive?

Entwicklung als zunehmende Differenzierung bei zunehmender Integration.
Individuelle Subsysteme werden immer weiter spezialisiert, während das gesamte System an Gleichgewicht und Zentralisation zunimmt.

Beschreibe das "Konzept der Entwicklungsphasen!"

Psychobiologischer Ansatz (Keller)
Erste Entwicklungsaufgabe: Erwerb der Bindungsbeziehung. Interaktion des Babys mit seiner Mutter. Die Interaktionen müssen bestimmte Merkmale aufweisen, damit das Entwicklungsziel erreicht wird.
Intuitives Elternprogramm. Umgebungskontinuität wird begriffen.
Die menschliche Entwicklung ist in Aufgaben organisiert, die das Produkt aus inividueller Leistung, kultureller und gesellschaftlicher Anforderung bestehen.

Was ist eine Fokalzeit?
Was ist der Unterschied zur sensiblen Phase?

Eine Entwicklungsaufgabe ist die Beherrschung des visuellen Systems. Ihr Ergebnis äußert sich am deutlichsten während der dazugehörenden Fokalzeit mit Funktionslust. Das Verhalten wird exzessiv geübt.
Sensible Phase: In deiser Zeit übt ein Reiz einen bedeutsamen Einfluß auf die weitere Entwicklung aus.

Wieso kann eine unsichere Bindung nicht so dysfunktional sein wie bisher angenommen?

Es gibt 40% unsicher gebundene Babys. Das kann kein Unfall der Natur sein.
Belsky, Steinberg, Draper: Konsequenz ist früher Pubertätseintritt, frühes Einsetzen sexueller Aktivitäten, keine stabile Partnerwahl, geringe Bereitschaft zur elterlichen Investition (quantitative Reproduktionsstrategie)

Welche Ansätze gibt es zu intergenerationeller Kontinuität?

Bindungstheoretische Ansätze: Die Qualität der Bindungsbeziehung zu der eigenen Herkunftsfamilie ist im Zusammenhang mit den Verhaltensweisen im Umgang mit dem eigenen Kind zu sehen.
Evolutionsbiologische Überlegungen: Das internale Arbeitsmodell wird als Anpassung für ein optimales reproduktionsstrategisches Kalkül verstandne. Kontinuität zwischen den in der früheren Ontogenese gemachten Erfahrungen und dem eigenen Elternverhalten.

Nenne ein Beispiel für kontextuelle Kontinuität!

Bedeutung des Kontextes für die Ausbildung von Verhaltensstrukturen.
Kontinuität durch reziproke Gen-Kultur-Interaktion:
Untersuchungen mexikanischer Zinacantecos: Geringes motorisches Tempo wird zum kulturellen Stereotyp.

Handbuch - Kap.I.10: Kontinuität und Diskontinuität

Welche Art von Kontinuität sucht die Entwicklungspsychologie?

Kontinuität in den zeitbezogenen Veränderungen.
Das kann Kontinuität im Entwicklungstempo bedeuten, in Strukturmerkmalen, in Teilaspekten von Strukturmerkmalen, in Regulationsmechanismen oder in Strategien.Ist diese Kontinuität durch biologisch verankerte Reifungspläne gesichert?

Gibt es Kontinuität als solche?

Man kann nicht nach Kontinuität per se suchen, sondern sich nur fragen, wie man auf welcher Ebene welche Veränderungen oder Stabilität erfassen möchte.
Man kann nur nach Kontinuität von konkret beschreibbaren Merkmalen suchen.

Welche zwei Zugangsweisen in Bezug auf Kontinuität gibt es?

Organismische Theorien, oft auch behavioristische Theorien nehmen an, daß alles Lebendige im Prinzip so geordnet ist, daß man die Ebene finden kann, auf der diese Ordnungsregeln gefundne werden können.
Merkmale, die nicht in diese Ordnung passen, weisen dann auf die Unvollkommenheit meines Modells hin.

Was ist die Keilhypothese?
Stimmt sie?

Menschen lernen in den ersten Lebensjahren am meisten und am besten. Dies nimmt mit dem Alter ab.

Welche alternativen bzw. gegensätzlichen Theorien gibt es zur Fokalzeit?

In einem Modell von McCall, Eichhorn und Hogarty ist nicht die Fokalzeit prognostisch, sondern das Verhalten, das sich gerade in der Aufbauphase befindet und die Art und Vuelfalt, mit der dieser Aufbau vonstatten geht.

Welche Besonderheit des Menschen befähigt ihn zum Erlernen einer Sprache?

Beteiligung des limbischen Cortex an der Lautproduktion ist Voraussetzung für eine Willkürkontrolle des stimmlichen Ausdrucks. (Totenkopfäffchen)
Ausdifferenzierung von limbischen Cortex und limbisch-corticalen Projektionen und die Spezailisierung der Hemisphären, vor allem in den corticalen Assoziationsfeldern.

Handbuch - Kap.III.7: Stimmliche Kommunikation im Säuglingsalter

Welche psychologischen Prädispositionen des Spracherwerbs auf Seiten des Säuglings gibt es?

  • Traglinge: es ist viel Zeit da, um die frühe Sprachentwicklung zu fördern
  • Säuglinge entdecken bereits Kontingenzen
  • lernen prozedurales Wissen für den Spracherwerb
  • Interaktion mit dem Bezugspartner
  • Erfahrungsintegration hängt ab von bestimmten Bedingungen: baby talk z.B.
  • im vorsprachlichen Alter gibt es schon prozedurale Lernprozesse, z.B. Stimmkontrolle
  • Das Kind macht die Erfahrung, daß es mit seinen Lauten etwas bewirkt.

Welche psychologischen Prädispositionen des Spracherwerbs auf Seiten der Eltern gibt es?

  • artspezifische elterliche Fürsorge- und Kommunikationsprogramme
  • diese sind auf den Entwicklungsstand des Babys abgestimmt
  • sie wirken ohne bewußte Kontrolle
  • kulturübergreifende Universalität

Welche Charakteristika hat der von den Papouseks verfolgte systematische Ansatz?
Wie wurde dieser operationalisiert?

Charakteristika:

  • Erforschung im natürlichen Interaktionskontext
  • Doppelrolle der Sprache als Kommunikationswerkzeug und Quelle der Funktionslust
  • Untersuchung der mütterlichen Kommunikation
  • Betrachtung der vorsprachlichen Kommunikation als sprachvorbereitenden Übungsprozeß
  • keine Begrenzung auf TeilaspekteVerhaltensmikroanalysen
  • Spontane Zwiegespräche und Spiele
  • Kulturvergleichende Studien an chinesischen, englischen und deutschen Kindern.

Was kennzeichnet das Vorsilbenstadium?

Das kreative Spiel mit der Stimme. Ermöglicht dem Baby, seine Potentiale kennenzulernen. Die Eltern sind Vorbilder.

Was kennzeichnet das Silbenstadium?

5-7 Monate
Der Säugling verkettet Silben. Dies geschieht gleichzeitig mit dem Auftreten der Rechtspräferenz, scheint daher mit der Bildung der hemisphärenasymmetrie zusammenzuhängen.

Was kennzeichnet das Einwortstadium?

9-11 Monate
Einüben und Nachahmen der muttersprachlichen Phonologie. Auch hier verwenden Eltern didaktische Strategien.

  • rythmische Stimulation
  • Aufmerksamkeitslenkung
  • Rituale, um erste Wörter einzuüben