Buchtipps:

Dunn, Judy; Plomin, Robert: Warum Geschwister so verschieden sind.
Die Familie hat einen entscheidenden Einfluß auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes. Wie erklärt sich dann aber die Verschiedenheit von Geschwistern? Mit dieser Frage befassen sich die Autoren, eine Entwicklungspsychologin und ein Verhaltensgenetiker. Sie widersprechen der Annahme, daß Kinder ihre Umwelt ähnlich erleben, zeigen, wie das Zusammenspiel der Interaktionen mit den Eltern, Geschwistern, Freunden wie auch das zufälliger Ereignisse für jedes Kind eine unterschiedliche Umwelt. Diese subtilen Unterschiede machen uns in weit größerem Ausmaß als die geteilten Gemeinsamkeiten zu dem, was wir sind.

Jones, Steve: Der Mann - Ein Irrtum der Natur?
Warum gibt es eigentlich Männer, und noch dazu so viele? Die Herstellung eines männlichen Organismus ist biologisch sehr aufwendig - weshalb auch etliche Arten ohne Männchen auskommen -, und schon ein einziger Mann könnte mit den bei einem Geschlechtsakt produzierten Samenzellen sämtliche Frauen in Europa befruchten. Mehr noch: Spätestens seit Klonschaf Dolly ist klar, dass Männer sogar zur Erzeugung von Nachwuchs im Grunde überflüssig sind. Ist der Mann also ein evolutionäres Auslaufmodell, ein Irrtum der Natur.

Dieter Schnack, Rainer Neutzling: Die Prinzenrolle. Über die männliche Sexualität
Witzig geschrieben, mit vielen Fallbeispielen. Und trotzdem informativ. Leider gibt es das Buch zur Zeit nicht neu zu kaufen...

Lawrence Wright: Zwillinge
Wenn man dieses Buch gelesen hat, muß man nichts mehr über Zwillingsstudien lernen. Es ist so nett geschrieben, daß man sich die Geschichten über die Untersuchungen und Befunde einfach so merkt. Solche Bücher mag ich am liebsten. Und es kostet nur 2,95 Euro!

 

H. Keller: Lehrbuch Entwicklungspsychologie

I.1. Menschenbilder und Entwicklungskonzepte

1. Kategoriale Bestimmung des Gegenstands

Individuum Merkmalsvergleiche Ontogenese
Handlung Zustandsvergleiche Aktualgenese
Entwicklungsabweichungen normative Vergleiche Pathogenese
Mensch als Angehöriger...
... einer biologischen Art Artvergleiche Phylogenese
... einer Kultur Kulturvergleiche Historiogenese
... einer Generation Kohortenvergleiche Sozialer Wandel

2. Das ontogenetische Konzept

"Entwicklung erscheint als Reihe von miteinander zusammenhängenden Veränderungen, die bestimmten Orten des zeitlichen Kontinuums eines individuellen Lebenslaufs zuzuordnen sind." (Thomae)
Aus biol. Anpassungsprozessen heraus gibt es best. Themen zu best. Zeiten (Entwicklungsaufgaben)

3. Modellvorstellungen

Mechanistische Perspektive: Maschine Mensch. Entwicklungsdynamik außerhalb des Subjektes, es steht unter Stimuluskontrolle. Behaviorismus. Quantitative Veränderung.
Organismisch-adaptives Modell: Darwin. Selektion + Adaption. Entwicklungsdynamik innerhalb des Subjektes, wirkt aktiv auf seine Umwelt ein (Piaget). Qualitative Veränderung.
Modell des potentiell selbstreflexiven Menschen: Kann über sich selbst denken, zukunftsorientiert handeln, Situationen rekonstruieren, schafft seine Umwelt selbst.

4. Anlage-Umwelt-Problem

Mechanistisches Modell: Welcher Faktor steuert die Entwicklung, Anlage oder Umwelt?
Nativisten: alles angeboren (Arnold Gesell).
Empiristen: alles Umwelt (James Watson).
Additive Verknüpfung von Anlage und Umwelt: Welchen Anteil haben beide?
Organismisches Modell: Piaget: Wechselwirkung, Autoregulation. Der Phänotyp ist das Ergebnis einer Interaktion zwischen Genom und Umwelt.
Geschlossene Programme: vollständig in der DNA festgelegt.
Offene Programme: umweltlabil, durch Lernen formbar.
Potentiell selbstreflexives Subjekt: Pierre Janet: 9 Ebenen von Handlungstendenzen (vom niederen Tier bis zum Menschen)

I.2. Kultur und Entwicklung

1. Systematische Überlegungen

Entstehen von Kultur: Menschen bildeten zunächst kleine Gruppen, kooperative Beziehungen.
Kulturelles Muster = Anpassung an ökonomische Verhältnisse.
Individualismus: Betonung individueller Bedürfnisse, daraus entstehende Konkurrenz.
Kollektivismus: Verhalten, das an sozialen Normen ausgerichtet ist, soziale Harmonie.

2. Kulturelle Konzepte der Lebensphasen

Rezeptionsphase (0-3 Jahre): Kinder wachsen in Scripts anderer Personen auf (Familie). Frühe Sozialisationssettings, von der Kultur gesetzte Bedingungen. (westlich: Mutter-Kind-Dyade, exklusive Aufmerksamkeit, nicht-westlich: koaktive Sozialisation, nicht exklusiv)
Interaktionskontexte: in westlichen Kulturen wird mehr Wert auf Blickkontakt gelegt. Verbaler Austausch eher über Dinge, weniger über Emotionen.
Weniger Körperkontakt. Sozialisationsziel: frühe Selbstregulation.

  • Blickkontakt hat für alle Babys der Erde die gleiche Bedeutung
  • es spielt keine Rolle, mit wem sie Blickkontakt haben
  • die interindividuelle Variabilität des Verhaltens spielt keine Rolle
  • die Menge an sich ist bedeutsam, nicht die Strukturierung
  • Intuitives Elternprogramm: Einhaltung bestimmter Kontingenzfenster
    Akquisitionsphase (3- Pubertät): Aktive Erkundung der Umwelt, Kontexte eigener Wahl werden aufgesucht, Interaktionen. Kulturvergleiche hatten früher konkrete Operationen zum Inhalt. Aber nicht-westliche Kulturen kannten weder die Materialien noch die Problemstellungen und schnitten schlechter ab, obwohl sie nicht weniger kompetent waren.
    Westlich: Lernen in speziellen Einrichtungen, abstraktes Wissen, größere Flexibilität.
    Nicht-westlich: Gelenkte Anteilnahme, Nachahmung, Zuschauen bei wichtigen Fertigkeiten.
    Transformationsphase (Pubertät - Reproduktion): Übergangsrituale gibt es überall.
    Positive Eltern-Kind-Beziehungen führen dazu, daß die Werte der Eltern übernommen werden.

    I.3. Entwicklungsgenetik

    1. Allgemeine Prinzipien des genetischen Einflusses auf die Entwicklung

    Das Genom: gesamte genetische Information eines Menschen (früher: Genoptyp), verändert sich zwischen Zeugung und Tod nicht. Entwicklung = Zellen teilen und spezialisieren sich.
    Altersabhängigkeit genetischer Wirkungen: Kumulatives Prinzip: genetische Einflüsse aus früheren Phasen können sich verfestigt haben und wirken, auch wenn sie nicht mehr aktiv sind. Die Genaktivität schwankt im Laufe des Lebens stark.

    2. Genetischer Einfluß auf die Persönlichkeitsentwicklung

    Fisher: Vergleich des relativen Einflusses von Genom und Umwelt. Bestimmung der gemeinsamen Varianz zweier Variablen.Gemeinsamer Varianzanteil und spezieller Varianzanteil (Umwelteinflüsse).
    Zwillingsstudien (überschätzen genetischen Einfluß) und Adoptionsstudien.

    II.1. Vorstellungen zur Entwicklung der Kinder: Zur Geschichte von Entwicklungstheorien

    1. Entwicklungstheorie - eine Heuristik zur Erklärung normativer Veränderungen

    Patricia Miller: 3 Aufgaben einer Entwicklungstheorie: Veränderungen beschreiben, Beziehungen zwischen Verhaltensweisen beschreiben, Verlauf des Entwicklungsprozesses erklären.

    5. Theorien von den 20er Jahren bis heute

    Behaviorismus: Skinner und das operante Lernen, Sears und die Imitation.
    Konstruktivistischer Ansatz: Moralische Entwicklung
    Ökologischer Ansatz: Von der Umwelt ausgehende Kräfte, (Lewin:Mikro-,Meso-,Exo-,Makrosysteme)
    Pragmatischer Ansatz: Havighurst, Lösung einer Reihe von Aufgaben
    Organismischer Ansatz: Entwicklung als zunehmende Differenzierung.
    Humanethologischer Ansatz: Artspezifisches Verhalten, Attachment-Theorie
    Verhaltensgenetischer Ansatz: Die Umwelt wird durch die genetische Ausstattung mitbestimmt.

    II.2. Theorien der kognitiven Entwicklung

    1. Piaget

    Sensumotorisches Stadium (0-2): Das Kind konstruiert die Wirklichkeit durch aktive Auseindersetzung mit der Umwelt. Zunehmende Differenzierung von Handlung und Objekt.
    Stadium 1: Reflexmodifikation
    Stadium 2 (1-4 Mon): Koordination von Schemata (Ton hören - Kopf wenden)
    Stadium 3 (4-8 Mon): Babys suchen nicht nach ganz verdeckten Objekten, aber nach teilweise verdeckten.
    Stadium 4 (8-12 Mon): A-nicht-B-Fehler (Objekt wird vor den Augen des Kindes an einem anderen als den gewohnten Ort versteckt: es findet es nicht). Baby kann gezielt Objekte beiseite schieben.
    Stadium 5: Neue Mittel-zum-Ziel-Verbindungen können kreeiert werden.
    Stadium 6 (18-24 Mon): Unsichtbare Verlagerungen von Objekten können nachvollzogen werden. Kinder können durch Denken zur Problemlösung kommen statt perVersuch und Irrtum. Beginn des Spracherwerbs, verzögerte Imitation. symbolisches Spiel.
    Sensumotorisches Schema = strukturiertes Verhaltensmuster, wiederholbar, generalisierbar.

    Vom präoperatorischen zum konkret-operatorischen Denken (2-7 Jahre):
    Kind kann mentale Repräsentationen der Welt bilden, aber diese nicht mental manipulieren (Drei-Berge-Aufgabe).
    Zwei Formen der Reversibilität: Negation (Gegenteile) und Kompensation (beim Ausrollen wird die zunehmende Länge durch den abnehmenden Durchmesser kompensiert).
    Nicht-Konservierung von Masse, Gewicht, Volumen usw. (Umschüttaufgabe). Das Kind kann eine Handlung nicht mental rückgängig machen, kann nicht mehr als einen Aspekt beachten (nur Wasserstand). Moralische Urteile: wenig absichtlicher Schaden besser als viel unabsichtlicher Schaden. Können nicht 2 Größenrelationen gleichzeitig repräsentieren (Stäbe ordnen), wechseln beim Ordnen die Kriterien. Klassenhierarchien werden nicht verstanden (mehr Pudel als Hunde).
    Sie können keine mechanischen Ursachen verstehen (Die Sonne geht unter, weil sie müde ist).
    Vom konkret-operatorischen Denken zum formal- operatorischen Denken (12-16 Jahre):
    Theoretisches und hypothetisches Denken
    Pendelaufgabe: entweder unsystematischs Experimentieren oder systematisches Aufstellen eines Lösungsplanes, Berücksichtigung aller Ursachnfaktoren.
    Das Äquilibrationsmodell Assimilation: Anpassung der Erfahrungen an die eigene geistige Struktur
    Akkomodation: Anpassung der geisigen Struktur an die neuen Erfahrungen

    2. Evaluation von Piagets Theorie

    Unterschätzungen! Kognitive Fähigkeiten werden unterschätzt, weil motorische Voraussetzungen noch nicht ausgebildet sind.
    Kausales Denken im Vorschulalter: Kinder wissen nicht genug über Kosmologie, um das Untergehen der Sonne besser zu erklären.
    Lineare Ordnungen und transitive Schlüsse: Kinder haben noch kein so gutes Gedächtnis, um sich die "Spielregeln" der Aufgaben zu merken.

    II.3. Natürliche Selektion und Individualentwicklung

    1. Wandelnde Archive

    Der Zweck und Anfang allen Lebens ist die Reproduktion von Genen
    Die Reproduktion von Leben erzeugt Vielfalt.
    Die natürliche und geschlechtliche Selektion entscheidet über die Tauglichkeit der Varianten.
    Evolution ist nicht arterhaltend, sondern arterschaffend.
    Unmittelbare Ursachen: Wie kommt dieses augenblickliche Verhalten zustande?
    Stammesgeschichtliche Ursache: Welche stammesgeschichtliche Anpassung erfüllt dieses Verhalten?

    2. Grundkonzepte der modernen Evolutionsbiologie

    Nepotistischer Altruismus: Altruistisches Verhalten ist nur nützlich, wenn für den Helfer die Kosten in Relation zum Verwandtschaftsgrad des Geholfenen geringer ausfallen als der genetische Nutzen. Es zählt die Gesamtfitneß, nicht die einzelne.
    Mutualismus: Hilfe unter Nichtverwandten für eine spätere Gegenleistung.
    Frequenzabhängige Verhaltensstrategien: Mathematische Spieltheorie: Betrüger sind nur solange im Vorteil, wie die meisten kooperieren. Beides hat Vorteile, so verhält sich jeder in verschiedenen Situationen mal ehrlich, mal nicht. Wegen der evolutionären Nützlichkeit ist dieses Verhalten stabil. Es gibt immer einen intraindividuellen Strategiewechsel in beide Richtungen.
    Verhaltensökologische Entscheidungsregeln (energy-budget-rule):
    Durchschnittlich niedriger erwarteter Nutzen: riskante Entscheidung
    Durchschnittlich hoher erwarteter Nutzen: sichere Entscheidung

    3. Lebenslaufstrategieforschung und die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne

    Kindheit: Sensitive Periode in den ersten 5 Jahren. Familie exemplarisch für die Umwelt. Nach der Entwicklungsaufgabe "Bindung" folgt "Entscheidung treffen, wann Kooperation angebracht ist und wann nicht".
    Dominanzhierarchien: Kinder gucken Film. Einer kann gucken, die anderen müssen helfen.
    Ökologische Faktoren für die Geschlechtsreife: Säkularisierungstendenz in westlichen Kulturen.
    Psychosoziale Faktoren: Bei hoher Erwachsenensterblichkeit ist frühe Vermehrung von Vorteil, bei hoher Kindersterblichkeit häufige Vermehrung. Instabile, psychosozial belastende Lebensumstände führen zu schneller sexueller Ausreifung (wenig elterliche Responsivität, unsichere Bindung).
    Überbevölkerung in der 3. Welt (risikoreiche Entscheidung zu häufiger Vermehrung).
    Schrumpfende Bevölkerung in Industrieländern (sinkende Risikobereitschaft).
    U-förmige Beziehung: Gute Familienbedingungen (späte Menarche), schlechte Familienbedingungen (frühe Menarche), ganz schlechte Bedingungen (kein Essen, keine Menarche).
    Adoleszenz: Männliche Jugenddeliquenz (risikoreicheres Verhalten wegen größerer Reproduktionsvarianz: Sie haben weniger zu verlieren.)
    Eine evolutionäre Definition der Familie: Hohe väterliche Investition wegen hoher Pflegebedürftigkeit der Kinder. Liebe ist entstanden, weil sie der dauerhaften Paarbindung dient, welche schon als väterliches Investment angesehen werden kann.
    Der Reproduktionswert: steigt mit zunehmenden Alter des Kindes (mehr Investment, geringeres Sterberisiko) und dem der Mutter (wenn sie alt ist, wird sie wohl nicht noch ein Kind bekommen).
    Daly & Wilsons dreistufiger Prozeß:

    • Unbewußte Einschätzung des Kindes und der familiären Umstände
    • Entstehung individualisierter Zuneigung
    • Allmähliche Vertiefung der elterlichen Liebe

    Geschlecht der Kinder: Eltern investieren mehr in das Geschlecht, das unter den ökologischen Bedingungen mehr Erfolg verspricht. Bei günstigen Ressourcen in Jungen, bei schlechten in Mädchen. (Trivers-Willard-Hypothese).Widerspruch zur verhaltensökologischen Entscheidungsregel (risikoreich bei ungünstigen Verhältnissen)! Aber: In Populationen, die hohe Wachstumsrate vorweisen, wird die riskante Wahl (Jungen) getroffen. In stagnierenden Populationen die sichere Wahl (Mädchen). Lebenslaufstrategie, Verhaltensökologie, rationale Entscheidungstheorie:
    Kahnemann & Tversky: Vp muß Entscheidung treffen, wer gerettet wird. Ging es um Maximierung der Überlebenden, wurde sichere Entscheidung getroffen. Ging es um Minimierung der Toten, wurde riskante Entscheidung getroffen.

    • Bei alltäglichen Gefälligkeiten wird zugunsten der Kranken, Alten, Frauen entschieden.
    • Bei lebensbedrohlichen Situationen wird zugunsten junger Frauen und Gesunder entschieden.

    Cosmides: Sensibilität für Betrug ist wichtiger als logisch richtige Entscheidungen (wenn p, dann q)

    IV. Entwicklung in Lebensabschnitten

    1. Einleitung

    Phänomenologische Perspektive: vorrationale Verhaltenssteuerung.
    Phylogenetische Perspektive: optimale Anpassung. 3 Niveaus der Verhaltenssteuerung
    Kognition im engeren Sinn: Denken in Vorstellungen, Vernunft, rationale Einsicht.
    Kognition im weiteren Sinn: Alle Leistungen, die ermöglichen, relevante Sachverhalte wahrzunehmen
    Coping: Strategien, um Probleme zu bewältigen:
    Supplikation: Um Hilfe suchen
    Aggression: Hindernis beseitigen
    Invention: Ausweg suchen
    Funktionen von Emotionen: Steuerung, Motivation (prärational) und Bewertung.
    Selbstkonzept: Mentales Probehandeln erfordert Repräsentation der Objektwelt und des eigenen Selbst, das ja in der Vorstellung auch in seiner Beziehung zu den Objekten verlagert werden muß.
    Soziale Kognition: Intentionen des anderen aus dessen Perspektive verstehen.
    Spezifisch menschliche Fähigkeiten:

    • Mitteilungssprache (Bedürfnis, dem Wissen über Sachverhalte Symbole zuzuordnen)
    • Zeitvergegenwärtigung (vergangene und zukünftige Bedürfnisse zu bedenken, z.B. Rache)
    • Theory of Mind (Fähigkeit, eigene und fremde Bewußtseinsvorgänge zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen)

    2. Frühe Kindheit

    Motorik: Primäre und sekundäre Zirkularreaktion: Lernprozeß besonderer Art. Bedürfnis, die gleiche Bewegung immer wieder zu wiederholen, dadurch Lernprozeß, stimulatives Feedback.
    1. Stufe: Einübung der Reflexe
    2. Stufe: Primäre Zirkularreaktionen
    3. Stufe: sekundäre Zirkularreaktionen
    4. Stufe: Generalisierung und Verknüpfung von Schemata
    5. Stufe: Tertiäre Zirkularreaktionen
    6. Stufe: Einsetzen der Vorstellungstätigkeit
    Wahrnehmung: Babys können schon unterscheiden: Gerüche, Farben, Töne, Konturen, Formkonstanz, Größenkonstanz, gleichbleibende Bewegungsbahn.

    Das Zürcher Modell der sozialen Motivation

    Sicherheitssystem: reguliert die Distanz zu Vertrautem
    Erregungssystem: reguliert das Verhalten gegenüber fremden Reizen
    Typusdetektor: Ist ein Objekt relevant oder nicht?
    Individualdetektor: Ist ein Objekt vertraut oder fremd?
    Das Bedürfnis nach Nähe ist durch einen Sollwert repräsentiert: Abhängigkeit.
    Sollwert für Erregungssystem: Unternehmungslust.
    Unterschreitet der Istwert den Sollwert, entsteht Appetenz.
    Überschreitet der Istwert den Sollwert, entsteht Aversion.
    Wenn Coping längerfristig nicht zum Erfolg führt, folgt eine interne Akklimatisation (Sollwert wird angepaßt, man braucht dann weniger Nähe z.B.)
    Autonomiesystem: Autonomieanspruch korreliert positiv mit Unternehmungslust und negativ mit Abhängigkeit.

    Ontogenese der Motivationssysteme

    Bildung eines Typendetektors: Babys lächeln zuerst jeden an, bilden einen Detektor für den Typen "Mensch" aus.
    Bildung eines Individualdetektors: Ab dem 4. Monat unterscheiden Babys: vertraut und fremd.
    Social referencing: Das Kind blickt zur Mutter, wenn ihm etwas Ungewohntes widerfährt.
    Ab dem 8. Monat: Fremdeln beginnt, wenn das Kind sich eigenständig wegbewegen kann. Interaktion des Sicherheitssystems mit dem Erregungssystem.
    Fremde Situations Test (Bowlby):

    • sicher gebunden (Typ B)
    • unsicher ambivalent gebunden (Typ C)
    • unsicher vermeidend (Typ A)

    Gefühlsansteckung: Schon Neugeborene lassen sich vom Geschrei anderer Babys anstecken. Sie können nicht unterscheiden, ob das Gefühl im eigenen Selbst oder in jemandem anders ist.

    3. Einsetzen der Vorstellungstätigkeit im 2. Lebensjahr

    Angetroffenes: unhinterfragt für wirklich Gehaltenes (Gefühlt, das unwahrnehmbar Vorhandene)
    Vergegenwärtigtes: abbildhaftes, auf Wirkliches verweisend (anschauliche Vorstellungen, Phantasien)
    Diachrone Identität: verknüpft aufeinanderfolgende Phänomene mit einer Schicksalslinie, so daß sie als dasselbe erscheinen.
    Synchrone Identität: zwei gleichzeitig gegebene, aber räumlich getrennte Sachverhalte erscheinen als dasselbe (Beziehung zwischen Vorstellung und realem Objekt).
    "I": Selbst als Subjekt: unreflektiertes Selbstempfinden. Playmateverhalten gegenüber Spiegel (12-14 Mon.), Gefühlsansteckung. 15-18 Mon: Vermeidungsverhalten gegenüber Spiegelbild.
    "Me": Selbst als Objekt: refektierendes Ich-Bewußtsein, Bewußtsein der eigenen Außenseite (15-22 Mon.), Selbsterkennen im Spiegel (18-24 Mon.), Verursacher-Ich, selbstbewertende Emotion, Ich-Andere-Unterscheidung, Empathie.
    Verursacher-Ich: Kinder bestehen darauf, den letzten Klotz hinzulegen.
    Trotzphase: Tatsache, daß man wollen kann, führt dazu, daß Wollenkönnen zum Selbstzweck wird.
    Empathie: Teddy-Experiment:

    1. Helfer: Helfen oder holen Hilfe (erkannten sich alle im Spiegel)
    2. Ratlos-Verwirrte: fühlen sich unbehaglich, betroffen, aber ratlos (Übergängerstatus)
    3. Gefühlsangesteckte: Weinen einfach mit (Übergängerstatus)
    4. Unbeteiligte: Spielen einfach weiter. (erkannten sich nicht im Spiegel)
    5. Theory of Mind und Zeitvergegenwärtigung bei Vierjährigen

    Theory of Mind: Annahmen über Bewußtseinsvorgänge, von denen der gesunde Menschenverstand ausgeht, um Verhalten zu erklären.
    False Belief / Erkennen falscher Meinungen: Einsicht, daß Meinungen auch falsch sein können. Versuch Maxi: Kann Maxi wissen, daß die Schokolade woanders versteckt wurde, als er nicht im Raum war? Ab 4 Jahren verstehen Kinder dies.
    Phänomene der Theory of Mind: False Belief, Täuschung, Perspektivenübernahme, Wirklichkeit und Schein, Zeitvergegenwärtigung (sich Zeitdauern vorstellen können), Bedürfnisaufschub, permanentes Geschlecht

    V.1. Im Zentrum steht das Wort

    1. Sprachliche Entwicklungsaufgabe

    Zu Beginn affektiv motiviert, gewinnt der Spachlernprozeß zunehmend eine kognitive Dimension.
    Nach dem 5. Jahr ist ein ungestörter Sprachlernprozeß nicht mehr möglich. Das Kind versucht nicht, die Sprache der Erwachsenen nachzuahmen.
    Prosodische Kompetenz: Erkennen und Produktion der Rythmik (Tonhöhe, Lautheit, Länge der Laute)

    2. Vom Laut zum Wort

    0-1 Mon.: Baby produziert Laute ohne Lippenbewegungen
    2-3 Mon.: Gurren, erste silbenähnliche Verbindungen
    4-5 Mon.: Expansion
    6-9 Mon.: kanonisches Lallen (dada), Verbindung unterschiedlicher Silben
    10-14 Mon.: erste Wörter

    • Reaktion auf Sprachlaute schon kurz nach der Geburt
    • Präferenz für mütterliche Stimme schon kurz nach der Geburt
    • Prosodische Merkmale werden für Differenzierungsleistungen genutzt
    • Aufmerksamkeit wird selektiv auf "baby-talk" gerichtet

    3. Vorausläuferfähigkeiten

    Sozial-affektive Mechanismen: Affektiv gesteuerte Aufmerksamkeit, Vorsprachliche Gesten.
    Elterliche Verhaltensweisen: baby-talk, Wechsel zwischen Wiederholungen und Neuem, Abstimmung der Anregungen auf den kindlichen Zustand, Unterstützung des Blickkontaktes, Kontingentes Eingehen auf kindliches Verhalten.

    4. Entwicklungskritische Zahl 50

    50 Wörter: qualitative Reorganisation des Repertoires, die ein Wunsch nach Kategorisierung der Objekte und Ereignisse ist. Überdiskriminierungen und Übergeneralisierungen.

    5. Late-Talkers

    Kinder, die mit 2 Jahren noch keine 50 Wörter können. Etwa 50% können den Rückstand noch aufholen. Die anderen haben dann auch Probleme im sozialen und kognitiven Bereich.

    V.3. Gedächtnisentwicklung im Verlauf der Lebensspanne

    2. Drei Typen von Gedächtnismodellen

    1. Speichermodell des Gedächtnisses: Ultrakurzgedächtnis (sensorisch), Kurzzeitgedächtnis (Arbeitsgedächtnis), Langzeitgedächtnis.
    2. Prozeßmodelle des Gedächtnisses: Informationsverarbeitung
    3. Komplexe Gedächtnissysteme: Deklaratives Gedächtnis (bewußt, entwickelt sich langsam, konzeptuell) und nicht bewußtes Gedächtnis (früh entwickelt, automatisch, senumotorisch)

    3. Das Gedächtnis von Säuglingen und die Anfänge des deklarativen Gedächtnisses

    Habituierungsversuche zeigten, daß Neugeborene auf gemerkte Sachverhalte wieder zugreifen können.

    V.5. Geschlechtliche Selektion und Individualentwicklung

    1. Einleitung

    Sichtweisen: Geschlechtliche Unterschiede sind angeboren (Frauen sind Männern unterlegen: Phrenologie). In den späten 60ern: Beide sind gleich und Unterschiede ausschließlich kulturbedingt. Androgyne Persönlichkeit: Beide haben Anteile vom anderen Geschlecht. Geschlechtsspezifische Unterschiede: qualitativ, betreffen körperbauliche, funktionale und verhaltensmäßige Eigenschaften, die nur bei einem Geschlecht auftreten. Geschlechtstypische Unterschiede: quantitativ, betreffen den Umfang der Merkmalsausprägungen, z.B. Körpergröße, Empathie.

    2. Die Evolution der Geschlechtlichkeit

    Kosten der geschlechtlichen Vermehrung: Aufwand der Partnerwahl, sexuelle Betätigung, Zeugung von männlichen Nachkommen, nur die Hälfte der eigenen Gene wird kopiert. Vorteile: gegetische Vielfalt. Gegentisch verschiedene Nachkommen können unterschiedliche Lebensräume besiedeln und machen es Parasiten schwerer.

    3. Die Evolution von Geschlechtsunterschieden

    Warum gerade zwei Geschlechter? Jedes Lebewesen kann seine Gene qualitativ (viele kleine Keimzellen) oder quantitativ (wenige große Keimzellen) vermehren. So verkleinerten sich die einen Keimzellen allmählich, die anderen vergrößerten sich.
    Partnerwahlpräferenzen: Parentales Investment ist bei Weibchen sehr groß, bei Männchen könnte es sich auf Spermienproduktion und Paarung beschränken. Weibchen stecken viel in wenig Nachkommen, Männchen wenig in viele Nachkommen. Männer bevorzugen junge, sexuell unerfahrene, attraktive Partnerinnen. Frauen bevorzugen Männer mit guten finanziellen Aussichten und gutem Immunsystem, die ehrgeizig und fleißig sind. Das Ausmaß, wie unangenehm eine Frau sexuelle Belästigung findet, hängt vom sozialen Status des Mannes ab.
    Väterliche Unsicherheit: Große sexuelle Eifersucht. Männliche Besitzansprüche. Morde aus Eifersucht. Kinder der Schwester sind für einen Mann unter Umständen wichtiger als die seiner Frau.
    Reproduktive Varianz ist bei Männern größer: Er kann ein Vielfaches an Nachwuchs haben, aber auch leer ausgehen.
    Größere Risikobereitschaft der Männer: Männer entfernen sich weiter von der Sicherheitsquelle, suchen diese aber öfter auf. Frauen entfernen sich nicht so weit, sind aber von ihr unabhängiger.
    Daly & Wilson /young aggressive male syndrom: Mordrate bei Männern 9x so hoch wie bei Frauen. Die meisten Gewaltverbrecher sind ledige, junge Männer um die zwanzig. (Aspekte zu westlichen Kulturen: fehlende Übergangsrituale, Säkularisierungstendenz führt zu größerer Kluft zwischen biologischem und sozialem Alter -> Rollenvakuum).
    Bischof-Köhler / Frauen: Die Probleme der Frauen in der von Männern dominierten Arbeitswelt: Sie mußten nie direkt mit Männern konkurrieren, verhielten sich in ihrer sozialen Umgebung eher kooperativ. Sie sind auch niht bereit, sich anderen Frauen unterzuordnen.
    Männer und räumliches Orientierungsvermögen: Im Tierreich haben polygame Männchen ein größeres Revier (Jagd) und einen größeren Hippocampus als Weibchen. Kurvenlineare Funktion zwischen Androgenspiegel und räumlichen Fähigkeiten. Auswirkungen der männlichen Hormone: Lateralisierung des Gehirns -> bessere Leistung der rechten Hirnhälfte (besseres räumliches Vorstellungsvermögen). Sie können Entfernungen besser abschätzen und Himmelsrichtungen besser angeben.
    Frauen und räumliches Erinnerungsvermögen: Sie suchen nach markanten Orientierungspunkten und können besser bestimmte Gegenstände unter einer großen Anzahl finden (Nahrung sammeln).
    Sozio-kommunikative Fähigkeiten:
    Fürsorgeverhalten: In allen Kulturen ist die Zeit, die Mädchen zwischen 5 und 10 mit Säugingen verbringen 6-10% länger.
    Affinität für positiv gefärbte emotionale Beziehungen: Frauen sind in Gesprächen eher beziehungs,- Männer eher lösungsorientiert. Weibliche Überlegenheit im Erkennen nonverbaler Signale.

    4. Die Individualentwicklung von Geschlechtsunterschieden

    Epigenese: Interaktion von genetischer Anlage und Umwelt
    Androgene: männliches Verhalten geht unabhängig vom Geschlecht mit männlichem Hormonspiegel einher. Auch Mädchen werden aggressiver und unternehmungslustiger. (AGS-Mädchen) Mit dem Wissen um das eigene Selbst (2-3 Jahre) entwickelt sich auch das subjektive Geschlecht.
    Spielpräferenzen: Kinder suchen sich von ganz allein die interessanten Spielzeuge aus, und die sind geschlechtsspezifisch.
    Monogamie? Kulturunabhängig dauern die meisten Ehen vier Jahre (eine "Brutzeit"). Unsere Vorfahren hatten wahrscheinlich ein fakultativ polyandrisches Paarungsverhalten: Eine Frau hatte nacheinander mehrere Männer.
    Eltern erziehen unterschiedlich: Jungen sollen tapfer, aggressiv, selbständiger sein, Mädchen fleißiger, gehorsamer, verantwortungsbewußter. Kulturell unterschiedlich ausgeprägte Geschlechtsunterschiede hängen vom Grad männlicher Konkurrenz ab. So sollte die Pflege der Monogamie die Unterschiede reduzieren.