Buchtipps:

Cialdini, Robert B.: Die Psychologie des Überzeugens. Ein Lehrbuch für alle, die ihren Mitmenschen und sich selbst auf die Schliche kommen
"Cialdini gelingt es, seine persönlichen Erfahrungen, etwa bei Verkäuferschulungen und Polizeiverhören, mit den Erkenntnissen der experimentellen Psychologie zu einem Lehrbuch zu verbinden. Muntere Zeichnungen und vertiefte Fragen ergänzen die plaudernde Erzählung. Da wird Lernstoff kurzweilig." (FAZ)

 

D. Myers: Social Psychology

KAPITEL 1: Einführung in die Sozialpsychologie

Fragen, die Sozialpsychologie zu beantworten versucht: Wie hängen Denken, Fühlen und Verhalten des Individuums...

  1. ...von kognitiven Prozessen bei der Wahrnehmung anderer Personen ab?
  2. ...vom Denken, Fühlen, Verhalten anderer Personen ab?
  3. ...zu anderen Personen von situationalen Einflüssen ab?

Wissenschaft darüber, wie Menschen über einander denken, sich gegenseitig beeinflussen und in welchen Beziehungen sie zueinander stehen.

1.1 Sozialpsychologie und verwandte Disziplinen

1.1.1 Sozialpsychologie und Soziologie

Soziologie:

  • untersucht kleine bis sehr große Gruppen (Gesellschaften)
  • Forschungsmethodik: korrelative Feldstudien

Sozialpsychologie:

  • untersucht Denken, gegenseitigen Einfluß und Beziehungen von Individuen zu anderen, ist insgesamt also individualistischer. Darunter fällt der Einfluß Einzelner auf die Gruppe und der Einfluß der Gruppe auf den Einzelnen.
  • Forschungsmethodik: Experimente

1.1.2 Sozialpsychologie und Persönlichkeitspsychologie

Persönlichkeitspschologie:

  • untersucht persönliche, innere Prozesse und Unterschiede zwischen Individuen
  • Menschen werden in ihren individuellen Unterschieden betrachtet.

Sozialpsychologie:

  • untersucht grundlegende, gemeinsame Prozesse, wie Menschen einander beeinflussen, also soziale Einflüsse. Damit ist die Sozialpsychologie mehr eine Umweltwissenschaft.
  • Menschen werden mehr im allgemeinen betrachtet, wie sie sich allgemein verhalten.

1.1.3 Erklärungsebenen

Menschen können von den verschiedenen Perspektiven aus (auf verschiedenen Ebenen) untersucht und erklärt werden, wobei die Erklärungsansätze von elementar (Physik, Chemie) bis integrativ (Philosophie, Theologie) reichen.
Jeder Erklärungsansatz gibt einen Aspekt einer vieldimensionalen Wirklichkeit wieder.
=> Keine Erklärung ist einzig richtig, vielmehr stehen die Erklärungen gleichberechtigt nebeneinander.

1.2. Sozialpsychologie und menschliche Werte

1.2.2.1 Wissenschaft hat subjektive Aspekte

Social representations: Sozial geteilte Einstellungen, d.h. allgemein anerkannte Meinungen. Vorstellungen und Werte, auch Annahmen und kulturelle Ideologien.

1.2.2.2 Psychologische Konzepte beinhalten versteckte Werte

Individuelle, subjektive Wertvorstellungen beeinflussen...

  • ...Theorien (z.B. subjektive Auffassung von "Gesundheit")
  • ...psychologische Ratschläge
  • ...Begriffsbildung (z.B. Auswertung von Testergebnissen: Auf welche Charaktereigenschaften sind bestimmte Reaktionen zurückzuführen?)
  • ...Versteckte Werte in psychologischen Konzepten.

1.2.2.3 Es gibt keine Verbindung vom "Ist" zum "Sollte"

Naturalistischer Fehlschluß: Fehler, das Natürliche als gut zu definieren z.B. Was typisch ist, ist normal, was normal ist, ist gut!
Abhilfe: Durch systematische Beobachtung und Experimentieren objektive Aussagen über die Realität gewinnen.

1.3. Ich wußte es doch sowieso! Ist Sozialpsychologie nur gesunder Menschenverstand?

Hindsight bias (I knew it all along): Es hinter gewußt zu haben glauben. Tendenz, seine eigene Fähigkeit zu überschätzen, Ergebnisse vorherzusagen, nachdem man das tatsächliche Ergebnis erfahren hat.
Personen sind deshalb zu sicher bezüglich der Validität ihrer Urteile und ihrer Vorhersagen.
Beispiele:

  • TEIGEN (1986): Vpn sollten Sprichwörter und deren Gegenteile nach ihrem Wahrheitsgehalt beurteilen. z.B. "Angst ist stärker als Liebe" vs. "Liebe ist stärker als Angst" Ergebnis: Beide Versionen wurden meistens als "wahr" beurteilt.
  • DAWSON (1988): Ärzte, die Symptome und Todesursache (Diagnose) von Patienten wußten, hielten die Diagnose für einfacher als Ärzte, die nur die Symptome wußten.

Gefahren durch den Hindsight bias:

  • Überschätzung des eigenen Wissens ("Ist doch alles ganz logisch!")
  • zu harte Bestrafung nach einem Fehler, der im Nachhinein vermeidbar erscheint

1.4. Wie macht man Sozialpsychologie?

1.4.1 Korrelationsstudien: Natürliche Zusammenhänge finden

Unterscheidungen sozialpsychologischer Forschung:
Methode
Experimental research vs. Korrelationsstudien: Forschung über natürlich vorkommende Beziehungen zw. Variablen.
Lokation
Labor (kontrollierte Bedingungen) vs. Feld (alltägliche Situation, in der die Bedingungen nicht kontrolliert werden können)
SMITH & BENNETT (1994): Lebenserwartung und Höhe des Grabsteins korrelieren miteinander auf dem Friedhof von Glasgow.

1.4.1.1 Korrelation vs. Kausalität

Korrelationsstudien erlauben zwar die Vorhersage einer Variable aus einer anderen Variable, aber sie lassen keine Aussage über Kausalbeziehungen zu.
BACHMAN & O'MALLEY (1977): Selbstbewußtsein und Leistung (Schulnoten) korrelieren miteinander. Eine Ursache-Wirkungs-Beziehung darf trotzdem nicht aufgestellt werden, vielleicht stehen ja Selbstbewußtsein und Leistung in Zusammenhang mit einer Drittvariable wie etwa hoher sozialer Status des Vaters? Nach statistischer Entfernung der Wirkung von Intelligenz und Familienstatus besteht keine Korrelation von Selbstbewußtsein und Leistung mehr.

Fortgeschrittene Korrelationstechniken liefern Methoden, um Hinweise auf Kausalbeziehungen aus Feldstudien zu gewinnen:
Zeitversetzte Korrelationen, da Ursache der Wirkung zeitlich vorangehen muß
Statistische Techniken zur Entfernung des Einflusses konfundierter Variablen
Vorteil von Korrelationstechniken:

  • es werden in der Realität vorkommende Settings untersucht, wobei Faktoren untersucht werden, die im Labor nicht manipuliert werden können (Hautfarbe, Geschlecht...)

Nachteil von Korrelationstechniken:

  • Mehrdeutigkeit der Ergebnisse: das Wissen, daß sich zwei Variablen miteinander verändern, erlaubt uns keine Ursache-Wirkungs-Beziehung.

1.4.1.2 Umfragen

Zufalls-Stichprobe: Stichprobe, bei der jede Person einer untersuchten Population die gleiche Wahrscheinlichkeit hat, in die Stichprobe aufgenommen zu werden.
Folgende Einflüsse sind bei der Durchführung von Umfragen zu beachten:

  • nicht-repräsentative Stichproben
  • Reihenfolge der Fragen
  • Antwortalternativen
  • Formulierung der Fragen bzw. Antworten

Nicht repräsentative Stichproben: Telefonumfrage während der 1984er Präsidentschaftswahl ergab, nachdem nur die Antworten aller Stichprobenmitglieder ausgewertet waren, die beim ersten Anruf zu Hause waren, einen 3%-Vorsprung für REAGAN. Nachdem aber alle Antworten eingeholt worden waren, indem mehrmals angerufen worden ist, bis derjenige dann auch tatsächlich zu Hause war, hatte REAGAN einen Vorsprung von 13%.
Reihenfolge der Fragen: Reihenfolge der Fragen beeinflußt die Beantwortung. Wichtig dabei ist, daß man die weitere Beantwortung von Fragen abhängig macht von der Beantwortung der ersten Frage, um konsistent zu erscheinen.
Antwortmöglichkeiten: Anworten werden beeinflußt durch die Vorstrukturierung der Antwort
Wortwahl: Die Beantwortung von Fragen kann durch die Formulierung der Fragen bzw. der Antworten stark beeinflußt werden.
z.B. durch Verwendung des Wortes "verbieten" statt "nicht erlauben"

1.4.2 Experimentelle Forschung: Die Suche nach Ursache und Wirkung

Durch experimentelle Laboruntersuchungen können Kausalbeziehungen festgestellt werden.
Forschung, die versucht, Kausalbeziehungen aufzudecken, indem ein oder mehrere Faktoren (UV) variiert werden, während andere Faktoren kontrolliert werden (z.B. durch Konstanthalten).

4.2.2 Zufällige Zuordnung: Der große Verstärker

Unterscheidung zwischen zufälliger Zuordnung und Zufalls-Stichprobe:

  • Zufällige Zuordnung ist notwendig, um Ursache und Wirkung zu bestimmen.
  • Eine Zufalls-Stichprobe fördert die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse.
  • Zufällige Zuordnung bewirkt eine Kontrolle der Störfaktoren, denn durch zufällige Zuweisung der Vpn sind die entstandenen Versuchsgruppen bezüglich jedes denkbaren Faktors im Durchschnitt gleich.

Die wichtigsten Elemente des Experiments:
Zunächst wird eine Randomisierung durchgeführt und eine Kontroll- und eine Experimentalgruppe gebildet, die verglichen werden. Es wird dazu eine UV aktiv variiert und den Gruppen zugewiesen, dabei muß eine Gleichbehandlung der Gruppen mit Ausnahme der Variierung der Stufen der AV gewährleistet sein, damit die möglichen Unterschiede in der AV auf die aktive Variation der UV zurückgeführt werden können.

1.4.2.3 Ethik

Authentizität: Der Grad, bis zu welchem ein Experiment oberflächlich alltäglichen Situationen gleicht. Im Myers steht "mundane realism", und mundane bedeutet "banal, irdisch, weltlich".
Experimenteller Realismus: Der Grad, bis zu welchem ein Experiment bei seinen Teilnehmern emotionale Beteiligung auslöst (Grad der Involviertheit eines Teilnehmers).
Erwartung, was verlangt wird: Reize oder Anhaltspunkte in einem Experiment, die einen Teilnehmer darüber informieren welches Verhalten erwartet wird.
Vpn dürfen nicht über die zu testenden Hypothesen informiert sein.
In einigen Experimenten ist es notwendig die Vpn zu täuschen, um realistische psychologische Prozesse hervorzurufen.
Ethische Frage: Rechtfertigen die zu gewinnenden Ergebnisse, daß Menschen getäuscht und manchmal Schmerz oder Kummer bereitet wird?

Ethische Prinzipien der psychologischen Forschung:

  • Vpn müssen über das Experiment soweit informiert werden, daß sie sich für oder gegen die Teilnahme aussprechen können
  • Gebrauche Täuschung nur da, wo es notwendig ist und es keine Alternativen gibt.
  • Schütze die Personen vor Schaden.
  • Behandle Information über die Vpn vertraulich.
  • Kläre Vpn nach dem Versuch auf, auch über die verwendeten Täuschungen. Dies gilt nicht notwendigerweise für Rückmeldungen, die für den Teilnehmer schmerzhaft oder sehr unangenehm sind.

1.4.3 Erklären und Vorhersagen: Theorien

Hypothese: eine prüfbare Vorhersage, die eine mögliche Beziehung zwischen zwei Ereignissen beschreibt.
Theorien:

  • System von Gesetzen, das beobachtbare Ereignisse erklären und vorhersagen will.
  • es werden spezifische testbare Vorhersagen (= Hypothesen) getroffen, die...
  • ...eine Theorie testen, d.h. eine Theorie wird falsifiziert oder bestätigt
  • ...neue Exploration generieren, d.h. Anregung zu neuer Forschung liefern
  • ...praktische Anwendungen liefern

1.4.4 Vom Labor auf das Leben verallgemeinern

Probleme bei der Verallgemeinerbarkeit:

  • Experimente sind eine Vereinfachung der Realität
  • Die verwendeten Stichproben an Vpn sind nicht repräsentativ (meist Psychologiestudenten)
  • Unterscheidung zwischen den zugrundeliegenden kognitiven Prozessen und dem Inhalt der dadurch verarbeitet wird.

Auch wenn Inhalte des Denkens zwischen den Kulturen variieren, so sind doch zumindest annehmbar, daß die kognitiven Prozesse zwischen Kulturen, Geschlechtern, usw. gleich sind.

TEIL 1: Sozial denken

KAPITEL 2: Das Selbst in der sozialen Welt

Verhalten entsteht durch Interaktion zwischen uns und unserer sozialen Umgebung
Soziale Umgebung beeinflußt das Selbstbild

  • Ein Euro-Amerikaner in Nepal fühlt sich unsicher als "Weißer"
  • Ein Afro-Amerikaner in Afrika fühlt sich unsicher als "Amerikaner"

Eigene Ideen, Gefühle beeinflussen die Interpretation von Ereignissen, die Erinnerung und Reaktionen.

2.1. Selbstkonzept

  • Wie beeinflußt unser Selbstbild unsere Gedanken und Verhalten ?
  • Wie genau wissen wir darüber Bescheid? (Metakognition)
  • Wie beeinflußt unsere Kultur unser Selbstbild?

Selbstschema (MARKUS & WURF, 1987): Selbstschemata sind Elemente unseres Selbstkonzepts, d.h. Überzeugungen über uns selbst, anhand derer wir definieren, wer wir überhaupt sind. Es sind Ansichten über uns selbst, die die Verarbeitung von Informationen, die das Selbst betreffen, organisieren und lenken.
Selbstschemata beeinflussen sehr stark die Verarbeitung sozialer Information. Sie beeinflussen, in welchem Maße wir uns selbst und andere wahrnehmen, uns erinnern und einschätzen.
Wie beeinflußt das Selbst das Gedächtnis?
Effekt der Selbstbezogenheit (Higgins & Bargh, 1987): Tendenz, Informationen, die das eigene Selbst betreffen, schneller zu verarbeiten und sich besser daran zu erinnern. Bsp: Extrovertierte Personen erinnern sich an Wörter wie "lebhaft", "spontan" besser.
Mögliches Selbst (Markus & Nurius, 1986):
Vorstellungen von uns selbst, welche wir uns für die Zukunft wünschen oder befürchten.
Selbstwert: Allgemeine Selbstbewertung oder Selbstwertgefühl einer Person.

  • bottom-up-Sicht des Selbstwertes: Summe aus unserem Selbstschema und Möglichen Selbst beeinflußt unseren allgemeinen Selbstwert.
  • top-down-Sicht des Selbstwertes (Brown & Dutton, 1994): Allgemeiner Selbstwert beeinflußt spezifische Selbstwahrnehmung

Experiment zur Bestätigung der top-down-Sicht des Selbstwertes:
SMITH & PETTY (1995): Vpn mit niedrigem Selbstwert neigen dazu, in schlechter Stimmung diese zu verstärken durch Abrufen negativer Erinnerungen => negative Interpretation von Bildern
Vpn mit hohem Selbstwert neigen dazu, in schlechter Stimmung diese zu verbessern durch Abrufen positiver Erinnerungen => positive Interpretation von Bildern

Selbstwertgefühl beeinflußt die Einschätzung unserer Wesenszüge und Fähigkeiten und tönt unsere Erinnerungen und Gedanken, aber dies gilt auch umgekehrt, d.h. daß unser globales Selbstwertgefühl auch durch unsere täglichen Erfahrungen geprägt wird.
Einflußfaktoren auf Selbstwert: Kulturell beeinflußte Identität, Sichere frühe Bindungen zu Eltern, Meinung anderer Menschen über uns, Vergleiche mit anderen, alltägliche Erfahrungen (Erfolg, Mißerfolg)

2.1.1 Selbstkenntnis

Introspektives Wissen über uns selbst ist in manchen Fällen falsch. Die Grenzen des Wissens über uns selbst:
Erklärung unseres Verhaltens
Vorhersage unseres Verhaltens
Weisheit und Illusion der Selbstanalyse

2.1.1.1 Das eigene Verhalten erklären

NISBETT & SCHACHTER (1966): Beim Austeilen von Elektroschocks wachsender Intensität ertragen Vpn, die ein Placebo mit den angeblich gleichen Wirkungen wie die eines Schocks bekommen, bis zu viermal höhere Stromstärken als die Vpn ohne Placebo. Als die Vp informiert wurden, daß sie mehr E-Schocks als im Durchschnitt ertragen haben, wird als Erklärung die (falsche) Pille nicht erwähnt. Selbst wenn die Vp nochmals auf die Einnahme der Pille hingewiesen worden sind, wird die Wirkung der Pille bestritten.
NISBETT & WILSON (1977): Vpn, die bei der Beurteilung eines Filmes durch Lärm abgelenkt werden, glauben, daß dies ihre Beurteilung beeinflußt, obwohl die Beurteilungen mit der Kontrollgruppe, die keinem Lärm ausgesetzt war, übereinstimmen.
Attribution hat große Wirkung auf unser Verhalten => Attributionen können auch falsch sein!

2.1.1.2 Das eigene Verhalten vorhersagen

SHRAUGER (1983): Vpn gaben Schätzungen darüber ab, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie in den folgenden 2 Monaten bestimmte Ereignisse erleben werden. Die Angaben waren nicht genauer, als wenn man den Durchschnittswert geschätzt hätte.

2.1.1.3 Die Weisheiten und Irren der Selbstanalyse

WRIGHT & RIP (1981): Schüler können die Abhängigkeit ihrer Meinung über verschiedene umliegende Colleges von verschiedenen Eigenschaften wie Größe, Schulgeld, Entfernung von Zuhause vorhersagen
Selbst-Wahrnehmung führt zu richtigen Ergebnissen, wenn die Ursachen des Verhaltens offensichtlich sind und mit unserer Intuition übereinstimmen.
WILSON (1985): Kognitive Prozesse, die unser Sozialverhalten steuern, sind verschieden von den kognitiven Prozessen mit denen wir unser Sozialverhalten erklären.
WILSON & al. (1989): Ausgedrückte Einstellungen gegenüber Objekten sagt späteres Verhalten einigermaßen voraus. Eine Analyse der Gefühle brachte jedoch für die Voraussage späteren Verhaltens nichts.
Bsp.: Die augenblickliche Zufriedenheit von Pärchen ist ein guter Prädiktor für das Bestehen nach mehreren Monaten.
Eine Auflistung der Pro- und Contraargumente für ihre Beziehung war dagegen kein Prädiktor.

WILSON & al. (1993): Spätere Zufriedenheit mit der Wahl eines Posters ist höher, wenn die Wahl "aus dem Bauch heraus" getroffen wurde als wenn zuerst die Pro- und Contraargumente bedacht wurden.
MILLAR & TESSER (1992): Bei Vorhersage von emotionalem Verhalten bewirkt eine Betonung rationaler Überlegungen eine Verringerung der Korrelation zwischen Urteil und späterer Realität. Dieser Effekt ist jedoch durch Betonung von verstärkt emotionalen Überlegungen verringerbar.
Verhaltensweisen, die eher kognitive Aspekte aufweisen wie die Wahl eines Studienortes, wird durch eine Analyse der Pro- und Contraargumente besser vorhergesagt als Verhaltensweisen, die emotionale Aspekte aufweisen und damit eine Entscheidung aus dem Bauch heraus fordern.
Folgerungen:

  • Selbstbetrachtungen geben zwar Hinweise auf psychologische Prozesse, sind aber oft nicht verläßlich.
  • Die Überzeugung, mit der jemand über seine Erfahrungen berichtet und interpretiert läßt keinen Rückschluß auf die Zuverlässigkeit seiner Aussagen/Vorhersagen zu.

2.1.2 Selbst und Kultur

Independent self: Westliche Kulturen. Selbstsicht besteht aus einem einzigartigem Individuum mit bestimmten Fähigkeiten, Wesenszügen, Werten. Westliche Psychologie nimmt an, daß das eigene Leben durch die Umsetzung der eigenen Möglichkeiten bereichert wird und man auf die eigene Kompetenz vertrauen soll.
Interdependent self: Viele nicht-westliche Kulturen. Identität ist mehr durch die Beziehung zu anderen Menschen bestimmt. Ziel des Lebens ist, in Harmonie und gegenseitiger Unterstützung mit den anderen zu leben
Beide Selbstkonzepte sind jedoch nicht stabil, so kann man bei japanischen Austauschstudenten, die sich sieben Monate an einer amerikanischen Uni befanden, einen erhöhtes Selbstwertgefühl und größere Unabhängigkeit beobachten.

2.2 Selbst-Effizienz

BANDURA & Selbst-Effizienz: ein Gefühl, daß man kompetent und effektiv ist.
Eigenschaften von Menschen mit starker Selbst-Effizienz: (nach Brockner & Hulton, 1978; Brown , 1992):

  • glücklicher, weniger neurotisch, geringere Anfälligkeit für Geschwüre, Schlaflosigkeit, Alkohol- und Drogenabhängigkeit, ausdauernder, weniger ängstlich und deprimiert, akademisch erfolgreicher

2.2.1 Ort der Kontrolle

Ort der Kontrolle (nach ROTTER): Ausmaß bis zu welchem Menschen ihr Leben als von ihnen selbst kontrolliert empfinden, d.h. durch eigene Anstrengungen und Handlungen (interner Ort der Kontrolle) oder fremdkontrolliert empfinden, d.h. durch Zufall oder äußere Einflüsse (externer Ort der Kontrolle).
FINDLEY & COOPER (1983): Menschen mit internem Ort der Kontrolle sind akademisch erfolgreicher, schaffen es eher, das Rauchen aufzuhören, tragen häufiger Sitzgurte.
NOEL & al. (1987): Schlechte Schüler werden erfolgreicher nach Internem-Ort der Kontrolle-Training
Menschen, die ein hohes Maß an Selbst-Effizienz und einen internen Ort der Kontrolle besitzen, sind erfolgreicher und kommen mit neuen Aufgaben besser zurecht.

2.2.2 Erlernte Hilflosigkeit vs. Selbstbestimmtheit

Erlernte Hilflosigkeit: Erlernte Hoffnungslosigkeit und Resignation, die dadurch entsteht, daß ein Mensch oder Tier wiederholt erfährt, daß es keine Kontrolle über negative Ereignisse besitzt.
LANGER & RODIN (1976): Senioren wurden in einem Pflegeheim unterschiedlich behandelt. In einer Bedingung betonten die Pfleger, daß es ihre Aufgabe sei, das Heim so zu gestalten, daß die Senioren darauf stolz und darin glücklich sein können. Sie behandelten die Senioren als passive Empfänger von Pflege. Nach drei Wochen wurden die Senioren von sich selber, von Interviewern und den Schwestern als stärker geschwächt beurteilt.
In der anderen Bedingung betonten die Pfleger, daß die Senioren aus ihrem Leben machen konnten, was sie wollten. Die Senioren erhielten kleine Wahlmöglichkeiten zur Gestaltung des Heimalltages. Nach drei Wochen zeigten 93% der Senioren gesteigerte Wachsamkeit, Aktivität und Glücklichsein.

  • Selbstbestimmung fördert Gesundheit und Glück
  • das Gefühl von Effizienz und der Fähigkeit, sein Leben zu kontrollieren fördert Gesundheit und Glück

2.2.3 Kollektive Effizienz

Hoffnungslosigkeit führt öfter zu Apathie als zu Aggression
Menschen (Gruppen) , die ein Gefühl von (kollektiver) Selbst-Effizienz besitzen, setzen sich wahrscheinlicher und stärker für ihre Ziele ein bzw. wehren sich gegen Leute mit anderen Zielen als Menschen mit geringer Selbst-Effizienz.
Möglichkeiten zu Steigerung von Selbst-Effizienz (nach BANDURA):

  • Sich realistischen Herausforderungen stellen und Erfolg haben!

Weitere weniger wirksame Möglichkeiten:

  • Autosuggestion ("Ich werde es schaffen!")
  • Positives Selbstbild ("Ich bin toll!")

2.3. Selbstdienliche Denkfehler (Self-serving bias)

Allgemeine Annahme: Die meisten Leute verachten sich selbst, betrachten sich als wertlos und nicht liebenswert.
Die Psychologie widerspricht dem:
Self-serving bias: Tendenz, sich selbst vorteilhaft wahrzunehmen.

  • Erklärung für positive und negative Ereignisse (= selbstdienliche Attributionen)
  • selbsterhöhende Vergleiche
  • unrealistischer Optimismus
  • Falscher Konsensus- und falscher Einzigartigkeits-Effekt

2.3.1 Erklärungen für positive und negativer Ereignisse

Konsistenter Befund: Menschen neigen dazu, Erfolge internal und Mißerfolg external zu attribuieren.
Situationen, die Fähigkeit mit Glück verbinden (Bewerbungen, Examen, Spiele), sind besonders anfällig für das Phänomen.
Verschiedene Untersuchungen:

  • Ehefrauen schätzen ihren Anteil an der Hausarbeit als doppelt so hoch ein wie ihre Männer.
  • Geschiedene Partner weisen ihrem Ex-Gatten die Schuld für die Scheidung zu
  • Lehrer fühlen sich durch Erfolge ihrer Schüler bestätigt, ignorieren aber Mißerfolge von Schülern

2.3.2 Sind wir alle besser als der Durchschnitt?

Menschen nehmen sich auf fast jeder Dimension, die subjektiv und sozial erwünscht ist, als überdurchschnittlich wahr.
Subjektive Dimensionen (z.B. diszipliniert) fördern ein größeres Ausmaß an "self-serving bias" als objektive Verhaltensdimensionen (z.B. Pünktlichkeit).
Mögliche Erklärung: subjektive Dimensionen lassen einem größere Freiheit, wie sie zu definieren sind, z.B. bei der Beurteilung der "Sportlichkeit".
Die Generierung des Selbstbildes hängt auch von unserer Leistung in verschiedenen Bereichen in der Weise ab, daß wir Bereiche, in denen unsere Leistungen gut sind, als wichtiger betrachten als die, in denen wir schlecht sind.
Verschiedene Untersuchungen:

  • Geschäftfsleute halten sich für moralischer als den durchschnittlichen Geschäftsmann.
  • 86% aller Australier halten ihre Arbeitsleistung für überdurchschnittlich

2.3.3 Unrealistischer Optimismus

Menschen zeigen oft unrealistischen Optimismus bezüglich zukünftiger Lebensereignisse.
Vorteil von unrealistischem Optimismus: Glück (weniger Angst)
Mögliche Nachteile: Nicht-Erkennen von Gefahren => mögliche Unterlassung von Vorsichtsmaßnahmen => Trägheit
Verschiedene Untersuchungen:

  • Studenten glauben, daß sie mit höherer Wahrscheinlichkeit positive Ereignisse erfahren werden (guter Job) und geringerer Wahrscheinlichkeit negative Ereignisse (Alkoholprobleme).
  • Nach dem Erdbeben 1989 in San Francisco verloren Studenten ihren unrealistic optimism bezüglich der Sicherheit vor Naturkatastrophen... allerdings nur für 3 Monate.
  • Schüler, die zu selbstbewußt sind, bekommen schlechtere Noten, da sie schlecht vorbereitet sind, während ängstlichere Schüler besserer Noten bekommen, da sie härter arbeiten.

2.3.4 Falscher Konsensus und falsche Einzigartigkeit

Falscher Konsensus-Effekt: Tendenz, die Häufigkeit des eigenen nicht-wünschenswerten oder nicht-erfolgreichen Verhaltens zu überschätzen.
Mögliche Erklärung:

  • Mangel an anderen, objektiven Informationen
  • Verallgemeinerung von einer begrenzten Stichprobe aus, der man vor allem selber zugehört.

Falscher Einzigartikeits-Effekt: Tendenz, die Häufigkeit der eigenen Fähigkeiten und des eigenen wünschenswerten oder erfolgreichen Verhaltens zu unterschätzen.
Mögliche Erklärung: Stärkung des Selbstbildes
Beispiel: Jemand, der betrunken Auto fährt, aber Sitzgurte angelegt hat, wird die Häufigkeit mit der Autofahrer betrunken fahren überschätzen, aber die Häufigkeit mit der Autofahrer Sitzgurte tragen unterschätzen.

2.3.5 Andere selbstdienliche Tendenzen

Einige Beispiele:

  • Fehlhandlungen, die nicht ungeschehen gemacht werden können, werden gerechtfertigt.
  • Je positiver wir uns auf bestimmten Dimensionen betrachten, desto stärker gewichten wir diese Dimension bei der Beurteilung anderer.
  • Menschen glauben mehr Eigenschaften mit attraktiven Personen gemeinsam zu haben als mit Unattraktiven.

2.3.6 Selbstwert-Motivation

Verschieden Erklärungsansätze für selbstdienliche Tendenzen:

1) Kognitive Erklärungen:
Folge der Verarbeitung von Informationen, die das Selbst betreffen (Selbstbezogenheits-Effekt) => eigene Handlungen werden besser erinnert als Handlungen anderer
2) Motivationale Erklärungen:

  • Bedürfnis nach Selbsterkenntnis, Selbstbestätigung, Selbststärkung
  • Verwirklichung unseres Selbstkonzepts => Physiologische Erregung fördert selbstdienliche Tendenzen

TESSER (1988): Erhaltung des Selbstwertes erlaubt Vorhersagen über Beziehungen zwischen Menschen (Geschwister, Freunde, Ehepartner,...)
z.B.: jüngerer, intelligenterer Bruder ist die größte Bedrohung für den Selbstwert des älteren Kindes =>starkes Konfliktpotential
3) Evolutionsbiologische Erklärung:
Zugehörigkeit zu Gruppen bzw. soziale Kontakte erhöhen den Überlebens- und Fortpflanzungsvorteil des Individuums. Abnehmender Selbstwert bzw. soziale Ablehnung motiviert Menschen

  • durch Anpassung an die Erwartungen anderer ihren Selbstwert zu erhöhen und ihren Sozialstatus zu steigern.
  • an sich selbst zu arbeiten
  • nach anderen sozialen Kontakten zu suchen

2.3.7 Überlegungen zu Selbst-Effizienz und selbstdienlichen Tendenzen

  • Auch bei Gebrauch der selbstdienlichen Tendenzen können Unterlegenheitsgefühle auftreten
  • Nicht alle Menschen unterliegen den selbstdienlichen Tendenzen

Verhaltensweisen von Menschen mit niedrigem Selbstwert:

  • Menschen, deren Selbstwert zeitweise verletzt wurde, neigen zu ich-stärkenden Prahlereien, Ausreden und Abwertung anderer.

Verhaltensweisen von Menschen mit hohem Selbstwert:

  • zeigen selbstdienliche Tendenzen bei der Attribution von Erfolgen und Mißerfolgen von sich selber oder ihrer Gruppe.
  • geringere Reizbarkeit und Voreingenommenheit gegenüber anderen

2.3.7.1 Selbstdienlichen Tendenzen sind auch adaptiv

  • Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl haben durch selbstdienliche Tendenzen einen Schutz vor Ängstlichkeit und Depression. Menschen, die keine selbstdienlichen Tendenzen zeigen, neigen zu verstärkter Ängstlichkeit und Depression. Sie geben aber realistischere Selbsteinschätzungen ab. => "sadder but wiser"-Effekt!
  • Der Glaube an unsere Überlegenheit kann sich durch self-fulfilling prophecy erfüllen.

2.3.7.2 Selbstdienlichen Tendenzen sind auch nicht adaptiv

1. Selbstdienliche Tendenzen führen zu Gruppenkonflikten:

  • Menschen, die anderen die Schuld für ihre sozialen Schwierigkeiten zuweisen, sind weniger glücklich als Menschen, die ihre Fehler zugeben.

SCHLENKER (1976): Bei der Lösung eines Problems in Gruppenarbeit beanspruchten die Mitglieder mehr Verantwortlichkeit für die Gruppenleistung, wenn sie Erfolg hatten als wenn sie Mißerfolg hatten. Die meisten glaubten, bei Erfolg auch am meisten beigetragen zu haben.

  • Durch selbstdienliche Tendenzen kann in Gruppen Disharmonie und Neid entstehen, wenn seine Leistung subjektiv nicht gerecht belohnt wird.

2. Selbstdienliche Tendenzen führen zu Fehlentscheidungen:

  • Überschätzung der eigenen Fähigkeiten kann zu Fehlentscheidungen führen (z.B. in der Wirtschaft)
  • Die selbstdienlichen Tendenzen können durch Überschätzung der eigenen Fähigkeiten dazu führen, situationale Einflüsse, die zu Mißerfolgen geführt haben, bei sich und bei anderen zu vernachlässigen und sich und andere zu hart zu beurteilen oder zu bestrafen.

Fazit: Vermeidung von Self-serving bias durch Bescheidenheit, wobei Bescheidenheit als Selbstvergessenheit und nicht als Selbsterniedrigung zu verstehen ist.

2.4.Selbstpräsentationen

2.4.1 Falsche Bescheidenheit

Öffentlich gezeigte Bescheidenheit kann auch selbstdienlich sein:

  • Abwertungen der eigenen Person kann beabsichtigen, Widerspruch zu erregen. Des weiteren erweckt man den Eindruck, bescheiden zu sein
  • Aufwertung eines Gegners kann dazu dienen, den eigenen Sieg über den (starken) Gegner aufzuwerten bzw. die eigene Niederlage zu schmälern. Desweiteren erweckt man den Eindruck, ein fairer Wettkämpfer zu sein.

GOULD et al.(1977): Studenten lobten ihren erwarteten Gegner, aber nur, wenn ihre Aussagen publik gemacht wurden. Wurden die Aussagen anonym gehalten, wurden den erwarteten Gegnern geringere Fähigkeiten zugesprochen.
BAUMEISTER & ILKO (1995): Studenten schrieben über ein wichtiges Erfolgserlebnis. In einer Bedingung wurde gesagt, daß sie ihre Namen auf ihre Berichte schreiben sollten und ihre Berichte später einem Publikum vorgelesen werden sollten. In der anderen Bedingung verfaßten sie ihre Berichte anonym. Studenten in der ersten Bedingung verwiesen öfter auf die Hilfe durch andere. Studenten in der zweiten Bedingung führten Erfolge auf ihre eigene Leistung zurück.
Studenten zeigten in der Öffentlichkeit oberflächliche Dankbarkeit, um bescheiden zu wirken. Für sich allein zeigten sie Selbstaufwertung.

2.4.2 Selbst-Handicapping

Selbst-Handicapping: Schutz des Selbstbildes durch Sabotage der Möglichkeit auf Erfolg, damit man eine Ausrede für Versagen hat. Beispiele:

  • Studenten, die vor Prüfungen Videospiele spielen statt zu lernen
  • Stellenbewerber, die in der Nacht vor einem Vorstellungsgespräch, feiern

Warum tut man das?
Schutz des Selbstbildes, indem Versagen auf externale Faktoren attribuiert werden kann: BERGLAS & JONES (1978): Studenten führten einen Eignungstest durch. Ihnen wurde gesagt, daß ihr Testscore zu einigen der besten gehört. Anschließend bekommen sie die Wahl, ob sie, bevor sie weitere Fragen beantworten, lieber ein Medikament wollen, daß ihre Leistung blockiert oder eins, daß ihre Leistung steigert. Ergebnis: Die meisten Studenten entschieden sich für die hemmende Droge. Phänomene wie etwa die falsche Bescheidenheit können erklärt werden durch:

2.4.3 Eindrucks-Management

Selbstüberwachung: Das Verhalten anderer in bestimmten sozialen Situationen beobachten und das eigene Verhalten so anpassen, daß es den erwünschten Eindruck hervorruft.
Menschen mit gering ausgeprägter Selbstüberwachung sind stärker von innen geleitet und handeln eher, wie sie wirklich denken.

KAPITEL 3: Soziale Meinungen und Urteile

September 1983: Sowjetunion schießt Passagierflugzeug ab => USA verurteilt den Abschuß als böswillige Abschlachtung
Juli 1988: USA schießt Passagierflugzeug ab =>Sowjetunion verurteilt den Abschuß als böswillige Abschlachtung
Die Beurteilung des Verhaltens anderer hängt davon ab, wie wir ihr Verhalten erklären!
Was waren die wahren Ursachen der Abschüsse?

3.1. Erklären der anderen

3.1.1 Attribution: Person oder Situation?

Attribution vor allem dann, wenn negative oder unerwartete Ereignisse eintreten.
Bei der Ursachenzuweisung für Verhalten der Ehepartner tendieren unglücklich verheiratete Partner dazu, das negative Verhalten des anderen als selbstsüchtig und egoistisch zu interpretieren. (=> internal)
Glücklich verheiratete Partner attribuieren negatives Verhalten auf die äußeren Umstände. (=> external)
Attributionen sind von derart großer Wichtigkeit, weil sie unsere Reaktionen gegenüber anderen bestimmen.
Männer attribuieren die Freundlichkeit von Frauen eher auf sexuelles Interesse als umgekehrt.

  • Missattribution (ABBEY, 1991)
  • Zusammenhang mit Vergewaltigungen

Attributionstheorie: Theorie, die sich damit beschäftigt, wie Menschen das Verhalten von anderen Menschen erklären. z.B. durch Zuweisung von internalen Dispositionen (Charakterzüge, Motive, Einstellungen) oder zu extenalen Situationen.

  • Die Haut als Grenze zwischen Externalen / Situationalen Ursachen(kräften) und Internalen/ Personalen Ursachen(kräften), die gleichgerichtet oder entgegengesetzt wirken können und deren Interaktion sich als Verhalten manifestiert.
  • Unterscheidung von Internalen Ursachen (Dispositionale Attribution) und Externalen Ursachen (Situationale Attribution). (HEIDER, 1958):
  • Eindeutige Zuweisung der Ursachen, ob external oder internal, nicht immer möglich, da beide aufeinander einwirken. Bsp: "Schulkinder sind ängstlich" vs. "Schule ängstigt Kinder"

3.1.1.1 Auf persönliche Eigenschaften schließen

Theorie der korrespondierenden Schlußfolgerungen nach JONES & DAVIS
Wir schlußfolgern oft, daß Absichten und Dispositionen einer Person ihren Handlungen entsprechen. Jones & Davis spezifizieren die Bedingungen, unter denen solche Attributionen am wahrscheinlichsten sind. Normales oder erwartetes Verhalten sagt weniger über eine Person aus als dies bei unerwartetem Verhalten der Fall wäre.
Nach dieser Theorie geschehen Schlußfolgerungen aufgrund der Analyse der distinkten (auffälligen) Merkmale. Dabei gilt:

  • Je weniger distinkte Merkmale, desto besser.
  • je negativer die gewählte Handlungsalternative einer Person ist, desto aussagekräftiger ist sie.

Kriterien:

  • soziale Erwünschtheit (Handelt eine Person so, wie sich in aller Regel jeder verhält oder eher nicht?)
  • Entscheidungsfreiheit
  • soziale Rolle (Wenn z.B. ein Feuerwehrmann ein Kind aus einem brennendem Haus rettet, sagt dies sehr viel weniger über diesen Mann aus als wenn dies ein unbeteiligter Passant getan hätte.)

Die Leichtigkeit, mit der Dispositionen einer Person schlußgefolgert werden, ist bemerkenswert:
ULEMAN (1989): Er legte Studenten Sätze, die sie später erinnern sollten wie etwa: "Der Bibliothekar trägt das Gemüse der alten Frau über die Straße." Was die Studenten später erinnerten, sind weder "Bücher" noch "Taschen" (was man spontan mit Bibliothekar in Verbindung bringen würde, sondern das Wort "hilfsbereit" Schlüsselwörter für die Erinnerung. => automatische Attribution des Verhaltens

3.1.1.2 Attributionen nach dem gesunden Menschenverstand

Attributionsmodell nach KELLEY (1973): Bei der Attribution von Verhalten ist zu berücksichtigen:

  • Konsistenz: Handelt die betroffene Person immer in dieser Situation auf diese Weise?
  • Distinktheit: Handelt die Person in anderen Situationen auf andere Weise?
  • Konsensus: Handeln andere Personen in der Situation auf diese Weise?

Externale Attribution: Konsensus hoch, Distinktheit hoch, Konsistens hoch
Internale Attribution: Konsensus niedrig, Distinktheit niedrig, Konsistens hoch
Discounting Prinzip: mit Ansteigen möglicher Ursachen für ein Ergebnis werden die einzelnen möglichen Ursachen abgewertet.
Augmentation Prinzip: Wenn ein Ergebnis trotz widriger Fakten auftritt, werden die auslösenden Ursachen als besonders stark angesehen - als stärker, als wenn keine widrigen Fakten aufgetreten wären.

3.1.1.3 Informations-Integration

Gesetze, nach denen verschiedene Informationen zu einem Gesamteindruck verarbeitet werden (ANDERSON, 1968):
Beispiel: Welchen Gesamteindruck eines Menschen rufen die Adjektive "intelligent, daring, lazy, sincere" hervor?

  • Informationen werden nach dem subjektivem Empfinden der Wichtigkeit durch den Infomationsempfänger gewichtet.
  • Erste Informationen (Eindrücke) beeinflussen oft die Verarbeitung nachfolgender Informationen.
  • Negative Informationen erhalten oft stärkeres Gewicht als positive Informationen (möglicherweise weil sie seltener vorkommen).

3.1.2 Warum wir Attributionsfehler studieren

Attributionsfehler sowie Fehler des kognitiven Systems im Allgemeinen lassen Rückschlüsse auf die Informationsverarbeitung zu.

  • Fehler des kognitiven Systems sind oft auf adaptive Mechanismen zurückzuführen. z.B.Vereinfachung komplexer Informationen.
  • Wissen über die Fehler im kognitiven System helfen dabei, die Wahrnehmung der Realität zu korrigieren und richtig zu interpretieren und regt kritisches Denken an.

3.1.3 Der fundamentale Attributionsfehler

Tendenz von Beobachtern, beim Verhalten anderer die situationalen Einflüsse zu vernachlässigen und dispositionale Einflüsse zu überschätzen. Auch correspondence bias genannt, da das Verhalten als mit der Einstellung korrespondierend wahrgenommen wird.
JONES & HARRIS (1976) "Castro-Experiment": Vpn bekamen schriftliche Aussagen, entweder zuungunsten der Castro-Regierung oder aber zugunsten der Castro-Regierung. Man teilte den Vpn mit, die Autoren hätten sich freiwillig (Wahlfreiheit) für die jeweilige Position entschieden oder aber es sei von den Autoren verlangt worden (keine Wahlfreiheit), sich zu einer bestimmten Position zu äußern. Die Vpn mußten dann die nach ihrer Meinung vorliegende tatsächliche Position des Autors zur Castro-Regierung einschätzen.
Ergebnis: Selbst in der Bedingung "keine Wahlfreiheit" tendierten die Vpn dazu, Einstellungen zu attribuieren, die mit der im Text vertretenen Position übereinstimmten.
Die Vpn schienen also der Situation ("keine Wahlfreiheit") zu wenig und der Person zuviel Gewicht beizumessen.
BAUMEISTER & al. (1988): Vpn wurden angewiesen, sich in einem Gespräch mit einer anderen Vp bescheiden zu verhalten. Sie riefen damit auch ein bescheidenes Verhalten bei ihrem Gesprächspartner hervor, der sich an die Situation, d.h. an das Verhalten seines Gesprächspartners anpaßte. Während die instruierten Vpn ihr eigenes bescheidenes Verhalten erklären konnten, glaubten sie, daß die andere Person ein schwaches Selbstbewußtsein hatte, da sie sich ihres Einflusses auf den Gesprächspartner nicht bewußt waren.
Vernachlässigung von situationalen Einflüssen, Verhalten wird als echt angesehen

Selbst soziale Zwänge werden in der Einschätzung einer Person vernachlässigt:
ROSS & al. (1977): Studenten führten ein Quiz durch, bei dem ihnen zufällig die Rolle des Fragestellers, des Beobachters oder des Quizkandidaten zugeteilt wurde. Trotz dessen daß sich Fragesteller, Kandidaten und Beobachter des Quizes des Vorteils der Fragesteller bewußt waren, wurde das tatsächliche Wissen der Fragesteller von den Kandidaten und den Beobachtern weit überdurchschnittlich, das Wissen der Quizkandidaten eher unterdurchschnittlich beurteilt. => Anwendung im Alltag: Allgemeinwissen von Experten wird aufgrund ihres großen Spezialwissens überschätzt. (Bsp.: Ärzte)

3.1.3.2 Warum machen wir den fundamentalen Attributionsfehler?

Perspektive und Bewußtsein über die Situation
Unterschiedliche Perspektiven:

  • Wenn man selber handelt, zieht die Umwelt unsere Aufmerksamkeit auf sich.
  • Wenn andere handeln, dann zieht die Person unsere Aufmerksamkeit auf sich, während die Situation eher in den Hintergrund tritt.

STORMS (1973): Zwei Studenten unterhalten sich, wobei auf der einen Seite die Vp sitzt und daneben eine Kamera aufgebaut ist, die die gleiche Perspektive besitzt. Gegenüber sitzt der Gesprächspartner und hat neben sich auch eine Videokamera, die die gleiche Perspektive hat. Desweiteren sitzt auf der gleichen Seite ein Beobachter. Nach dem Gespräch beurteilen die Vp und der Beobachter, ob das Verhalten der gegenübersitzenden Vp vor allem durch personale oder situationale Einflüsse verursacht war. Danach urteilt der Beobachter im Gegensatz zur Vp, daß die Situation den geringsten Einfluß auf das Verhalten der Vp hatte.
Anschließend sehen beide das Video, das aus der Perspektive des anderen aufgenommen wurde. Danach führt der Beobachter das Verhalten vor allem auf die Situation zurück, während die Vp ihr Verhalten auf personale Einflüsse zurückführt.
Durch Wechsel der Perspektive konnte eine Umkehrung des Attributionsmusters beobachtet werden.

Haupthypothese dieser Studie: Durch visuelle Reorientierung können die Attributionen von Handelndem und Beobachter verändert oder sogar umgekehrt werden. Es wird also ein umgekehrter Attributionsunterschied getestet.
Wovon hängt die Perspektive ab?

Perspektivenwechsel in Abhängigkeit von der Zeit:
Mit wachsendem zeitlichem Abstand nimmt die zentrale Bedeutung der Person in der Erinnerung ab und situationale Einflüsse nehmen an Bedeutung zu.
z.B. Bedeutung der Persönlichkeit von Gewinnern von politischen Wahlen als Grund für ihren Sieg nimmt mit der Zeit ab und situationale Einflüsse gewinnen an Bedeutung.

Einfluß auf die Perspektive durch Umstände:
Umstände, die unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst lenken anstatt auf die Situation!
Verstärkung des Selbst-Bewußtseins durch Spiegel, Videoaufzeichnungen, Ausfüllen von biographischen Fragebögen, führt zu verstärkter personaler Attribution des Handelnden
Selbst-Bewußtsein: Selbstbezogener, selbstaufmerksamer Zustand, in dem die Aufmerksamkeit auf einen selbst gerichtet ist. self-awareness richtet die Aufmerksamkeit der Menschen stärker auf ihre Einstellungen und Dispositionen.
Kulturelle Unterschiede: Persönliche Verantwortung ist in den verschiedenen Kulturen für die Ursachenzuschreibung verantwortlich.
Tatsächlich ist der fundamentale Attributionsfehler in kollektivistischen Kulturen weniger ausgeprägt.
In individualistischen Kulturen, in denen die Macht und der Einfluß der Person bei der Erklärung von Ereignissen betont wird, führt dies zu einer Verstärkung des Fundamental Attribution Error (FAE).
Es ist also entscheidend, welche Erklärungstendenzen man zugrundelegt.

3.1.4 Wie fundamental ist der fundamentale Attributionsfehler?

Der fundamentale Attributionsfehler tritt auch auf, wenn darauf hingewiesen wird. Das ist möglicherweise darauf zurückzuführen ist, daß es kognitiver Anstrengung bedarf, den fundamentalen Attributionsfehler zu korrigieren.
Der fundamentale Attributionsfehler ist adaptiv:

  • Kognitive Abkürzung: er vereinfacht komplexe Überlegungen über die vielfältigen Erklärungen für Verhalten durch dispositionale Erklärung. Damit sind Vorhersagen für die Zukunft besser möglich, weil sich Situationen verändern können, nicht jedoch die Dispositionen einer Person.
  • Dispositionale Erklärungen sind für die Vorhersage von Verhalten ebenso geeignet wie situationale Erklärungen solange die Situation sich nicht ändert.
  • Probleme treten auf wenn die zugeordneten Dispositionen auf andere Situationen übertragen werden.

Beispiel: "Zurückhaltender" Bankangestellter, der in seiner Freizeit leidenschaftlich FKK betreibt."
Der fundamentale Attributionsfehler beeinflußt Einstellungen: Menschen, die starken fundamentalen Attributionsfehler aufweisen, vertreten z.B. härtere Ansichten gegen Arme und Arbeitslose

3.2 Über andere urteilen

3.2.1 Intuition: Unser Potential für inneres Wissen

3.2.1.1 Die Kraft der Intuition

Unser Denken ist nur teilweise überlegt und bewußt und größtenteils automatisch. Dadurch wird Informationsverarbeitungskapazität erhöht.
Verschiedene Hinweise:

  • Schemata steuern unsere kognitiven Prozesse (Verstehen wir das Wort "sechs" oder "Sex"?)
  • Spontaneität von Emotionen
  • Blindsight-Phänomen
  • Prosopagnosia (Unbewußtes Wiedererkennen nach Hirnläsion)
  • Unterbewußte Wahrnehmung bei Versuchen mit Tachistoskopen

3.2.1.2 Die Grenzen der Intuition

Heute wird die Intelligenz des Unterbewußtseins als niedriger angesehen als früher angenommen wurde. Gründe:

  • Kognitive Verzerrungen (Hindsight bias) und Wahrnehmungstäuschungen
  • Beispiel: Split-brain-Patienten, bei denen die Gehirnhälften operativ getrennt wurden, rechtfertigen die Reaktion auf Befehle wie "Geh!", die ihrer nonverbalen rechten Gehirnhälfte eingeblendet wurden, mit Begründungen der linken Gehirnhälfte wie "Ich wollte mir etwas zu Trinken holen!".

3.2.2. Interpretationen und Erinnerungen konstruieren

  • Vorgefaßte Meinungen steuern unsere Wahrnehmung und die Interpretation von Informationen.
  • Hindsight-bias verzerrt die Erinnerung

Wir antworten auf die Realität nicht wie sie ist, sondern wie wir sie konstruieren.

3.2.2.1 Ereignisse wahrnehmen und interpretieren

Bei mehrdeutiger sozialer Information spielen vorgefaßte Meinungen eine große Rolle. Erinnerungen, Interpretationen und Wahrnehmung werden dann von vorgefaßten Meinungen beeinflußt.
VALLONE, ROSS & LEPPER (1985): Pro-israelischen Studenten und pro-arabischen Studenten wurden (neutrale) Nachrichtenausschnitte über die Ermordung von Zivilisten in Flüchtingslagern im Libanon gezeigt. Jede Gruppe glaubte, daß die Nachrichten die andere Seite bevorzugten.
LORD, ROSS & LEPPER (1979): Eine Gruppe war für die Todesstrafe, eine andere dagegen. Beiden Gruppen wurden jeweils zwei angebliche Forschungsberichte vorgelegt, von denen ein Forschungsbericht sich für den Abschreckungseffekt der Todesstrafe aussprach, der andere Bericht jedoch dagegen. Beide Gruppen akzeptierten jeweils Bericht der mit ihrer Meinung übereinstimmte, lehnten den anderen Bericht jedoch strikt ab. Wurde beiden Gruppen die gleiche Zusammenstellung von Argumenten für und gegen die Todesstrafe vorgelegt, dann verstärkte dies die jeweilige Position statt zu größerer Einigung zu führen.
Vorteil: Effektive, schnelle Steuerung der Informationsverarbeitung von großen Mengen von Information durch Filterung und Organisation.
Nachteil: Verzerrungen von Wahrnehmung und Kognition.

Die Manipulation von vorgefaßten Meinungen führte zu erstaunlichen Ergebnissen:
ROTHBART & BIRELL (1977): Bei der Beurteilung des Gesichtsausdruckes aufgrund eines Fotos eines männlichen Gesichtes spielten Vorinformationen eine große Rolle.
Vorinformation und Wahrnehmung des Gesichtes:

  • GeStaPo-Führer. Interpretation des Bildes: grausames Gesicht
  • Retter von Juden. Interpretation des Bildes: warmes Lächeln

WALLBOTT (1988):"Kulechov-Effekt": Manipulation der emotionalen Beurteilung von Filmszenen (z.B. Gesichtsausdruck) durch Variation vorangehender Szenen. Dabei wurden ein und derselben Filmszene, die einen Mann zeigt, verschiedene Szenen mit unterschiedlichen Aussagen vorangestellt. In Abhängigkeit der vorangestellten Szenen wurde der Mann völlig gegensätzlich beurteilt, obwohl es sich genau um die gleiche Darstellung gehandelt hat.
Beharrlichkeit der ersten Wahrnehmung: Auch wenn den eigenen Ansichten die Grundlage entzogen wird, da trotzdem eine Erklärung dafür, warum die ursprünglichen Ansichten richtig sein könnten, erhalten bleibt.
ANDERSON, LEPPER & ROSS (1980):

  1. Vp erhält eine Überzeugung
  2. Vp muß erklären, warum diese Erklärung wahr ist.
  3. totale Diskreditierung der Überzeugung, indem der Vp die Wahrheit mitgeteilt wird.
  4. die Überzeugung bleibt in 75% der Fälle bestehen

Vpn sollten beurteilen, ob risikofreudige oder vorsichtige Menschen bessere Feuerwehrmänner sind. In einer Bedingung erhielten sie zwei Beispiele, wobei in einem ein risikofreudiger Feuerwehrmann Erfolg hatte und ein vorsichtiger Feuerwehrmann versagte. In der anderen Bedingung zeigten die Beispiele das Gegenteil.
Nachdem die Urteile gefällt waren, sollten die Vpn Erklärungen für ihre Entscheidungen verfassen.
Ergebnis: Nachdem selbständige Erklärungen verfaßt worden waren, blieben die Überzeugungen unabhängig von der Anfangsinformation bestehen und konnten auch nicht mehr durch Abwertung der gegebenen Beispiele geändert werden.
=> Je stärker man nach Argumenten sucht, desto weniger aufgeschlossen wird man für entgegengesetzte Argumente.

Wie kann die Beharrlichkeit der ersten Wahrnehmung bekämpft werden?
LORD, LEPPER & PRESTON (1984): Wiederholung des Experiments von ANDERSON, LEPPER & ROSS.
Zusätzliche Bedingungen. In einer Bedingung wurden die Vpn aufgefordert, bei ihren Beurteilungen so "objektiv und unvoreingenommen wie möglich zu sein". Aufforderung blieb ohne Wirkung auf die Beharrlichkeit der ersten Wahrnehmung
In einer weiteren Bedingung sollten die Vpn darüber nachdenken, wie ihre Urteile ausgefallen wären, wenn die gegebenen Forschungsberichte Argumente für die entgegengesetzte Position geliefert hätten. => Geringere Verzerrung durch belief perseverance
Die Beharrlichkeit der ersten Wahrnehmung kann reduziert oder sogar eliminiert werden, indem man der Vp Erklärungen dafür geben läßt, warum genau das Gegenteil richtig sein könnte.

3.2.2.3 Erinnerungen konstruieren

Beim Erinnerungsprozess werden Erinnerungen nicht wie aus einer Schublade abgerufen. Vielmehr konstruieren wir unsere Vergangenheit, wobei wir unsere gegenwärtigen Gefühle und Erwartungen benützen.

I. Frühere Einstellungen rekonstruieren:
Menschen, deren Einstellungen sich geändert haben, bestehen oft darauf, daß sie schon immer so gedacht haben, wie sie im Moment denken.
BEM & McCONELL (1970): Studenten nahmen an einer Umfrage zur Mitwirkung von Studenten an der Gestaltung der Lehre an der Universität teil. Darin enthalten war eine Frage, die sich auf die studentische Kontrolle des Stundenplans bezogen hat. Nach einer Woche mußte ein Teil der Studenten einen Aufsatz schreiben, in dem sie gegen studentische Mitwirkung Stellung bezogen. Danach veränderten sich deren Meinungen zugunsten geringerer studentischer Beteiligung, wobei sie angaben, daß sie vor einer Woche bereits die gleichen Meinungen vertreten hätten.
Rosiger Rückblick: Bei der Erinnerung an positive Ereignisse werden die positiven Aspekte des Ereignisses überbetont, während negative Aspekte eher vernachlässigt werden. (z.B. Erinnerung an Urlaub)

II. Früheres Verhalten rekonstruieren:
Wir revidieren unser vergangenes Verhalten entsprechend unserem gegenwärtigen Blickpunkt.
CONWAY & ROSS (1984): Teilnehmer an einem Kurs zur Verbesserung der Studierfähigkeit berichten über Verbesserung, obwohl sich ihre Noten sich nicht verbesserten. Mögliche Erklärung: Rechtfertigung des Arbeits-, Zeit-, und Geldaufwandes

III. Frühere Erfahrungen rekonstruieren
Misinformation-Effekt: Integration von "Fehlinformation" in die eigene Erinnerung an ein Ereignis, nachdem ein Ereignis beobachtet wurde und "Fehlinformationen" über das Ereignis vorgelegt wurden.
Zum Beispiel erhalten Vp nach der Beobachtung eines Ereignisses zusätzliche falsche Informationen durch einen anderen "Zeugen" und nehmen diese Information in ihre Erinnerung auf und erinnern später auch diese "Fehlinformation".
LOFTUS & PALMER (1989): Studenten sahen ein Film von einem Verkehrsunfall. Anschließend wurden sie entweder gefragt, "Wie schnell fuhren die Autos, als sie ineinander krachten?" (Gruppe I) oder "Wie schnell fuhren die Autos als sie zusammenstießen?" (Gruppe II). In Gruppe I wurden durchschnittlich höhere Geschwindigkeiten geschätzt als in Gruppe II.
Nach einer Woche wurden die Studenten gefragt, ob sie zerbrochenes Glas gesehen hätten. Studenten der Gruppe I berichteten mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit, daß sie zerbrochenes Glas gesehen hatten als Studenten der Gruppe II.
Erklärung der Phänomene: Wie funktioniert eigentlich unser Gedächtnis?
Priming: Aktivierung von bestimmten Assoziationen im Gedächtnis.
Vgl. Wirkung von vorgefaßten Meinungen: implantierte Ideen fungieren wie vorgefaßte Meinungen. Sie beeinflussen ganz automatisch unsere Interpretation und Erinnerung von Ereignissen
Wird man beispielsweise mit negativen Adjektiven geprimt, so wird ein ambivalenter Text entsprechend negativer eingeschätzt.
Loftus schließt nicht aus, daß suggestive Fehlinformation sogar falsche Erinnerungen produzieren kann, wenn es um sexuellen Kindesmißbrauch geht.
Bei der Rekonstruktion von Erinnerungen werden Lücken mit Allgemeinwissen und Überzeugungen gefüllt.

3.2.3 Übermäßiges Vertrauen in die eigene Urteilskraft

Übermäßiges Vertrauen in die eigene Urteilskraft: Tendenz, selbstsicherer zu sein als genau, d.h. die Genauigkeit der eigenen Urteile zu überschätzen.
KAHNEMAN & AMOS (1979): Vpn sollten Fragen des folgenden Typs beantworten:
"Ich bin mir zu 98% sicher, daß New-Delhi und Beijing weiter als ___ km aber weniger als ___ km entfernt sind (Luftlinie)."
Ergebnis: Bei 30% aller Fragen überschritten die Lösungen den Antwortspielraum.
Overconfidence läßt sich auch auf soziale Urteile anwenden:
DUNNING & al. (1990): Studenten sollten bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen von anderen Studenten vorhersagen indem sie Antworten von Personen auf einen Fragebogen vorhersagen sollen. Zunächst durften sie ihnen beliebige Fragen stellen, ohne aber direkt nach den vorherzusagenden Eigenschaften zu fragen.(z.B. Welche Hobbies hast Du?").
Ergebnis: Obwohl die Studenten in 63% aller Fälle richtig lagen, glaubten sie zu 75%, die Fragen korrekt vorhergesagt zu haben.

Welche Faktoren produzieren übermäßiges Vertrauen in die eigene Urteilskraft?
Menschen suchen nicht nach Informationen, die ihre Überzeugungen widerlegen könnte è Informationsselektion
Suche nach Bestätigung: die Tendenz, nach Informationen zu suchen, die die eigenen vorgefaßten Meinungen bestätigen.
WATSON (1960): Vpn sollten die zugrundeliegende Regel hinter der Zahlenfolge "2,4,6" (= drei aufsteigende Zahlen) durch Nennung von 3 Zahlen finden, die mit der von ihnen vermuteten Regel übereinstimmten. Der Versuchsleiter bestätigte oder verneinte die Richtigkeit der Zahlenfolgen.
Ergebnis: 23 von 29 Vpn glaubten an eine falsche Regel, wobei sie nur nach bestätigenden Beispielen für die vermutete Regel suchten, anstatt nach widerlegenden Beispielen zu suchen.
Sich selbst für richtig befinden (SWANN & READ): Menschen erinnern, nehmen wahr und suchen bevorzugt Informationen, die mit ihrem Selbstbild übereinstimmen

3.2.3.1 Gegenmaßnahmen gegen übermäßiges Vertrauen in die eigene Urteilskraft

Verringerung durch:

  • Kontrolle der Zuverlässigkeit von eigenen und fremden Aussagen durch unmittelbares Feedback (Korrelation der Aussage mit tatsächlichem Ereignis)
  • Suchen nach Argumenten und Beispielen für die gegenteilige Aussage

3.2.4 Heuristiken

Vereinfachte, effiziente Urteilsbildung unter suboptimalen Bedingungen, also Faustregeln. Heuristiken (Faustregeln) als "kognitive Abkürzungen" haben adaptiven Charakter!
Allerdings können sie unter bestimmten Voraussetzungen zu Urteilsverzerrungen führen.

3.2.4.1 Repräsentativ-Heuristik

  • Ähnlichkeit als beziehungsstiftendes Prinzip
  • Strategie zur Schätzung von Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen, dadurch, daß man die Ähnlichkeit oder die Passung zu bestimmten Prototypen beurteilt. Dies kann zur Vernachlässigung anderer relevanter Informationen führen (z.B. Information über Durchschnitt).

Beispiel: Linda (31) ist ledig, sprachgewandt und sehr intelligent. Sie hat Philosophie studiert und hat sich intensiv mit sozialen Problemen, wie Diskriminierung, Atomenergie/-waffen,... auseinandergesetzt.
Ist Linda wahrscheinlicher
a) eine Bankangestellte
b) eine Bankangestellte und in der Frauenbewegung aktiv?
Die meisten Menschen denken b) ist richtig aufgrund der größeren Repräsentativität. Tatsächlich ist es aber unwahrscheinlicher, daß jemand Bankangestellte und zugleich aktive Frauenrechtlerin ist.
Welche Information wird bei der Repräsentativitätsheuristik vernachlässigt?

3.2.4.2 Informationen über Durchschnittswerte ignorieren

Ignorieren des Durchschnitts: Tendenz, Informationen, die die Mehrheit der Leute beschreibt, zu ignorieren oder zu unterschätzen. Statt dessen besitzen die distinkten Eigenschaften des untersuchten Falles einen großen Einfluß.
NISBETT (1976): Studenten sahen ein Video mit Interviews von Versuchsteilnehmern, die an einem Versuch teilgenommen haben, bei dem die meisten Vpn einem Opfer nicht geholfen hatten. Diese Information hatte keinen Einfluß auf die Vorhersage, ob ein bestimmter Versuchsteilnehmer geholfen hatte oder nicht, da der subjektive positive Eindruck des jeweiligen Teilnehmers auf die VP überwog.
Nützliche Information über die Population, aus der die Person stammte, wurde zugunsten von distinkten Merkmalen (Freundlichkeit) vernachlässigt.

3.2.4.3 Verfügbarkeits-Heuristik

Eine fehlerhafte Faustregel, die die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen aus der Verfügbarkeit im Gedächtnis schätzt. Wenn einem bestimmte Beispiele schnell und häufig einfallen, dann nimmt man an, daß sie auch in der Realität oft vorkommen. Leichtigkeit der Abrufung aus dem Gedächtnis beeinflußt die Urteilsbildung.
Verfügbarkeit von Gedächtnisinhalten ist abhängig von:

  • Häufigkeit der Beobachtung
  • Vorstellbarkeit (Lebendigkeit, Konkretheit der Vorstellung)

Beispiele:

  • Überschätzung der Häufigkeit von Wörter im Englischen, die K als Anfangsbuchstaben haben gegenüber Wörtern mit K als drittem Buchstaben
  • Überschätzung der Gefährlichkeit von Flugzeugabstürzen gegenüber Verkehrsunfällen, die im Vergleich weniger spektakulär sind.
  • Einfluß der Verfügbarkeit von Vorstellungen auf Emotionen wie Schuld, Bedauern, Frustration

Erleichterung durch kontrafaktisches Denken:
Vorstellen von alternativen Geschehnissen und Ergebnissen, die passieren hätten können, aber nicht passiert sind.
MEDVEC & al. ( 1994): Wie oben beschrieben, ist eine Determinante der Verfügbarkeit von Information abhängig von der Vorstellbarkeit. So kann sich eine Bronzemedaillengewinnerin leicht vorstellen, wie es gewesen wäre, nur auf den vierten Platz zu kommen und ist damit unter Umständen glücklicher als die Gewinnerin der Silbermedaille, die sich ebenso leicht vorstellen kann, wie es gewesen wäre, die Goldmedaille zu gewinnen.
Verstärkung des counterfactual thinking durch emotionale Bedeutung des Ereignisses (z.B. Tod eines Familienmitglieds)

3.2.5 Illusionäres Denken

3.2.5.1 Illusionäre Korrelation

Wahrnehmung eines nicht existierenden Zusammenhangs bzw. eines stärkeren Zusammenhangs als tatsächlich vorliegt. Der Glaube an die Existenz eines Zusammenhangs verstärkt Wahrnehmung und das Erinnern von bestätigenden Informationen.(selektive Wahrnehmung)
McFARLAND & al. (1989): Frauen führten Tagebuch über ihre negativen Emotionen (z.B. Verwirrung, Einsamkeit, Depression,...). Es konnte kein verstärktes Auftreten von negativen Emotion während der prämenstruellen oder der menstruellen Phase festgestellt werden. Im Gegensatz dazu nahmen die Frauen im nachhinein einen solchen Zusammenhang wahr.
Das gleichzeitige Auftreten zweier distinkter Merkmale (z.B. Ausländer und kriminelle Handlung) führt ebenfalls zu Illusionären Korrelationen.
Illusionäre Korrelationen sind durchaus adaptiv, helfen sie uns doch, Ordnung in die uns umgebende Welt zu bekommen und damit auch Vorhersagen für die Zukunft möglich zu machen. Allerdings zeigen die oben genannten Beispiele, daß wiederum unter bestimmten Bedingungen dieses Phänomen zu fatalen Fehlurteilen führen kann (z.B. Fremdenhass)

3.2.5.2 Illusion der Kontrolle

Wahrnehmung von unkontrollierbaren Ereignissen als kontrollierbar oder kontrollierbarer als sie tatsächlich sind. Beispiele: Gambling
LANGER (1977): Vpn verkaufen Lottolose, auf denen sie ihre eigene Nummer eingetragen haben, viermal so teuer wie Lottolose mit zugewiesenen Nummern.
Bei einem Zufallsspiel setzen Vpn höhere Summen gegen einen unsympathischen, nervösen Gegenspieler als gegen einen selbstbewußten Spieler.
Zentrale Tendenz: Statistische Tendenz, daß Ergebnisse (bzw. Verhalten) nach extremen Werte (bzw. extremen Verhalten) wieder zum Mittelwert zurückkehren. Extreme Werte haben nämlich die Tendenz, fehlerhaft zu sein, und zu mittleren Werten zurückzukehren.
Beispiel: Nach seelischen Tiefpunkten ist wahrscheinlicher, daß es wieder aufwärtsgeht (egal was man macht)
SCHAFFNER (1985): Studenten sollen einen virtuellen Viertklässler namens "Harold" trainieren, pünktlich um 8.30 Uhr zur Schule zu kommen. Dafür standen ihnen von "strengem Tadel" bis zu "großem Lob" verschiedene Möglichkeiten zu Verfügung, auf das Verhalten von "Harold" zu reagieren. "Harold" war so programmiert worden, daß seine Ankunftszeit zufällige Werte zwischen 8.20 Uhr und 8.40 Uhr annahm. Obwohl die Reaktionen (Lob/ Tadel) keine Wirkung auf die Pünktlichkeit von Harold haben konnten, glaubten doch die meisten Studenten, daß vor allem ihr Tadel Erfolg gehabt hatte, da es sehr wahrscheinlich war, daß nach einem extrem unpünktlichen Wert (8.39 Uhr) wieder ein pünktlicherer Wert auftrat, während bei starkem Lob (8.21) eher ein weniger pünktlicher Wert vorkam.

3.2.6 Stimmung und Urteil

Unglückliche Menschen: lethargisch, sozial zurückgezogen bis feindlich, ich-zentriert und grüblerisch, neigen zu intensiverem Nachdenken
Glückliche Menschen: energisch, entscheidungsfreudig, kreativ, gesellig, vertrauensvoller, liebevoller, reaktionsfreudiger, ertragen mehr Frustration, nachsichtiger, nicht überempfindlich gegenüber Kritik, eher langfristig zielorientiert
Stimmung beeinflußt die Art der Gedanken und der Erinnerungen und unsere Urteile. In einer guten Stimmung erscheint einem die Welt freundlicher. Wenn wir uns glücklich fühlen, denken wir glückliche und optimistische Gedanken.
FORGAS &al. (1984): Vpn führten ein Gespräch mit einer anderen Person, das auf Video aufgezeichnet wurde. Am nächsten Tag wurden die Vpn hypnotisiert und entweder in gute oder schlechte Stimmung versetzt. Vpn in guter Stimmung beurteilten sich anschließend bei Vorführung des Videos als positiv (aufmerksam, interessiert, sympathisch). Vpn in schlechter Stimmung beurteilten sich negativ.
Stimmungsbezogene Gedanken halten uns von komplexen Gedankengängen ab, weil uns je nach Stimmung verschiedene Gedanken in den Sinn kommen(wenn wir beispielsweise deprimiert sind, kommen schlechte Erinnerungen hoch). Das bedeutet, wenn wir emotional erregt sind - sehr glücklich oder auch ärgerlich- tendieren wir zu abgekürzten Urteilen und schätzen andere vermehrt auf der Basis von Stereotypen ein.
Interessanterweise haben Stimmungen einen größeren Einfluß auf komplexes, aufwendiges Denken als auf einfaches, "automatisches Denken". Das bedeutet, je mehr wir denken, desto größeren Einfluß haben Stimmungen auf unser Denken.

3.3 Selbsterfüllende Überzeugungen

Soziale Wahrnehmungen beeinflussen die soziale Realität.
Selbsterfüllende Prophezeiung: Unsere Ideen und Vorstellungen lassen uns manchmal in einer Art und Weise handeln und verhalten, so daß wir dadurch eine augenscheinliche Bestätigung unserer Erwartungen "produzieren".
ROSENTHAL (1985): Versuchsleiter ließen Vpn den Erfolg von Menschen aufgrund von Fotos beurteilen. Versuchsleiter, die höhere Urteile erwarteten, erhielten auch höhere Urteile, obwohl alle Vpn gliech behandelt wurden. Versuchsleiter-Effekt

3.3.1 Erwartungen der Lehrer und Leistung der Schüler

In 40% aller Experimente zu Erwartungsabhängigkeit von Leistung ist die Leistung abhängig von Erwartungen
Dazu zwei Experimente:
ROSENTHAL & JACOBSON (1968): Vier zufällig ausgewählten Kindern wurde aufgrund von (fiktiven) Tests bescheinigt, daß sie am Beginn eines außergewöhnlichen intellektuellen Spurts seien. Tatsächlich war es so, daß sie in IQ-Tests zulegten.
BABAD, BERNIERI und ROSENTHAL (1991): Lehrer sprachen zu Schülern von denen sie hohe oder niedrige Erwartungen hatten, wobei nur der Lehrer gefilmt wurde ohne daß Schüler zu sehen waren. Ein 10-Sekunden-Ausschnitt, der Gesicht oder die Stimme des Lehrers zeigte bzw. hören ließ, reichte, um Kinder und Erwachsene vorhersagen zu lassen, mit welchen Schülern der Lehrer sprach.
Es können auch umgekehrte Effekte beobachtet werden, also der Einfluß der Erwartungen der Schüler an die Lehrer.
FELDMAN & PROHASKA (1979): Schüler, die eine hohe Erwartung von ihrem Lehrer hatten, nahmen den Lehrer auch als kompetenter wahr und lernten mehr. Auf Videoaufnahmen von Lehrern wurden diese von anderen Beobachtern als am fähigsten beurteilt, wenn sie Schüler mit hohen Erwartungen unterrichteten
JAMIESON (1987): Schülern wurde ein neuer Lehrer vorgestellt, wobei er den Schülern in der Experimentalgruppe als begabter, fähiger Lehrer vorgestellt wurde. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten diese Schüler gesteigerte Aufmerksamkeit, bessere Noten, beurteilten den Unterricht des Lehrers als besser aufgebaut.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Erwartungseffekte in beide Richtungen zu beobachten sind, sprich die Erwartungen des Lehrers an die Schüler haben genauso einen Effekt wie die Erwartungen der Schüler an den Lehrer.

3.3.2 Von anderen bekommen, was man erwartet

Wie generell ist der Effekt der selbsterfüllenden Überzeugungen?
Der Effekt ist in gewisser Weise durchgängig zu beobachten. Eine Sonderform der selbsterfüllenden Prophezeiung ist die Verhaltenserwartung, bei der die sozialen Erwartungen von Personen diese sich so verhalten lassen, daß sie andere Personen dazu veranlassen, die Erwartungen zu erfüllen.
SNYDER, TANKE, BERSCHEID (1977): Männliche Studenten telefonierten mit anderen Frauen, von denen sie aufgrund eines gezeigten Fotos annahmen, daß diese entweder attraktiv oder unattraktiv waren. Eine Auswertung der Äußerungen der Frauen ergab, daß die als attraktiv betrachteten Frauen freundlicher sprachen als die als unattraktiv betrachteten Frauen. Die Annahmen der Männer, es handle sich um attraktive bzw. (unattraktive Frauen), führte dazu, daß die Männer sich in einer Art und Weise verhielten, so daß die Stereotype erfüllt worden sind, daß attraktive Frauen auch begehrenswerte Frauen sind und sich damit auch freundlich verhielten. Dabei war es so, daß die Frauen einfach nur in einer freundlichen Art und Weise auf das freundliche Auftreten des Mannes reagierten.
MILLER & al. (1975): Unordentliche Klassen wurden dazu aufgefordert, ordentlich und sauber zu sein, was dazu führte, daß zeitweise die in den Mülleimern vorhandene Müllmenge von 15% auf 45% zeitweise anstieg. Eine andere Klasse, die wiederholt für ihre Ordentlichkeit gelobt wurde, steigerte die in den Mülleimer vorhandene Müllmenge dagegen von 15% auf 80% für längere Zeit. Wirkung von selbsterfüllenden Prophezeiungen ist begrenzt bei Personen,...

  • ...die ein klares Selbstkonzept besitzen
  • ...sich der Erwartungen anderer bewußt sind.

Selbsterfüllende Prophezeiungen sind auch bei der Vorhersage von eigenem Verhalten anwendbar (z.B. vorherige Verpflichtung für Mitarbeit bei Krebshilfe)

3.4 Schlußfolgerungen

Hartnäckigkeit der Illusionen der sozialen Kognition sind vergleichbar mit Wahrnehmungstäuschungen.
Vereinfachung der komplexen Realität ist notwendig, um im Leben bestehen zu können.
Denkfehler sind Nebenprodukt von Denkmechanismen, die wahrscheinlich adaptive Funktionen in der evolutionären Vergangenheit (und Gegenwart) erfüllten.
Möglicherweise ist durch Aufklärung/ Training eine Reduktion von Denkfehlern möglich.

KAPITEL 4: Verhalten und Meinungen

Einstellung:

  • Eine positive oder negative Bewertungsreaktion gegenüber etwas oder jemandem, die sich in Ansichten, Emotionen oder beabsichtigtem Verhalten auswirkt.
  • Einstellungen sind Prädispositionen, auf eine bestimmte Art und Weise zu reagieren.
  • Einstellungen sind kognitive Repräsentationen, die aus einer zusammenfassenden Bewertung eines Einstellungsobjekts bestehen.

ABC der Einstellungen: Affect (Gefühl), Behavior (beabsichtigtes Verhalten), Cognition (Denken)

4.1 Beeinflussen Einstellungen das Verhalten?

4.1.1 Sind wir alle Heuchler?

Untersuchungen zeigen, daß Einstellungen Verhalten kaum vorhersagen können!
LAPIERE (1934): Hotels wurden im Nachinein (!) befragt, ob sie Chinesen als Gäste aufnehmen würden, wobei von 128 erhaltenen Antworten 92% negativ waren. LAPIERE hatte jedoch bereits 6 Monate vorher mit einem "charmanten" jungen chinesischen Ehepaar die entsprechenden Hotels besuchte, wobei sie in fast allen bis auf ein Hotel aufgenommen und höflich behandelt worden waren.
Allerdings erfuhr das Experiment von Lapiere herbe Kritik wie zum Beispiel, daß ein weißer Professor das Ehepaar begleitet hat. Weitere Kritiken siehe Vorlesung Sozialpsychologie!
Wirkungslosigkeit von Versuchen, Verhalten durch Einstellungsänderung zu verändern (z.B. Aufklärung über Gefährlichkeit des Rauchens)
Zusammenfassend kann man sagen, daß externale soziale Einflüsse internale Einflüsse wie Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften wirkungslos machen!
Diese harte These muß jedoch dahingehend ergänzt werden, daß unter bestimmten Voraussetzungen Einstellungen sehr wohl Verhalten vorhersagen können.

4.1.2 Wann sagen Einstellungen das verhalten voraus?

  • Soziale Einflüsse auf ausgedrückte Einstellungen minimieren
  • Andere Einflüsse auf das verhalten minimieren
  • Untersuchung von Einstellungen, die für ein Verhalten spezifisch sind.
  • Maximierung der Kraft von Einstellungen, indem man...
  • ...Einstellungen vergegenwärtigt
  • ...die Assoziation zwischen einem Objekt und dessen Bewertung stärkt
  • Wenn Einstellungen aufgrund von Erfahrung entstehen
  • Wenn die Einstellung eine Verhaltensintention einschließt

4.1.2.1 Soziale Einflüsse auf ausgedrückte Einstellungen minimieren

Bogus Pipeline (JONES & SIGALL): Täuschungsverfahren, das Personen dazu veranlaßt, ihre wahren Einstellungen offenzulegen.
1) Vpn werden zuerst davon überzeugt, daß eine neuartige Maschine in der Lage ist, aus ihrer psychologischen Reaktion ihre Einstellungen festzustellen. Dazu wurden unter anderem Einstellungen abgefragt, die dem Experimentator aber schon aufgrund von vorher durchgeführten Fragebogentests bekannt waren, an die sich der Proband allerdings nicht mehr erinnern kann und deshalb über das "Wissen" der Maschine natürlich erstaunt ist.
2) Anschließend werden die Vpn aufgefordert, die Daten, die die Maschine liefern wird, vorherzusagen
=> auf diese Weise offenbaren die Vpn ihre (wahren) Einstellungen
PAGE & SIGALL (1971): Studenten hielten ein Steuerrad fest, mit dem ein Zeiger hin- und herbewegt werden konnte, wenn das Steuerrad entriegelt wurde. Desweiteren wurden Elektroden an den Armen der Vpn festgemacht, die (scheinbar) Muskelspannungen messen sollten, aus denen eine Maschine (scheinbar) ihre Einstellungen vorhersagen konnte.
Um die Studenten von der Wirksamkeit der Maschine zu überzeugen, wurden ihnen verschiedene Fragen vorgelesen, wobei die Maschine automatisch ihre Einstellung anzeigte. Die entsprechenden Informationen waren durch eine frühere, jetzt vergessene Umfrage erfaßt worden.
Bei nachfolgenden Einstellungsbefragungen zu Afro-Amerikanern zeigten weiße Studenten beim Bogus-Pipeline-Verfahren eine negativere Einstellung als die Kontrollgruppe, die Fragebögen ausfüllte.
Erklärung: Vpn nahmen an, daß Verstellung sinnlos war bzw. wollten sie nicht inkonsistent erscheinen, dadurch daß sie mit ihren Aussagen den Meßwerten der Maschine widersprach.

4.1.2.2 Andere Einflüsse auf das Verhalten minimieren

FISHBEIN & AJZEN: Verhalten in einzelnen/isolierten Situationen kann nicht vorhergesagt werden.
Verbesserung der Vorhersage aus Einstellungen durch "Aggregationsprinzip": Es werden keine isolierten Situationen betrachtet, sondern das Verhalten über längere Zeiträume, welches aggregiert (zusammengefaßt) betrachtet wird (z.B. durchschnittliches Verhalten in verschiedenen Situationen) .

4.1.2.3 Untersuchung von Einstellungen, die für ein Verhalten spezifisch sind.

Geringe Korrelation zwischen allgemeinen Einstelllungen und spezifischem Verhalten
Einstellungen die sich jedoch auf spezifisches Verhalten beziehen, sind in der Lage, Verhalten vorherzusagen.
Beispiele:
Vorhersage von praktiziertem Recycling aus Einstellung zu Recycling (funktioniert nicht bei Einstellung zum Umweltschutz!)
Vorhersage von praktizierter Empfängnisverhütung aus Einstellung zu Empfängnisverhütung

4.1.2.4 Maximierung der Kraft von Einstellungen

Vergegenwärtigung der Einstellung
Verhalten sich Vp einstellungsgemäßer, wenn sie vorher über ihre Einstellungen nachdenken müssen?
SNYDER & SWANN (1976): Studenten sollten als Jurymitglieder einen Fall zur Gleichberechtigung von Frauen am Arbeitsmarkt beurteilen. Nur wenn sie vorher dazu aufgefordert wurden, sich ihre Einstellungen zu diesem Thema bewußt zu machen, korrelierte ihr späteres Urteil (Verhalten) mit ihrer Einstellung, die bereits vorher unabhängig davon durch eine Umfrage erfaßt worden war.
Bewußtmachen von Einstellungen erhöht die Konsistenz von Einstellung und Verhalten.
Eine weitere Methode, dies zu erreichen, wäre beispielsweise, Menschen vor einem Spiegel handeln zu lassen:
DIENER & WALLBOM (1976): Studenten sollten alleine in einem Zimmer eine Anagrammlöseaufgabe bearbeiteten, bis ein Signalton erklingt. Obwohl alle Studenten vorher Mogeln für unmoralisch hielten, arbeiteten 71% der Studenten auch nach dem Signalton weiter. Wurden die Studenten jedoch in einer anderen Versuchsbedingung durch Spiegel und Tonbandaufnahmen ihrer eigenen Stimme self-aware gemacht, so mogelten nur 7%.
Selbst-Bewußtsein erhöht die Korrelation zwischen Einstellungen und Verhalten.
Erklärungsmodell: Einstellungen als positiv/negativ bewertende Assoziationen mit bestimmten Objekten. Durch Stärkung der Assoziationen kann aus der Einstellung Verhalten besser vorhergesagt werden.

Die Kraft der Einstellungen, die aus Erfahrung resultieren
REGAN & FAZIO (1977): Studenten wurden aufgrund von Wohnungsknappheit für einige Wochen entweder in Schlafsälen oder in eigenen Zimmern untergebracht. Obwohl beide Studentengruppen die gleiche negative Einstellung gegenüber der Wohnungssituation hatten, handelten nur diejenigen Studenten, die direkte Erfahrungen aus der Unterbringung in Schlafsälen hatten, indem sie Petitionen unterschrieben, Briefe schrieben,usw.
Einstellungen, die aufgrund eigener Erfahrungen gewonnen wurden, sind

  • besser geeignet, Verhalten vorherzusagen
  • überlegter
  • bestimmter
  • stabiler und widerstandsfähiger gegen Angriffe
  • verfügbarer

4.1.2.5 Schlußfolgerungen

Erhöhung der Vorhersagbarkeit von Verhalten aus Einstellungen durch die oben beschriebenen Punkte
Korrelationen zwischen Einstellung und Verhalten reichen von keiner Korrelation bis zu starker Korrelation!

4.2 Beeinflußt das Verhalten die Einstellung?

Beispiel für den Einfluß von Verhalten auf Einstellungen:
Vp erhält unter Hypnose den Befehl, die Schuhe auszuziehen, wenn ein Buch auf den Boden fällt. Nachdem ein Buch auf den Boden gefallen ist, und die Vp die Schuhe ausgezogen hat, liefert sie als Begründung, daß ihre Füße heiß und müde gewesen seien. (vgl. ähnliche Phänomene bei Patienten, denen Elektroden ins Gehirn eingepflanzt wurden und bei Split-Brain-Patienten)

4.2.1 Rollen

Rolle: Eine Ansammlung von Normen, die bestimmen, wie sich Personen in einer bestimmten sozialen Position verhalten sollten.
ZIMBARDO ( 1971) "Stanford Prison Experiment": Studenten wurde zufällig die Rolle als Wärter oder als Gefangener bei einer Simulation eines Gefängnises zugewiesen. Die Wärter erhielten Uniformen, Knüppel und Pfeifen, und sollten auf die Einhaltung der Regeln achten. Die Gefangenen mußten Sträflingskleidung tragen und wurden in Zellen gesperrt.
Die Wärter begannen, die Gefangenen zu erniedrigen und sich grausame und erniedrigende Praktiken auszudenken. Die Gefangenen brachen entweder zusammen, rebellierten oder wurden apathisch. Nach 6 Tagen mußte das für 14-Tage geplante Experiment abgebrochen werden.
Erklärung: Zunehmende Vermischung von Rollenverhalten und Ich-Identität.

4.2.2 Sagen wird glauben (saying becomes believing)

Werden Leute dazu gebracht, Aussagen zu treffen, an die sie wirkliche Zweifel haben und sie nicht gezwungen oder bestochen wurden so zu handeln, beginnen Leute das zu glauben, was sie sagen. Wenn es also keine zwingende externale Erklärung für ihr Verhalten gibt, zeigt sich dieses Verhalten. Weiter versteht man darunter die Tendenz, sich dem anzupassen, was wir anderen Personen sagen, um ihnen zu gefallen. Schließlich glauben man auch hier das, was wir sagen.
HIGGINS & al. (1978, 1984): Studenten sollten eine Persönlichkeitsbeschreibung zusammenfassen und ihr Exzerpt einer Person vortragen, von der sie glaubten, daß sie die beschriebene Person entweder mochte (Bedingung I) oder nicht mochte (Bedingung II).
In Bedingung I fielen die Zusammenfassungen positiver aus und die Studenten mochten die beschriebene Person anschließend auch selber mehr als in Bedingung II.

4.2.3 Das Fuß-in-der-Tür-Phänomen

Tendenz von Personen, die zuerst einer kleinen Forderung zustimmten, später auch einer größeren Forderung zuzustimmen.
Freedman & Fraser(1966): Nur 17% aller Haushalte stimmten zu ein großes, häßliches "DRIVE CAREFULLY!" -Schild in ihrem Vorgarten aufstellen zu lassen. Andere Haushalte waren 2 Wochen vorher gefragt worden, ob sie nicht einen "Be A Safe DRIVER!"-Aufkleber auf ihr Autofenster kleben würden. Von diesen Haushalten stimmten später 76% zu, das "DRIVE CAREFULLY!"-Schild in ihrem Vorgarten aufstellen zu lassen.
Varianten:
Low-Ball-Technik (speziell üblich bei Autohändlern): Strategie, um die Zustimmung von Personen zu erhalten: Personen die der ersten Forderung zugestimmt haben, stimmen oft auch noch zu, wenn die erste Forderung noch erhöht wird. Personen, die nur die höhere Zweitforderung erhalten haben, stimmen mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu.
CIALDINI & al. (1978): Autokäufer sind bereit, einen höheren Preis für ein bestimmtes Auto zu zahlen, wenn sie schon dabei sind, den Kaufvertrag auszufüllen, als wenn sie noch am Anfang der Verhandlungen standen.
Weitere Beispiele für die Anwendung der foot-in-the-door technique:

  • Verkauf von Versicherungen
  • Spendensammlungen
  • schrittweise Eskalation des Vietnamkriegs

4.2.4 Böse Taten und Einstellungen

Begehen von bösen Taten macht Ausführung weiterer böse(r) Taten einfacher. Gerade schlechte Taten greifen unser Gewissen an, vor allem Taten, die wir freiwillig begangen haben. Um unser schlechtes Gewissen zu beruhigen, rechtfertigen wir unsere Handlungen, indem wir unsere Opfer herabsetzen und abwerten.

Aber nicht nur böse Taten formen unseren Charakter, sondern zum Glück auch gute Taten. Bei Kindern hat man herausgefunden, daß gute Taten vor allem dann internalisiert werden, wenn die Drohung gerade stark genug ist, die erwünschte Handlung hervorzurufen und mild genug ist, den Kindern ein Gefühl von Wahlfreiheit zu geben. Kinder sind eher dazu bereit, eine Forderung, nicht mit einem Spielzeug zu spielen, zu internalisieren, wenn nur eine milde Drohung ausgesprochen worden ist, die nur unzureichend ihre Zustimmung rechtfertigt(damit müssen sie die Zustimmung internal rechtfertigen). Bei der harten Drohung ist nämlich die Perspektive der Bestrafung allein genügend Rechtfertigung, sich gemäß der Anweisung zu verhalten.

FREEDMAN (1965): Grundschulkindern wurde in einer Bedingung mit einer strengen Drohung verboten, mit einem reizvollen Spielzeugroboter zu spielen und in der anderen Bedingung mit einer milden Drohung. In beiden Fällen reichten die Drohungen aus, um die Kinder vom Spielen mit dem Roboter abzuhalten. Einige Wochen später jedoch als die Kinder unabhängig von dem ersten Experiment die Gelegenheit hatten, mit dem Roboter zu spielen, spielten 78% von 18 Kindern, die streng ermahnt worden waren, unbefangen mit dem Roboter. Dagegen spielten 66% der Kinder, die nur leicht ermahnt worden waren, nicht mit dem Roboter. Diese Kinder haben also vom vorhergehenden Experiment ihr Handeln internalisiert.

4.2.6 Soziale Bewegungen

Übertragung des Fuß-in-der-Tür-Phänomens bzw. des Befundes Einstellung-folgt-Verhalten auf soziale Bewegungen:

Beispiele:

  • Ideologische Gleichschaltung der Deutschen durch Massenveranstaltungen und bestimmten nationalsozialistischen Verhaltensweisen. Diejenigen, die ihre Zweifel an Hitler hatten, wurden durch wirkungsvolle Mechanismen(z.B."Hitler-Gruß")konditioniert, was daraus folgte, war oftmals Einstellungsanpassung.
  • Politische Rituale (z.B. Nationalhymnen)
  • "Gehirnwäsche" der Prisoners of War im Korea-Krieg (1950): Beständige Ausweitung bzw. Steigerung der Forderungen von anfänglichen Schreibarbeiten über Alltägliches bis Äußerungen zu wichtigen Angelegenheiten vor Publikum; wobei immer aktive Beteiligung der POWs gefordert war è "start-small-and-build" Taktik

Man fühlt einen inneren Zwang, seine Handlungen mit seinen inneren Einstellungen "gleichzuschalten".

4.2.7 Gedanken über die Befunde

Wenn man sich selber ändern will, ist es besser nicht zu versuchen sich durch Introspektion oder Inspiration zu verändern, sondern zu handeln, d.h. Briefe zu schreiben, Personen zu kontaktieren,...
Durch aktives Bearbeiten von Problemen / Einstellungen erreicht man ein tieferes Eindringen und Verstehen des Problems.
Wir erinnern uns an Information am besten, wenn wir aktiv Erklärungen dafür gefunden haben:
BOWER & MASLING (1979): Studenten sollten sich sonderbare Korrelationen einprägen z.B. "Mit der Zahl der Hydranten steigt die Kriminalitätsrate". Studenten, die selbständige Erklärungen für die Korrelationen erfinden mußten, erinnerten sich später an 73% der Korrelationen. Im Vergleich dazu konnten sich Studenten, die die Korrelationen nur gelernt oder vorgegebene Erklärungen erhalten hatten, nur 40% reproduzieren.

4.3 Warum beeinflußt Verhalten unsere Einstellungen?

Drei Erklärungsansätze:
1) Selbst-Präsentations Theorie
2) Kognitive Dissonanz Theorie
3) Selbst-Wahrnehmungs Theorie

4.3.1 Selbst-Präsentation: Eindrucks-Management

Selbst-Präsentation: Vorgang, sich selbst darzustellen und sich in einer Art und Weise zu verhalten, die das Ziel hat, einen vorteilhaften Eindruck zu hinterlassen oder einen Eindruck zu machen, der einem Ideal entspricht.
Annahmen der Selbst-Präsentations Theorie:

  • Niemand will inkonsistent bezüglich Einstellung und Verhalten erscheinen.
  • Um den Anschein von Konsistenz zu erreichen, passen wir Einstellung und Verhalten einander an
  • Man neigt dazu, sich so verhalten, daß das eigene Verhalten auf Zustimmung anderer trifft (Impression Management)

Selbstüberwachung: Aufmerksames Beobachten, wie sich andere Personen in bestimmten Situationen verhalten und Anpassen des eigenen Auftretens, um den gewünschten Eindruck hervorzurufen.
Eigenschaften von stark self-monitoring Personen: schnelles Anpassen an neue Jobs, Rollen, Beziehungen
Eigenschaften von schwach selbst überwachenden Personen: eher von innen geleitet, geringe Beachtung der Meinung anderer, Anpassen von Verhalten an Einstellungen (nicht umgekehrt)
Selbst-Präsentations Theorie kann teilweise die Anpassung von Einstellungen von Verhalten erklären, aber nicht warum man z.B. angepaßte Einstellungen auch gegenüber denen vertritt, die das eigene Verhalten nicht kennen und damit nicht prüfen können, ob nun Verhalten und Einstellung konsistent sind.
Es ist eine Theorie, warum unsere Handlungen nur scheinbar unsere Einstellungen betreffen. Die Internalisierung der Einstellungen ist demnach fragwürdig.

4.3.2 Selbst-Justierung: Kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanztheorie nach FESTINGER (1957): Spannung, die entsteht, wenn jemand sich gleichzeitig zweier inkonsistenter Kognitionen bewußt ist. Wir sind motiviert, diese Spannung zu reduzieren und Konsistenz innerhalb unserer Kognitionen aufrechtzuerhalten, indem wir unser Denken anpassen und dadurch die unangenehme Spannung auflösen
Abbau der kognitiven Dissonanz bzw. der dadurch entstehenden Erregung durch Anpassung des Denkens bzw. Anpassung von Einstellung und Verhalten.

4.3.2.1 Ungenügende Justierung

Reduktion von Dissonanz durch internale Rechtfertigung des eigenen Verhaltens, wenn externale Rechtfertigung nicht ausreichend ist.
FESTINGER & CARLSMITH (1959): Vpn mußten 1h lang langweilige Aufgaben erfüllen, wie z.B. Holzklötze umdrehen. Nach dem Experiment erklärte der Versuchsleiter den Vpn, daß das Experiment untersucht, wie Erwartungen die Leistung beeinflussen. Die Vp sollte eine weitere angebliche Vp davon überzeugen, daß das Experiment sehr interessant sei. Nachdem die echte Vp diese Aufgabe erfüllt hatte, gab sie in einem Fragebogen einer weiteren scheinbar unabhängigen Untersuchung darüber Auskunft, wie interessant sie das Experiment tatsächlich gefunden hatte. In der einen Bedingung bekamen die Vpn für ihre Lüge $20 in der anderen Bedingung $1. In der Kontrollgruppe mußte keine andere Person belogen werden.
Ergebnis: Die Vpn in der $1-Bedingung beurteilen das Experiment als interessanter als die Vpn in der $20-Bedingung.
Erklärung: Vpn in der $1-Bedingung erfahren stärkere kognitive Dissonanz aufgrund einer insufficient justification ihres (moralisch fragwürdigen) Verhaltens, weshalb sie ihre Einstellung ihrem Verhalten anpassen, um Dissonanz zu reduzieren.
Weitere Beispiele (FREEDMAN, 1965): Kinder internalisieren milde Ermahnungen eher als strenge Ermahnungen

Prinzip der kognitiven Dissonanz: Der Einstellung-folgt-Verhalten-Effekt war am stärksten, wenn die Vp

  • ein Gefühl der Wahlfreiheit
  • einen minimalen Anreiz hatte und
  • die Konsequenzen vorhersagbar waren

oder aber

  • geringe Wahlfreiheit
  • starken Anreiz hatte.

Das Prinzip: Wir akzeptieren Verantwortlichkeit für unser Verhalten, wenn wir es ohne offensichtlichen Druck oder andere Rechtfertigung getan haben. Damit gilt, daß Verpflichtung zu dissonantem Handeln nur mit minimaler Rechtfertigung geschehen sollte. Der Anreiz sollte also genau so groß sein, gerade das erwünschte Verhalten hervorzurufen. Damit erreicht man am ehesten eine Internalisierung des erwünschten Verhaltens.

4.3.2.2 Dissonanz nach Entscheidungen

Entscheidungen führen meistens zu Dissonanz
Reduktion der Dissonanz durch Aufwertung der gewählten Alternative und Abwertung der abgewählten Alternative (vor allem nach wichtigen Entscheidungen).
BREHM (1956): Studentinnen beurteilten 8 Produkte (z.B. Toaster, Radio, ...). Anschließend durften sie sich eines von zwei gleichbewerteten Produkten aussuchen. Bei späterer erneuter Bewertung der Produkte werteten sie das gewählte Produkt auf bzw. das abgelehnte Produkt ab.
KNOX & INKSTER (1968): Wettende bei Pferderennen sind, nachdem sie ihr Geld gesetzt haben, zuversichtlicher hinsichtlich ihrer Gewinnchancen als noch vor der Wette.
Deciding-becomes-believing-effect

4.3.3 Selbstwahrnehmung

Selbst-Wahrnehmungstheorie (BEM, 1972): Theorie, die besagt, daß wenn unsere Einstellungen schwach oder mehrdeutig sind, dann erschließen wir uns unsere Einstellungen wie ein außenstehender Betrachter, indem wir unser Verhalten und die Umstände, unter denen das Verhalten aufgetreten ist, betrachten.
WILLIAM JAMES: Wir schlußfolgern unsere Emotionen. Indem wir unser Verhalten und unseren Körper beobachten.
STRACK & al (1988): Vpn finden Karikaturen witziger wenn sie einen Stift quer in den Mund nehmen (und dabei Lachmuskeln anspannen) als wenn die Stiftspitze in den Mund nehmen(=>facial feedback Hypothese).
Können wir, wenn wir andere imitieren, Rückschlüsse auf ihre Emotionen finden?:
VAUGHAN & LANZETTA (1981): Studenten sollten beobachten, wie eine andere Person Elektroschocks erhielt und dabei in einer Bedingung ein schmerzverzerrtes Gesicht machen. Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die das Gesicht nicht verzogen, schwitzten die Studenten mehr, hatten eine höhere Herzfrequenz. -Menschen passen automatisch Mimik, Gestik, Bewegungen und Tonfall ihrem Gesprächspartner an.(HATFIELD) Unser Gesichtsausdrück beeinflußt auch unsere Einstellungen:
WELLS & PETTY (1980): Studenten mußten "Kopfhörer testen", indem sie sich einen Bericht anhörten. Dabei mußte die eine Gruppe ständig mit dem Kopf schütteln, während die andere Gruppe ständig mit dem Kopf nicken mußte. Die erste Gruppe befand anschließend den gehörten Text als positiver als dies die zweite Gruppe getan hat.

4.3.3.1 Overjustification und intrinsische Motivation

Unterschiedliche Erklärungen des Festinger und Carlsmith-Experiments:
I. Erklärung der kognitiven Dissonanztheorie:
Der kleinste Anreiz, der Individuen dazu bringt, etwas zu tun, ist in aller Regel der effektivste, sie zum Beibehalten der Handlung zu bewegen. Wenn externale Rechtfertigung zu gering ist, eine Handlung zu rechtfertigen, dann reduzieren wir kognitive Dissonanz, indem wir es internal rechtfertigen.
II. Erklärung der Selbstwahrnehmungstheorie:
Menschen erklären ihr Verhalten, indem sie die Bedingungen, unter denen sie sich verhalten haben und sich selbst beobachten. Wenn also keine externalen Ursachen vorhanden sind, schließen wir von unserem Verhalten direkt auf unsere Einstellungen. Die motivationale Erklärung wie bei der Dissonanztheorie ist also hier nicht notwendig, sie ist damit sparsamer in der Erklärung, kommt aber in den Vorhersagen zum gleichen Ergebnis.
Overjustification effect: Ergebnis der Bestechung/Belohnung von Personen für Tätigkeiten, die sie bereits gerne machen. Diese sehen danach ihre Handlungen als external kontrolliert statt intrinsisch motiviert.
Dieser Effekt kann durch die kognitive Dissonanztheorie nicht erklärt werden!!
Belohnung impliziert versteckte Nachteile/ Kosten
Vorhersagen der Selbst-Wahrnehmungstheorie:

  • Verringerung der intrinsischen Motivation: bei einer unnötigen Belohnung mit eindeutiger Absicht, Verhalten zu kontrollieren, ist mit einer Verringerung von intrinsicher Motivation zu rechnen.
  • Keine Verringerung der intrinsischen Motivation: bei einer nicht vorhergesehenen Belohnung/ Strafe hat dies keine Verringerung der intrinsischen Motivation zur Folge, weil man Verhalten immer noch auf die intrinsische Motivation zurückführen kann (z.B. Liebe eines Mädchens zu Holzfäller, der sich als Prinz herausstellt).
  • Verstärkung der intrinsischen Motivation: Belohnungen, die Informationen über den eigenen Erfolg/ Leistung beinhalten, steigern intrinsische Motivation. Belohnungen, die als Kontrolle erkannt oder empfunden werden, verringern intrinsische Motivation.

Fazit: Um Menschen dazu zu bringen, (unangenehme) Aufgaben aus intrinsischer Motivation zu erfüllen, sind minimale Handlungsanreize (Druck/ Belohnung), die zum gewünschten Verhalten führen am besten geeignet.

4.3.4 Vergleich der Theorien

Sowohl die Kognitive Dissonanztheorie als auch die Selbstwahrnehmungstheorie sind gleichermaßen in der Lage, Ergebnisse von Experimenten zur Anpassung von Einstelllung und Verhalten zu erklären. (z.B. FESTINGER & CARLSMITH, 1959)
Beide Theorien bestehen gleichberechtigt nebeneinander

4.3.4.1 Dissonanz als Erregung

Faktoren die Kognitive Dissonanz bzw. physiololg. Erregung fördern:

  • Verhalten, das den eigenen Einstellungen widerspricht
  • Freiwillige Zustimmung zum Verhalten (keine Entschuldigung)
  • Folgen waren vorhersehbar
  • Unangenehme Folgen, die nicht rückgängig gemacht werden können
  • Person(en), die man mag, werden geschädigt

Kognitive Dissonanz und physiologische Erregung (vermehrtes Schwitzen, erhöhte Herzfrequenz)
Physiologische Erregung ist wahrscheinlich Voraussetzung für Kognitive Dissonanz bzw. für Einstellungsanpassung an Verhalten
Dissonanz/ Erregung entsteht vor allem wenn der Selbstwert bedroht ist
STEELE (1981): Studenten verfaßten einen Aufsatz für die Einführung von Studiengebühren. Während Studenten in der Kontrollgruppe ihre Einstellungen zugunsten von Studiengebühren anpaßten, veränderten Studenten, die nach dem Aufsatz Alkohol tranken, ihre Einstellung nicht.
Ursache: Alkohol verringert durch Dissonanz verursachte Erregung.

4.3.4.2 Selbst wahrnehmen, wenn nicht dem Selbst vereinbar

Kognitive Dissonanztheorie kann nicht erklären,

  • warum Personen, die Positionen vertreten, die zwar in die selbe Richtung gehen, wie ihre eigenen Ansichten, aber etwas extremer sind, trotzdem ihre Einstellung anpassen, auch wenn durch bestimmte Methoden, die Entstehung von Erregung unterdrückt wird.
  • overjustification effect
  • Feedback durch körperlichen Ausdruck

Erklärung der Phänomenen mit Selbstwahrnehmungstheorie!
Fazit:
Kognitive Dissonanztheorie kann erklären, was passiert wenn wir entgegen klar definierten Einstellungen handeln

  • Auftreten von Spannung, die man durch Einstellungsänderung zu reduzieren versucht!
  • Erklärung von Einstellungsänderung

Selbstwahrnehmungstheorie kann erklären, wie Einstellungen erzeugt werden wenn keine klare Einstellung vorhanden ist.

  • Generierung einer Einstellung, die mit (zukünftigem) Verhalten in Einklang steht
  • Erklärung von Einstellungsbildung

KAPITEL 5: Soziale Kognition und das menschliche Wohlergehen

Gelegentliche leichte Depressionen sind typisch unter Studenten
Bei 10% der Männer und 20% der Frauen können sich die Depressionen über Wochen hinziehen
Klinische Psychologie: Das Studium, die Beurteilung und Behandlung von Menschen mit psychischen Schwierigkeiten.
Welche Rolle spielt dabei soziale Kognition?
Fragen:

  • Wie können wir unsere Urteile und Vorhersagen über andere verbessern?
  • Welche Rolle spielt die Art, wie wir über uns und andere denken bei psychischen bzw. körperlichen Schwierigkeiten (Krankheiten)?
  • Wie können diese negativen Denkmuster verändert werden?

5.1 Klinische Urteile fällen

Klinische Beurteilungen sind auch soziale Urteile und stehen deswegen unter dem Einfluß von Urteilsfehlern wie:

  • Illusionäre Korrelationen
  • Überschätzung der eigenen Urteilskraft, die durch das "hinterher gewußt haben wollen" genährt wird
  • selbstbestätigende Diagnosen

5.1.1 Illusionäre Korrelationen

Korrelieren Test-Ergebnisse tatsächlich mit berichteten Symptomen?

  • Manche Tests sind gute Prädiktoren
  • andere Tests (z.B. Draw-A-Person-Test) sind schlechte Prädiktoren
  • trotzdem glauben mache Kliniker an die Validität von uninformativen oder zweideutigen Tests

CHAPMAN (1969): Studenten und professionelle Kliniker beurteilten Testergebnisse und Diagnosen.
Wenn bestimmte Erwartungen bestanden (z.B. verdächtige Menschen zeichnen sonderbare Augen oder Homosexuelle sehen vor allen Dingen Objekte mit analem Charakter), wurden verstärkt bestätigende Befunde wahrgenommen. Auch das Aufzeigen entgegengesetzter Zusammenhänge konnte ihre Meinung/Wahrnehmung nicht verändern.è Illusorische Korrelation
Siehe dazu auch die Repräsentativitätsheuristik:: "Wirkung repräsentativ für Ursache". Das bedeutet, daß vermutete Kausalzusammenhänge durch Ähnlichkeit von Ursache und Wirkung gestiftet werden, die wahre Zusammenhänge verdecken können.
Illusorische Korrelationen treten auch in anderen Bereichen/ Personen auf (z.B. Politiker, Historiker, Börsenmakler,...)

5.1.2 Nachträgliches "Wissen" und Überschätzung der eigenen Urteilskraft

GOGGIN & RANGE ( 1985): Vpn wurde die Beschreibung einer depressiven Person gegeben, die später Selbstmord beging. Vpn, die über den Selbstmord informiert wurden, neigten eher dazu, den Selbstmord als aus der Beschreibung vorsehbar zu werten und der Familie des Opfers größere Vorwürfe zu machen è Hindsight error, after-the-fact-explanations
Ein weiteres Beispiel für die Fehlerhaftigkeit von nach-dem Ereignis-Erklärungen:
ROSENHAN & al. (1973): Die Versuchsleiter stellten sich bei Nervenkliniken vor und gaben an, "Stimmen zu hören". Außer diesem Symptom gaben sie keine weiteren Beschwerden an oder zeigten irgendwelche Auffälligkeiten. Sie beantworten alle gestellten Fragen bzgl ihres Lebenlaufes oder ihrer emotionalen Situation offen und ehrlich. Die meisten Pseudo-Patienten wurden als schizophren diagnostiziert und für 2-3 Wochen in eine Klinik eingewiesen. Die Kliniker suchten und fanden Vorfälle im Lebenslauf und im Verhalten in der Nervenklinik, die ihre Diagnose bestätigten.
Ein weiteres Problem besteht darin, daß Hindsight-Erklärungen, also Erklärungen für die Schizophrenie aus dem Lebenslauf heraus zu finden, zu Overconfidence führen können.
Danach kündigte ROSENHAN an, daß er an weitere Nervenkliniken Pseudo-Patienten schicken würde. Daraufhin wurden in den nächsten drei Monaten von 193 Patienten 41 Patienten von mindestens einem Mitglied des Krankenhausstabs als Pseudo-Patient eingestuft, obwohl ROSENHAN in Wirklichkeit keinen einzigen geschickt hatte.
Zusammenfassung:

  • Kliniker nehmen illusionäre Korrelationen wahr
  • Erklärungen im Nachhinein sind sehr fragwürdig

Ein weiteres Problem besteht darin, daß Klienten dem Kliniker Informationen liefern, die die Erwartungen des Klinikers erfüllen:

5.1.3 Selbst-bestätigende Diagnosen

SNYDER & SWANN (1984, 1992): Zwischen Vpn und anderen Menschen wurden blind-dates arrangiert, wobei den Vpn Hypothesen über den Charakter ihrer Gesprächspartner vorgegeben wurden, die es zu testen galt.
Die Vpn versuchten oft, ihre Hypothesen zu testen, indem sie nach bestätigenden Informationen suchten und entkräftende Belege außen vor ließen, die ihre Theorie widerlegen hätte können.
"Partner ist introvertiert": => "Was hält sie davon ab aus sich heraus zu gehen?"
"Partner ist "extrovertiert": => "Wie würden sie versuchen Schwung in eine Party zubringen?"

Eine solche Frageweise bringt die befragten Personen dazu, sich entsprechend der Frageart zu verhalten, d.h. Pb, die nach extravertierten Verhaltensweisen befragt werden, werden sich vermutlich extravertierter verhalten als wenn sie nach introvertierten Verhaltensweisen befragt werden => Confirmation bias/ Self-fulfilling Prophecy
Dieses Phänomen tritt auch bei erfahrenen Psychotherapeuten auf!
Das bedeutet, man erwartet eine bestimmte Diagnose und sucht nach Informationen, die diese Erwartung erfüllen:
FAZIO & al. (1981): Vpn, denen die "extrovertierten" Fragen gestellt wurden, fühlten sich nachher selber stärker extrovertiert als Vpn, denen die "introvertierten" Fragen gestellt wurden. Die zugehörige Bedingung der Vpn konnte nach dem Interview in 70% aller Fälle von einem unabhängigen Beobachter richtig geraten werden.

Zusammenfassend kann man sagen, daß bereits existierende Ideen das Interview beeinflussen. Das beinhaltet natürlich auch, daß, wenn fehlerhafte Theorien über einen Klienten bestehen, auch solche fehlerhafte Diagnosen selbstbestätigend sein können.
KUNDA & al. (1993): Vpn werden gefragt
"Are you happy with your social life?" => Vpn fühlen sich glücklicher!
"Are you unhappy with your social life?" => Vpn fühlen sich unglücklicher!
SNYDER & al. (1982): Vpn versuchen, bei der Konstruktion von Fragebögen zur Erfassung von Charaktereigenschaften, Fragen auszuwählen die nach Belegen für die untersuchte Eigenschaft suchen. Sollten die Vp auf Introversion testen, wählten sie "introvertierte" Fragen aus, selbst finanzieller Anreiz oder direkter Hinweis schafften es nicht, daß die Vpn auch nach Fragen suchten, die die Theorie entkräftigten.
Lebensgeschichten von erwachsenen, erfolgreichen Männern weisen zahlreiche "traumatische" Ereignisse auf. (RENAUD & ESTESS, 1961)
Das Suchen von Therapeuten nach Traumata (z.b. sexueller Missbrauch) kann dazu führen, daß Patienten Erinnerungen an Ereignisse generieren, die nie stattgefunden haben(z.b. durch Hypnose, Traumdeutung, geleitetes Träumen,...).

5.1.4 Klinische vs. statistische Vorhersage

Statistische Vorhersagen sind unzuverlässig, aber intuitive Vorhersagen, sogar von Experten, sind noch unzuverlässiger. (MEEHL, 1954)
DAWES (1994): Gespräche von professionellen Medizinern zur Auswahl von Medizinstudenten waren keine Prädiktoren für den späteren Studienerfolg (die höchst geschätzten 150 waren genausogut wie die auf Platz 150 bis 200).
Kombination von statistischen Vorhersagen und Intuition von Medizinern führt zu schlechteren Vorhersagen als reine statistische Aussagen.
(Fehl-)Entscheidungen über Hafturlaub, Selbstmordgefährdung und Wahrscheinlichkeit von Sexualdelikten werden immer noch von vielen Experten intuitiv getroffen.

Gründe:

  • Ignoranz
  • Nachgeben gegenüber dem eigenen Gefühl, weil einem dabei wohler ist
  • Überbewertung der eigenen kognitiven Kapazität
  • Unterbewertung anderer Nachweise (z.B. langfristiger Leistungsnachweise (z.B. Abitur) für Studienerfolg)

5.1.5 Implikationen

Mögliche Probleme bei klinischen Urteilen:
Therapeuten

  • können ihre Patienten leicht von falschen Diagnosen überzeugen
  • werden häufig von Illusorischen Korrelationen getäuscht
  • werden zu leicht von ihren After-the-fact-Analysen überzeugt
  • unterschätzen die Möglichkeit, daß falsche Diagnosen selbstbestätigend sein können

Wichtige Richtlinien:

  • Zustimmung des Patienten zu den Aussagen des Therapeuten bedeutet keine Bestätigung der Validität der Aussagen des Therapeuten
  • Vorsicht bei eigenen Erwartungen oder bei besonders eindrucksvollen Beispielen
  • Vertraue eher deinen Aufzeichnungen als dem eigenen Gedächtnis!
  • Bei Erwartungen nicht nur nach bestätigenden Informationen fragen sondern auch nach entgegengerichteten Informationen!
  • Vorsicht bei rückblickenden Erklärungen (übermäßiges Selbstvertrauen bzw. zu harte Kritik!)!
  • Besonderer Beitrag der Psychologie im 20. Jahrhundert ist die Konfrontation mit der Tiefe und dem Ausmaß der Ignoranz des menschlichen Intellekts. (Thomas, 1978)
  • Wissenschaftliche Forschung kann nicht auf alle Fragen Antworten geben, aber da wo beobachtbare Ergebnisse vorliegen, ist systematische Beobachtung und Experimentieren die beste Methode.
  • Wissenschaft erfordert ein Wechselspiel von Intuition und strengem Testen

5.2 Soziale Kognitionen bei Problemverhalten

5.2.1 Soziale Kognition und Depression

Depressive Menschen haben negative Denkweisen ("Ich komme nicht vorwärts mit Arbeit, weil ich vor Zweifel erstarrt bin!")

5.2.1.1 Verzerrung oder Realismus?

Sind alle Depressiven unrealistisch negativ?
ALLOY & ABRAMSON (1979): Leicht-depressive und nicht-depressive Studenten beurteilten den Zusammenhang zwischen Drücken eines Knopfes und dem Aufleuchten einer Lampe.
Leicht-Depressive Studenten beurteilten die tatsächliche Korrelation relativ genau, während nicht-depressive Studenten ihren Einfluß überschätzten.
Depressiver Realismus ("sader-but-wiser-effect"): Die Tendenz von leicht-depressiven Menschen eher genauere, und weniger selbstwertdienliche Urteile, Attributionen und Vorhersagen zu machen. Depressiver Realismus tritt bei vielen Beurteilung der eigenen Kontrolle oder Fähigkeit auf.
Leicht-depressive Menschen (nicht schwer-depressive Menschen!) betrachten im Allgemeinen die guten und schlechten Seiten, Erfolge und Mißerfolge, usw. gleichermaßen.
Erklärungsstil ist die gewohnheitsmäßige Erklärung von Ereignissen im eigenen Leben. Ein negativer pessimistischer, depressiver Erklärungsstil attribuiert das eigenen Versagen als stabil, global und internal.

Bsp:

  • stabil: "Es wird für immer so weitergehen!"
  • global: "Alles, was ich mache wird schief gehen!"
  • internal: " Es ist alles meine Schuld!"

Selbstwertdienliche Illusionen:

  • sind adaptiv
  • können zu falschem Optimismus und Selbstgerechtigkeit führen
  • machen uns glücklicher, produktiver, weniger grüblerisch, also ist die mentale Gesundheit bei solchen Menschen wahrscheinlicher

"Geistige Gesundheit entstammt übermäßig positiven Sebstbewertungen, übertriebenen Wahrnehmungen der eigenen Kontrolle und Meisterschaft und unrealistischem Optimismus" (TAYLOR & BROWN, 1988)

5.2.1.2 Ist negatives Denken der Grund oder die Folge von Depression?

Depressive Stimmungen verursachen negatives Denken:
1. Kognitive Effekte: Schlechte Stimmung "primet" unsere Erinnerung von Ereignissen, gegenwärtige Wahrnehmungen und Erwartungen für die Zukunft.
HIRT & al. (1992): Wenn bei Basketballfans eine negative Stimmung induziert wird (Team verliert), dann führt das zu negativeren Einschätzung der zukünftigen Leistung des Teams, der eigenen Leistung beim Dartwerfen oder dem Lösen von Anagrammen.
2. Verhaltenseffekte
Depressive ...

  • ... werden eher sozial zurückgewiesen
  • ... werden eher geschieden, entlassen, gemieden
  • ... lösen bei anderen eher Depressionen aus

Negatives Denken verursacht Depressive Stimmungen:
Depressive Verstimmungen werden bei extremem Stress ausgelöst: z.B. Scheidung, Arbeitslosigkeit, Krankheit
Kennzeichen von Depressiven:

  • selbstbezogen
  • reflexive Schuldzuweisungen
  • Abhängigkeit des Selbstwertes von Erfolgen oder Misserfolgen
  • negativer Atrributionsstil

Warum jedoch werden bei manchen Menschen schon bei mildem Stress Depressionen ausgelöst? Möglicherweise hat dies mit einem negativen Erklärungsstil zu tun, der zu depressiven Reaktionen beiträgt:
SACKS und BUGENTAL (1987): Frauen mit negativem Erklärungsstil tendieren bei unangenehmen Gesprächssituationen zu Depression und negativem Verhalten beim nächsten Gesprächspartner.
Negativer Attributionsstil führt wahrscheinlicher zu Depression bei negativen Ereignissen
Positiver Attributionsstil ermöglicht schnelleres Erholen nach Rückschlag

Modell von LEWINSOHN & al.(1985):

Teufelskreis der Depression: Depression als Ursache und Folge von negativen Kognitionen:
Der Teufelskreis wird ausgelöst durch negative Erfahrungen. Bei Depressiven findet sich zur Erklärung solcher Ereignisse ein negativer Erklärungsstil. Dies wiederum löst eine depressive Stimmung aus.
Depressive Stimmung hat wiederum, wie oben beschrieben, kognitive und verhaltensmäßige Konsequenzen, d.h. Erwartungen und Erinnerungen negativer, pessimistischer Verhaltensweisen lösen soziale Zurückweisung aus. Dies wiederum führt zu negativen Erfahrungen, womit der Teufelskreis geschlossen wäre.
Seligman erklärt die Zunahme von Depression in der westlichen Welt mit der Zunahme an Ich-Bezogenheit und eigener Schuldzuweisung, was wiederum ausgelöst sein kann durch...

  • ... den Niedergang von Religion und Familie
  • ... zunehmender Individualisierung

Bsp: Verdreifachung der depressiven jungen Erwachsenen in Nord-Amerika
Bedeutungsrückgang von Familie und Religion
Zunahme der individualistischen Einstellung, alles erreichen zu können (Schuld bei Versagen)
Gegensatz: in Japan Depression wegen Schande für Familie

5.2.2 Soziale Kognition und Einsamkeit

Einsamkeit, ob zeitenweise oder chronisch, ist das schmerzvolle Bewußtsein, daß die eigenen sozialen Kontakte nicht so zahlreich oder intensiv sind, wie man es sich wünscht.
Unterscheidung von äußerlichem Alleinsein und gefühlter Einsamkeit (man kann sich auch mitten auf einer Party einsam fühlen)
Jugendliche fühlen sich häufiger einsam als Erwachsene, wenn sie allein sind.
Männer fühlen sich einsam, wenn sie von Gruppeninteraktion ausgeschlossen werden.
Frauen fühlen sich einsam, wenn sie keine engen persönlichen Freundschaften haben.

Kennzeichen von einsamen Menschen:

  • Schuldzuweisungen für die fehlenden Sozialkontakte
  • Gefühl von Kontrollmangel
  • Negative Wahrnehmung anderer Menschen
  • selbstbezogen und niedriges Selbstbewußtsein
  • Bei Gesprächen mit Fremden erzählen sie mehr über sich selbst, sind am anderen weniger interessiert, das führt zu negativem Eindruck beim Fremden => Teufelskreis

5.2.3 Soziale Kognition und soziale Angst

Soziale Ängstlichkeit: tritt auf, wenn wir motiviert sind, andere zu beeindrucken aber an unseren eigenen Fähigkeit zweifeln, dies zu erreichen(=>Self-presentation theory). Situationen, bei denen soziale Ängstlichkeit auftreten kann:

  • Umgang mit hochgestellten Persönlichkeiten
  • selbstbezogenes Grübeln

Schüchternheit: eine Form von sozialer Ängstlichkeit
Kennzeichen: selbstbezogenes Grübeln und Sorge um den Eindruck, den wir bei anderen machen.
Kennzeichen von schüchternen Menschen:

  • verstärkte Wahrnehmung der Personenkonstellation einer Situation (Over-personalization)
  • sie betrachten zufällige Ereignisse als für sich wichtig
  • sie überschätzen das Ausmaß, mit dem andere Personen sie beobachten und einschätzen

Alkohol als Mittel der Verringerung sozialer Ängstlichkeit
Alkohol und/oder Ängstlichkeit als Mittel zum Selbst-handicapping, beides kann als eine Entschuldigung für Versagen herangezogen werden.
BRODT & ZIMBARDO, (1981): Schüchterne Frauen reagieren im Gespräch mit attraktiven Männern nicht schüchterner als nicht-schüchterne Frauen, wenn sie ihr Herzklopfen auf vorherigen starken Lärm zurückführen können.

5.2.4 Soziale Kognition und physische Krankheit

Verhaltensmedizin: Ein interdisziplinäres Gebiet, das verhaltenstherapeutisches und medizinisches Wissen über Gesundheit und Krankheit integriert und anwendet.

5.2.4.1 Gesundheitspsychologie

eilgebiet der Psychologie, das den psychologischen Beitrag zur Verhaltensmedizin liefert.

Fragen und Antworten der Gesundheitspsychologie:

  • Zusammenhang von charakteristischen Emotionen und Reaktionen auf Streß und Herzinfarkt, Hirnschlag? Anhaltender Stress führt zu Immunsuppression
  • Zusammenhang von Herzkrankheit und wettbewerbsorientierten, ungeduldigen, zu Ärger neigenden "A-Typen"
  • Wie kann man Stress kontrollieren oder reduzieren? Aerobic, Entspannungstraining, unterstützende enge Beziehungen
  • Wie entscheiden Menschen ob sie krank sind? Wie können Patienten zur Behandlung motiviert werden? Übereinstimmung von Symptomen mit Krankheits -"schemata" => Krankheit. Erhöhte Bereitschaft von Patienten zur Behandlung bei guter Beziehung zum Arzt, positiver Präsentation der Behandlung
  • Welcher Lebensstil ist gesundheitsfördernd bzw.schädlich ? Umstellung des Lebensstils? Bsp: Rauchen, Übergewicht,...

5.2.4.2 Optimismus und Gesundheit

Geschichte vom Krebskranken Jeff, der nach einer enttäuschenden Nachricht stirbt.
1.Stress und Krankheit
VISINTAINER & SELIGMAN (1985): Ratten, die keine Kontrolle über Elektroschocks hatten, die an sie ausgeteilt wurden, haben ein doppelt so hohes Krebsrisiko als Ratten, die Kontrolle über die Schocks haben.
Verschiedene Experimente:

  • Kurzzeitiger Stress erhöht Ausprägungsgrad von Erkältungen
  • Ärger erhöht Immunsupression
  • Langfristiger Stress am Arbeitsplatz erhöht das Darmkrebsrisiko auf das Fünffache

2.Pessimistische Erklärungsstile und Krankheit
Pessimistische Erklärungsstile haben Einfluß auf:

  • Lebenserwartung (z.B.: bei Baseballspielern)
  • Gesundheit (bei Harvard-Abgängern)
  • Anfälligkeit für Erkältungen, Halsentzündungen, Grippe (bei Studenten)

SPIEGEL & al. (1989): Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind und an einer wöchentlichen Motivationsgruppe teilnehmen, überlebten doppelt so lange wie Frauen der Kontrollgruppe. Nachteile des optimistischen Erklärungsstils:

  • Unterschätzen von Gesundheitsrisiken
  • Mangelhafte Vorsichtsmaßnahmen
  • Mangelhafte seelische Vorbereitung auf traumatische Erlebnisse

5.3 Sozialpsychologische Annäherung an die Therapie

Welche Möglichkeiten habe ich, gegen diesen negativen Erklärungsstil vorzugehen? Betrachten wir drei Möglichkeiten!

  • Verhaltensänderungen können internalen Veränderungen vorausgehen
  • veränderte Selbstwahrnehmung
  • veränderte Selbstattribution können Teufelskreise durchbrechen

5.3.1 Internale Veränderungen induzieren durch Verhaltensänderung

Unsere Handlungen beeinflussen unsere Gefühle => Verhaltenstherapie
Generieren von Emotionen durch Handlungen, wenn die eigene Willenskraft nicht ausreicht.
MIRELS & McPEEK (1977): Studenten, die einen lobenden Aufsatz über sich geschrieben haben, zeigten später höheren Selbstwert.
MENDONCA & BREHM (1983): Kinder, die sich für ein bestimmtes Programm zur Gewichtsreduzierung entschieden haben(è empfundene Wahlfreiheit) und daran immer wieder erinnert werden, nehmen mehr ab als Kinder, die keine Wahl hatten.
AXOM & COOPER (1985): Frauen nehmen stärker ab, wenn sie bei Wahrnehmungsaufgaben, die mit Gewichtsabnahme eigentlich nichts zu tun haben, aber von denen gesagt wird, daß sie einen therapeutischen Effekt haben, mehr Anstrengung zeigen als andere. => Die wirksamsten therapeutischen Maßnahmen sind freiwillig und mit Anstrengung verbunden.
Insgesamt kann man sagen, daß der Erfolg dann am größten ist, wenn die Handlungen begleitet werden von einem Gefühl der Wahlfreiheit und persönlicher Verantwortung sowie mit einem hohen Maß an Anstrengung.

5.3.2 Den Teufelskreis durchbrechen

5.3.2.1 Soziale Fähigkeiten trainieren

Mögliche Ursachen für Einsamkeit und Depression sind unterentwickelte soziale Kompetenzen und kommunikative Fertigkeiten.
HAEMMERLIE & MONTGOMERY (1982,1984,1986): Sozial ängstliche Studenten füllten entsprechende Fragebögen aus. Sie führten insgesamt zwölf 12-minütige Gespräche mit 6 jungen Frauen, die über den Versuch aufgeklärt waren und sich freundlich und natürlich verhalten sollten.
Die Studenten hielten die Frauen auch für Vpn. Sie zeigten 1 Woche bzw 6 Monate später und auch nach Aufklärung weniger Frauen-bezogene soziale Ängstlichkeit (da sie ohne Hilfestellung selber sozial erfolgreich waren)
Die Menschen konnten sich nach erfolgreichen Verhaltensweisen als sozial kompetenter wahrnehmen. => veränderte Selbstwahrnehmung

5.3.2.2 Explanatory Style Therapy führt zu veränderten Selbstattributionen

Wege, den Teufelskreis der Depression, der Einsamkeit und Schüchternheit zu durchbrechen:

  • Training von sozialen Fertigkeiten
  • Ändern der Selbstwahrnehmung
  • Ändern negativer Denkmuster => Explanatory style therapy

LAYDEN (1982): Depressive Studenten wurde anhand von mehreren Aufgaben ihr gewohnheitsmäßiger negativer Attributionsstil demonstriert. In der folgenden Zeit wurden sie angewiesen, Tagebuch zu führen und dabei internale Gründe für Erfolge zu suchen und externale Ursachen für Misserfolge. Nach einem Monat zeigten die Studenten gesteigerten Selbstwert, positiveren Attributionsstil und geringere Depression.

5.3.3 Internale Attribution für Erfolg mit anhaltender Wirkung

Mit erzwungenen Handlungen in der Therapie, d.h. also dadurch daß unerwünschtes Verhalten sehr peinlich/ sehr teuer oder erwünschtes Verhalten lohnend wird, können in kurzer Zeit die besten Ergebnisse erzielt werden.
Die Ergebnisse sind aber nicht stabil über längere Zeit.
Bsp: Martha nimmt im Rahmen eines geleiteten Gewichtskontroll-Programmes stark ab. Nach dem Programm nimmt sie aber wieder zu (=> Jojo-Effekt)
SONNE & JANOFF (1979): Frauen, die glauben, daß sie ihre Gewichtsverringerung ihren eigenen Anstrengungen verdanken, haben sich nach 11 Wochen ihre Gewichtsverringerung besser erhalten als Frauen, die im Rahmen eines Programmes Gewicht verloren haben.
Das bedeutet, wenn Erfolge erzielt worden sind, dann sind diese am überdauerndsten, wenn sie auf internale Faktoren attribuiert werden können, die also innerhalb der Kontrolle der Individuen liegen.
Die Möglichkeiten von Training von sozialen Fertigkeiten und positiven Denkweisen sind begrenzt
Depression, Einsamkeit, Schüchternheit sind bei traurigen Ereignissen normal.
Zusammenfassung der sozialpsychologischen Therapiebeiträge:

  1. Externale Verhaltensänderung kann zu internaler Emotionsveränderung führen!
  2. Teufelskreise können am ehesten durchbrochen werden durch Training sozialer Fertigkeiten (positive Erfahrungen, die zu veränderter Selbstwahrnehmung führen, Veränderung negativer Denkmuster)
  3. Verbesserungen aufgrund eigener Leistung (internale Attribution)

Teil 2: Sozialer Einfluß

KAPITEL 6: Geschlecht, Gene und Kultur

Welche Unterschiede bzw. welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Menschen?
Bsp: Peter: selbstbewußter, redegewandter amerikanischer Rechtsanwalt in L.A.
Pomoko: höfliche, hilfsbereite, sanfte japanische Mutter, Ehefrau, Tochter

Verschiedene Untersuchungsansätze für Unterschiede:
Evolutionäre Perspektive: Betonung der Universalität der menschlichen Natur, die sich durch natürliche Selektion herausgebildet hat.

  • Untersuchung der Evolution des Verhaltens unter Verwendung der Prinzipien der natürlichen Selektion
  • die Evolutionäre Psychologie nimmt an, daß die natürliche Selektion Informationsverarbeitungsprozesse, physische Merkmale und Verhalten bevorzugt, welche in bestimmten Umwelten zur Bewahrung und Ausbreitung der Gene beitragen.
  • Umwelteinflüsse beeinflussen erworbene Mechanismen, um angepaßtere Merkmale zu produzieren

Kulturelle Perspektive:

  • Betonung der Unterschiedlichkeit und Adaptationsfähigkeit der Menschen an bestimmte Umwelten bzw. Kulturen
  • viele Verhaltensweisen sind sozial programmiert und vorher nicht festgelegt

Kultur: Summe der überdauernden Verhaltensweisen, Werten und Traditionen, die von einer großen Gruppe von Menschen geteilt wird und von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Vergleich: Menschliches Gehirn als Hardware, Kultur als Software

6.1 Geschlechtsunterschiede und -ähnlichkeiten

Interindividuelle Unterschiede weitaus bedeutender als Geschlechtsunterschiede
Geschlecht bedeutet in der Psychologie die Charakteristika, ob biologisch oder sozial beeinflußt, durch welche Menschen männlich und weiblich definieren.
Da "Sex" eine biologische Kategorie ist, bezeichnen Sozialpsychologen oft biologisch bedingte Geschlechtunterschiede als "sex differences".
Gemeinsamkeiten:

  • Biologische Eigenschaften: Sitz-Alter; Zeit, in der man Zähne bekommt, Lauf-Alter
  • Psychologische Eigenschaften: Allgemeiner Wortschatz, Intelligenz, Glück, Selbstwert

Unterschiede:

  • Männer pubertieren zwei Jahre später, sind 15% größer, leben 5 Jahre kürzer, entwickeln sich häufiger zu antisozialen Erwachsenen
  • Frauen sind anfälliger für Phobien und Depression, sind weniger gefährdet für Selbstmord und Alkoholismus

Gender gap/ Geschlechter-Kluft: Beginn der Untersuchung der Geschlechtsunterschiede in den 80ern, dabei sind überbetonte Geschlechtsstereotype abgebaut worden, während Stereotype wie etwa, daß Frauen weniger aggressiv sind als Männer, bestätigt wurden.
Beachte: Betrachtung des Verhaltens anderer als "anders" kann leicht zu deren Abwertung führen.
Männer und Frauen sollen im folgenden anhand der folgenden Dimensionen miteinander verglichen werden:

  • Unabhängigkeit versus Verbundenheit
  • Soziale Dominanz
  • Aggression
  • Sexualität

6.1.1 Unabhängigkeit vs. Verbundenheit

Generelle Tendenz, daß Frauen eher Beziehungen zu anderen betonen (Interdependence) und Männern eher ihre Unabhängigkeit wichtig ist (Independence).
Unterschiedliche Betonung von sozialen Beziehungen bereits in der Kindheit

  • Mädchen spielen eher in intimen Kleingruppen: Streben nach Interdependenz
  • Jungen spielen eher in größeren Gruppen mit aggressiveren, körperbetonten Spielen: Streben nach Independenz

Verstärkung der Unterschiede im Erwachsenenalter: Stärkere Gewichtung der "Ethik der Nächstenliebe" bei Frauen
Bsp: Anteil an karitativen Berufen, Erbschaften an karitative Einrichtungen

  • Stärkere Selbstdefinition über familiäre Beziehungen und enge Freundschaften bei Frauen
  • Stärkere Ausprägung und Gewichtung von Empathie bei Frauen
  • Frauen und Männer bevorzugen Frauen als Freunde bei der Suche nach Verständnis
  • Frauen lächeln häufiger als Männer
  • in Konversationen geht es bei Männern mehr um gegenständliche Themen und in Gruppen dient die K. mehr der Informationsweitergabe; bei Frauen stehen Beziehungen im Vordergrund bei Gesprächen und in Gruppen dient die Konversation mehr der Unterstützung und der Hilfe
  • Frauen sind besser in der Decodierung von emotionalen Botschaften
  • Frauen sind besser im nonverbalen Ausdruck von Emotionen

HALL (1984): Frauen können besser beurteilen, welche Emotion das Gesicht einer Frau in einem 2-sekündigen Filmausschnitt zeigt.
Frauen sind im allgemeinen Männern bei der Entschlüsselung von emotionalen Nachrichten überlegen (passiv) bzw. beim nonverbalen Ausdrücken von Emotionen (aktiv)
Sanftheit, Sensibilität, Wärme als Kennzeichen von besseren, zufriedenstellenderen Ehen
Empathie: Empfinden der Gefühle anderer Menschen ohne eigene aktive Beteiligung; Fähigkeit sich in die Lage eines anderen versetzen zu können.

6.1.2 Soziale Dominanz

Weltweit werden Männer als dominanter, triebgesteuerter und aggressiver eingeschätzt
Realität: Männer sind sozial dominant z.B. sichtbar im Anteil von Männern in Führungspositionen wie Politiker, Richter, Professoren
Führungsstil:

  • Männer tendieren zu einem befehlenden, aufgabenorientierten Führungsstil
  • Frauen tendieren zu sozialen Führern, die für den Gemeinschaftsgeist sorgen

Konversationsstil:

  • Männer: behauptend, unterbrechend, Anfassen mit den Händen, Fokussieren mit den Augen, weniger lächelnd
  • Frauen: weniger unterbrechend, gefühlsbetonter, sensibler, höflicher, weniger großspurig

6.1.3 Aggression

Physische oder verbale Verhaltensweisen, die darauf abzielen, einen anderen zu verletzen.
In Laborexperimenten kann das darin bestehen, Elektroschocks auszuteilen oder anderen etwas zu sagen, was wahrscheinlich ihre Gefühle verletzen wird. Durch diese psychologische Definition ist es möglich, selbstbehauptend zu sein ohne aggressiv zu sein.
Jagen, Kämpfen und Kriegsführung sind weltweit vorwiegend männerspezifisch. Männer übertreffen Frauen an Kapitalverbrechen anteilsmäßig um das mehrfache.
Jedoch bei alltäglichen Formen der Aggression (wie etwa ein Familienmitglied zu schlagen oder verbales Attackieren) stehen Frauen Männern in nichts nach.

6.1.4 Sexualität

Männer ergreifen häufiger die Initiative beim Werben, körperlichen Berührungen und sexuellen Beziehungen
Männer sind eher sexuell bestimmt als die Frau.
Männer tendieren stärker zur freien Liebe/ Promiskuität als Frauen, sind weniger wählerisch bezüglich der Partnerin
Bei sexuellen Phantasien legen Männer eher Wert auf die körperliche Komponente (Nacktheit, Triebauslebung, etc.); Frauen legen mehr Wert auf die erotische, geistige Komponente (romantische Gefühle, Sehnsucht, etc.).

6.2 Evolution und Verhalten

DARWIN: Evolution: Überleben und Fortpflanzung derjenigen Organismen, die im Kampf ums Überleben die tauglichsten sind ("Survival of the fittest!")

  • Entwicklung von physischen adaptiven Eigenschaften (z.B. weißer Pelz des Eisbären)
  • Entwicklung von psychischen adaptiven Eigenschaften (z.B. Sexualtrieb)

Aufgrund der Evolution gibt es grundlegende Gemeinsamkeiten der Lebewesen im Allgemeinen und der Menschen im besonderen è Über die kulturellen Unterschiede hinweg gibt es eine essentielle Universalität des Menschen. Wir möchten im folgenden zwei Aspekte davon betrachten:

  • universelle Normen
  • universelle Geschlechtsunterschiede

6.2.1 Universelle Normen

Regeln für akzeptiertes und erwartetes Verhalten. Normen schreiben angemessenes Verhalten vor. Normen beschreiben auch, wie sich die Mehrheit verhält - was "normal" ist.
Normen werden oft als einschränkend und willkürlich erlebt, doch Normen sind auch durchaus adaptiv, indem sie beispielsweise die soziale Interaktion erleichtern. Einige gemeinsame, interkulturelle Normen:

  • Inzesttabu zwischen Eltern und Kindern bzw. zwischen Geschwistern
  • Normen für Freundschaften: Respekt vor der Privatsphäre eines Freundes, Augenkontakt beim Gespräch, vertrauliche Behandlung von Informationen, Loyalität
  • Statushierarchien:

BROWN (1965):
1) Umgangston hängt nicht nur von sozialer Distanz, sondern auch von Statusunterschieden ab:

  • Gespräch mit Menschen, mit höherem Sozialstatus: höflich, respektvoll, distanziert wie bei einem Gespräch mit einem Fremden
  • Gespräch mit Menschen mit niedrigerem Sozialstatus: vertraulicher, Benutzung von Vornamen, engerer körperlicher Kontakt (z.B.Schulter- klopfen)

2) Initiierung engerer Beziehungen durch die statushöhere Person (z.B. Einladung, Benutzung von Vornamen)

6.2.2 Die Evolution der Geschlechter: Machen, was natürlich ist

Wodurch sind biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Denken, Fühlen und Verhalten bedingt ?

6.2.2.1 Geschlecht und Werbungsverhalten

Gleiche Eigenschaften / Verhaltensweisen der Geschlechter sind durch ähnliche adaptive Anforderungen bedingt:

  • Hitzeregulation durch Schweißabsonderung, Geschmackssinn, Hornhaut
  • Bedürfnis nach Freundlichkeit, Liebe, (Attraktivität) in der Partnerschaft

Unterschiedliche Eigenschaften/ Verhaltensweisen der Geschlechter sind durch unterschiedliche adaptive Herausforderungen bedingt: Männer:

  • größere sexuelle Initiative der Männer (Überfluß an Spermienè möglichst weite Streuung)
  • Fortpflanzungsvorteil von physisch überlegenen Männern => evolutionsbedingte Verstärkung der Merkmale Aggression und Dominanz
  • Häufige Fehlinterpretation von weiblichen Lächeln als sexuelles Interesse
  • Männer streben nach materiellem Wohlstand, physischem Schutz (attraktiv für Frauen!)
  • Männer finden junge, gesunde Frauen attraktiv (Signal der Frauen: Fruchtbarkeit)
  • Männer reagieren eifersüchtig bei anderen sexuellen Beziehungen ihrer Partnerin(Gefahr für Fortpflanzung bzw. Zeugung des Nachwuchses)

Frauen:

  • größere sexuelle Umsicht bei Frauen (weniger Eizellen, geringe Reproduktionsfähigkeit)
  • Frauen bemühen sich um jugendliche, gesunde Erscheinung (Fruchtbarkeit)
  • Frauen finden reiche, mächtige, leistungsorientierte Männer attraktiv: Signal der Frauen (Schutz für Nachwuchs)
  • Frauen reagieren eifersüchtig bei anderen emotionalen Beziehungen ihres Partners (Gefahr für Fortpflanzung bzw. Aufzucht des Nachwuchses)

6.2.2.2 Geschlecht und Hormone

Manipulation von weiblichen Ratten-, Affen- und Menschenembryos durch hohe Dosen von Testosteron führte zur Ausprägung eines männlichen Phänotyps und männlicher Verhaltensweisen. (BERENBAUM & HINES, 1992)
Männliche gewalttätige Verbrecher, NFL-Football-Spieler haben erhöhte Testosteron- Spiegel (DABBS & al.,1990,1993)
Sexualhormone spielen eine Rolle, aber ebenso kulturelle Einflüsse.

Erwachsene entwickeln zur Lebensmitte hin Androgynität: Frauen werden selbstbewußter und durchsetzungsfähiger, Männer werden empathischer und weniger dominant. Gründe: hormonelle Umstellungen (LOWENTHAL & al, 1975, PRATT & al, 1990)
Wiederauftreten von verdrängten Bedürfnisse, die im jungen Erwachsenenalter zurückgestellt wurden aufgrund der Rollenerwartungen der Gesellschaft (z.B. Männer sind stark und unabhängig, Frauen sanft und fürsorglich)

6.2.2.3 Gedanken über die Evolutionspsychologie

Es wurde immer wieder Kritik am evolutionären Ansatz geäußert: Erklärung anhand des Effekts birgt die Gefahr des Hindishgt-bias.
Gegenprobe: Erklärungen für andere Verhaltensweise suchen!
Bsp: für Männer wäre es von Vorteil, sich auch um die Aufzucht von Nachkommen zu kümmern
Starke Frauen sind besser geeignet ihren Nachwuchs zu schützen.

Gegenargument: Erklärungen für Verhaltensweisen aus der kulturellen Sicht unterliegen auch dem Hindsight-Bias.

Die evolutionäre Psychologie beschreibt Mechanismen, die in der Vergangenheit gewirkt haben. Ob diese immer noch adaptiv sind, ist sehr fraglich ("past wisdom") Beispiel: Obwohl geschlechtsspezifische Merkmale auf das andere Geschlecht attraktiv wirken, sind Partnerschaften mit androgynen Partner glücklicher (ICKES, 1993).
Unser gemeinsames evolutionäres Erbe sagt, aus sich selbst heraus, die großen kulturellen Variationen nicht voraus.
Im folgenden nun sollen einige kulturellen Normen betrachtet werden, die sich zwischen den Kulturen unterscheiden, um auch den Einfluß unserer sozialen Umwelt zu verdeutlichen:

6.3 Kultur und Verhalten

Kulturen unterscheiden sich

  • in Anrede
  • in den Essgewohnheiten
  • in ihren Normen für Expressivität, Ausdrucksstärke
  • im persönlichen Freiraum (z.B. Nord- und Südeuropäer, Nord- und Südamerikaner)

Personal Space (Individualzone): Pufferzone um unseren Körper, die wir zu erhalten suchen. Die Größe hängt von der Vertrautheit des Gegenübers ab.
Bevorzugung einer größeren Individualzone

  • Erwachsene im Vergleich zu Kindern
  • Männer im Vergleich zu Frauen
  • äquatorfernere im Vergleich zu äquatornäheren Menschen

6.3.1 Individualismus vs. Kollektivismus

Diese beiden Konzepte unterscheiden sich in Hinblick auf Prioritäten des Einzelnen und der Definition der eigenen Identität.
Individualismus: Konzept, das eigene Ziele gegenüber Gruppenzielen bevorzugt und die eigene Identität eher durch persönliche Eigenschaften bestimmt als durch Identifikation mit Gruppen.

  • besonders ausgeprägt in westlichen Industrienationen
  • begünstigende Faktoren: Wohlstand, Mobilität, Verstädterung, Massenmedien

Kollektivismus: Konzept, das Gruppenziele gegenüber eigenen Zielen bevorzugt und die eigene Identität eher durch Identifikation mit Gruppen bestimmt als durch persönliche Eigenschaften. Als Gruppen sind die Großfamilie und die Kollegen am Arbeitsplatz von besonderer Bedeutung.

  • besonders ausgeprägt in Asien und Dritte-Welt-Länder
  • begünstigende Faktoren: gemeinsame Bedrohung (z.B. Hungersnöte), große Familien, Lebensweise, die auf Kooperation angewiesen ist (z.B. bäuerliche Lebensweise)

Im folgenden soll betrachtet werden, wie die beiden Konzepte des Individualismus bzw. des Kollektivismus...

  • ...das Selbstkonzept
  • ...die Kindererziehung
  • ...soziale Beziehungen beeinflussen.

6.3.1.1 Selbstkonzept

Merkmale des Individualismus:

  • Selbstfindung
  • Abgrenzung von anderen (z.B. Familie, Arbeitskollegen, Freunde,...)
  • Mißachtung von Erwartungen anderer

Das hat den Vorteil einer höheren sozialen Flexibilität, d.h. abgetrennt von sozialen Verbindungen gewinnen individualisitische Menschen schneller wieder ihre Identität zurück
Merkmale des Kollektivismus:

  • Identifikation durch Gruppen (Familie, Arbeitskollegen), große Wichtigkeit sozialer Netzwerke
  • Verantwortung gegenüber anderen

6.3.1.2 Erziehung der Kinder

Individualistische Kulturen:

  • Unabhängigkeit in Denken und Handeln beigebracht
  • Babys: frühe Trennung von Müttern
  • Jugendliche: eigene Post/ Telefon, Entscheidung über Freund(in)
  • Erwachsene: Realisierung eigener Pläne, Trennung von Eltern

Kollektivistische Kulturen:

  • Gemeinschaftsdenken und Kooperation beigebracht
  • Bevormundung der Kinder durch Eltern
  • Sorge der Kinder für die Eltern
  • Kindererziehung durch die Gemeinschaft

6.3.1.3 Soziale Beziehungen

In kollektivistischen Kulturen haben Individuen weniger Beziehungen, diese sind jedoch dafür intensiver und andauernder.
Gute Stimmung bedeutet...
... bei Individualisten ungebundene positive Gefühle (Stolz)
... bei Kollektivisten an Personen gebundene Gefühle (Freundlichkeit)

  • Kollektivisten streben eher nach Harmonie und Vermeidung von Konfrontationen
  • Interdependenz versus Independenz
  • Kollektivisten bilden Vorurteile eher aus der Gruppenzugehörigkeit; Individualisten bilden Vorurteile eher aus individuellen Eigenschaften (z.B. Aussehen)


Verhaltensmaßregeln für Individualisten in kollektivistischen Kulturen:
Vorteile und Nachteile des Individualismus:
+ persönliche Freiheit
+ Selbstbewußtsein, Stolz auf eigene Leistungen
+ Spontaneität, Kreativität, Innovation
+ weniger eingeschränkt durch Fremdurteile
+ mehr Privatsphäre
+ freiere Wahl des persönlichen Lebensstils
- Einsamkeit, Depression
- Scheidung, Mord
- Stresskrankheiten

6.3.1.4 Kommunitarismus

Versuch, die Aspekte des Individualismus, bei Respektierung der grundlegenden individuellen Rechte, und die Aspekte des Kollektivismus, bei Respektierung der Fürsorge für die Familie und die Gemeinschaft, zu einer Synthese zu vereinigen.
Interdependenz muss nicht mit Schwäche gleichgesetzt werden (stark durch Gemeinschaft!)
Ungebremste, persönliche Freiheit zerstört Gemeinsinn und ungebremste kommerzielle Freiheit zerstört unsere gemeinsame Umwelt

  • Individualismus im Westen hat in den letzten 50 Jahren zugenommen.
  • Indikatoren für Abkühlen des sozialen Klimas:
  • Zunahme von Depression, Scheidungen, Selbstmord, Vergewaltigungen,...
  • Beispiele für Ausbalancierung von Individualrechten und Allgemeinwohl. Bsp. Kanada, das sich kulturell weit geöffnet hat, aber gleichzeitig harte Pornographie verboten hat.
  • Gefährdung des Allgemeinwohls in Gegenwart und Zukunft durch Ausbeutung durch Individuen, z.B. Rohstoffe, Umweltschutz
  • Fehlende Balance zwischen individuellen Rechten und kollektives Wohlergehen kann zu Gefährdung des gesellschaftlichen Ordnung führen

6.3.2 Soziale Rollen

Rolle: Gefüge aus Normen, das definiert, wie sich Menschen in vorgegebenen sozialen Situationen verhalten sollten. z.B. Rolle als Student
Verstoß gegen Rollen bzw. Normen kann keine bis sehr ernsthafte Konsequenzen haben, je nach Wichtigkeit der Norm.
Wir tendieren dazu, unsere Rollen in uns aufzunehmen. Sind wir frisch in einer bestimmten Rolle, so haben wir noch sehr große Selbstaufmerksamkeit, doch je länger man in einer Rolle ist, desto stärker internalisieren wir sie.

Beipiel: Entführung der Patricia Hearst (Erbin des Zeitungsmillionärs) durch Terroristen

  • Patricia Hearst schließt sich den Terroristen an, nimmt an Überfall teil
  • Nach ihrer Befreiung und "Deprogrammierung" weiteres Leben als Hausfrau und Mutter

Verhalten ist von der Situation und der Disposition abhängig, wobei der starke Einfluß von Situation oft unterschätzt wird.

6.3.2.1 Hohe und niedrige Statusrollen

Einfluß des Status, der mit bestimmten Rollen verbunden ist, auf die Selbstwahrnehmung: Menschen, denen ein höherer Status zugewiesen wurde,

  • glaubten, bessere Behandlung zu verdienen
  • hielten sich für leistungsfähiger.

HUMPHREY (1985): Im Experiment wurde ein Geschäftsbüro simuliert, wobei zufällig die Rollen von Managern und Angestellten verteilt wurden. Manager erteilten Angestellten Befehle und verrichteten Arbeiten mit höheren Anforderungen. Nach dem Experiment beurteilten die Manager sich selber und die Angestellten die Manager als intelligenter, durchsetzungsfähiger und hilfsbereiter(bessere Führungseigenschaften).
Demgegenüber kann eine "subservient" Rolle negative Effekte auf die Selbstwahrnehmung und tatsächliche Leistungsfähigkeit nehmen:
LANGER & BENEVENTO (1978): Frauen lösten Rechenaufgaben zuerst in Einzelarbeit, danach in Gruppenarbeit, wobei die Rolle des "Boß" und der "Angestellten" vergeben wurde. Als sie danach wieder in Einzelarbeit Rechenaufgaben lösen sollten, konnten die "Bosse" mehr Aufgaben lösen bzw. die "Angestellten" weniger als in der ersten Runde.

6.3.2.2 Umkehr einer Rolle

Rollenumkehr als Mittel zur Verhaltensänderung und Einfühlung/Rollenübernahme in der Therapie (vgl. "Pygmalion" von G.B. SHAW)
Rollen treten oft paarweise auf, wobei sie durch Beziehungen bestimmt werden (z.B. Lehrer-Schüler, Eltern-Kind,...)
Verbesserung der Kommunikation zwischen zwei Gruppen:

  • durch Rollentausch
  • inhaltlich richtige Wiedergabe der Aussagen des Gesprächspartners

=> Erhöhung des gegenseitigen Verständnisses

6.3.3 Geschlechterrollen

Der Einfluß von Erwartungen aufgrund von Geschlechterrollen:
ZANNA & PACK (1975): Frauen sollten einen großen, ledigen, älteren Mann treffen. Abhängig davon, ob sie glaubten, daß der Mann eher ein konservatives Frauenideal hatte (häuslich und zurückhaltend) oder ein modernes Frauenideal (Stark und leistungsorientiert), paßten die Frauen ihre Angaben über sich selbst in einem Fragebogen an, den sie vorher ausfüllten.
Bei Problemlöse-Aufgaben schnitten die Frauen, die einen Mann mit modernem Frauenbild erwarteten, besser ab als Frauen, die einen Mann mit konservativen Ansichten erwarteten.

Anpassung der Selbstdarstellung findet weniger statt, wenn der Mann weniger attraktiv ist (klein, verheiratet, jünger). Anpassung der Selbstdarstellung tritt auch bei Männern auf, die attraktive Frauen treffen, um damit den Geschlechterrollenerwartungen der Frauen entgegenzukommen. (MORIER & SEROY, 1994)

6.3.3.1 Geschlechterrollen variieren mit der Kultur

Starke Unterschiede in Geschlechterrollen zwischen den Kulturen (z.B. Deutschland -Pakistan)

  • in nomadenhaften, nahrungssammelnden Kulturen erhalten Männer und Frauen ähnliche Ausbildung und ähnliche Arbeit
  • in bäuerlichen Kulturen sind die Geschlechterrollen unterschiedlicher: Frauen machen mehr die Feldarbeit, Männer haben größere Freiräume

Je weiter entwickelt eine Gesellschaft ist, desto größere Rollenunterschiede gibt es!

6.3.3.2 Geschlechterrollen variieren mit der Zeit

Starke Veränderung der Geschlechterrollen in den letzten 50 Jahren in Richtung Gleichberechtigung.
Frauen sollten sich vor allem Haushalt und Familie widmen:

  • 1967: 57% => Ja
  • 1994: 25% => Ja

Dieser Einstellungswandel ist jedoch auch von einem Verhaltenswandel begleitet: Wachsender Frauenanteil bei Ärzten , Anwälten, Zahnärzten in den U.S. A.

6.4.1 Biologie und Kultur

Interaktion bedeutet, daß zwei Faktoren voneinander abhängig sind, d.h. die Veränderung eines Faktor bedingt die Veränderung des anderen Faktors (Erbe und Umwelt).
Bsp: Männer, die von Natur aus größer und stärker sind als Frauen, erwerben andere Erfahrungen als kleinere und schwächere Frauen.
=> Man wächst in seine "angeborene Rolle" hinein!
Mögliche Erklärungen des Größenunterschiedes bei Ehepartnern: Unterstützung der Dominanz des Mannes, dadurch betont der Mann seine soziale Macht über die Frau.
Bevorzugung gleichgroßer Partner würde Partnersuche erschweren
Die Evolution hat festgelegt, daß Männer größer als Frauen sind und der kulturelle Einfluß hat dieselbe Norm bei der Paarbildung festgelegt. Die Größennorm kann also als eine sowohl durch Evolution als auch Kultur bedingte Norm betrachtet werden.
EAGLY (1987): Sie stellt eine Theorie auf, bei der Biologie und Kultur interagieren: Die geschlechtsspezifische Aufteilung der Arbeit sind ihrer Meinung nach beeinflußt durch biologische Einflüsse und der Sozialisation des Kindes (neben anderen Faktoren). Unsere zugewiesenen Rollen reflektieren dabei unsere evolutionär bedingten Verhaltensweisen, dadurch werden genetische Prädispositionen durch die Sozialisation verstärkt (Anforderung der Gesellschaft an Männer stark zu sein, an Frauen fürsorglich zu sein). Dies hat Auswirkungen auf die Rollen die von den Geschlechtern in der Gesellschaft übernommen werden. Soziale Verhaltensweisen der Geschlechter werden durch diese Rolle wiederum maßgeblich bestimmt:
Genetische Disposition => Verstärkung durch Sozialisation => Übernehmen geschlechtsspezifischer Rollen => Auswirkungen auf soziales Verhalten.

6.4.2 Die große Stunde der Sozialpsychologie

Sozialer Einfluss und Persönlicher Einfluss sind wichtig, um Verhalten zu erklären.
Menschen als Schöpfung und Schöpfer ihrer sozialen Umwelt

  • determiniert durch Erbe und Umwelt in der Vergangenheit
  • Willensfreiheit in der Gegenwart
  • Bestimmung der Zukunft

Mögliche Wege der Interaktion von Person und Situation (SNYDER & ICKES, 1985):

  1. Soziale Situationen haben unterschiedlichen Einfluß auf Individuen, weil jeder auf eine Situation reagiert, wie er sie selbst konstruiert. (Japaner reagieren auf soziale Erwartungen sensibler als Briten)
  2. Individuen wählen ihre soziale Situation aus, d.h. wir besitzen die Freiheit zu entscheiden, ob wir Teil einer bestimmten Situation sind. (Auswahl der Hochschule / Studiengangs nach Vorlieben)
  3. Individuen beeinflussen die Situation aktiv durch ihr Verhalten (Einfluß von individuellen Erwartungen)

Jede Perspektive hat ihre Berechtigung
Rat: Berücksichtigung der eigenen Entscheidungsfreiheit bzw. der situationalen Einflüsse auf Mitmenschen

KAPITEL 7: Konformität

Beispiel: Bei der Verleihung der "bachelor of arts" bleiben 400 Leute stehen, weil alle stehen bleiben, obwohl sie angewiesen wurden, sich zu setzen.

  • Warum verhalten sich Individuen in einer Gruppe so einheitlich?
  • Kann man sich von sozialen Einflüssen frei machen, dadurch, daß man darüber lernt?
  • Ist Konformität gut oder schlecht?

Konformität muß nicht grundsätzlich schlecht sein, sie hat auch positive Seiten bzw. kann bzgl. der Konsequenzen irrelevant sein (z.B. weiße Sachen beim Tennisspielen tragen).
Konformität bedeutet...

  • ...im Westen eher Unterwerfung, Komplizenschaft => negativ
  • ...im Osten eher Toleranz, Selbst-Kontrolle, Reife => positiv

Konformität: Eine Änderung im Verhalten oder Meinungen als Folge von realem oder vorgestelltem Gruppendruck.
Formen von Konformität: Befolgung (compliance): Konformität, welche bedeutet, daß man öffentlich handelt in Übereinstimmung mit dem sozialem Druck, obwohl man persönlich nicht damit einverstanden ist. Häufig soll damit eine Belohnung verdient oder eine Bestrafung vermieden werden.
Gehorsam (obedience): wenn ein expliziter Befehl von übergeordneter Autorität gegeben wurde) Akzeptanz (ehrliche, innere Konformität): Konformität, die beinhaltet, daß Verhalten und Meinung dem sozialen Druck entsprechen.

7.1 Klassische Studien

7.1.1 Sherifs Studien der Normenbildung

Das folgende Experiment zeigt die Kristallisation einer Gruppennorm, d.h. Normenbildung.
SHERIF (1937): Vpn schätzten in einem dunklen Zimmer zunächst alleine, wie weit sich ein Licht hin- und herbewegt, welches sich jedoch in Wirklichkeit nicht bewegt(Autokinetisches Phänomen).
Wiederholt man dieses Experiment mit mehreren Vpn innerhalb einer Gruppe, so nähern sich ihre Urteile vom 1. Tag einem gemeinsamen Mittelwert (Norm) an. Eine Gruppennorm ist entstanden!
Auch nach einem Jahr bleibt unter den Vpn die Norm erhalten!
Das Experiment von Sherif hat bei den Vpn "acceptance" hervorgerufen (auch bei anschließenden Alleinurteilen folgten die Vp immer noch der vorher entstandenen Gruppennorm!). Im Gegensatz dazu hat Milgram(siehe unten) eine extreme Form der compliance hervorgerufen.

Im folgenden wird die Weitergabe falscher Überzeugungen untersucht:
JACOBS & CAMPBELL (1961): Untersuchung des autokinetischen Effektes. Ein Verbündeter des Versuchsleiters gibt einen übertrieben hohen Schätzwert vor. Danach verläßt er den Raum und wird von einer neuen echten Vp ersetzt, welche wiederum einmal schätzt, und selber wieder ersetzt wird. Das bedeutet: das Urteil wird immer in 2-er Gruppen gefällt, wobei jeweils die eine Person von der vorhergehenden Vp einen Norm vorgelegt bekam, die dann ihrerseits diese Norm einer neuen Vp vorgab. Es zeigt sich, daß der überhöhte Schätzwert fünf "Generationen" bestehen bleibt. Beispiele:

  • Nach Zeitungsberichten über beschädigte Windschutzscheiben in Seattle häufen sich berichtete Schäden drastisch. Ursache: Massensuggestion, d.h. durch Zeitungsberichte wurden Autofahrer erst auf die bereits vorhandenen Schäden aufmerksam gemacht.
  • Ansteigen von Autounfällen,Selbstmorden, ... nach medienwirksamen Selbstmorden (berühmter Persönlichkeiten wie Marilyn Monroe)
  • Teenager sind besonders anfällig für Selbstmord-"epidemien"

Ein Problem am Experiment von Sherif lag in der Mehrdeutigkeit der Situation, im folgenden soll eine eindeutige Wahrnehmungssituation untersucht werden.

7.1.2 Aschs Studien über Gruppendruck

ASCH (1955): Vpn, die mit 6 Verbündeten des VL die Länge von Strichen schätzen müssen, werden durch offensichtliche Fehlschätzungen der Verbündeten in ihrem Urteil stark beeinflußt und passen sich den Fehlurteilen in 37% der Fälle an, obwohl sie alleine fast zu 100% richtig gelegen hätten.
Problem: teuer und schwierig zu kontrollieren, weil die Vertrauten des VL mit perfekter Konsistenz ihr Verhalten bei den einzelnen Vp zeigen müssen. Crutchfields Experiment hat einen ökonomischen Vorteil und der Effekt war auch hier zu beobachten, obwohl man die anderen nicht sehen konnte, also keine soziale Interaktion:
Überraschend an den beschriebenen Experimenten ist, daß Konformität aufgetreten ist ohne jeglichen äußeren Druck.
Was passiert nun, wenn die Forderungen einer Autorität mit den Forderungen des eigenen Gewissens kollidieren?

7.1.3 Milgrams Gehorsams-Experimente

MILGRAM (1965): Studie zum Lernen und Gedächtnis in Zusammenhang mit Bestrafung
Zwei Vpn, von denen einer ein Vertrauter des VL ist, nehmen am Experiment teil. Der echten Vp wird "zufällig" die Rolle des Lehrer "zugelost", der Vertraute erhält die Rolle als "Schüler". Der Schüler soll eine Liste mit Wörtern auswendig lernen, wobei falsche Antworten vom "Lehrer" (scheinbar, doch das wußte die Vp natürlich nicht) mit Stromschlägen wachsender Intensität bestraft werden, mit leichten Elektroschocks (45V) beginnend bis zu lebensbedrohlichen Schocks (450V). Während des Experiments fordert der Schüler mit wachsender Spannung immer lauter und verzweifelter den Abbruch des Experiments. Bei Weigerung der Lehrer reagiert der Versuchsleiter mit stereotypen Anweisungen wie "Sie müssen unbedingt weitermachen!"

Ergebnis: Entgegen den Vorhersagen von Psychiatern, Studenten und Erwachsenen, die glaubten, daß keine Vp als "Lehrer" über 135 Volt hinausgehen würde, gingen ca. 65% der Vpn bis 450 Volt.
Auch eine Verschärfung des Experiments mit angeblich herzkranken Patienten veränderte die Ergebnisse nicht.
Kritik am Experiment:

  • Milgram tat seinen Vpn an, was diese ihren "Schülern" angetan haben: er zwang sie gegen ihren Willen Dinge zu tun, die sie nicht wollten.
  • Das Selbst-Konzept der Vp kann unter dem Versuch gelitten haben.

7.1.4 Was führt zu Gehorsam?

Faktoren, die Gehorsam beeinflussen: Emotionale Distanz zum Opfer:
Im Milgram-Experiment:

  • Ohne visuellen oder akustischen Kontakt zwischen Lehrer und Schüler: => fast alle Vpn (93%) bis 450 V
  • Lehrer und Schüler im selben Zimmer => 40% der Vpn bis 450V
  • Lehrer drückt Hand des Schülers auf Schockplatte => 30% der Vpn bis 450V
  • Vergleich mit Kriegssituation : Nahkampf vs. Luftangriff


Nähe und Legitimität der Autorität

  • mit zunehmender physischer Nähe der Autoritätsperon steigt Gehorsam
  • die Autoritätsperson muß als legitim wahrgenommen werden
  • bei Anweisungen des Versuchsleiters am Telefon(also physisch abwesend): Voller Gehorsam fiel auf 21%
  • Anweisungen durch einen andere Vp (Verbündeter des VL), weil der eigentliche Versuchsleiter "dringend weg mußte": voller Gehorsam fiel auf 20%

HOFLING & al. (1966): 21 von 22 Krankenschwestern verabreichen ohne zu zögern eine Überdosis eines Medikamentes auf telefonische Anweisung eines fremden Arztes. Allein die wahrgenommene Legitimität der Person (Arzt!) genügte, die offensichtliche überhöhte Dosis zu geben.

Institutionelle Autorität
Prestige der Yale University spielte beim Milgramexperiment eine Rolle. Nach Verlegen des Experimentes nach Bridgeport, Connecticut in ein mittelmäßig kommerzielles Gebäude: 48% der Vpn zeigten vollen Gehorsam, also Abnahme.
Auch im alltäglichen Leben geht von Personen soziale Macht aus, deren Rücken durch eine entsprechende Institution gestützt wird.
Bsp.: der Selbstmörder auf der Klippe, dessen Auto mitten auf der Straße stand und der durch einen Polizisten aufgefordert worden ist, seinen Wagen wegzufahren, damit er durchkönne, ging von der Klippe und fuhr seinen Wagen weg. Der befreiende Effekt von ungehorsamen Mitgliedern einer Gruppe
Vpn ist mit zwei anderen "Lehrern" zusammen , die sich weigern weiterzumachen: Voller Gehorsam bei 10%

7.1.5 Gedanken über die klassischen Studien

Historische und aktuelle Beispiele zum Ausmaß an Gehorsam:

  • Judenverfolgung im Dritten Reich
  • "Ethnische Säuberung" in Irak, Ruanda, Bosnien
  • Vietnam-Krieg

Fazit: die Befolgung in den Gehorsams-Experimenten ist nicht freiwillig, sondern explizit befohlen
Bestätigung psychologischer Prinzipien:

  • Beziehung von Verhalten und Einstellung
  • Macht der Situation (situationaler Einfluß)
  • Stärke des Fundamentalen Attributionsfehlers

Diese Zusammenhänge sollen nun im folgenden untersucht werden:

7.1.5.1 Verhalten und Einstellungen

Siehe Kapitel 4: Einstellungen sind nicht in der Lage, Verhalten vorherzusagen, wenn externale Einflüsse innere Überzeugungen überrennen. Dieses Prinzip wird hier illustriert.
Vpn in Experimenten von ASCH und MILGRAM erlebten einen Konflikt zwischen inneren Überzeugungen (Hör damit auf, dem Menschen wehzutun!) und einem großen sozialen Druck(Mach mit dem Experiment weiter! Sei eine gute, gehorsame Versuchsperson!).
Beobachtung Milgrams: Vpn waren sich im Klaren, daß das, was sie taten, verkehrt war, aber sie hatten nicht die Kraft ihre Ideale/Werte in die Tat umzusetzen, weil die situationalen Kräfte zu stark waren..

Gründe :
Bedeutung des Fuß-in-der-Tür-Phänomens:
Vpn mußten mehrmals Stromschläge austeilen, bis die erste Schmerzreaktion auftrat. Dadurch wird möglicherweise bereits Dissonanz aufgelöst, weil die Stromschläge zunächst keine körperlichen Schmerzen verursachen.
Geringe Steigerung der Anforderungen von Stromschlag zu Stromschlag (nur 15V-weise)
=> Kontinuierliche Veränderung des psychischen Zustandes der Vpn durch Reduktion der kognitiven Dissonanz durch Abwertung des Opfers ( Dummheit verdient Strafe ?)

Hätten Vpn auch am Anfang schon Schocks von 330 V ausgeteilt? Sicherlich nicht!
Anwendung des Fuß-in-der-Tür-Phänomens bei der Ausbildung von Folterern
Steigerung von Wächteraufgaben über das Schlagen von Gefangenen bis zu aktiver
Folter => Befolgung erzeugt Akzeptanz
Auswahl von Folterlehrlingen nach Respekt und Unterordnung unter Autoritäten
Anfängliches Verhalten in schwierigen Situationen ist entscheidend (z.B. Widerstand oder Unterstützung / Duldung des Nazi-Regimes)

7.1.5.2 Die Macht der Situation

MILGRAM & SABINI (1983): Studenten sollten eine einfache soziale Norm durchbrechen, indem sie in der U-bahn Menschen baten, ihnen ihren Sitzplatz zu überlassen. Studenten empfanden diese Aufgabe als extrem schwierig, stotterten bei der Frage oder rechtfertigten sich mit Krankheit.
Es ist bereits äußerst schwierig, geringfügige Normen zu brechen: Hinter bösen Handlungen stehen weniger böse Menschen mit teuflischen Plänen als normale Menschen in Situationen mit komplexen sozialen Kräften. -Solche Katastrophen ereignen sich in kleinen Schritten

7.1.5.3 Der Fundamentale Attributionsfehler

Menschen führen die Handlungen anderer vor allem auf Dispositionen zurück (Gute Menschen handeln gut, böse Menschen handeln böse!)
BIERBRAUER (1979): Der Fundamentale Attributionsfehler läßt sich bzgl des MILGRAM-Experiments nicht vermeiden: Wir schließen aufgrund des Verhaltens der Vpn auf negative Dispositionen, selbst nachdem wir erfahren, daß ihr Verhalten typisch ist.
Fazit des MILGRAM-Experimentes: Auch gute Menschen können böse handeln!

7.2 Wann sind Menschen konform?

Welche Faktoren haben einen Einfluß auf Konformität?

  • Gruppengröße
  • Einstimmigkeit
  • Zusammenhalt
  • Status
  • Antworten in der Öffentlichkeit
  • keine vorherige Bindung

7.2.1 Gruppengröße

MILGRAM & al. (1969): 1, 2, 3, 5, 10 oder 15 Leute standen am Straßenrand und guckten nach oben. Es zeigte sich, daß bei 5 nach oben blickenden Leuten ein Maximum an Passanten(ca. 80%) stehen bleibt und ebenfalls nach oben blickt. Übersteigt die Anzahl 5, kann man eine Stagnation feststellen.
Erklärung: Soziale Einfluß-Theorie von LATANÉ (1981): Sozialer Einfluß hängt von der Unmittelbarkeit und Größe der Gruppe ab, wobei hinzukommende Gruppenmitglieder immer weniger zum Einfluss beitragen. Das heißt Person Nummer n hat weniger Einfluß als Person n-1, so daß der Einfluß einer Gruppe mit zunehmender Gruppengröße abnimmt.
Aufteilung der Gruppen ist wichtig: Zwei kleine Gruppen wirken überzeugender als eine einzelne große Gruppe:
WILDER (1977): Studenten sollten einen Gerichtsfall beurteilen. Zuvor sahen sie auf Video 4 Personen bei der Urteilsfindung. Wurden die 4 Personen als zwei Gruppen aus 2 Leuten präsentiert paßten die Studenten ihre Urteile stärker an, als wenn die 4 Personen als eine Gruppe präsentiert wurden. è die Übereinstimmung mehrerer kleiner Gruppen macht eine Position glaubwürdiger.

7.2.2 Einstimmigkeit

Eine Person, die die Einstimmigkeit einer Gruppe durch eine dissidente Meinung untergräbt, zerstört damit die soziale Macht der Gruppe.

  • Vpn werden fast immer ihrer wirkliche Überzeugung bekunden, wenn nur eine Person sich ähnlich verhält.
  • die Unterstützung durch eine Person vergrößert den sozialen Mut einer anderen Person dramatisch!
  • Unterstützende Wirkung ist nicht bewußt

Wenn wir einen anderen mit einer dissidenten Meinung beobachten, kann dies unsere persönliche Unabhängigkeit stärken, selbst wenn diese Person falsch liegt:
NEMETH & CHILES (1988): Nachdem Vpn gesehen hatten, daß eine andere Vp bei der Benennung von Farben ein falsches Urteil abgegeben hatte gegen eine Mehrheit, die richtig lag, konnten sie in Folgeexperimente zu 76% ihre richtigen Urteile gegen eine falsche Mehrheit behaupten. Fehlte diese Erfahrung schlossen sich 70% der Vpn falschen Urteilen an.

7.2.3 Zusammenhalt

Je kohäsiver eine Gruppe ist, desto mehr Einfluß hat sie auf ihre Mitglieder, d.h. je stärker das Zusammengehörigkeitsgefühl bzw. die gegenseitige Anziehung der Mitglieder ist.
Eine Stärkung der Kohäsion einer Gruppe kann beispielsweise erreicht werden durch:

  • Ähnlichkeit der Gruppenmitglieder
  • gemeinsame Ziele
  • Isolierung der Gruppe

Aus Furcht vor Zurückweisung erlauben wir der Gruppe, eine gewisse Macht auf uns auszuüben.
Kohäsion: Gemeinschaftsgefühl bzw. das Ausmaß, bis zu welchem sich die Gruppenmitglieder aneinander gebunden fühlen z.B. durch gegenseitige Attraktivität

7.2.4 Status

Status-höhere Personen besitzen stärkeren sozialen Einfluß
MULLEN & al. (1990): Gruppenmitglieder, die unachtsam über den Bürgersteig gehen, verleiten andere Mitglieder auch zum "jaywalking" (44% gegenüber 25% baseline). Die Anwesenheit achtsamer Gruppenmitglieder reduziert das "jaywalking" auf 17%. Interessanterweise übt eine gut gekleidete Person beim nonjaywalking einen Einfluß auf andere auf, nicht jedoch beim jaywalking
Einfluß der Kleidung (= Status) auf sozialen Einfluß.

7.2.5 Antworten in der Öffentlichkeit

Die Konformität ist höher, wenn wir öffentlich antworten müssen als wenn wir unsere Antworten nur für uns aufschreiben sollen. Es ist viel leichter, für etwas einzutreten, wenn wir in der Wahlkabine sind als wenn wir vor einer Gruppe unsere Wahl abgeben müssen.

7.2.6 Keine vorherige Bindung

Vorherige Verpflichtungen/ Aussagen

  • werden kaum zurückgenommen
  • als Teil von persuasiven Absichten (Verkäufer versuchen, von jemanden Aussagen zu erlangen, an denen sie später den Käufer festnageln können: "Vorhin haben Sie doch gesagt...!")

Grund: Meinungsschwankungen

  • erzeugen einen Verlust an Respekt
  • lassen die Person wankelmütig erscheinen, was natürlich unter allen Umständen vermieden sein will
  • lassen eine Person unzuverlässig erscheinen

Öffentliche Eingeständnisse vermindern Konformität
Beispiel: Schiedsrichter bei Pferderennen, Turmspringen

7.3 Warum konform?

Normativer Einfluß: Konformität, um die Erwartungen anderer zu erfüllen (um so das Bedürfnis, akzeptiert zu werden, zu erfüllen). Normativer Einfluß führt zu Befolgung. Die Sorge darum, was andere über einen denken, führt zu normativem Einfluß
Informativer Einfluß: Konformität als Folge dessen, andere Menschen als Informationsquelle über die Realität zu akkzeptieren. Informationaler Einfluß führt zu Acceptance. Wunsch, korrekte Informationen zu erhalten, produziert informativem Einfluß
(nach DEUTSCH & GERHARD (1955): Wann kann man also Konformität beobachten?

  • Bei Antworten vor einer Gruppe => normativer E
  • Wenn wir nicht in der Lage sind, eine Entscheidung zu fällen, wenn die Aufgabe schwierig ist oder wenn wir uns nicht sicher sind, ob wir Recht haben => informationaler Einfluß

Also Konformität, weil wir gemocht werden wollen und weil wir Recht haben wollen.

7.4 Wer ist konform?

7.4.1 Geschlecht

Auswertung von Konformitätsexperimenten ergab etwas stärkere Tendenz von Frauen zur Konformität.
Zusammenhang von Geschlecht und sozialen Rollen muß berücksichtigt werden:
Frauen sind oft in statusniedrigeren Positionen, Männer haben oft höheren sozialen Status (Bedeutung von Status bei Konformität)
Mögliche Interpretation von Konformität: Frauen sind empathischer und sozial sensitiver => höhere Flexibilität, Offensein, Achten und Reagieren auf soziale Einflüsse

7.4.2 Persönlichkeit

  • nur schwache Korrelationen zwischen Persönlichkeit und Verhalten (z.B. Konformität).
  • bessere Vorhersage des Verhaltens bei genauer Kenntnis der Situation als bei genauer

Kenntnis von Persönlichkeitstests.
Begünstigende Faktoren für die Vorhersage von Verhalten:

  1. Internale Faktoren (Einstellungen, Charakterzüge) können kaum das Verhalten im Einzelfall vorhersagen, wohl aber das durchschnittliche/aggregierte Verhalten in mehreren Situationen.
  2. Bessere Vorhersage von Verhalten aus spezifischen internalen Faktoren (spezifische Einstellung)
  3. Einflußstarke Situationen ermöglichen es Persönlichkeitsdifferenzen nicht, wirksam zu werden.

FUNDER & COLVIN (1991): Studenten zeigten bei mehreren Wochen auseinanderliegenden ungezwungenen Gesprächen ähnliches Gesprächsverhalten (lebhaft, energisch, gelassen).
LEWIN (1936):"Jedes psychologische Ereignis hängt vom Zustand der Person ab und zugleich vom Zustand der Umwelt. Die relative Bedeutung der beiden Faktoren zueinander ist verschieden in verschiedenen Situationen!"

7.4.3 Kultur

Der kulturelle Hintergrund, aus dem heraus eine Person stammt, läßt Vorhersagen über den Konformitätsgrad zu!
WHITTAKER & MEADE (1967): Konformitätsraten in Aschs Konformitätsexperimenten abhängig von Kultur. Meistens Konformität bei ca. 30% aber bei Bantu-Afrikaner in Simbabwe 51% (!!!), die scharfe Sanktionen gegen Nichtkonformität auferlegen.

  • MILGRAM (1961) findet stärkere Konformität bei Norwegern als bei Franzosen.
  • Konformitätsraten verringern sich im Laufe der Zeit (über Jahrzehnte) in USA.
  • Wiederholungen der MILGRAM-Gehorsamkeits-Experimente in verschiedenen Ländern ergeben Unterschiede (85% der Vpn in München sind vollkommen gehorsam!)

Eine Studie über administrative Gehorsamkeit:
MEEUS & RAAIJMAKERS (1986): Vpn müssen einen Bewerber für eine Arbeitsstelle beim Einstellungstest, mit abwertenden Computermeldungen unterbrechen. Die Reaktionen des Bewerbers gehen von anfänglicher Anspannung in Verwirrung und Verzweiflung über. Obwohl die Vpn diese Vorgehensweise ungerecht und nicht mit ihrer Aufgabe einverstanden waren, machten 90% mit ihren Aufgabe weiter (compliance) und wiesen dem Experimentator die Schuld zu.
Konformität und Befolgung sind universale Phänomene, jedoch gibt es kulturelle Unterschiede (Individualismus vs. Kollektivismus). Menschen in kollektivistischen Ländern sind aufnahmefähiger für den Einfluß anderer und damit für Konformität.

7.5 Sozialem Druck widerstehen

Was motiviert uns zur Antikonformität? Personale Kontrolle als Gegengewicht zur situationalen Kontrolle:
Reaktanz
Beteuerung unserer Einzigartigkeit

7.5.1 Reaktanz

Motiv, das darauf abzielt, das Gefühl der eigenen Freiheit zu schützen oder wiederherzustellen. Reaktanz tritt auf, wenn etwas unsere Handlungsfreiheit bedroht (Bumerang Effekt).
HEILMAN (1976): Die Wahrscheinlichkeit, daß Passanten auf der Straße eine Unterschriftenliste unterzeichnen für eine Sache, die sie bereits zu mindestens mild unterstützen, wird durch Äußerungen wie "man sollte verbieten, solche Unterschriftenlisten zu verteilen oder zu verbreiten!" erhöht.
Weitere Beispiele: In den USA hat Alkohol eine größere Bedeutung unter Jugendlichen unter 21 Jahren (Altersgrenzefür den Alkoholkonsum) als über 21 Jahren bzgl. Abstinenz oder starkem Alkoholkonsum.
Reaktanz kann in soziale Rebellion ausarten:
GAMSON & al. (1982): Unter der Coverstory, daß ein Meinungsforschungsinstitut eine "Gruppendiskussion zu Gesellschaftsstandards" veranstaltet, wurden Vpn eingeladen. Vor Ort erfuhren die Vpn , daß angeblich eine Erdölgesellschaft Argumente für einen Prozeß gegen einen ortsansässigen Tankstellenbesitzer sammeln wollte, der sich gegen zu hohe Benzinpreise gewandt hatte, indem sie die Diskussion auf Video aufnahm. In der ersten Diskussion stellten sich alle Disputanten auf die Seite des Tankstellenbesitzers. Der Vertreter der Erdölgesellschaft forderte die Vpn immer hartnäckiger dazu auf Stellung für die Erdölfirma zu beziehen und zum Schluß eine eidesstattliche Erklärung darüber abzugeben, der Erdölfirma die Verwendung der Videoaufzeichungen vor Gericht zu erlauben.Daraufhin sträubten sich die Diskussionsgruppen in unterschiedlichem Ausmaß z.B. Abbrechen der Diskussion bis zu Plänen vor Gericht zu gehen. Ergebnis:-Erfolgreicher Widerstand beginnt plötzlich.
Je stärker sich eine Gruppe ungerechten Forderungen fügt, desto schwieriger ist es später, Widerstand zu leisten.
Eine Person muß der Mißstimmung der anderen Personen Ausdruck verleihen.

7.5.2 Einzigartigkeit

Menschen fühlen sich unbehaglich, wenn sie zu stark von anderen abweichen, jedoch streben sie auch nach dem Gefühl einzigartig zu sein, wenn sie zu sehr allen anderen gleichen
. SNYDER (1980): Abhängig davon, ob die "10 wichtigsten Einstellungen" von Studenten mit der Mehrheit der Studenten der Universität übereinstimmten, neigten die Studenten zu stärkerer bzw. schwächerer Konformität bei Konformitätsexperimenten, d.h. stimmten die Einstellungen überein, zeigten die Studenten geringere Konformität, um sich damit von den andern abzuheben.

Einzigartigkeit gehört auch zu "spontanen Selbstkonzept": Werden Kinder darum gebeten, "etwas über sich selbst zu erzählen", dann nennen sie zunächst mit größter Wahrscheinlichkeit die Merkmale, die sie von anderen unterscheiden, z.B. ungewöhnlicher Geburtsort, Haarfarbe, Körpergewicht,...(MCGUIRE &al., 1978)
Wahrnehmung von spezifischen Unterschieden des Individuums zur Gruppe.(amerikanischer Jude in Israel => Amerikaner)
Kleine Unterschiede zwischen Gruppen können zu schweren Konflikten führen. Das liegt vor allem daran, daß wir nicht nur einfach von anderen verschieden sein wollen, sondern besser als der Durchschnitt.
Grundsätzlich ist Vorsicht bei der Verallgemeinerung von einfachen Experimenten zur komplexen Wirklichkeit geboten.
Durch unterschiedliche Aufgaben zu verschiedenen Orten und Zeiten, versuchen Forscher, die zugrundeliegenden Prinzipien zu entdecken und damit verallgemeinerbar zu machen (externe Validität von Experimenten!).

KAPITEL 8: Überreden

Einflußfaktoren auf Sozialverhalten:

  • Kulturelle Erfahrung
  • gegenwärtige Situation
  • Einstellungen

Beispiele:

  • Warnung vor Haschisch-Missbrauch (erfolgreich)
  • Warnung vor Tabak-Konsum (erfolgreich)
  • Aktion für das Anlegen von Sicherheitsgurten (erfolglos)

Unterscheidung von Überzeugungsarbeit:

  • Propaganda: im negativen Sinne
  • Erziehung: im positiven Sinne. Erziehung basiert eher auf sachlicher Argumentation und weniger auf Zwang.
  • Überzeugung bzw. Manipulation ist in allen gesellschaftlichen Bereichen anzutreffen.

8.1 Zwei Routen zur Überzeugung

Zentrale Route: Überzeugung, die auftritt, wenn interessierte Leute sich auf Argumente konzentrieren und mit Zustimmung reagieren.
Eigenschaften:

  • sorgfältiges Nachdenken über die Inhalte seitens des Zuhörers
  • Aufmerksamkeitslenkung auf die Botschaft è Motivation

Voraussetzung für Einstellungsänderung:

  • Verstehen der Botschaft
  • Reaktion auf den Inhalt
  • Akzeptzieren derBotschaft
  • Generierung von cognitive responses

Vorteil: durch intensiveres Nachdenken erzeugte Einstellungsänderung sind dauerhafter, widerstandsfähiger gegen Angriffe und beeinflussen das Verhalten stärker.
Nachteil: starke Beteiligung des analytischen Denkensè hoher kognitiver Aufwand

Periphere Route: Persuasion, die auftritt, wenn Menschen durch nebensächliche Reize beeinflußt werden z.B. Attraktivität des Sprechers
Bsp: Abstimmung über schwierige politische Angelegenheit => wenn zu wenig Wissen vorhanden ist, Orientierung an der Glaubwürdigkeit/ Honorigkeit der jeweiligen Vertreter.
Eigenschaften:

  • oberflächliches Nachdenken über den Inhalt: "low elaboration" ègeringe Beteiligung des analytischen Denkens
  • periphere Aspekte bestimmten die Einstellungsänderung => Gebrauch von Heuristiken
  • Hinweise wie Expertise, Glaubwürdigkeit und Stimmung spielen eine wesentliche Rolle bezüglich des Erfolges der Botschaft, jedoch oftmals nur zeitlich begrenzt

8.2.1 Wer sagt es? Der Effekt des Kommunikators

Identität des Sprechers ist von Bedeutung für das Ausmaß der Persuasion.
Beispiel: Politische Äußerungen von Hooligans vs. Kongressmitglieder

8.2.1.1 Glaubwürdigkeit

Ein glaubwürdiger Sprecher wird als kompetent und vertrauenswürdig betrachtet.
Die Überzeugungskraft von Botschaften von glaubwürdigen Personen geht meist nach einer gewissen Zeit verloren oder die Wirkung einer unglaubwürdigen Person kann nach einer gewissen Zeit zunehmen. Diese Phänomene können beobachtet werden, wenn die Informationsquelle vergessen wird oder nicht mehr mit der Botschaft assoziiert wird.

Sleeper Effect: Dabei handelt es sich um einen Persuasionsprozeß über die Zeit hinweg. Mit der Zeit verschwinden Merkmale, Eigenschaften des Kommunikators, während jedoch die Botschaft an sich erhalten bleibt. Man weiß noch den Inhalt einer Botschaft, kann jedoch über den Kontext der Botschaft (z.B. von wem in welcher Situation gesagt) nichts mehr aussagen. Das hat mit dem semantischen Gedächtnis zu tun è Inhalt vorhanden, Kontext nicht mehr vorhanden, d.h. die Quelle einer Botschaft wird vergessen oder von der Botschaft dissoziiert.

Faktoren, die den Eindruck des "Expertentums" (Expertise) erhöhen:

  1. Mit Aussagen beginnen, mit denen die Zuhörer einverstanden sind. Das erweckt Eindruck, klug zu sein und erweckt Sympathie, weil Einstellungsähnlichkeit vorliegt.
  2. als Experte vorgestellt werden.
  3. selbstbewußte Redeweise, ein wichtiges Element dabei ist auch die Sprechgeschwindigkeit

ERIKSON & al. (1978): Studenten beurteilten Zeugen vor Gericht, die direkte Antworten gaben, als kompetenter und glaubwürdiger als Zeugen mit zögernder Redeweise. (vgl. men's speech vs. women's speech)

Faktoren, die den Eindruck der Vertrauenswürdigkeit erhöhen:

  1. beim Gespräch direkt in die Augen schauen anstatt den Boden anzustarren (vgl. HEMSLEY & DOOB)
  2. wenn Zuhörer glauben, daß man nicht versucht sie zu überreden bzw.wenn sie glauben, daß die Sprecher davon ausgehen , daß ihnen niemand zuhört (Vgl.: "hidden-camera-method" in der Werbung).
  3. wenn die Sprecher gegen ihr Eigeninteresse argumentieren
  4. wenn man bereit ist, für seine Überzeugungen zu leiden, wie es manche große Führer getan haben und tun
  5. wenn ein Sprecher eine unerwartete Position einnimmt
  6. Redegeschwindigkeit

Zu 3) EAGLY, WOOD, CHAIKEN (1978): Eine Rede, in der gegen Umweltverschmutzung durch Industrieabwässer argumentiert wurde, wirkte glaubwürdiger, wenn sie von einem Politiker mit wirtschaftlichen Kontakten vor Firmenmitgliedern gehalten wurde als wenn ein "grüner" Politiker vor Umweltschützern sprach.
Zu 5) WACHTLER & COUNSELMAN (1981): Forderungen nach großzügiger Entschädigung bei Personenschaden wirken am überzeugendsten, wenn sie von einer geizigen Person vorgetragen werden. Forderungen nach geringfügiger Entschädigung wirken am überzeugendsten, wenn sie von einer normal freundlichen, großzügigen Person vorgetragen werden.
Zu 6) MACLACHLAN (1979): Er erhöhte die Geschwindigkeit von Werbungen durch Weglassen von kleinen Abschnitten (Tonhöhe const., Betonung const., Lautstärke const.) um 25% ohne Verständnisverluste. Vpn beurteilten die Sprecher als kompetenter, intelligenter, aufrichtiger und die Botschaften als interessanter.
Mögliche Erklärung: Verhindern des Generierens von Gegenargumenten

8.2.1.2 Attraktivität

Attraktivität bedeutet, Eigenschaften zu besitzen, die auf die Zuhörer anziehend wirken. Ein anziehender Sprecher (meist ein Sprecher der dem Publikum ähnlich ist) wirkt am überzeugendsten bei Themen, die er bevorzugt.

Wirkung von Attraktivität bzw. Liebenswürdigkeit

  • größere Empfänglichkeit für Argumente (zentrale Route)
  • Auslösen von positiven Assoziationen mit Produkt (periphere Route)

Aspekte von Attraktivität:

  • Physische Attraktivität
  • Ähnlichkeit è wir tendieren dazu, Menschen zu mögen, die uns ähnlich sind

DEMBROWSKI, LASATER, RAMIREZ (1978): Schwarze Studenten putzten ihre Zähne besser, wenn sie durch einen schwarzen Arzt (statt weißen) dazu angehalten wurden.
Allgemeine Regel: Wir reagieren auf eine Botschaft am besten, wenn sie von jemanden aus unserer eigenen Gruppe kommt.

Ist Ähnlichkeit wichtiger als Glaubwürdigkeit?
BROCKS (1965): Beim Einkaufen von Farben orientieren sich Käufer stärker am Urteil eines anderen Käufers, der in der gleichen Situation war, als am Urteil eines Experten. Ein anderes Experiment hatte als Ergebnis, daß ein Zahnarzt (unähnlich, aber Experte) einflußreicher war als ein Mitstudent (kein Experte, aber ähnlicher), als es um die Frage von Mundhygiene ging.
=> gegensätzliche Ergebnisse!
=> Gewichtung von Ähnlichkeit bzw. Glaubwürdigkeit hängt vom Thema der Frage ab!
=> Bei Fragen bzgl. persönlicher Vorlieben hat Ähnlichkeit größere Bedeutung
=> Bei Fragen bzgl. objektiver Realität hat Glaubwürdigkeit die größere Bedeutung (GOETHALS & NELSONS, 1973)

8.2.2 Was wird gesagt? Der Inhalt der Botschaft

8.2.2.1 Argument vs. Emotion

Wirksamkeit von analytischer bzw. emotionaler Argumentationsstrategie abhängig von Publikum:

  • Gebildete, analytische Zuhörer sprechen eher auf analytischen Stil an
  • Weniger gebildete, wenig analytische Zuhörer eher auf emotionalen Stil
  • Involviertes Publikum reagiert eher auf die zentrale Route, also auf die Präsentation von Argumenten
  • Desinteressiertes Publikum reagieren eher auf die periphere Route wie etwa die Attraktivität des Kommunikators


Der Effekt des guten Gefühls
Botschaften wirken überzeugender durch Assoziation mit positiven Gefühlen.
JANIS & al. ( 1965): Botschaften wurden als überzeugender befunden, wenn beim Lesen der Botschaften Pepsi und Chips gegessen werden konnten.
Positive Gefühle verstärken Persuasion durch...

  • Verstärkung des positiven Denkens
  • Assoziation der Botschaft mit positiven Gefühlen
  • eher oberflächliches Denken

Unterschiede zwischen Stimmungen:

  • Menschen in guter Stimmung neigen zu impulsiveren Entscheidungen und beziehen sich eher auf periphere Reize
  • Menschen in schlechter Stimmung grübeln eher vor Entscheidungen und lassen sich weniger von "peripheren" Reizen als von "zentralen" Argumenten leiten.

Wenn man sich beispielsweise seiner schwachen Argumente bewußt ist, sollte man Menschen zunächst in gute Stimmung versetzen und hoffen, daß sie dadurch einen peripheren Weg einschlagen

Der Effekt der Angst
Botschaften können auch durch die Erregung von Ängsten überzeugender wirken.
Je stärker die hervorgerufene Angst (Ausmaß und Wahrscheinlichkeit) ist, desto stärker ist die Wirksamkeit der Botschaft. Siehe jedoch die Einschränkung unten.
WILSON & al. (1987,1988): Ärzte schickten einem Teil ihrer rauchenden Patienten positive-framed messages (Nichtrauchen verlängert die Lebenserwartung!), einem anderen Teil negative-framed messages (Rauchen verkürzt die Lebenserwartung!). Von den Rauchern, die negative-framed messages bekamen, beschlossen 30%, mit dem Rauchen aufzuhören, von der Gruppe, die positve-framed messages bekamen, beschlossen nur 8 % aufzuhören.
Um die maximale Wirkung der Botschaft zu erreichen, dürfen nicht nur Ängste erregt werden, sondern es muß auch ein (einfach zu realisierender), wirksamer Verhaltensvorschlag, eine effektive Schutzstrategie gemacht werden, wie man sich schützen kann.
Ängste, die lebendige Vorstellungen hervorrufen wirken stärker als Ängste, die mit schwierig umzusetzenden Vorstellungen einhergehen.

8.2.2.2. Diskrepanz

Ausmaß der Diskrepanz zwischen der Meinung des Sprechers und des Zuhörers führt zu unterschiedlich starker Verhaltensänderung in Abhängigkeit von...

  • ...der Glaubwürdigkeit des Sprechers
  • .. der Diskrepanz zwischen der Auffassung des Kommunikators und der des Zuhörers
  • ...der Involviertheit des Zuhörers

Diskrepanz und Glaubwürdigkeit interagieren: Die Wirkung einer großen vs. einer kleinen Diskrepanz hängt von der Glaubwürdigkeit des Kommunikators ab.
Einen weiteren Einfluß hat der Grad der Involviertheit des Zuhörers: involvierte Menschen akzeptieren in der Regel weitaus weniger Diskrepanz als dies unbeteiligte Zuhörer tun.
Zuhörer sind bei geringer Glaubwürdigkeit des Sprechers nur innerhalb eines geringen Diskrepanzspielraumes zu einer Verhaltensänderung bereit
Stärkere Diskrepanz führt zu geringerer/ keiner Verhaltensänderung als schwächere Diskrepanz
Bei stärkerer Diskrepanz ist eine Erweiterung des Akzeptanzspielraumes nur bei einer vertrauenswürdigeren Quelle möglich

Interaktion von Diskrepanz, Glaubwürdigkeit und Akzeptanzspielraumes
Bsp: Wanda möchte ihren übergewichtigen Vater von denen Vorteilen sportlicher Betätigung überzeugen.
ARONSON, TURNER & CARLSMITH (1963): Vpn lassen sich bei der Beurteilung eines schlechten Gedichtes stärker durch die sehr positive Beurteilung als von seiner mäßig positiven Beurteilung des berühmten T.S. ELIOT beeinflussen. Dies gilt nicht für das Beurteilung des Gedichtes durch eine unbekannten Studentin namens Agnes Stearns. (vgl. Abb. 8-3, S. 285). Bei ihr führt zu starkes Lob zu geringerer Meinungsänderung.

8.2.2.3 Einseitige und zweiseitige Argumente

HOVLAND & al. (1949): Vpn sollten überzeugt werden, daß nach der Niederlage Deutschlands der Krieg der USA mit Japan mindestens noch zwei Jahre dauern würde. Dazu wurden zwei Radiosendungen aufgezeichnet, die eine enthielt nur einseitige Argumente, die andere Sendung enthielt Argumente für beide Seiten. Vpn, die schon am Anfang gleicher Meinung waren, überzeugte die einseitige Sendung mehr als die zweiseitige Sendung. Vpn, die am Anfang anderer Meinung waren, überzeugte jedoch die zweiseitige Argumentationsweise mehr. -Zweiseitiger Argumentationsstil besser, wenn für Zuhörer Gegenargumente verfügbar sind => Vermeidung des Eindrucks, als Sprecher voreingenommen zu sein.
Einseitiger Stil ist am effektivsten, wenn das Publikum ohnehin schon zustimmt. Zweiseitiger Stil am effektivsten, wenn das Publikum nicht zustimmt oder sich zumindest der Gegenargumente bewußt ist.

8.2.2.4 Primacy vs. Recency

Primacy Effekt: Unter sonst gleichen Bedingungen hat die zuerst präsentierte Information am meisten Wirkung.
Eine Untersuchung zum Einfluß des Primacy-Effektes auf Urteile:
ASCH (1946): Vpn beurteilen Personen, die mit den gleichen Eigenschaften, aber in unterschiedlicher Reihenfolge beschrieben werden unterschiedlich:
Person 1) "intelligent-fleißig-impulsiv-kritisch-stur-neidisch"
Person 2) "neidisch-stur-kritisch-impulsiv-fleißig-intelligent"
=> Person 1) wird positiver eingeschätzt als Person 2)
Ähnliches Experiment mit Zufallsschätzung: Personen, deren Erfolge am Anfang kamen waren erfolgreicher . (JONES 1968)

Eine Untersuchung zum Einfluß des Effektes auf Persuasion:
MILLER & CAMPBELL (1959): Vpn fällten Urteile, nachdem sie sowohl die Anklage als auch die Verteidigung gelesen hatten, zugunsten der Seite, die sie zuerst gelesen hatten. -Zusammenhang zwischen Primacy and Recency Effekt in Abhängigkeit von unterschiedlichen Zeiträumen zwischen (Partei 1) - (Partei 2) - (Urteil).(vgl. Abbildung S. 287)
Der primacy-effect tritt auf, wenn

  • die beiden Botschaften unmittelbar hintereinander dargeboten werden
  • wenn anschließend genügend Zeit verstreicht bis zum Urteil des Publikums

Der recency-effect tritt auf, wenn

  • genügend Zeit zwischen beiden Botschaften verstreicht
  • wenn das Urteil anschließend unmittelbar nach der zweiten Botschaft abgerufen wird

Gedächtniseffekt, d.h. Vergessen produziert diesen Effekt

8.2.3 Wie wird es gesagt? Der Kommunikationskanal

8.2.3.1 Aktive Erfahrung oder passve Wahrnehmung?

Kommunikationskanal: Weg, auf dem die Botschaft übertragen wird - unter 4 Augen, geschrieben, auf Film, oder anderem Wege.
Auf Erfahrung beruhende (aktiv erworbene) Einstellungen sind verläßlicher, stabiler und weniger anfällig gegenüber Angriffen als passiv erworbene Einstellungen. Wenn wir handeln, so verstärken wir die dahinterliegenden Ideen. Wie sieht es mit passiv aufgenommenen Botschaften aus?

Die Überzeugungskraft schriftlich rezipierter Botschaften: PALOUTZIAN (1979): Das Aufstellen von Hinweisschildern und Austeilen von Flyern hatte keinen Einfluß auf die Sauberhaltung des Campusgeländes vor und nach der 1-wöchigen Aktion.

Ist das gesprochene Wort persuasiver? CRAWFORD (1974): Nach Predigten zu Rassendiskriminierung und Ungerechtigkeit konnten sich nur 10% der Zuhörer kurz nach der Predigt an das Thema der Predigt erinnern, während über 30% bestritten, in den letzten Wochen etwas darüber in den Predigten gehört zu haben.
Wirksamkeit von Worten ist stark beschränkt, aber passiv aufgenommenen Worte sind manchmal nicht immer derart wirkungslos, denn: bloßes Aussetzen von Aussagen erhöht die Vertrautheit der Reize bzw. die Glaubwürdigkeit von Aussagen kann durch bloßes Wiederholen erhöht werden.
ABER: Wirksamkeit von Überredung bei passiver Aufnahme wird geringer je bedeutsamer und vertrauter der Inhalt ist.

8.2.3.2 Persönlicher vs. Medien-Einfluß

Einfluß durch persönlichen Kontakt ist stärker als Einfluß der Massenmedien.
Dazu zwei Experimente:
ELDERSVELD & DODGE (1954): Wähler, die gegen eine politische Entscheidung sind, werden durch Massenmedien zu 19% umstimmt, durch Briefe in 45% und durch persönliches Gespräch in 75% der Fälle.
FARQUHAR & MACCOBY (1977): Bei Bürgern in drei verschiedenen Städten soll eine Verringerung der Herzkrankheiten erreicht werden.
Tracy: keine zusätzliche Information/ Behandlung (Kontrollgruppe)
Gilroy: Werbekampagne in TV, Radio, Zeitung, Rundschreiben
Watersville: Werbekampagne wie oben , persönliche Betreuung der Risikogruppen.
Ergebnis: Bürger in Watersville zeigten die stärkste Verbesserung nach 1-3 Jahren.

Zwei Stufen-Fluß der Kommunikation: Prozeß, durch den Massenmedien über den indirekten Weg über Meinungsmacher, Einfluß auf Dritte nehmen.
Kritik an diesem Modell: Es ist zu stark vereinfachend, weil auch direkte Beeinflussung durch die Medien entsteht
Bsp: Kinder die nicht fernsehen, werden durch Kinder die fernsehen, beeinflußt z.B. Vorlieben für Spielzeug
Die unterschiedlichen Medienformen besitzen unterschiedliche Überzeugungskraft: Je lebensnaher eine Botschaft ist, desto eher wirkt sie überzeugend
Reihenfolge: live, auf Video, auf Tonband, als geschriebener Text

Es besteht außerdem ein Zusammenhang zwischen Schwierigkeit einer Botschaft und Medienform:
Bei komplexen, schwierigen Botschaften wirkt Geschriebenes am überzeugendsten, weil der erste Schritt der Persuasion das Verstehen der Botschaft ist. Botschaften werden nämlich am besten verstanden und erinnert, wenn sie in schriftlicher Form vorgelegen haben
Bei leichten Botschaften sind Videoaufnahmen das überzeugendste Medium.

8.2.4 Zu wem wird es gesagt? Die Zuhörer

Folgende Eigenschaften des Publikums sollen im Hinblick auf Überzeugbarkeit untersucht werden: Selbstwert: Vorhersage von Manipulierbarkeit von Personen aus Charaktereigenschaften ist schwierig: z.B. ...

  • ... geringer Selbstwert => langsames Verstehen => schwierig zu überzeugen
  • ... hoher Selbstwert => vertrauen auf eigene Meinung => schwierig zu überzeugen

Vorhersage von Manipulierbarkeit von Personen aus Charaktereigenschaften ist schwierig: z.B....

  • ... hoher Selbstwert => vertrauen auf eigene Meinung => schwierig zu überzeugen

Menschen mit einem gemäßigten Selbstwert sind am besten zu überzeugen

8.2.4.1 Wie alt sind sie?

Erklärungen für Einstellungsunterschiede zwischen Jung und Alt:

  1. Einstellungswandel mit zunehmendem Alter: Einstellungen entstehen, wenn man jung ist und bestehen praktisch unverändert weiter. Einstellungsunterschiede von jüngeren und älteren Generationen entstehen aufgrund von kulturellen Veränderungen/ Wandel im Zeitgeist, d.h. junge Menschen heute werden durch einen unterschiedlichen Zeitgeist geprägt, der dann wiederum fortbestehen wird und zu Konflikten mit uns nachfolgenden Generationen führen wird, weil diese unter einem wiederum gewandelten Zeitgeist aufgewachsen sind
  2. Generationsunterschiede: Generationsbvedingte Einstellungsunterschiede sind wichtiger als Einstellungswandel im Sinne des Lebenszyklus.

Gründe:

  1. Das Jugendalter ist eine stark formative Phase, die in der Jugend gebildeten Meinungen sind sehr stabil. Dazu ein Beispiel:
    ALWIN & al (1991): Frauen, die als Jugendliche eine liberale Schule besuchten, wählten nach 50 Jahren als 70jährige deutlich liberaler (75% Demokratisch) als andere 70jähirge( 25% demokratisch)
  2. Erfahrungen während der Adoleszenz sind formativ, weil sie tiefe und anhaltende Eindrücke hinterlassen. Dazu ein Beispiel:
    SCHUMAN & SCOTT (1989): Vpn antworten auf die Frage nach dem wichtigsten Ereignis der letzen 50 Jahre, vorwiegend mit Ereignissen aus ihrer Teenager oder Twen-Zeit. (Weltwirtschaftskrise, II. Weltkrieg). => Die Einstellungen junger Leute sind weniger stabil

8.2.4.2 Was denken sie?

Bei der zentralen Route ist nicht die Botschaft, sondern sind die durch die Botschaft hervorgerufenen Gedanken entscheidend. Ruft nämlich die Botschaft positive, zustimmende Gedanken hervor, überzeugt sie uns. Ruft die Botschaft demhingegen Gegenargumente, also ablehnende Gedanken, hervor, bleiben wir unüberzeugt.

Vorwarnungen vor der eigentlichen Überzeugungsabsicht rufen Gegenargumente hervor
FREEDMAN & SEARS (1965): Vpn (Teenager), die auf eine Diskussion, "warum Teenager nicht autofahren sollten" vorbereitet waren, ließen sich nicht überzeugen im Gegensatz zur unvorbereiteten Vpn.
Vorwarnungen sind besonders effektiv bei Menschen, die am Thema interessiert sind

  • bei belanglosen Themen kann auch offensichtliche Manipulation wirksam sein (z.B. Behauptungen über die beste Zahncreme)
  • in Alltagsgesprächen werden eingebrachte Informationen/ erzeugte Erwartungen meist nicht überprüft (z.B. "Warum war Sue so feindselig?" Die angeführte Behauptung, Sie sei feindlich gewesen, wird oftmals nicht überprüft und hingenommen)

Durch Ablenken des Zuhörers von der Botschaft wird Manipulation verstärkt, da der Zuhörer am Verstehen und Nachdenken über die Botschaft gehindert wird. Also, wenn Menschen einer Botschaft zuhören, der sie eigentlich nicht zustimmen, kann Ablenkung ein Mittel der Steigerung der Überzeugungskraft sein.
Der Grad der Involviertheit spielt eine wesentliche Rolle. Bei hoher Involviertheit setzt man sich aktiv mit dem Thema auseinander (zentrale Route), während man bei Themen, die einem nicht sonderlich interessieren eher die periphere Route einschlägt.
Auf Prestige bedachte Menschen, die sich über die Richtigkeit von Entscheidung keine Gedanken machen, orientieren sich schneller an peripheren Reizen (Attraktivität, Angenehmheit der Umgebung...).
PETTY, CACIOPPO & GOLDMAN (1981): Collegestudenten erhielten einen Text, der sich entweder für eine Fachprüfung noch vor der eigenen Graduierung (hohe Involviertheit) oder erst in 10 Jahren (niedrige Involviertheit) einsetzte. Im ersten Fall der hohen Involviertheit spielte die Stärke der Argumente eine große Rolle und weniger die Quelle der Botschaft (Experte oder Nicht-Experte) => zentrale Route! Im zweiten Fall der niedrigen Involviertheit spielte die Stärke der Argumente eine untergeordnete Rolle, während die Quelle eine wichtige Rolle spielte => periphere Route!
Vgl. Entscheidungsbaum zur Wirksamkeit von Botschaften

Möglichkeiten, Menschen zum Denken anzuregen:

  • Verwendung rhetorische Fragen
  • Auftreten verschiedener Sprecher
  • Ansprechen des Verantwortungsgefühls von Zuhörern für die Bewertung der Nachricht
  • Entspannte Körperhaltung
  • Wiederholenlassen der Nachricht
  • Erregung der ungeteilten Aufmerksamkeit der Zuhörer

Verstärktes Nachdenken macht starke Argumente überzeugender, schwache Argumente jedoch weniger überzeugend
Anwendungsmöglichkeiten:

  • Berücksichtigen des eigenen Images, Inhalt der Botschaft und Reaktion der Zuhörer (z.B. analytisch vs emotional)
  • bei gewogener, interessierter Zuhörerschaft => Verwendung von guten Argumenten am überzeugendsten

8.3 Fallstudien über die Überredung

8.3.1 Kult-Indoktrination

Bei der Beantwortung der Frage, warum Menschen immer wieder Sekten folgen ist zu beachten:

  • Analyse erfolgt aus der Retrospektive => Hinterher weiß man es immer besser.
  • Wahrheitsgehalt der Weltanschauungen ist nicht überprüfbar (Bsp.: man kann sagen, warum ein Christ an Gott glaubt und ein Atheist Gott verneint, man kann aber nicht sagen, wer von beiden Recht hat.)

Kult: Gruppe, die folgende typische Merkmale aufweist:

  • von anderen abgrenzendes Ritual der Unterwerfung unter einen Gott oder eine Person
  • Isolation von der umgebenden, als "böse" betrachteten Kultur
  • ein charismatischer Führer

Beachte: Unter einer Sekte versteht man einen Abkömmling einer größeren Religion.

Beispiele für Manipulation durch Kults:
Reverend JONES und 914 Anhänger begehen Massenselbstmord durch Gift
KORESH und 86 Anhänger verbrannten sich im Kampf mit dem FBI
Wie können solche Phänomene erklärt werden?

8.3.1.1 Die Einstellung folgt auf das Verhalten

Befolgung führt zu Akzeptanz.
Menschen verinnerlichen Verpflichtungen, die sie freiwillig, öffentlich, und wiederholt gemacht haben.
Methoden von Kulten:

  • Rituale in der Kultgemeinde
  • öffentliche Akquisition von neuen Mitgliedern (z.B. Straßenwerbung) und Spendensammeln

Das Fuß-in-der-Tür-Phänomen:
Beispiele: Vereinigungskirche (Mun-Sekte): Einladung zum Essen => Wochenenden in der Gemeinschaft => Unterzeichnung von Verträgen =>...
People's Temple: Anwerbung auf der Straße => freiwillige Spenden => Abtretung eines Teils des Einkommens => Überschreibung des gesamten Besitzes

8.3.1.2 Persuasive Elemente

Der Kommunikator: meist ein charismatischer Führer: kompetent und vertrauenswürdig
Bsp: Gedankenlesen von Jim JONES

Anziehende Faktoren:

  • lebendige, gefühlvolle Botschaften
  • Wärme und Akzeptanz in der Gruppe
  • einfache Botschaften ("der wahre Weg")

The Audience: Menschen unter 25

  • teilweise wenig gebildete Leute, größtenteils gebildete Bürger der weißen Mittelklasse
  • oft an einem Wendepunkt im Leben, persönliche Krisen, auf Urlaub oder weg von zu Hause
  • vor allem in Zeiten des sozialer und wirtschaftlicher Unruhe

8.3.1.3 Gruppen-Effekte

Typische Kultmethoden: Isolation der neuen Mitglieder von früheren Sozialkontakten und ausschließlicher Umgang mit Kultmitgliedern
"social implosion" : Gruppensituation ersetzt Realität. Ausschaltung von kritischen Gedanken
Diese Techniken haben jedoch keine unbegrenzte Macht => Einschüchterung mit psychischer und physischer Gewalt
Weitere Beispiele für das Auftreten von Gruppeneffekten:

  • Bruderschaften
  • Therapeutische Gemeinschaften für Drogen und Alkoholabhängige
  • Terroristische Organisationen

Beachte:

  • Keiner ist geschützt vor sozialen Kontrolltechniken!
  • soziale Kontrolltechniken sind grundsätzlich weder gut noch schlecht!

8.3.2 Überzeugung in der Beratung und der Psychotherapie

Eine konstruktive Anwendung von Persuasion ist Counseling und Psychotherapie
Identische Eigenschaften von Psychotherapie und Kulten:

  • unterstützende, vertrauensvolle Beziehung
  • Angebot von Erfahrung und Hoffnung
  • Propagieren spezieller Theorie oder Mythos, der eigene Probleme erklärt und neue Perspektiven eröffnet
  • Zusammenstellung von Ritualen und Lernerfahrungen, die Frieden und Freude versprechen

Sozialer Einfluß ist das Kernstück von Therapie
Bsp: Depressive Frau geht zum Therapeuten, der ihr in ihren Problemen beipflichtet, neue Aspekte aufzeigt, andere Einstellungen induzieren will ...

Aufgaben eines Therapeuten:

  • Anbieten von Argumenten und Stellen von Fragen, die die Zustimmung des Patienten erregen
  • Analysieren des Problems, so daß der Patient es verstehen kann und Zeit hat darüber nachzudenken

Bsp: Analysieren des Alkoholismus von Dave anhand einer Kriteriumsliste, die Punkt für Punkt langsam durchgegangen wird.
Beachte: Die zentrale Route der Überzeugung gewährleistet die andauerndsten Wechsel in Verhalten und Einstellung => es sollte nicht nur die oberflächliche Zustimmung des Patienten zur Expertenmeinung erzeugt werden, sondern die Art und Weise des Denkens soll verändert werden.
ERNST & HEESACKER (1993): Bei einem Workshop, in dem Durchsetzungsfähigkeit trainiert wurde, wurde die 1. Gruppe nur theoretisch anhand von Konzepten zur Durchsetzungsfähigkeit trainiert, während die 2. Gruppe die selben Konzepte hörte, und zusätzlich freiwillig eine Zeitlang nachgiebig waren. Ergebnis: Vpn in der 2. Gruppe waren überzeugter von den Vorteilen von Durchsetzungsfähigkeit und zeigten während der nächsten 2 Wochen größere Durchsetzungsfähigkeit.

8.4 Sich nicht überreden lassen: Einstellungsimpfung

8.4.1 Verbindlichkeit verstärken

Öffentliche Stellungnahme (Verbindlichkeit) vor einer Diskussion verringert die Manipulierbarkeit
Wie kann ich Leute dazu stimulieren, Stellung zu beziehen?

8.4.1.1 Die Meinung herausfordern

Durch leichte Angriffe auf die Position eines bereits verpflichteten Disputanden kann die Verpflichtung erhöht werden.

8.4.1.2 Gegenargumente entwickeln

Einstellungsimpfung: Leichte Angriffe auf die Einstellungen von Menschen können die Festlegung auf eine Aussage bewirken. Eine milde Attacke ist beispielsweise das Präsentieren schwacher Argumente, die man der Person entgegenhält. Dadurch kommt es zu einer Impfung, weil aufgrund der milden Attacke leicht Gegenargumente seitens der Person gebildet werden können, die dann bei stärker werdenden Argumenten wirksam werden.
Das ist ein Paradoxon, eine bestehende Einstellung zu festigen, indem man sie herausfordert. Wichtig: die Herausforderung muß mild sein, darf also die Einstellung nicht widerlegen und damit zu Fall bringen

McGUIRE (1964): Vpn behielten die Einstellung "Tägliches Zähneputzen nach jeder Mahlzeit ist gesund!" besser bei, wenn sie mit der Behauptung "Tägliches Zähneputzen nach jeder Mahlzeit schadet dem Zahnfleisch!" durch einen kompetenten Arzt konfrontiert wurden, wenn sie zuvor schon leicht angegriffen wurden und einen die ursprüngliche Position verteidigenden Artikel gelesen oder geschrieben hatten.

8.4.2 Fallstudien; Große Überzeugungsprogramme

8.4.2.1 Kinder davon überzeugen, sich nicht dem Gruppendruck zu beugen und zu rauchen

McALISTER (1980): Jugendliche Vpn zeigten eine geringere Raucherrate, wenn sie auf Tabakwerbungen und auf Gruppendruck (im Rollenspiel) mit gegen das Rauchen gerichteten Aussagen antworteten.
HIRSCHMAN & LEVENTHAL (1989): Durch Informationen gegen Rauchen und Rollenspiel, in dem die Ablehnung einer Zigarette geübt wurde, konnte die Rate der Schüler, die zu Rauchen begonnen hatten auf 19% gesenkt werden gegenüber 31% der Schüler, die zuvor einen Anti-Raucher-Film gesehen hatten.

Weitere Methoden der Drogenprävention:

  • Vermittlung der Information durch attraktive Gleichaltrige
  • Anregung zu selbständigem Denken
  • öffentliche Stellungnahme der Zuhörer

8.4.2.2 Kinder vor der Wirkung von Werbung schützen

Gründe:

  • Kinder haben Schwierigkeiten, Werbung von anderen Sendungen zu unterscheiden und die Absicht der Werbung zu erkennen
  • Kinder schenken Werbeaussagen zu großes Vertrauen
  • Kindern wünschen sich die umworbenen Produkte

Argumente der Werbeindustrie für Werbung an Kinder:

  • Eltern erhalten Gelegenheit, Kindern richtiges Verbraucherverhalten beizubringen
  • Finanzierung von Kindersendungen

FESHBACH (1980): Diskussion über Fernsehwerbungen mit Grundschulkindern und Überprüfen der Aussagen der Werbung half, ein realistischeres Verständnis für Werbung zu entwickeln. Die Kinder wurden also durch Anschauen der Ads und anschließende Diskussion gegen die Werbewirkung "geimpft".

8.4.3 Implikationen

Förderung der demokratischen Überzeugungen der Bürger durch leichte Angriffe auf Demokratie in der Schule, Erklärung anderer Staatsformen.=> Entwicklung von Abwehrstategien für antidemokratische Behauptungen.
Erfolglose Manipulationsversuche können dem Sprecher Schaden zufügen, weil dadurch das Publikum gegen weitere Versuche "geimpft" ist
DARLEY & COOPER (1972): Studenten weigerten sich, Aufsätze für eine strenge Kleiderordnung zu schreiben, da es gegen ihre Überzeugung war und diese Aufsätze veröffentlicht werden sollten. Das Anbieten von Geld bzw. öffentliche Erklärung verstärkte den Widerstand noch mehr.

Beachte: Wie schafft man es, Widerstand gegen Manipulation zu entwickeln und gleichzeitige offen zu sein für wertvolle Argumente?

  • aktives Zuhören
  • kritisches Denken
  • Gegenargumente suchen

Reagieren!

KAPITEL 9: Gruppeneinfluß

9.1 Was is eine Gruppe?

Zwei oder mehr Menschen, die länger als ein paar Momente, miteinander interagieren, sich gegenseitig beeinflussen und sich als Einheit ("Wir-Gefühl") wahrnehmen.
Funktionen:

  • Gefühl, dazu zu gehören
  • Bereitstellung von Informationen
  • Vergabe von Belohnungen
  • Erreichen von Zielen

Im folgenden sollen drei Beispiele kollektiven Einflusses betrachtet werden. Es handelt sich um Gruppeneffekte in Gruppen mit minimaler Interaktion:

  • social faciliation (soziale Erleichterung)
  • social loafing (soziales Bummeln)
  • Deindividuation

Gruppeneffekte in Gruppen mit stärkerer Interaktion:

  • Gruppenpolarisation
  • Gruppendenken
  • Einfluß von Minderheiten

9.2 Social Facilitation

Co-Akteure: Gruppe von Menschen, die gleichzeitig eine Aufgabe individuell bearbeiten, ohne im gegenseitigen Wettbewerb zu stehen.
Werden wir durch die bloße Anwesenheit anderer beeinflußt, also beispielsweise durch Co-Akteure?

9.2.1 Die Gegenwart anderer

TRIPLETT (1898): Radrennfahrer fuhren schneller, wenn sie in Gruppen fuhren als wenn sie alleine auf Zeit fuhren. Kinder wickelten eine Angelschnur schneller auf, wenn sie in Gruppen arbeiteten.
Social Faciliation:
Ursprüngliche Bedeutung: Die Tendenz in Gegenwart anderer Menschen bei einfachen oder gut-gelernten Aufgaben bessere Leistungen zu vollbringen.
Aktuelle Bedeutung: Verstärkung von dominanten (vorherrschenden, wahrscheinlichen) Reaktionen aufgrund der Gegenwart anderer Personen.
Dieser Effekt tritt bei bloßer Anwesenheit anderer auf, also nicht das Ergebnis von Konkurrenz, der Effekt trat nämlich auch vor Publikum auf!
Beispiel bei Menschen:

  • einfache Multiplikationsaufgaben
  • einfache motorische Aufgaben
  • auch bei Tieren feststellbar

ABER: bei anderen Aufgaben wie etwa dem Lernen von nonsense-Silben oder der Lösung komplexer Rechenaufgaben konnte der Effekt nicht beobachtet werden.
Manchmal wird also die Leistung bei Anwesenheit anderer erhöht, manchmal erniedrigt. Dieser scheinbare Widerspruch wurde durch Zajonc(1965) gelöst: die Anwesenheit anderer hat den allgemeinen Effekt der Steigerung des Erregungsniveaus der Person. Erhöhte Erregung wird dann die Leistung steigern, wenn die Person ein Verhalten ausübt, das sie gut beherrscht oder das einfach ist (dominant=vorherrschend, wahrscheinlich). Sind die erwarteten Reaktionen jedoch neu, nicht gut gelernt oder schwer, dann ist die erhöhte Erregung störend, die Person reagiert angespannt und die erhöhte Erregung arbeitet gegen eine optimale Lösung
Allgemein: Erregung erleichtert dominante Antworten.
ZAJONC & SALES (1966): Vpn mußten verschiedene sinnlose Wörter zwischen 1 und 16mal wiederholen. Bei anschließender scheinbarer Darbietung der Silben im Tachistoskop, wobei in Wirklichkeit nur ein schwarzer Balken dargeboten wurde, wurden meistens die Wörter wahrgenommen, die sie vorher am häufigsten wiederholt hatten. Durch Anwesenheit anderer Personen wurde dieser Effekt noch verstärkt.
MICHAELS & al. (1982): Gute Billiardspieler verbesserten ihre Leistung bei Beobachtung durch vier Personen (80% Treffer im Vergleich zu 71% Treffer bei unaufdringlicher Beobachtung). Schlechte Billiardspieler verschlechterten sich in ihrer Leistung (25% gegenüber 36% bei unaufdringlicher Beobachtung)
Athleten bringen ihre Bestleistungen bei (großen) Wettbewerben.
Heimvorteil bei Mannschaftsspielen durch Anwesenheit von Fans und anderen Faktoren.

9.2.2 Gedränge: Die Gegenwart vieler anderer

Physiologische Wirkung von Anwesenheit anderer Menschen (GEEN & GANGE, 1983):

  • stärkeres Schwitzen
  • schnellere Atmung
  • höherer Muskeltonus
  • höherer Blutdruck
  • schnellerer Puls

Crowding verstärkt Erregung

Der Effekt der Anwesenheit anderer steigt mit ihrer Zahl, so daß bei sehr großen Gruppen selbst gut gelernte Aufgaben schlechter bewältigt werden, wie etwa Sprechen vor einer sehr großen Gruppe.
Sozialer Einfluß wächst mit zunehmender Gruppengröße und Crowding.
Der Aufenthalt innerhalb einer Gruppe intensiviert positive oder negative Gefühle:
FREEDMAN & al. (1979, 1980): Vpn werden beim Hören eines witzigen Bandes bzw. beim Sehen eines lustigen Filmes durch einen Claqueur eher zum Mitlachen und Mitklatschen angeregt, wenn sie dichter zusammensitzen.
Crowding erhöht das Erregungsniveau:
EVANS (1979): 10 Vpn mußten gemeinsam in einem kleinen und einem großen Raum verschiedene Tests durchführen. Im kleinen Raum zeigten die Vpn höhere Erregung (höherer Blutdruck, schnellerer Puls). Desweiteren blieb die Leistung bei einfachen Aufgaben gleich, aber bei schwierigeren Aufgaben verringerte sie sich.

9.2.3 Warum sind wir in der Gegenwart anderer erregt?

9.2.3.1 Bewertungserwartung

Sorge darum, wie andere uns bewerten.
COTTRELL & al. (1968): Wiederholung des Experimentes von ZAJONC & SALES (1966) mit einer dritten Bedingung: "mere presence", bei der den Beobachtern die Augen verbunden wurden. In dieser Bedingung konnte keine Leistungsverbesserung bei einfachen Aufgaben festgestellt werden.
Die Verstärkung dominanter Antworten ist am größten, wenn die Vpn denken, daß sie bewertet werden.

9.2.3.2 Ablenkung

SANDERS, BARON, MOORE (1978): Die Bewertungserwartung lenkt einen Teil der Aufmerksamkeit auf die Beobachter. Dadurch wird Aufmerksamkeit von der Aufgabe abgezogen. Es entsteht ein Konflikt zwischen der Aufmerksamkeit, die man der Aufgabe bzw. den Beobachtern schenkt, weil das kognitive System überlastet wird, was Erregung induziert.
Evidenz: Im Experiment konnte social faciliation auch durch Ablenkung der Vpn durch blinkende Lichter erreicht werden.

9.2.3.3 Bloße Anwesenheit von anderen

GOLDMAN , (1967): Vpn zeigen stärkere Vorlieben für Farben, wenn andere Personen anwesend sind, obwohl sie dabei ja keine Leistung bringen müssen oder Fehler begehen können.
Social facilitation Effekte treten auch bei Tieren auf, die ja keine Ängste vor der Bewertung durch andere Tiere haben.
ZAJONC: die bloße Anwesenheit anderer Menschen erzeugt social facilitation ohne Bewertungserwartung oder Ablenkung.
Hinweis auf angeborene, weitverbreitete biologische soziale Erregungsmechanismen.

Anwendungen der social facilitation: open-office-plan

  • öffentliche Büros, in denen einfache bzw. gut-gelernte Aufgaben zu erledigen sind
  • eigene Büros für Menschen die kreative oder intelligente Lösungen für Probleme suchen müssen

9.3 Soziales Bummeln

Tendenz, sich weniger anzustrengen, wenn man in einer Gruppe ein gemeinsames Ziel verfolgt und man als Individuum für seine Leistung nicht verantwortlich ist, d.h. der erbrachte Anteil an der Gesamtleistung nicht individuell zuweisbar ist(additive task). Soziales Bummeln nimmt mit wachsender Gruppengröße zu.
additive task = Aufgabe, bei der die Gruppenleistung abhängig ist von der Summe der individuellen Leistung
Vergleich:
social facilitation: individuelles Ziel - Leistung individuell zuweisbar
social loafing: gemeinsames Ziel in der Gruppe - Leistung nicht individuell zuweisbar

9.3.1 Viele Hände erleichtern die Arbeit

INGHAM (1974): Vpn, die die Augen verbunden hatten, mußten an erster Stelle Tauziehen, wobei einem Teil gesagt wurde, daß sie alleine ziehen, zum anderen wurde gesagt, daß mit ihnen 2-5 Menschen ziehen. Alleine zogen die Vpn um 18% stärker als in der Gruppe.
HARDY & LATANÉ (1986): Vpn hatten die Aufgabe, so laut wie möglich zu klatschen und schreien, wobei sie mit 6 anderen Vpn im Halbkreis saßen. Sie hatten desweiteren Augenbinden und Kopfhörer auf, über die sie Leute klatschen oder schreien hörten, und konnten weder ihr eigenen Lärm oder den der anderen hören.
Wenn sie Lärm von anderen Leuten hörten, produzierten die Vpn durchschnittlich 33% weniger Lärm als wenn sie alleine Lärm machen mußten. Die Vpn sind sich dabei ihres eigenen social loafings nicht bewußt.
Free Riders: Menschen, die von der Gruppe profitieren, aber selber wenig dafür leisten.

Gruppensituation

  • verringert die Bewertungserwartung
  • erzeugt Verantwortungsdiffusion

=> social loafing

Beobachtung der Einzelleistung

  • erhöht Bewußtsein, daß man bewertet werden kann
  • man ist für seine Leistung alleine verantwortlich

=> social facilitation

Wie kann man die individuelle Leistung in Gruppen steigern?
Identifizierung der individuellen Leistung ermöglichen => Motivation

9.3.2 Soziales Bummeln im Alltag

Kollektive / Kolchosen im Kommunismus: Bauern produzierten mehr auf den Feldern, für die sie selbst verantwortlich waren als auf den Feldern, für die alle verantwortlich waren.
Arbeiter leisten keine Beiträge für Berufsverbände, profitieren aber von deren Leistungen.
Erklärung: Bei gleichmäßiger Verteilung von Vergünstigungen profitiert der am meisten, der am wenigsten dafür leistet.

social loafing tritt in Gruppen nicht auf, wenn...

  • die gemeinsame Aufgabe eines der folgenden Merkmale aufweist: herausfordernd, anziehend, vereinnahmend
  • die Gruppe zusammenhaltend ist (z.B. Mitglieder sind befreundet)
  • Wettbewerb innerhalb der Gruppe stattfindet
  • Anreize geschaffen werden
  • eine Gruppe herausgefordert wird, bestimmte Standards zu erreichen
  • Belohnung für Gruppenerfolg zu erwarten ist.

In kollektivistischen Kulturen tritt social loafing weniger stark auf.
Frauen zeigen weniger social loafing als Männer

9.4 Deindividuation

9.4.1 Gemeinsam tun, was man nicht allein tun würde

Was geschieht, wenn social loafing und social facilitation zusammenkommen?
Erregung + Verantwortungsdiffusion => Deindividuation Deindividuation: Verlust der Selbstaufmerksamkeit und Bewertungsfurcht. Tritt in Situationen auf, die Anonymität fördern und die Aufmerksamkeit vom Individuum ablenken.

  • Gruppe von Studenten fordern Selbstmörder auf, von Gebäude zu springen ("Jump, jump!)
  • unbewaffneter Zivilist Rodney KING wird von Polizisten brutal zusammengeschlagen, während 23 andere Polizisten zuschauen.

Welche Faktoren fordern diesen psychologischen Zustand heraus?

  • Gruppengröße
  • Physische Anonymität
  • erregende und ablenkende Aktivitäten

9.4.1.1 Gruppengröße

Welche Effekte hat die Gruppe?

  • Erregung seiner Mitglieder
  • Anonymisierung seiner Mitglieder
  • Verantwortungsdiffusion
  • Veränderung der Identität
  • Attribution des Verhaltens auf Gruppe

Zuschauergruppen verhalten sich bei Selbsmordfällen gemeiner, wenn Gruppe groß ist und die Dunkelheit ihre Identität verbirgt.
Teilnehmer an Lynchmobs verhalten sich aggressiver, je größer die Gruppe ist.
ZIMBARDO (1970): Ein Auto, daß in der Bronx in New York geparkt wurde, wurde innerhalb von drei Tagen total ausgeraubt, während das gleiche Auto in einer sehr viel kleineren Stadt (Palo Alto) unversehrt blieb.
Hypothese: Die bloße Tatsache der immensen Zahl an Menschen in Großstädten begünstigt Vandalismus => je größer die Gruppe, desto eher treten die oben beschriebenen Effekte auf.

9.4.1.2 Anonymität

ZIMBARDO (1970): Frauen, die in Mäntel und Kapuzen gehüllt waren (vgl. Ku-Klux-Klan), versetzten einer anderen Frau doppelt so lange Elektroschocks wie Frauen, die sichtbar waren und Namensschilder trugen.
DIENER (1976):Untersucht wurden Kinder, die an Halloween entweder in Gruppen oder alleine durch die Gegend zogen. Jedem Kind das zu den Häusern des Experiments kam, wurde erlaubt, eine Süßigkeit zu nehmen. Kinder, die in Gruppen umherzogen, bzw. Kinder, die nicht nach ihrem Namen gefragt wurden, d.h. anonym blieben, nahmen sich doppelt so oft mehr Süßigkeiten als ihnen zustanden. Kulturen mit uniformierten, depersonalisierten Kriegern sind brutaler als andere Kulturen.

Bewirkt das Tragen von Uniformen grundsätzlich die Freisetzung unserer niedrigsten Impulse?
JOHNSON & DOWNING (1979): Frauen, die Uniformen von Krankenschwestern trugen und anonym gemacht wurden, zeigten weniger Aggressivität als Frauen, die nicht maskiert waren und Namensschilder trugen.
Anonymität verringert das Ich-Gefühl und vergrößert den Einfluß von situationalen Einflüssen bzw. Reizen (Ku-klux-klan-Maskierung bzw. Schwestern-Tracht)
GERGEN & GERGEN & BARTON (1973): Vpn sitzen für eine Stunde mit 7 anderen Vpn in einem Zimmer, wobei es keine Möglichkeit gibt, während oder nach dem Experiment die Identität der anderen Vpn festzustellen.
Vpn in einem total abgedunkelten Zimmer verhielten sich intimer und zeigten größere Zuneigung (mehr Körperkontakt, intimere Gesprächsthemen) als Personen in einem beleuchteten Zimmer, die nur dasaßen und sich unterhielten.

9.4.1.3 Ablenkende und erregende Handlungen

Aggressive Eskalation von großen Gruppen werden oft durch kleinere Aktionen ausgelöst, die die Aufmerksamkeit der Menschen erregen und umlenken.(z.B. werfen von Steinen, skandieren von Parolen)
Reduzierung der Selbstaufmerksamkeit
Lustvolle Verstärkung des Selbstgefühls durch gemeinsames Handeln in einer Gruppe

9.4.2 Reduzierte Selbstaufmerksamkeit

Gruppenerfahrungen verringern Selbstaufmerksamkeit und entkoppeln Einstellungen und Verhalten.
Eigenschaften von deindividuierten Menschen mit geringer Selbstaufmerksamkeit:

  • weniger zurückhaltend
  • weniger kontrolliert
  • handeln eher ohne über ihre Werte nachzudenken
  • erhöhte Reaktionsbereitschaft/ -schnelligkeit

Eigenschaften von Menschen mit erhöhter Sebstaufmerksamkeit, sich für bestimmt und unabhängig halten:

  • größere Konsistenz zwischen Einstellungen (Worten) und Taten
  • kritischer und weniger leicht zu manipulieren
  • erhöhte Selbstkontrolle
  • Alkohol verringert Selbstaufmerksamkeit und eine erhöhte Deindividuierung ist möglich

Erhöhung der Selbstaufmerksamkeit demhingegen erniedrig die Deindividuierung

9.5 Gruppenpolarisation

Ein Prinzip kann sowohl positive als auch negative Gruppeninteraktionen erklären: Gruppendiskussionen verstärken oftmals die ursprünglichen Meinungen der Gruppenmitglieder, seien diese nun gut oder schlecht.

9.5.1 Risikoreiche Entscheidung

STONER (1961): Untersucht wurde das Risikoverhalten von Individuen und Gruppen anhand von Entscheidungsdilemmas. z.B.
Soll die begabte Autorin Helen versuchen, einen eigenständigen Roman zu schreiben, was mit Risiken verbunden ist, oder weiter billige Westernhefte schreiben, welche ihr aber ein gesichertes Einkommen verschaffen?
Anfängliche Hypothese "Risky Shift": Gruppen neigen zu risikoreicheren Entscheidungen

Der Effekt ist aufgetreten, wenn...

  • ...die Gruppe als Ganzes per Konsens entschieden hat
  • ...ein Individuum nach kurzer Diskussion entschieden hat

Soll Roger (verheiratet, 2 Kinder, schlecht bezahlter aber sicherer Job) eine risikoreiche Investition in Aktien machen ?
Auf dieses Beispiel hin gab die Gruppe ein vorsichtigeres Urteil ab, d.h. das "risky shift"-Phänomen hat sich als kein universelles Phänomen herausgestellt.

Welches generelle Prinzip kann beide Ergebnisse, daß Gruppen einmal risikoreicher und ein anderes Mal vorsichtiger entscheiden, erklären?
Individuelle Meinungen konvergieren während der Gruppendiskussion, wobei individuelle Meinungen durch Gruppendiskussion verstärkt werden (beide Richtungen möglich!)
Gruppenpolarisation: Verstärkung der schon vor der Diskussion vorhandenen Tendenzen der einzelnen Gruppenmitglieder durch die Gruppe. Es wird die durchschnittliche Meinung in der Gruppe verstärkt ohne zu einer Spaltung der Gruppe zu führen

9.5.2 Intensivieren Gruppen die Meinung?

9.5.2.1 Experimente zur Gruppenpolarisation

Wird die Gruppendiskussion die ursprüngliche Meinung verstärken?
MOSCOVICI & ZAVALLONI (1969): Durch Diskussion wird die zu Beginn positive Einstellung franz. Studenten zum Premierminister bzw. die negative Einstellung zu den USA verstärkt.
WHITE (1993): Wirtschaftsstudenten neigten dazu, in ein begonnenes risikoreiches Geschäft noch mehr zu investieren, wenn die Entscheidung in Gruppen getroffen wurde (94%) als wenn sie einzeln entscheiden mußten (72%).
=> "too much invested to quit" Phänomen

MYERS & BISHOP (1970): Nach einem Vortest wurden 2 Gruppen von Vpn gebildet: eine Gruppe mit großen Vorurteilen und eine Gruppe mit geringeren Vorurteilen. Die jeweils homogenen Gruppen bezüglich ihrer Vorurteile wurden isoliert und mußten über Sachverhalte diskutieren, die rassische Einstellungen beinhalten.
Ergebnis: die Diskussion unter gleichgesinnten Teilnehmern verstärkte die jeweilige Voreinstellung und vergrößerte den Unterschied zwischen beiden Gruppen.

9.5.2.2 Natürlich auftretende Gruppenpolarisation

In der Erziehungsforschung: z.B. Akzentuierungsphänomen: zu Beginn vorliegende Gruppenunterschiede verstärken sich im Laufe der Zeit.
In gesellschaftlichen Konflikten durch Vereinigung gleichgesinnter Individuen
Bei Kriminalität von Gangs -bei terroristischen Gruppierungen, wobei anfängliche Tendenzen sich extrem verstärken

9.5.3 Polarisation erklären

Unterscheidung von zwei Gruppeneinflüssen:

  • Informativer Einfluß: ensteht aus erhaltenen Informationen über die Realität
  • Normativer Einfluß: entsteht aus dem Bedürfnis einer Person, akzeptiert oder bewundert zu werden bzw. deren Erwartungen zu erfüllen.

9.5.3.1 Informativer Einfluß In einer Gruppe Gleichgesinnter werden vorwiegend Informationen/Argumente ausgetauscht, die ihre Meinung bestärken bzw. werden Gegenargumente zu wenig ausgetauscht.
Beim Austausch von Informationen werden direkt oder indirekt Anhaltspunkte mitgeliefert, die über die Meinung des Sprechers Auskunft geben
Aktive Teilnahme an einer Diskussion trägt mehr zur Einstellungsänderung bei als passives Zuhören.
Bloßes Nachdenken über ein Thema verstärkt die eigene Meinung
Erwarten einer Diskussion mit einem gleich kompetenten Partner anderer Meinung führt zu Polarisierung

9.5.3.2 Normativer Einfluß

Sozialer Vergleich: Bewertung der eigenen Meinungen und Fähigkeiten durch den Vergleich mit anderen.
Man bestimmt seine Meinung, indem man sich mit anderen vergleicht. (impression management)
Einfluß durch Sozialen Vergleich ist am stärksten bei Leuten, mit denen wir uns identifizieren.
MILLER & McFARLAND (1987): Vpn mußten einen unverständlichen Text lesen, wobei sie aufgefordert wurden, bei Problemen nachzufragen. Obwohl keine Vp nachfragte, glaubten sie von anderen Vpn, daß diese sich nicht scheuen würden, aus Angst oder Verlegenheit Fragen zu stellen.
Pluralistische Ignoranz: die Vpn dachten fälschlicherweise, daß die anderen Vpn, die sich ebenfalls nicht meldeten, tatsächlich keine Fragen hätten.
Durch das Vorlegen der Meinungen anderer Personen (z.B. Umfrageergebnisse, d.h. man ist sich der Meinung anderer bewußt, nicht aber derer Argumente) wird bereits die Reaktion von Menschen beeinflußt => aber nur geringe group polarisation, d.h. diese Polarisation durch bloßen sozialen Vergleich ist geringfügiger als wenn es sich um eine lebhafte Diskussion gehandelt hätte.
Bei auf Tatsachen basierenden Entscheidungen überwiegt der Informative Einfluß
Bei auf Werten basierenden Entscheidungen überwiegt der Normative Einfluß

9.6 Gruppendenken

Katastrophale Fehlentscheidungen

  • Japanischer Angriff auf unvorbereitetes Pearl Harbor
  • Invasion der Schweinebucht
  • Vietnam-Krieg

Gruppendenken (nach JANIS, 1971): Denkweise, die bei Personen auftritt, wenn das Streben nach einem Konsens so dominierend wird, daß eine realistische Einschätzung von Handlungsalternativen vernachlässigt wird.
Voraussetzungen vom Gruppendenken:

  • zusammenhaltende (cohesive) Gruppe
  • relative Isolation von abweichenden Ansichten
  • richtungsweisender Führer(der die von ihm favorisierte Meinung andeutet/ bekanntgibt)
  • Mangel an methodischen Prozeduren für Suche und Einschätzung von Information
  • großer Stress verbunden mit wenig Hoffnung, eine bessere Handlungsalternative als sie vom Gruppenführer vorgeschlagen worden ist, zu finden

9.6.1 Symptome vom Gruppendenken

Symptome: Kollektive Form von Dissonanzreduktion, die auftritt, wenn Gruppenmitglieder versuchen, ihre positive Stimmung angesichts einer Gefahr aufrecht zu erhalten. Überschätzen der Macht und Legitimität der Gruppe

  • Illusion der Unverwundbarkeit: Exzessiver Optimismus, der einen Gefahren, Warnungen verkennen läßt
  • Nicht in Frage stellen der Gruppenmoral: Annahme der Gruppenmitglieder, daß die Gruppe im Recht ist; Ignorieren von ethischen /moralischen Fragen.

Ignoranz der Gruppenmitglieder

  • Rationalisierung: Gruppenmitglieder neigen dazu (Fehl)Entscheidungen zu rationalisieren (zu rechtfertigen und zu erklären) als über die Entscheidungen kritisch nachzudenken.
  • Der Gegner wird zum Stereotyp: Gegner werden als zu negativ, schwach oder dumm betrachtet bzw. andere Eigenschaften überzeichnet wahrgenommen.

Gruppendruck nach Einigkeit

  • Konformitätsdruck: Gruppe übt Druck auf Mitglieder mit abweichenden Meinungen aus (oft sarkastisch und unsachlich)
  • Zensur: Mitglieder halten Kritik und Zweifel zurück über Annahmen und Pläne der Gruppe, wenn die Gruppe als einig scheint.
  • Illusion der Einmütigkeit: Anschein von Einigkeit in der Gruppe, der durch das Fehlen von Kritik hervorgerufen wird.
  • Mindguards: (Einige) Mitglieder versuchen, die Gruppe vor Informationen abzuschirmen, die die Richtigkeit und den Erfolg ihrer Annahmen und Pläne in Zweifel ziehen könnten.

9.6.2 Gruppendenken in Aktion

Erläuterung von Symptomen von Gruppendenken am Beispiel des Challengerunglücks im Januar 1986.

  • Illusion der Unverwundbarkeit: Verdrängung des Risikos von Materialversagen
  • Konformitätsdruck: Druck der NASA-Beamten auf Materialzulieferer
  • Illusion der Einmütigkeit: Beratung der NASA-Manager mit den zustimmenden Managern der Zulieferfirma ohne die Ingenieure
  • Mindguarding: erster NASA-Beamter erfährt nichts von Bedenken über Materialversagen

Was sind typische Anzeichen von Gruppendenken?

  • lückenhafte Suche nach Alternativen und Zielen
  • Untersuchung der Risiken einer bevorzugten Handlungsalternative fehlt
  • Informationssuche mangelhaft
  • selektive Verzerrung bei der Verarbeitung vorliegender Informationen
  • Einschätzen von Alternativen fehlt
  • Alternativpläne fehlen

9.6.3 Gruppendenken vermeiden

Beispiele für gelungene Gruppenentscheidungen

  • Marshall-Plan von Präsident TRUMAN
  • Verhalten von Präsident KENNEDY bei Kuba-Krise 1962

Zusammenhalt der Gruppe fördert nicht nur Gruppendenken, er gibt auch den Mitgliedern das Gefühl der Sicherheit, dissidente Meinungen frei zu äußern.
LAUGHLIN & al. (1980, 1991): Bei bestimmten intellektuellen Aufgaben (Analogieaufgaben) ist die Richtigkeit der Antworten bei Gruppenentscheidungen (6 Personen) höher als bei Entscheidungen von Individuen.
SANDERS & HINSZ (1990): Augenzeugenberichte sind viel genauer, wenn sie von Gruppen abgegeben wurden, als der durchschnittliche Bericht eines einzelnen Augenzeugen.

Zusatz: Brainstorming hat sich als relativ uneffektive Strategie herausgestellt, Ideen zu sammeln. Gruppen, in denen Brainstorming gemacht wird, fühlen sich zwar freier in ihren Äußerungen, die besseren Ideen werden jedoch beim individuellen Nachdenken generiert.

9.6.4 Gruppendenken illustriert die Prinzipien des Gruppeneinflusses

Wichtige soziale Prinzipien beim Gruppendenken:

  • Selbst-"justification"
  • Selbstdienliche Denkfehler
  • Konformität

9.7 Einfluß von Minderheiten

Faktoren des Minderheiteneinflusses:

  • Konsistenz
  • Selbstvertrauen
  • Überlaufen

9.7.1 Konsistenz

MOSCOVICI & al. (1969, 1985): Vpn benannten die Farbe von Dias. Wenn eine Minderheit an Personen blaue Dias hartnäckig (konsistent) "grün" nannte, stimmten gelegentlich Mitglieder der Mehrheit zu.
Wenn Minderheit an Personen blaue Dias nur in einem Drittel der Fälle "grün" nannte, stimmte kein Mitglied der Mehrheit zu.
Zustimmen der Mehrheit zur Meinung einer Minderheit bedeutet stärkere Zustimmung als die Zustimmung einer Minderheit zur Meinung einer Mehrheit => informationaler Einfluß der Minderheit
Minderheiteneinfluss wirkt eher über die central route of persuasion
NEMETH (1979): Eine Minderheit von zwei Personen, die in einer simulierten Jury die Meinung der Mehrheit ablehnte, wurden von den anderen Jurymitgliedern nicht gemocht. Diese gaben aber zu, daß diese zwei Personen sie am meisten dazu angeregt hatten, ihre Meinung kritisch zu überdenken.
Eine hartnäckige, dissidente Minderheit kann kreatives Denken stimulieren
Im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen bedeutet, einen überproportionalen Anteil an Argumenten beitragen zu können.
Bei Auseinandersetzungen gewinnt meist die Seite, die die meisten Argumente vorgebracht hat (Vorteil für schnelle Redner)

9.7.2 Selbstvertrauen

Jegliches Verhalten der Minderheit, das Selbstvertrauen signalisiert(z.B. sich an das Tischende zu setzen), erhöht die Selbstzweifel unter der Mehrheit.

9.7.3 Überlaufen aus der Mehrheit zur Minderheit

Eine abweichende Minderheit kann jegliche Illusion der Einigkeit einer Gruppe zerstören. Mitglieder der Mehrheit können sich daraufhin freier fühlen, ihre ebenfalls dissidenten Meinungen auszusprechen, die sie ansonsten verborgen hätten.
LEVINE (1989): Eine Person, die von der Mehrheitsmeinung abfällt, war überzeugender als eine konsistente Minderheit. Wenn Abtrünnigkeit erstmal beginnt, kann dies einen Schneeballeffekt ausüben (siehe Nemeth).
Sozialer Einfluß einer Gruppe (Mehrheit, Minderheit) hängt ab von Stärke, Präsenz und Anzahl der Anhänger => Minderheiten haben deshalb weniger Einfluß, weil sie kleiner sind.

9.7.4 Ist Führerschaft ein Minderheiteneinfluß?

Leadership: Prozeß, durch den bestimmte Gruppenmitglieder die Gruppe motivieren und führen (task leadership, social leadership)
Erforderliche Eigenschaften eines Führers abhängig von Situation
Task Leadership:

  • Organisieren der Arbeit
  • Setzen von Standards
  • Zielorientierung (Aufmerksamkeit und Energie)
  • evtl. Befehlen und Anweisungen an Untergebene austeilen

Social leadership:

  • Aufbau von Teamarbeit
  • Vermittlung von Konflikten -Unterstützung
  • oft verbunden mit demokratischem Führungsstil
  • fördert Motivation und Identifikation der Gruppe

Beispiel: "participative management"

Merkmale besonders guter Führungskräfte (Vereinigung von task und social leadership)

  • unterstützen von Minderheiteneinfluß
  • beharrliches Verfolgen von Zielen
  • Selbstvertrauen, Charisma
  • hohes Kommunikationsvermögen
  • Optimismus und Vertrauen

=> Loyalität der Gruppenmitglieder
=> Inspiration und Motivation der Gruppenmitglieder
Charaktereigenschaften von begabten Führungskräften: extravertiert, energisch, gewissenhaft, sympathisch, emotional stabil, selbstbewußt
Gruppen beeinflussen auch ihre Führer
Umsetzen von großen Zielen erfordert nicht nur fähige Führer, sondern auch passende Umstände

KAPITEL 10: Sozialpsychologie vor Gericht

Untersuchung von zwei entscheidenden Einflüssen auf das Urteil:

  1. Eigenschaften des Prozeßverlaufs
  2. Eigenschaften der Jurymitglieder und ihre Überlegungen

10.1 Was beeinflußt Urteile?

Wann treten Verzerrungen von fairen Urteilen auf? Welche Techniken könnten diese Verzerrungen reduzieren?

10.1.1 Zeugenaussage

10.1.1.1 Wie überzeugend ist eine Zeugenaussage?

Zeugenaussagen, die lebhaft und konkret dargestellt werden, können viel überzeugender sein als Informationen, die zwar logisch kohärent sind, aber abstrakt:
LOFTUS (1974,1979): Vpn werden zum Einen Indizienbeweise zu einem hypothetischen Raubüberfall vorgelegt, wodurch 18 % sich für eine Verurteilung des Angeklagten aussprechen. 72% der anderen Vpn, die die gleichen Informationen und die Aussage eines Augenzeugen erhalten, sprechen den Angeklagten schuldig. Auch die Tatsache, daß die Aussage des Augenzeugen als unglaubwürdig erscheinen muß aufgrund einer starken Fehlsichtigkeit, kann den Prozentsatz von Schuldsprüchen unter den Vpn auf nur 68% senken.

Ein Augenzeuge, der nachweislich diskreditiert wird, ist immer noch überzeugender als überhaupt kein Augenzeuge, weil er den Geschworenen nachhaltig im Gedächtnis bleibt.
Sind Geschworene in der Lage, richtige von falschen Augenzeugenberichten zu unterscheiden? WELLS & al. (1979): Es wurden mehrere Hundert Diebstähle mit Augenzeugen veranstaltet. Die Augenzeugen mußten nachher die Täter anhand einer Gegenüberstellung von Fotos identifizieren. Dabei beobachteten Jurymitglieder die Augenzeugen und beurteilten deren Glaubwürdigkeit. Das Ergebnis war, daß von den Jurymitglieder sowohl richtige als auch falsche Aussagen zu 80% als richtig beurteilt wurden.
=> Jurymitglieder können falsche und richtige Aussagen nicht unterscheiden!
WELLS & RUMPEL (1981): (Experiment wie oben) Jurymitglieder glauben Augenzeugen eher, wenn diese sich ihrer Aussage sicher sind, wenn also diese einen von sich selbst überzeugten Eindruck abgeben.
WELLS & LEIPPE (1981): Jurymitglieder glauben denjenigen Augenzeugen eher, die sich an nebensächliche Details erinnern können.
Tatsächlich ist es so, daß Augenzeugen, die ihr Augenmerk auf nebensächliche Details gerichtet haben, sich vermutlich weniger an das Gesicht des Täters erinnern können, weil ihre Aufmerksamkeit von "nebensächlichen" Dingen abgelenkt war.

10.1.1.2 Wie genau sind Augenzeugen?

BUCKOUT (1974): 141 Studenten beobachteten einen "Anschlag" auf einen Professor. Sieben Wochen später identifizierten 60% der Studenten einen unschuldigen aus einer Auswahl von 6 Fotos.
Fazit: Die Richtigkeit von Zeugenaussagen kann durch Jurymitglieder nicht beurteilt werden. Das augenscheinlichste Merkmal eines Zeugen ist allerdings der Grad seiner Selbstsicherheit, dabei werden selbstsichere Zeugen als am glaubwürdigsten eingeschätzt, obwohl natürlich keinerlei Zusammenhang bestehen muß zwischen der Richtigkeit der Aussage eines Zeugen und seiner Selbstsicherheit. Was sind mögliche Fehlerquellen?:

  • Konstruktion von Erinnerungen
  • Der Misinformation effect
  • wiederholtes Erzählen der Ereignisse

Erinnerungen sind abhängig von

  • tatsächlichen Wahrnehmungen
  • Erwartungen, Einstellungen
  • gegenwärtigem Wissen

Unsere Erinnerungen sind konstruiert, d.h. Fehler bzw. Lücken in der Wahrnehmung oder im Gedächtnis werden rekonstruiert aus tatsächlicher Wahrnehmung, Erwartungen, Einstellungen und gegenwärtigem Wissen.

Misinformation Effect
LOFTUS & al. (1978): Es wurden verschiedene Szenen eines Unfalls zwischen einem roten Auto und einem Fußgänger auf Dia vorgeführt. Einmal wurde ein Stoppschild gezeigt und einmal ein "Vorfahrt gewähren" - Schild. Anschließend wurden die Vpn gefragt, ob ein anderes Auto das rote Auto überholt hatte, als es an dem "Stoppschild" (Gruppe 1) bzw. dem "Vorfahrt gewähren"-Schild (Gruppe 2) hielt. Dabei war das in der Frage vorkommende Schild in der einen Vp-Gruppe tatsächlich gezeigt worden, in der anderen Vp-Gruppe jedoch nicht.
Als die Vpn danach das Dia von 2 Dias aussuchen sollten, welches dasjenige Verkehrsschild zeigt, das sie tatsächlich gesehen hatten, lagen 75% der befragten Vpn richtig, deren Befragung konsistent war mit dem, was sie gesehen hatten und von den befragten Vpn, bei denen Frage und Gesehenes inkonsistent war, lagen nur 41% richtig.

Misinformation effect: Beobachten eines Ereignisses => Erhalten von irreführender Information über das Ereignis => Einbauen der "misinformation" in die eigene Erinnerung an das Ereignis

Problematik des Misinformation effects: Bei der Befragung von Augenzeugen lassen sich Polizisten und Anwälte oft von ihren eigenen Vorstellungen über den Tathergang leiten und stellen so Fragen, die Misleading informations enthalten können, die dann von den Augenzeugen in das Gedächtnis eingebaut werden. Der Misinformation Effect tritt vor allem auf, wenn der Befragte annimmt, daß der Fragesteller gut informiert ist. Man kann falsche von echten Erinnerungen nicht unterscheiden, deshalb können falsche Erinnerungen genauso persuasiv sein wie echte Erinnerungen.

Siehe dazu auch die Suggestibilität von Kindern:
CECI & BRUCK (1993): Vorschulkinder werden 10 Wochen lang einmal in der Woche gefragt:
"Wenn du scharf nachdenkst, kannst du dich dann erinnern, das du mit einer Mausefalle am Finger ins Krankenhaus gebracht wurdest?" Bei erneuter Befragung durch einen anderen Erwachsenen lieferten 58% der Vorschulkinder falsche und detaillierte Geschichten über das vorgestellte Ereignis!
=> Falsche Erinnerungen können kaum von richtigen Erinnerungen unterschieden werden, sei es von Zeugen (vor allem Kinder) selbst oder bei Fragestellern.
So ist es auch denkbar, daß in Kindern Erinnerungen implantiert werden bezüglich sexuellen Kindesmißbrauchs durch suggestive Fragestellung seiten von Psychologen.

Wiederholtes Erzählen der Ereignisse Wiederholen der eigenen Aussage verstärkt die eigene Überzeugung von der eigenen Aussage, unabhängig davon, ob die eigene Aussage richtig oder falsch ist
Je öfter wir eine Geschichte nacherzählen, desto mehr überzeugen wir uns selbst von möglichen Unwahrheiten und desto höher ist die Sicherheit über die getroffenen Aussagen:
WELLS & al.(1980): Augenzeugen von einem inszenierten Diebstahl wurde vor Eintritt in den Zeugenstand ihre Antworten auf Fragen nochmals vom Tonband vorgespielt. Dies bewirkte eine Vergrößerung der Sicherheit derer, die falsch lagen. Dementsprechend gebärdeten sie sich auch selbstsicherer und die Richter verurteilten mit größerer Wahrscheinlichkeit eine unschuldige Person.
Wir passen unsere Aussagen oft an, um unseren Zuhörern zu gefallen. Dem folgt meist Glaube an die veränderte Botschaft: SHEPPARD & VIDMAR (1980): Zeugen passen bei Aussagen ihren Tonfall und Wortwahl daran an, ob sie vom Verteidiger oder vom Staatsanwalt befragt werden. Auch ihr späteres Urteil wird davon beeinflußt (=>Retelling)

10.1.1.3 Den Fehler reduzieren

Wie kann die Korrektheit von Augenzeugen und Richtern erhöht werden?
1. Die Polizisten trainieren, die Verhöre durchführen
Problem: Fragestellung oft durchdrungen von Annahmen und Vorstellungen => suggestive Fragestellung

  • Erlauben von unaufgeforderter Wiedergabe der Erinnerungen
  • Anregen zur Rekonstruktion des Schauplatzes: Vorstellen des Schauplatzes, was sie in dem Augenblick fühlten und dachten
  • evtl. Hilfestellung (anhand von Tatortfotos)
  • den Befragten viel Zeit lassen, ohne sie zu unterbrechen
  • Stellen von anregenden, neutralen Fragen, die keine Vorannahmen oder Erwartungen ausdrücken

2. Fehler bei der Gegenüberstellung vermeiden
Problem: Bei Gegenüberstellungen wählen Zeugen denjenigen aus, der dem Schuldigen am Ähnlichsten sieht, auch wenn derjenige unschuldig ist.
Vermeidung durch "experimentelles Design":

  • "blank line up": Gegenüberstellung ohne Verdächtige
    => Beschuldigt der Zeuge trotzdem jemand?
    => entspricht Kontrollgruppe im Experiment
  • "Blinder Experimentator": Polizist weiß nicht, wer der Verdächtige ist
  • "Neutrale Fragestellung": Frage läßt offen, ob der Verdächtige im line-up ist.

Weitere Möglichkeiten:

  • Serielle Gegenüberstellung => Leute hintereinander präsentiert, die der Zeuge mit Ja oder Nein identifizieren muß
  • nur 1 Verdächtiger pro line-up

3. Die Geschworenen ausbilden
Einflüsse auf Augenzeugen

  • Selektive Wahrnehmung
  • rückwirkender Einfluß auf Erinnerung durch nachfolgende Information
  • Gegenüberstellungen haben nur begrenzte Aussagekraft
  • Rassenunterschiede zwischen Verdächtigem und Augenzeugen erhöhen Irrtumswahrscheinlichkeit
  • Subjektive Sicherheit des Zeugen ist kein Prädiktor für Richtigkeit

10.1.2 Eigenschaften des Angeklagten

10.1.2.1 Attraktivität

Es existiert ein Stereotyp bezüglich physischer Attraktivität: hübsche, attraktive Menschen "sind" gute Menschen.
Wirkt sich dieses Stereotyp auf Urteile aus?
EFRAN(1974): Studenten beurteilten anhand einer Fallbeschreibung und eines Fotos die Schuld eines des Betruges Verdächtigen. Attraktive Personen wurden als weniger schuldig oder weniger hart zu bestrafen beurteilt.
Klischees von Aussehen (z.B. Baby-face) hat Einfluß auf das Urteil, vor allem, wenn die Beweislage dürftig oder nicht eindeutig ist.
Personen mit "Baby-Face" werden eher für Vergehen aus Nachlässigkeit für schuldig befunden, weniger für Vergehen aus Mutwillen.
Unattraktive Personen werden als gefährlicher beurteilt.

Läßt sich dies vom Labor in die wirkliche Welt übertragen?
DOWNS & LYONS (1991): Attraktive Menschen wurden von tatsächlichen Polizeistreifen zu weniger harten (Geld) Strafen für schwere, mittelschwere und kleine Vergehen verurteilt.

10.1.2.2 Ähnlichkeit zu den Geschworenen

Ähnlichkeit (z.B. Einstellung, Religion, Rasse, Geschlecht,....) zwischen Jurymitglieder und Angeklagtem oder Ankläger führt zu Sympathie.
Beispiele für Urteile von (vorwiegend weißen) Jurymitgliedern:

  • Weiße werden härter für "weiße" Verbrechen bestraft (z.B. Unterschlagung, Betrug)
  • "Schwarze" werden für "schwarze" Verbrechen härter bestraft (z.B. Gewaltverbrechen)
  • Schwarze werden als Täter zu hart bestraft und als Opfer zu schwach entschädigt.

Fazit: Wenn die Beweislage eindeutig ist und die Jurymitglieder sich auf die Tatsachen konzentrieren, spielen Vorurteile nur eine minimale Rolle. Wenn die Beweislage mehrdeutig ist, dann ist es wahrscheinlicher, daß Jurymitglieder Interpretationen vornehmen, die stärker von ihren vorgefaßten Meinungen verzerrt sind.

10.1.3 Anweisungen vor Gericht

Anweisungen des Richters an die Jurymitglieder, verzerrende Aussagen nicht zu beachten, sind bei Prozessen üblich z.B. sind Aussagen über das Sexualleben eines Vergewaltigungsopfers vor Gericht unzulässig!
Werden solche verzerrenden Aussagen von den Jurymitglieder tatsächlich ignoriert? Sicherlich nicht! Es ist äußerst schwierig für Jurymitglieder, unzulässige Aussagen nicht in ihr Urteil mit einzubeziehen:
SUE, SMITH & CALDWELL (1973): Studenten bekamen die Beschreibung eines Raubmordes vorgelegt, wobei die Anklageschrift und die Verteidigungsschrift enthalten waren. Wenn die Anklageschrift schwach war, dann sprach niemand den Angeklagten schuldig. Wenn jedoch ein Telefonanruf, der den Angeklagten stark belastete, vorgespielt wurde, dann sprachen 33% aller Jurymitglieder den Angeklagten schuldig, obwohl der Richter den Beweis als unzulässig erklärte. Die Anweisung des Richters brachte also nichts.
Bei Erklärung der Unzulässigkeit von Beweisen kann auch Reaktanz der Jurymitglieder auftreten, was den gegenteiligen Effekt bewirkt. Denkbar ist auch, daß die Jurymitglieder durch diese Aussage des Richters geradezu sensitiviert werden für diese unzulässigen Einwürfe.

Welchen Einfluß hat die Presse im Vorfeld eines Prozesses?
KRAMER & al. (1990): ScheinJurymitglieder sollten die Informationen über frühere Verurteilungen eines Verdächtigen, die sie aus den Medien erhalten hatten, nicht verwenden. Es zeigte sich kein Unterschied zwischen denen, die diese Aufforderung erhalten hatten und denen, die sie nicht erhalten hatten.
Problem: Gerade diejenigen, deren Meinungen durch die Presse beeinflußt werden, verneinen diesen Einfluß auf sie, was es besonders schwierig macht, den Einfluß zu eliminieren.
Auch der Richter nimmt mit seiner Meinung indirekt Einfluß auf die Jurymitglieder. So fand man heraus, daß sich die Meinung des Richters in non-verbalen Verhaltensweisen ausdrücken kann.
Fazit: Die Wirkung einmal vorgebrachter Informationen kann oft nicht rückgängig gemacht werden.

Wie kann man den Effekt unzulässiger Zeugenaussagen minimieren?

  • Vorwarnungen des Richters, daß bestimmte Beweise unzulässig sind
  • Videoaufzeichnungen von Zeugenaussagen und Weglassen von unzulässigen Aussagen

10.1.4 Andere Themen

Möglichkeit einer harten Strafe (Todesstrafe) läßt Jurymitglieder zögern, jemanden schuldig zu sprechen.
Erfahrene Jurymitglieder urteilen anders als Neulinge.
Attraktivität des Opfers spielt eine große Rolle. So werden Angeklagte schärfer verurteilt, wenn das Opfer sympathisch ist oder sehr gelitten hat.

10.2 Geschworene als Individuen

Wie sind die Urteile der Jurymitglieder durch individuelle Dispositionen beeinflußt und welchen Einfluß hat ihr Zusammenspiel als eine Gruppe?

10.2.1 Auffassungsgabe der Geschworenen

Wie geht jeder einzelne Geschworene bei der Urteilsbildung vor?

  • Jurymitglieder versuchen eine Geschichte zu konstruieren, die die Beweise sinnvoll erscheinen läßt
  • Manipulation durch Ankläger durch ihre Darstellung des Falles als Geschichte (große Überzeugungskraft!)
  • Viele Jurymitglieder verstehen die juristischen Ausdrücke und Formulierungen nicht bzw. stellen sich etwas anderes darunter vor
  • Sie müssen ihre Erklärungen mit den Urteilskategorien vergleichen. Problem: Stimmen die oftmals jargongefüllten Urteilskategorien mit den Vorstellungen der Geschworenen überein?
  • Sogar wenn die Jurymitglieder Beweise, die auf statistischen Wahrscheinlichkeiten beruhen, richtig (!) verstehen, werden sie trotzdem nicht davon überzeugt (passende Geschichte ist wichtiger).

Gegenmaßnahmen:

  • Verständnis darüber, wie Jurymitglieder Fehlkonstruktionen von richterlichen Anweisungen und statistischen Informationen vornehmen
  • Abschrift von Informationen, damit sich die Jurymitglieder nicht nur auf ihr Gedächtnis verlassen müssen
  • Bessere Vermittlung (z.B. Veranschaulichung) der dargebotenen Information

10.2.2 Auswahl der Geschworenen

Können Gerichtsanwälte den Jury-Selektionsprozeß nutzen, um eine Jury ihrer Wahl zusammenzustellen? In gewisser Weise ja:

  • Bemühungen der Anwälte, eine wissenschaftliche Auswahl bzw. Ausschluß von Jurymitglieder zu treffen, die aufgrund ihrer individuellen Eigenschaften Vorurteile gegen ihre Klienten haben könnten.
  • Kunden von Jury-Auswahl-Firmen sind zufrieden
  • Einschränkungen wissenschaftlicher Geschworenenselektion:
  • vor allem bei mehrdeutiger Beweislage spielen Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften eine Rolle, ansonsten handelt es sich dabei um keine optimalen Prädiktoren
  • der Einfluß der Situation spielt eine wesentliche Rolle
  • Aussagekraft der Beweise ist trotzdem weitaus wichtiger als die individuellen Eigenschaften von Jurymitglieder

10.2.3 "Todesstrafen-qualifizierte" Geschworene

Bei Prozessen, in denen auch Kapitalstrafen (z.B. Todesurteile) ausgesprochen werden können, dürfen die Jurymitglieder die Todesstrafe grundsätzlich nicht ablehnen!
=> Einwand: Derartige Jurymitglieder sind keine repräsentative Stichprobe mehr und außerdem eher geneigt, harte Strafen auszusprechen (Vernachlässigung mildernder Umstände, Arroganz gegenüber Personen der unteren sozialen Schichten,...)

10.3 Die Geschworenen als Gruppe

Welche Gruppeneinflüsse kennen Sie?

  • Einfluß der Mehrheit: Zu 66% ist die Jury zu Beginn uneinig, zu 95% ist die Jury nach einer Diskussion einig => Gruppeneinfluß!
    Schema zur Vorhersage von Juryentscheidungen: "two-third-majority"-Schema: Die endgültige Entscheidung der Jury war die, für die zu Beginn mind. 66% der Jury stimmten.
    In 90% der Fälle fiel die Entscheidung der Jury auf das Urteil der Mehrheit bei der ersten Abstimmung
  • Einfluß der Minderheit: Ist am stärksten wenn die Minderheit konsistent, beharrlich, selbstbewußt ist und Überläufer von der Mehrheitsmeinung gewonnen werden können.
    Männliche Jurymitglieder mit hohem Sozialstatus haben meist den stärksten Einfluß
  • Gruppenpolarisation: Diskussion und Beratung verstärkt anfängliche Tendenzen.
    BRAY & NOBLE (1978): Studenten fällten anhand einer Videoaufzeichnung einen Schuldspruch in einem Mordprozess. Stark autoritäre Gruppen forderten anfangs 56 Jahre Freiheitsstrafe, nach Beratung 68 Jahre. Schwach autoritäre Gruppen forderten 38 Jahre Freiheitsstrafe, nach Beratung 29 Jahre.
  • HASTIE, PENROD & PENNINGTON (1983): Im Experiment wurden echte Mordprozesse nachgespielt mit erfahrenem Richter , echten Anwälten und 69 12-köpfigen Juries. Es zeigte sich, daß sich anfängliche Tendenzen verstärken.
  • Milde: Bei schwachen Beweisen / unsicherer Beweislage neigen Jurymitglieder zu Milde. Minderheiten, die sich für Freispruch einsetzen, haben größere Chancen, die Mehrheit umzustimmen als Minderheiten, die für eine Verurteilung stimmen.

10.3.4 Sind zwölf besser als einer?

Gruppen sind Einzelpersonen in vielerlei Hinsicht überlegen:

  • verbesserte Erinnerung an den Prozeß in Gruppen
  • Denkfehler haben einen geringeren Effekt in Gruppen
  • Konzentration auf Fakten und Zurückstellung von individ. Vorurteilen in Gruppen
  • verringerter Gebrauch von unzulässigen Beweisen

12-köpfige Jury ist besser als Individualurteil!

10.3.5 Aber sind sechs nicht vielleicht genauso gut?

Nein!
Überlegungen zu kleinen Juries:

  • Kleinere Jurys sind weniger repräsentativ für die Population
  • Minderheiteneinfluss ist kleiner in großen Jurys, d.h. Minderheiten sind unter Umständen stärker vertreten und können so Gruppendruck mehr Widerstand entgegenbieten.
  • Gruppendruck ist größer in großen Jurys => einstimmiges Urteil ist wahrscheinlicher

SAKS, NEMETH; DAVIS & al. (1975): Die Verteilung von Urteilen von kleinen oder nicht einstimmigen Juries unterschieden sich nicht viel von Verteilungen der Urteile von nicht einstimmigen 12-köpfigen Juries. Weitaus größere Effekte kann man bei den Beratungen sehen: Der Beitrag der Mitglieder zur Diskussion ist ausgeglichener in kleinen Jurys, aber der gesamte Beratungsumfang ist geringer.

Überlegungen zu nicht einstimmigen Juries: Bei Juries in denen keine Einstimmigkeit erzielt werden muß, werden Minderheitenmeinungen ziemlich oberflächlich diskutiert, sobald die notwendige Mehrheit erzielt worden ist.

10.4 Vom Labor ins Leben: Simulierte und echte Juries

Zweifel an der Übertragbarkeit der Laborexperimente auf die Realität sind teilweise berechtigt, aber es gibt im Augenblick keine bessere Methode, sozialpsychologische Fragestellungen zu Gerichtsprozessen zu untersuchen. Außerdem helfen die daraus gewonnen Erkenntnisse, Theorien und Prinzipien zu entwickeln, die helfen, die komplexe Realität zu interpretieren.
z.B. Repräsentativität einer "death-qualified" Jury bei Kapitalverbrechen

TEIL 3: Soziale Beziehungen

KAPITEL 11: Vorurteile: Andere nicht mögen

11.1 Die Natur und Kraft der Vorurteile

11.1.1 Was ist ein Vorurteil?

Nicht gerechtfertigte, negative Einstellung gegenüber einer Gruppe und ihren einzelnen Mitgliedern.

  • Vorurteile verzerren unser Urteil über eine Person alleine aufgrund ihrer spezifischen Gruppenzugehörigkeit.
  • Vorurteile sind eine Einstellung

ABC of Attitudes:

  1. affect (Gefühle)
  2. behavior (Verhalten) => Diskriminierung
  3. cognition (Kognition) => Stereotyp

Quellen für Vorurteile:

  • emotionale Assoziationen
  • Bedürfnis nach Rechtfertigung des Verhaltens
  • negative beliefs/ stereotypes

Stereotyp: Glaube über die persönlichen Eigenschaften einer Gruppe von Personen. Stereotype können zu stark verallgemeinert, falsch und resistent gegen neue Informationen sein.
Vorteil: Zutreffende Stereotype erleichtern den Umgang mit fremden Kulturen.
Gefahr der Überverallgemeinerung von Stereotypen und der Konfundierung von Faktoren (Scheinkorrelationen über Drittvariablen z.B. Armut einer Bevölkerungsgruppe)
Diskriminierung: Nicht gerechtfertigtes, negatives Verhalten gegenüber einer Gruppe und ihren einzelnen Mitgliedern.
Institutionelle Praktiken diskriminierenden Verhaltens sind:

  • Rassismus: Vorurteile und diskriminierendes Verhalten gegenüber Menschen einer bestimmten Rasse. Verhalten einer Institution, das Menschen einer bestimmten Rasse (oder auch mit irgendeiner anderen Eigenschaft) benachteiligt
  • Seximus: Vorurteile und diskriminierendes Verhalten gegenüber Menschen eines bestimmten Geschlechts. Verhalten einer Institution, das Menschen eines bestimmten Geschlechts benachteiligt.

11.1.2 Wie einflußreich sind Vorurteile?

11.1.2.1 Vorurteile bez. der Rasse

Viele Menschen hatten Vorurteile gegenüber Schwarzen:
CLARk & CLARK (1947): Afro-Amerikanische Kinder bevorzugten weiße Puppen gegenüber schwarzen Puppen, wenn sie die Wahl hatten.
Wachsende Zahl der afro-amerikanischen Kinder, die schwarze Puppen wählen von 50ern bis 70er Jahre.

Sind Vorurteile sind immer noch vorhanden?
Es ist heute nicht mehr "salonfähig", seine Vorurteile offen zu bekunden, doch ausgerottet sind die Vorurteile noch nicht.
Generell gilt: je privater/ intimer die Situation ist, desto größer sind die ausgedrückten Vorurteile bzw. Diskriminierung. Vorurteile finden sich vor allem in intimen, sozialen, zwischenmenschlichen Beziehungen. So würde man zum Beispiel in einem Geschäft einkaufen, das von einem Homosexuellen geführt wird, aber nicht zu einem homosexuellen Arzt gehen.
Dieses Phänomen der größten Vorurteile in den intimsten sozialen Bereichen scheint universell zu sein. So mag jemand z.B. in Indien aus einer höheren Kaste jemanden aus einer niedrigeren Kaste in sein Haus einladen, er würde jedoch nie so jemanden heiraten.

Subtile Formen von Vorurteilen:
DUNCAN (1976): Weiße Studenten sahen ein Video von einer Auseinandersetzung eines Weißen mit einem Schwarzen. Wenn der Weiße den Schwarzen schubste, werteten nur 13 % sein Verhalten als "gewalttätig", aber wenn der Schwarze den Weißen schubste, werteten 73% die Handlung als "gewalttätig".

"Moderner Rassismus" ersetzt offenkundigen Rassismus:
Diskriminierendes Verhalten tritt nicht auf, wenn das Verhalten wie ein Vorurteil aussieht:
Sondern wenn man das Vorurteil hinter einem anderen Motiv verstecken kann => (Unbewußte) Vorurteile bzw. Diskriminierung, die auftreten, wenn die Einstellung bzw. das Verhalten durch andere Motive begründet werden kann.
ROGERS und PRENTICE-DUNN (1981): Weiße Studenten verhielten sich gegenüber schwarzen Studenten weniger aggressiv als gegenüber weißen Studenten, solange das Opfer (es ging um ein "Verhaltensmodifikations-Experiment, in dem mit Elektroschocks gearbeitet wurde) die weißen Studenten nicht beleidigte. Beleidigte jedoch das Opfer den weißen Studenten, so gaben sie schwarzen Opfern mehr E-Schocks als weißen Opfern. Determinaten waren neben der Beleidigung Verärgerung, das Opfer konnte sich nicht wehren oder der weiße Student wußte nicht, von wem die Beleidigung kam (mehrdeutige Situation).
Derartige Vorurteile sind selten bewußt beabsichtigt, sondern wo wir es am wenigsten erwarten
INMAN und BARON (1996): Wir nehmen Diskriminierung gut wahr, wo wir es erwarten, z.B. ein Weißer diskriminiert einen Schwarzen. Wir entdecken allerdings Diskriminierung schlechter, wenn wir es nicht erwarten, z.B. Diskriminierung unter Schwarzen.
Offene Diskrimierung wird ersetzt durch automatische emotionale Reaktionen
DEVINE et al.(1989): Diejenigen, die ein hohes und ein niedriges Maß an Vorurteilen ausdrücken, sind sich dennoch der gleichen Stereotype bewußt und haben oft die gleichen automatischen Reaktionen. Sie unterscheiden sich darin, daß diejenigen, die nur wenige Vorurteile ausdrücken, ihre diskriminierenden Gedanken und Gefühle unterdrücken.
Vorurteile als unbewußte, unbeabsichtigte Antwort
GREENWALD & SCHUH (1994): Autoren mit nicht-jüdischen Namen zitieren Autoren mit nicht-jüdischen Namen um 40 % häufiger.

Zusammenfassung: In den letzten vier Jahrzehnten ist der offene Ausdruck von Vorurteilen stark zurückgegangen, praktisch verschwunden. Doch ist dieser durch einen "modernen" Rassismus ersetzt worden, der auf subtilere Weise diskriminiert.

11.1.2.2 Vorurteile über Geschlechter

Zwei Befunde vorweg:

Es existieren starke Geschlechtsstereotype. Mitglieder der stereotypisierten Gruppe akzeptieren die Stereotype
Geschlechtsstereotype sind stärker ausgeprägt als Rassenstereotype:
PORTER, GEIS, JENNINGS, WALSTEDT (1983): Studenten schätzen ein, wer auf dem Foto einer Projektgruppe am meisten zum Projekt beiträgt. Wenn die Gruppenmitglieder dasselbe Geschlecht hatten, wurde die am Kopf des Tisches sitzende Person ausgesucht. Waren Männer und Frauen abgebildet, wurden vor allem Männer ausgewählt, auch wenn keiner der Männer am Kopf des Tisches saß.

Sind Geschlechtsstereotype richtig?
SWIM (1994): Stereotype sind eine ungefähre Näherung für tatsächliche Eigenschaften von Männern und Frauen z.B. für Aggression, nonverbale Sensibilität.
MARTIN (1987): Frauen und Männer unterschieden sich in ihrer Selbsteinschätzung bzgl. ihrer Durchsetzungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen nur leicht. Es fanden sich aber starke Unterschiede bei ihrer Einschätzung, welcher Prozentsatz an Männern und Frauen in Nordamerika diejenigen Eigenschaften aufweist (Fremdeinschätzung).
Erklärung: Obwohl tatsächliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gering sind, sind die Stereotype vergleichsweise stark.

Positive Aspekte:

  • Abbau von Vorurteilen und Diskriminierung in den letzten Jahrzehnten bzgl. Stellung der Frau in der Gesellschaft (z.B. bei Arbeit, Haushalt, Bezahlung)
  • "women-are-wonderful"-effect (EAGLY, 1994):

Die meisten Menschen mögen Frauen lieber als Männer, da sie ein positives Stereotyp von Frauen als verständnisvoll, nett und hilfsbereit haben.
Positive Einstellung, jedoch muß sich diese Einstellung nicht zwangsläufig in Bewunderung ausdrücken
Im allgemeinen werden die Leistungen/ Arbeiten von Frauen und Männern nicht unterschiedlich bewertet (vgl. Vernachlässigung von base-rate-Information bei lebendiger Information über Individuum).

Negative Aspekte:
Es gilt auch hier ähnliches wie bei Rassenvorurteilen. Offenkundige Vorurteile verschwinden, aber subtile Verzerrungen überleben weiterhin.
Unterschwelliger Sexismus ist mit der Bogus-Pipeline z.B. bzgl. der Einstellung zu Frauenrechten feststellbar, aber auch mit Fragebogenuntersuchungen (SWIM & al. 1995)
Verdeckte Diskriminierung auch im Verhalten:
AYRES (1991): Bei einheitlichen Verhandlungsstrategien beim Autokauf (Selbstkostenpreis des Händlers. $11,000, mußten männliche Weiße am wenigsten ($11,362) zahlen, weibliche Weiße mehr ($11,504), männliche Schwarze noch mehr ($11,783) und weibliche Schwarze am meisten ($12,237).

Weitverbreitetes Phänomen:
Individuen fühlen sich nicht diskriminiert, wohl aber die Gruppe, der sie angehören z.B. Frauen, Arbeitslose, Afro-Amerikaner,...
Das heißt Diskrimierung ist etwas, mit dem ANDERE Frauen zu tun haben.
In nicht-westlichen Ländern ist die Diskriminierung von Frauen noch stärker. (z.B. Indien, China,...)

11.2 Soziale Quelle von Vorurteilen

Welche Sozialen Bedingungen fördern Vorurteile?

11.2.1 Soziale Ungleichheiten

11.2.1.1 Ungleicher Status und Vorurteile

Statusunterschiede fördern Vorurteile

Beispiel:

  • weiße Herren-schwarze Sklaven: => Schwarze sind dumm, primitiv, zufrieden mit ihrer untergeordneten Rolle

Ungleicher Status fördert Vorurteile. Existieren aber erst einmal die Vorurteile, so geben sie eine Rechtfertigung für die Ungleichheit
=> Diskriminierung fördert Vorurteile und Vorurteile fördern Diskriminierung
Stereotype dienten in den USA dazu, den niedrigeren Status von Schwarzen zu rechtfertigen.
Es erfolgt eine gegenseitige Verstärkung von Stereotypen und geschlechtsspezifische Rollen (z.B. Rolle der Frau als Kindererzieherin => Frauen sind fürsorglich).

11.2.1.2 Religion und Vorurteile

Kirchenmitglieder bzw. traditionelle / fundamentalistische Christen haben stärkere Vorurteile als Nicht-Mitglieder bzw. Nicht-Strenggläubige!
Aber Beachte: Keine Aussage über Kausalbeziehung! Denn:

Wenn Religion tatsächlich Vorurteile verursacht, dann sollten religiösere Kirchenmitglieder auch stärkere Vorurteile haben. Allerdings sprechen Befunde dagegen, daß dies grundsätzlich so ist:
Zusammenhang von Religion und Vorurteilen ist abhängig von der Fragestellung, d.h.

Religiosität als äußerliches Kennzeichen oder als Tiefe des Glaubens?
Bloße Kirchenmitgliedschaft und der Wille, zumindestens oberflächlich mit traditionellen Überzeugungen übereinzustimmen => je religiöser, desto mehr Vorurteile
Existiert jedoch eine tiefe religiöse Verbindung, konnten weniger Vorurteile beobachtet werden.
Kirchenmitglieder, für die Religion ihren Daseinszweck bestimmt, haben weniger Vorurteile als Kirchenmitglieder die Kirche als gemeinschaftliche Aktivität sehen.

Fazit: Religion hat eine paradoxe Rolle: Religion ermöglicht und verhindert gleichzeitig Vorurteile in Abhängigkeit der Bindungsqualität seiner Mitglieder

11.2.1.3 Einfluß der Diskrimination: Selbsterfüllende Prophezeiung

Folgen von Diskriminierung (nach ALLPORT)

  • Internale Schuldzuweisungen (Rückzug, Selbsthass, Aggression gegen die eigene Gruppe)
  • Externale Schuldzuweisungen (Angriffe, Verdächtigungen, erhöhter Gruppenstolz)

Diskriminierung als selbsterfüllende Prophezeiung

Soziale Einstellungen können tatsächlich selbstbestätigend sein:
WORD, ZANNA, COOPER (1974): Weiße interviewten weiße und schwarze Stellenbewerber.
Wenn der Bewerber schwarz war,

  • saßen die Interviewer weiter weg die Gespräche dauerten 25% kürzer
  • machten die schwarzen Bewerber 50% mehr Versprecher.

Bei einem Folgeexperiment wurden weiße Bewerber einmal als "Schwarze" behandelt und einmal als "Weiße". Als "Schwarze" Behandelte wurden auf den Videoaufzeichnungen als nervöser und weniger erfolgreich beurteilt als die Bewerber, die als "Weiße" behandelt wurden.
Stereotyp-Befürchtung: störende Besorgnis, daß man ein negative Stereotyp erfüllt. Situationen, in denen von einem erwartet wird, daß man schlechte Leistungen zeigen wird, erzeugen Angst und können daher die Erwartung erfüllen.
SPENCER & STEELE (1995): Frauen erbrachten die gleiche Leistung wie Männer bei einem schwierigen Mathematiktest, wenn ihnen vorher gesagt wurde, daß bei diesem Test Männer und Frauen gleich gut abschneiden. Die Leistung von Frauen war jedoch sehr viel schlechter als die der Männer, wenn vorher gesagt wurde, daß die Männer besser abschneiden werden. (vgl. Abb. 11-5 S. 405)

11.2.2 Ingroup und Outgroup

Ingroup: "Wir": Gruppe von Menschen, die ein Gefühl der Zusammengehörigkeit teilen, ein Gefühl einer gemeinsamen Identität.
Outgroup: "Sie": Gruppe von Menschen, die als signifikant unterschiedlich wahrgenommen wird zu der eigenen Ingroup.
Ingroup bias: Tendenz, die eigene Ingroup zu begünstigen.

Das folgende Experiment soll zeigen, mit welchen einfachen Mitteln es gelingen kann, die eigene Gruppe zu favorisieren und anderen "outgroups" zu benachteiligen:
TAJFEL & BILLIG ( 1974): Eine Gruppe Jugendlicher beurteilten abstrakte Bilder (KLEE vs. KANDINSKY). Danach wurde ihnen mitgeteilt, daß ihr Urteil mit dem Urteil einer anderen Gruppe Jugendlicher übereinstimmte. Bei der anschließenden Vergabe von Geld, wurde die eigene Gruppe bevorzugt (Aufteilung im Verhältnis ca. 10:5), selbst wenn man die Gruppenmitglieder der eigenen Gruppe gar nicht kennt. => Minimal Group Paradigma!

Wann tritt Ingroup bias auf?

  • je kleiner eine ingroup relativ zur outgroup ist, desto eher/stärker tritt der ingroupbias auf, desto stärker ist den Mitgliedern der Ingroup ihre Gruppenzugehörigkeit bewußt
  • selbst bei zufälliger Gruppenaufteilung ohne logische Grundlage
  • bei Erfolg der eigenen Gruppe: CIALDINI & al. (1976): Studenten gebrauchen bei einem Sieg der Footballmannschaft überwiegend die Formulierung "Wir haben gewonnen!" bei einer Niederlage "Sie haben verloren!".
    Identifikation mit der siegreichen Footballmannschaft ist stärker nach einem Mißerfolg (Schlechtes Ergebnis bei Kreativitätstest!)
  • selbst bei Erfolg eines Außenstehenden, z.B. eines Freundes, allerdings nur, wenn der Erfolg uns selbst nicht betrifft, z.B. wir als Psychostudenten können uns über eine BWL-Klausur unseres Freundes aufrichtig freuen, aber wohl kaum über das Bestehen der Klausur unseres Kumpels, während wir selbst durchgefallen sind!)

Wie läßt sich ingroup bias erklären?
Unser Selbstkonzept beinhaltet nicht nur unsere persönliche Identität, sondern auch unsere soziale Identität. Dadurch wird unser Selbstkonzept gestärkt.
social identity (vs. personal identity):Der "Wir"-Aspekt des Selbstkonzeptes. Der Anteil der Anwort auf die Frage "Wer bin ich?", der durch unsere Gruppenzugehörigkeit bestimmt wird. Beispiel: "Ich bin Australier." "Ich bin katholisch."

Aspekte des ingroupbias:

  • Aufwertung der ingroup
  • Abwertung der outgroup

Aufwertung der ingroup kann dazu führen, daß wir outgroups abwerten, allerdings ist diese Sequenz nicht automatisch!

11.2.3 Konformität

Sind Vorurteile erstmal etabliert, können sie durch reine Trägheit beibehalten werden. Wenn Vorurteile sozial akzeptiert sind, dann ist es der Weg des geringsten Widerstandes, sich dieser "Norm" anzupassen. Man handelt also nicht aus einem Willen heraus, zu hassen, sondern aus dem Willen heraus, von anderen (der ingroup!) akzeptiert und gemocht zu werden.
PETTIGREW (1958): Südstaatler und Südafrikaner hatte um so mehr Vorurteile, je konformistischer sie waren.
Also: Vorurteile werden größtenteils durch Trägheit / Gewohnheit und Konformismus (normativer und informationaler Einfluß) aufrechterhalten.

11.2.4 Institutionelle Unterstützung

Unterstützung von Vorurteilen durch soziale Einrichtungen z.B.

  • Schulen: Verwendung von Schulbüchern, mit Vorurteilen (z.B. Frauen als schwach und hilflos)
  • Massenmedien: Darstellung der Frau vorwiegend als Lustobjekt
  • Politik: Rassentrennung (Segregation) in Schulen in den USA

Institutionelle Unterstützung für Vorurteile gehen meist unbemerkt vor sich. Normalerweise sind es keine bewußten, hasserfüllte Versuche, eine bestimmte Gruppe zu unterdrücken, sondern es werden einfach die Annahmen und Vorurteile des jeweiligen Kulturkreises reflektiert.

Ein Beispiel für institutionalisierte Vorurteile:
ARCHER & al. (1983): In Zeitschriften und Zeitungen werden auf 66% aller Fotos von Männern ihre Gesichter abgebildet, aber nur auf weniger als 50% der Fotos von Frauen werden weibliche Gesichter abgebildet.
Menschen wirken auf Fotos intelligenter und durchsetzungsfähiger, wenn ihre Gesichter betont werden. (SCHWARZ & KURZ)
Geschlechtsstereotype werden dadurch gefördert.
Weitere Beispiele von Vorurteilen die durch Massenmedien verbreitet werden:

  • Indianer sind "Wilde"
  • Araber sind fanatisch
  • Frauen sind weniger intelligent
  • Japaner als "gelbe Gefahr" in amerikanischen Medien während II. Weltkrieg

11.3 Emotionale Quellen von Vorurteilen

11.3.1 Frustration und Aggression: Die Sündenbock-Theorie

Fehlplazierte Aggression: Umlenkung der Aggression tritt auf, wenn der Grund für Aggression furchteinflößend (Bär) oder nicht bestimmbar ist (allgemeine wirtschaftliche Depression).
Beliebte Sündenböcke der Gesellschaft:

  • outgroups (z.B. gierige Politiker, Unternehmer)
  • Minderheiten (z.B. Juden, Schwarze, Latinos)
  • statusniedrigere Schichten (z.B. faule Sozialhilfeempfänger)

Diese sogenannte Sündenbock-Theorie konnte bestätigt werden:
MILLER & BUGELSKI (1948): Arbeiter in einem Lager, die frustriert wurden (ausgefallener Theaterbesuch), zeigten stärkere Vorurteil gegenüber Japanern und Mexicanern als die nicht-frustrierte Kontrollgruppe.
Realistische Gruppenkonflikt-Theorie: Theorie, die besagt, daß Vorurteile aus dem Wettbewerb von Gruppen um knappe Ressourcen entstehen. Demnach ist maximaler Wettbewerb zu erwarten, wenn identische Bedürfnisse bestehen (Gause-Gesetz).
GREELEY & SHEATSLY (1971): Weiße, die der sozioökonomischen Schicht der Schwarzen am nächsten sind, haben die stärksten Vorurteile.

11.3.2 Personelle Dynamiken

FREUD: Menschen pflegen Ansichten und Einstellungen , die unbewußte Bedürfnisse befriedigen.

11.3.2.1 Need for Status and Belonging

I. Überlegenheitsgefühl
Ein höherer Status verleiht dem Statusinhaber ein Gefühl von Überlegenheit.
Status ist relativ, d.h. wird durch Menschen, die unter einem stehen, bestimmt
Vorurteile können dazu dienen, den eigenen Status zu erhöhen!!!
Vorurteile sind am stärksten bei Menschen unterer sozialer Schichten, denen sozialer Abstieg droht oder deren positives Selbstbild bedroht ist.

II. Sein eigenes EGO fördern
Man kann sein Selbstwertgefühl steigern, indem man andere Gruppen abwertet und die eigene Gruppe fördert.
CIALDINI & RICHARDSON(1980): Studenten, die durch ein schlechtes Ergebnis bei einem Kreativitätstest frustriert wurden, zeigten stärkere Vorurteile gegenüber einer anderen Universität als die nicht-frustrierte Kontrollgruppe.
Weitere Experimente zeigen, daß erniedrigende oder verunsichernde Erfahrungen Vorurteile oder Urteile über andere negativer werden lassen. (MEINDL & LERNER ,1984; AMABILE &GLAZEBROOK, 1982)

III. Der Wunsch, zu einer in-group zu gehören
Die Wahrnehmung eines gemeinsamen Feindes stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe. Eine verachtete Outgroup kann die ingroup stärken.

11.3.2.2 Die autoritäre Persönlichkeit

Es heißt, die emotionalen Bedürfnisse des autoritären Menschen tragen zu Vorurteilen bei.
Eigenschaften autoritärer Menschen:

  • ethnozentristisch: Glaube an die Überlegenheit der eigenen ethnischen und kulturellen Gruppe und eine entsprechende Verachtung für alle anderen Gruppen.
  • Intoleranz gegenüber Schwäche -Einstellung zugunsten von Bestrafung
  • Unterordnung und Respekt gegenüber Autoritäten der Ingroup ("Gehorsam und Respekt gegenüber Autoritäten sind die wichtigsten Erziehungsziele!")
  • in der Kindheit strenge Erziehung
  • starke Orientierung an Macht und Status
  • Richtig-Falsch -Denken

ADORNO & al. (1950): Vorurteile/Feindschaft gegenüber versch. Outgroups treten oft gemeinsam bei autoritären Persönlichkeitseigenschaften auf.
Korrelationen von autoritären Persönlichkeitsmerkmalen:

  • mit Sympathien für Apartheid
  • mit Sympathien für Folter
  • mit Vorurteilen gegen Schwarze, Schwule, Frauen,...

11.4 Kognitive Quellen von Vorurteilen

Vorurteile als Folge kognitiver Prozesse, die der Vereinfachung der komplexen Welt dienen.

11.4.1 Kategorisierung

Zusammenfassen von Objekten zu Gruppen
Durch Kategorisierung können wir leichter über Menschen nachdenken, weil dadurch nützliche Information mit minimalem Aufwand bereitgestellt wird
Umstände, die die Anwendung von Stereotypen erfordern:

  • Zeitdruck
  • Zerstreutheit
  • Müdigkeit
  • Emotionale Erregung
  • zu jung um Vielfalt zu bewerten

Experimente belegen unsere automatische Beurteilung von Menschen nach ihrer Rasse.
Kategorisierung ist aus sich selbst heraus noch kein Vorurteil, aber Kategorisierung kann eine Grundlage dafür bereitstellen.

11.4.1.1 Wahrgenommene Ähnlichkeiten und Unterschiede

Durch Kategorisieren von Objekten/Personen zu Gruppen werden die Ähnlichkeiten innerhalb der Gruppe und die Unterschiede zwischen den Gruppen überbewertet
Outgroup Homogenitäts-Effekt: Wahrnehmung, daß outgroup-Mitglieder einander ähnlicher sind als ingroup-Mitglieder untereinander. Deswegen:"sie sind einander ähnlich; aber wir sind verschieden".
Ingroup bias kann eine mögliche Folge dieses Outgroup Homogenitäts-Effektes sein, weil wir Leute, die uns ähnlicher sind, eher mögen als Leute, die uns von vornherein unähnlich sind.
Gute oder schlechte Stimmung kann diesen Effekt verstärken

Eine Gruppenentscheidung kann den (falschen) Eindruck von Einstimmigkeit der Gruppe erwecken. Ob jetzt die Entscheidung auf der Grundlage einer Mehrheitsentscheidung oder einer Exekutivkomiteeentscheidung entstanden ist, ist dabei irrelevant für den Beobachter von außen.
Beispiele für Outgroup Homogenitäts-Effekt:

  • "die" Schweizer (dabei gibt es Französisch-, deutsch-, italienisch-sprechende Schweizer)
  • "die" Latinos (dabei gibt es Mexikaner, Kubaner, Puerto Ricans)
  • "die" schwarzen Führer (dabei gibt es extreme (Malcolm X) vs. gemäßigte Führer (M. L. King))

Je größer die Vertrautheit mit einer Gruppe ist, desto differenzierter nehmen wir sie bzw. ihre Mitglieder wahr.
Menschen anderer Rasse sehen sich ähnlicher als Menschen der eigenen Rasse. Weiße können Gesichter von Weißen besser unterscheiden als Gesichter von Schwarzen
Dies own-race-bias ist ein automatisches kognitives Phänomen, das unabhängig von Rasseneinstellungen des Betrachters ist, aber:
JUNE (1985): Weiße Studenten hatten größere Schwierigkeiten, Gesichter von Japanern zu unterscheiden als Gesichter von Weißen. Durch Erfahrung (Paarweise Vergleiche von Japan. Gesichtern) konnte diese Fähigkeit deutlich verbessert werden.

11.4.2 Distinkte Reize

11.4.2.1 Distinkte Menschen

Distinkte Menschen und lebendige oder extreme Ereignisse ziehen Aufmerksamkeit auf sich (=> SALIENZ) und können daher unser Urteil verzerren.
Menschen, die durch bestimmte Eigenschaften sich von einer Gruppe abheben (z.B. ein Weißer unter lauter Schwarzen)

  • fallen besonders auf
  • erscheinen besonders einflußreich
  • gute bzw. schlechte Eigenschaften scheinen besonders ausgeprägt zu sein

Warum?

  • Leute, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, scheinen mehr Verantwortung an dem zu tragen, was passiert.
  • Die zusätzliche Aufmerksamkeit, die wir diesen Menschen oder Ereignissen schenken, schafft die Illusion, daß sie sich mehr von anderen unterscheiden als dies tatsächlich der Fall ist:

LANGER & IMBER (1980): Studenten sahen ein Video von einem lesenden Mann. Wenn ihnen gesagt wurde es handle sich um keinen durchschnittlichen Menschen (z.b. Krebspatient, Homosexueller, Millionär), beobachteten sie ihn mit mehr Aufmerksamkeit und nahmen vermehrt Eigenschaften war, die den lesenden Mann als noch ungewöhnlicher erscheinen ließen. Manchmal nehmen wir Reaktionen auf unsere Unterschiedlichkeit wahr, die gar nicht vorhanden sind:
KLECK & STRENTA (1980): Frauen dachten, daß sie an einem Experiment zur Feststellung der Reaktionen auf eine Gesichtsnarbe teilnehmen. Sie bekamen tatsächlich eine Narbe geschminkt, welche aber unter einem Vorwand unauffällig wieder abgeschminkt wurde. Bei anschließenden Gesprächen mit einer anderen Frau, beurteilten die Frauen "mit Narbe" ihre Gesprächspartner als angespannter, distanzierter und herablassender.
Bei der Beurteilung der gemachten Videobänder durch andere Beobachter konnte dies jedoch nicht festgestellt werden.

11.4.2.2 Distinkte Fälle

Wir benutzen distinkte Fälle, um schnell Gruppen beurteilen zu können. Problematisch dabei ist, daß distinkte, lebendige Fälle zwar leichter verfügbar sind, jedoch nur selten repräsentativ für die ganze Gruppe sind.
Repäsentativitätsheuristik / Verfügbarkeitsheuristik:
Bei der Bildung von Urteilen (über Gruppen) spielen die Lebendigkeit bzw. Abrufbarkeit von Informationen / Vorstellungen eine wichtige Rolle, wobei aber die Realität verzerrt wahrgenommen werden kann.
z.B. Die Zahl an Muslimen wird in westlichen Ländern grundsätzlich überschätzt
Wie beeinflussen distinkte Fälle Stereotype?
ROTHBART & al. (1978): Studenten wurden 50 Beschreibungen von Männer vorgelegt. Unter diesen waren entweder 10 Männer, die geringe Verbrechen begangen hatten (Bedingung I ) bzw. wurden 10 Beschreibungen von Männern vorgelegt, die schwere Verbrechen (Gewaltverbrechen) begangen hatten (Bedingung II). Nachher überschätzten die meisten Vpn in der Bedingung II die Zahl der Verbrecher.
Distinktivität der extremen Fälle => solche Fälle werden leichter erinnert.
Problem: je weniger wir über eine Gruppe wissen, desto größeren Einfluß haben distinkte, lebendige Fälle

11.4.2.3 Distinkte Ereignisse

Illusionäre Korrelation: Falscher Eindruck, daß zwei Variablen miteinander korrelieren. Selbst unter optimalen Bedingungen können ungewöhnliche Fälle unsere Aufmerksamkeit auf sich lenken und Illusionäre Korrelationen erzeugen.
HAMILTON & GIFFORD (1976): Es gab Beschreibungen von Gruppe A und Gruppe B. Von Gruppe A wurden doppelt so viele Beschreibungen geliefert als für Gruppe A. Aber das Verhältnis von erwünschtem zu unerwünschtem Verhalten war gleich. Die unerwünschten Handlungen von B waren daher weniger häufig und daher salienter.
Ergebnis: Gruppe B wurde harscher beurteilt, obwohl keine Voreingenommenheit anzunehmen ist.
Illusionäre Korrelationen werden wahrgenommen, wenn zwei ungewöhnliche Ereignisse gemeinsam auftreten.
Dieser Effekt wird durch Massenmedien extrem verstärkt: wenn z.B. ein Homosexueller einen anderen Menschen umbringt, wird mit ziemlicher Sicherheit seine Homosexualität erwähnt (weil diese seltener und daher distinkter ist), wenn jedoch ein Heterosexueller einen anderen Menschen umbringt, bleibt dieser Umstand zumeist unerwähnt.

Stereotype führen zu selektiver Wahrnehmung. Dabei wird schemakonsistente Info aufgenommen, andere ignoriert. Das führt dazu, daß unsere bereits existierenden Stereotype zu Wahrnehmungen führen, die gar nicht vorhanden sind:
HAMILTON & ROSE (1980): Im Experiment wurden Studenten Aussagen dargeboten wie "Doug, ein Bankangestellter, ist ängstlich und rücksichtsvoll". Obwohl verschiedene Berufe, wie Ärzte, Bankangestellte und Verkäufer, mit den verwendeten Adjektiven gleich oft kombiniert wurden, glaubten die Studenten, daß sie häufiger Berufs-Adjektiv-Kombinationen gelesen hätten, die ihren Stereotypen entsprachen.

11.4.3 Attribution: Ganz normal?

Der Fundamentaler Attributionsfehler spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Vorurteilen
=> bei der Attribution von Verhalten anderer Gruppen oder Personen tritt eine Vernachlässigung von situationalen Einflüssen und eine Überbewertung von personalen Einflüssen auf. So ist beispielsweise die Rasse oder das Geschlecht einer Person lebendig und aufmerksamkeitsfördernd.

Bsp: Verhalten von Schwarzen während Sklaverei

  • Vernachlässigung der Umstände (Sklaverei)
  • Attribution auf niedere Natur der Schwarzen

11.4.3.1 Verallgemeinern von Gruppen

Der fundamentale Attributionsfehler kann zur "Group-serving-bias" führen:
"Group-serving bias": Das "Wegerklären" von positiven Verhaltensweisen von Mitgliedern von outgroups.

  • Positives Verhalten von outgroup-Mitgliedern wird situational attribuiert.
  • Negatives Verhalten von outgroup-Mitgliedern wird personal attribuiert.

(Analog für Verhalten von Ingroup-Mitgliedern)

  • Aufwertung des Selbstkonzeptes durch Aufwertung der ingroup bzw. Abwertung der outgroup
  • positives Verhalten von outgroup-Mitgliedern wird als "Spezialfall" oder Glückssache betrachtet, der Situation oder besonderer Anstrengung zugeschrieben.
  • selbst die Sprache ist davon beeiflußt: positives Verhalten eines ingroup-Mitgliedes wird einer Disposition zugeschrieben("Lucy is helpful"), während das gleiche Verhalten bei einem outgroup-Mitglied einem isolierten, spezifischen Akt zugeschrieben wird("Lucy held the door open for somebody").

"Der von der anderen Gruppe hat nur geholfen, weil er sich davon einen Vorteil erhoffte."
"Der von unserer Gruppe hat geholfen, weil er ein hilfsbereiter, freundlicher Mensch ist."

11.4.3.2 "So ist halt das Leben": Das Just-World-Phänomen

LERNER et al (1978/80): Selbst das bloße Beobachten, daß eine Person unschuldig zu einem Opfer gemacht wird, genügt, um diese Person abzuwerten:
Aus einer Gruppe von Teilnehmern wird ein Mitglied (Vertrauter des Vl) "per Zufall" ausgelost, eine Gedächtnisaufgabe zu absolvieren. Die Person bekommt bei jeder falschen Antwort einen E-Schock. Nachdem das Opfer diese offenbar schmerzhaften Stromstöße hinter sich hatte, sollten die restlichen Vpn die Person bewerten.
Ergebnis: Wenn die Vpn unfähig waren, das Schicksal des Opfers zu ändern, wiesen sie das Opfer in ihrer Bewertung zurück und werteten es ab.
Just-World-Phänomen: Der Glaube, daß die Welt gerecht ist und Menschen das erhalten, was sie verdienen, und umgekehrt von dem, was sie erhalten haben darauf geschlossen wird, daß sie das auch verdient haben.
CARLI & al. (1989,1990): Vpn lasen einen Handlungsverlauf zwischen einem Mann und einer Frau. Die Geschichten waren identisch bis auf das Ende, das darin bestand, daß der Mann der Frau einen Heiratsantrag machte, bzw. , daß der Mann die Frau vergewaltigte.
Vpn sahen, daß jeweilige Ende als voraussagbar an und beurteilten das Verhalten der Frau als provozierend und weisen ihr die Schuld zu, wenn sie am Ende vergewaltigt wird.

  • Vermittlung des Glaubens an eine gerechte Welt durch Erziehung
  • Mögliche Erklärung für Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber sozialer Ungerechtigkeit ist, daß Ungerechtigkeit nicht wahrgenommen wird. (Jeder erhält, was er verdient. Jeder vedient, was er erhält.)
  • Abhängigkeit des Glaubens an eine gerechte Welt von sozioökonomischem Status. Menschen, denen es gut geht, glauben eher an eine gerechte Welt als Menschen, denen es schlecht geht.
  • Aber wenn wir Ungerechtigkeit WAHRNEHMEN, sind wir demgegenüber nicht völlig gleichgültig

11.4.4 Kognitive Konsequenzen von Stereotypen

11.4.4.1 Sind Stereotype selbsterhaltend?

Stereotype leiten Interpretationen und das Gedächtnis. Sie lassen uns bestätigende Hinweise geben, selbst wenn es keine gibt
Stereotype sind sehr resistent
Fehlinterpretationen sind wahrscheinlich, vor allem, wenn jemand erwartet, daß ein Zusammentreffen unangenehm sein wird:
ICKES & al. (1982): Studenten führten paarweise Gespräche, wobei der VL beiden vorher gesagt hatte, daß sie einen sehr unfreundlichen bzw. einen sehr freundlichen Gesprächspartner treffen würden. Obwohl beide Gesprächspartner in beiden Bedingungen einander freundlich behandelten, beurteilten die Studenten, die einen unfreundlichen Menschen erwartet hatten, ihr gegenüber negativer (weniger sympathisch, das freundliche Verhalten sei darauf zurückzuführen gewesen, daß sie ihn mit "Samthandschuhen" angefasst haben) als die Studenten die einen freundlichen Menschen erwartet hatten.
Zwar sind Stereotype sehr resistent, allerdings sind wir nicht völlig blind für Fakten, die unsere Stereotype entkräften. Dennoch:

  • Aufrechterhalten von Einstellungen / Stereotypen durch selektive Wahrnehmung
  • Aufrechterhaltung von Stereotypen durch Zusammenfassung von Ausnahmen zu einer neuen Kategorie (z.B. "fleißige, berufstätige Schwarze") è Gegenläufige Fakten werden auch berücksichtigt (z.B. Schwarze, die ordentliche Nachbarn sind)
  • Negative Stereotype lassen sich schlechter korrigieren als positive Stereotype, negative Stereotype sind leichter durch Mißattributionen aufrecht zu erhalten ("Das macht er ja nur, weil...!")

11.4.4.2 Beeinflussen Stereotype die Urteile einzelner?

Positive Fakten: Menschen bewerten oftmals Individuen positiver als die Gruppen, denen sie angehören. Stereotype über eine Gruppe haben also bei der Beurteilung eines individuellen Mitglieds dieser Gruppe, wenn überhaupt, nur einen minimalen Einfluß.
LOCKSLEY & al. (1980,1982): Studenten erhielten Situationsbeschreibungen, wie sich "Nancy" bzw. "Paul" in bestimmten Situationen verhalten. In der einen Gruppe verhielt sich die fiktive Person durchsetzungsfähig in der anderen Gruppe passiv z.B. bei Belästigung beim Einkaufen. Am nächsten Tag sollten die Studenten das Verhalten von "Nancy" bzw. "Paul" in anderen Situationen vorhersagen.
Es zeigte sich, daß keine geschlechtsspezifischen Stereotype auftraten, sondern das Verhalten der beiden fiktiven Personen individuell aus den am Tag zuvor erhalten Informationen vohergesagt wurde.
Möglicher Erklärungsansatz:

  • "base-rate-fallacy": das Wissen, wie sich die meisten Leute in dieser Situation verhalten, hatte wenig Einfluß auf die Vorhersage des Verhaltens eines beobachteten Individuums, wenn gleichzeitig
  • unbedeutende, aber lebendige Informationen über ein Gruppenmitglied dargeboten wird è dann kann dies zu einer Vernachlässigung der base-rate-Information führen

Leute können zwar starke Vorurteile hegen, diese jedoch bei der Beurteilung eines bestimmten Individuums ignorieren.

Wann schlagen Stereotype trotzdem durch?

  • starke Stereotype: Beurteilung unbekannter Individuen: DARLEY & GROSS (1983): I. Studenten sahen ein Video über "Hanna" (in der 4. Klasse), welches in der einen Gruppe in einem heruntergekommenen Stadtviertel gezeigt wurde, in der anderen Gruppe in einem hübschen Vorort einer Stadt. Bei der Beurteilung von Hannas Fähigkeiten in verschiedenen Fächern stützten sich die Vpn auf die Jahrgangsstufe, die Hanna besuchte und nicht (!) auf die Gegend, in der sie scheinbar aufgewachsen war.
  • Bei einem weiteren Experiment sahen andere Studenten ein Video darüber wie Hanna einen Sprachtest ablegt. Hanna beantwortete manche Fragen richtig und manche falsch (50 : 50). Einer Gruppe (I) von Studenten wurde Hanna als der Oberschicht zugehörig vorgestellt, einer anderen Gruppe (II) wurde sie als der Unterschicht zugehörig vorgestellt. Gruppe (II) bewertete die Leistung Hannas im gleichen Video (!) schlechter als Gruppe (I).
    Erklärung: Im ersten Experiment werden Vorurteile bewußt korrigiert. Beim zweiten Experiment beeinflussen Stereotypen die Wahrnehmung bzw. die Erinnerung unterbewußt/ automatisch, d.h. bei gleich vielen richtig oder falsch beantworteten Fragen, werden diejenigen Antworten erinnert die stereotypkonsistent sind.
  • Stereotype können Urteile verzerren, indem sie Kontrasteffekte produzieren. Eine Frau, die sich in einer Schlange vordrängt, mag bestimmter wirken als wenn die gleiche Handlung ein Mann macht.
  • Bei der Beurteilung einer Gruppe als Ganzes sind Stereotype auch sehr stark. Wir sind eher in der Lage, bei der Beurteilung einer Einzelperson Stereotype beiseite zu legen(s.o.).

11.4.4.3 Können wir Vorurteile reduzieren?

Maßnahmen zur Reduktion von Vorurteilen:

  • Vorurteile aufgrund von Statusungleichheit => Herstellung von kooperativen, statusgleichen Beziehungen
  • Diskriminierendes Verhalten => Vermeidung diskriminierenden Verhaltens (vgl. Emotion folgt Verhalten)
  • Soziale Institutionen, die Vorurteile hegen. Unterstützung von vorurteilsfreien Meinungen durch soziale Institutionen (z.B.Politik, Schulen, Massenmedien,...)
  • Outgroups, die der Ingroup unähnlich sind => Betonung der Individualität von Mitgliedern der outgroup

KAPITEL 12: Aggression: Anderen wehtun

12.1 Was ist Aggression?

Physisches oder verbales Verhalten, das darauf abzielt, andere Lebewesen zu verletzen / Schmerz zu bereiten.
Zwei Formen der Aggression können unterschieden werden:

  1. Hostile aggression: Aggression, die durch Zorn gesteuert und als Selbstzweck ausgeführt wird. (=> hot aggression)
  2. Instrumental aggression: Aggression die als Mittel zum Zweck dient. (=> cold aggression)

12.2 Theorien der Aggression

Drei Theorien sollen im folgenden untersucht werden:

  1. Es gibt einen angeborenen aggressiven Antrieb
  2. Aggression ist eine natürliche Antwort auf Frustration
  3. Aggressives Verhalten ist gelernt

12.2.1 Ist Aggression angeboren?

12.2.1.1 Instinkt-Theorie

FREUD: Aggression als umgeleiteter, selbstzerstörerischer, angeborener / instinktiver Todestrieb (Thanatos); nicht-adaptiv
LORENZ: Aggression ist angeboren/ instinktiv; adaptiv
Übereinstimmungen: Aggression ist instinktgeleitet, wenn sie nicht entladen wird, dann wird sie durch einen passenden Stimulus freigesetzt oder entlädt sich spontan selbst.

Wodurch wird die Instinkttheorie geschwächt?

  • Erklärung von Verhalten durch bloße Benennung, d.h.Verwechslung von Erklären und Benennen => zirkuläre Erklärungen: Verhaltensweisen wurden zu erklären versucht durch Klassifizierung als Instinkt.
    z.B. "Warum gruppieren sich Schafe in Herden zusammen?" => "Weil sie einen Herdentrieb haben!"
    "Woher weiß man, daß sie einen Herdentrieb haben?" => "Weil sie sich zu Herden gruppieren."
    => Zirkularität der Erklärung!
  • keine Erklärung der großen Variabilität von Aggression zwischen Kulturen oder Veränderungen in der Entwicklung

12.2.1.2 Biologische Einflüsse

1. Neuronale Einflüsse
In Tieren und Menschen sind Gehirnbereiche vorhanden, die Aggressionen hemmen oder erregen.
z.B. Dominanter Schimpanse wird durch Reizung eines aggressionshemmenden Gehirnareals furchtsam

2. Genetische Einflüsse
Durch erbliche Faktoren wird die Sensibilität des Nervensystems für aggressive cues beeinflußt:
LAGERSPETZ (1979): Die aggressivsten bzw. die friedlichsten Mäuse wurden untereinander gekreuzt. Nach 26 Generationen war die eine Population sehr aggressiv, die andere sehr friedlich. Eineiige Zwillinge gleichen sich eher in ihrer Aussage über eigene Aggressivität als Zweieiige Zwillinge

3. Biochemische Einflüsse
1) Wirkung von Alkohol:

  • verringert die Selbstaufmerksamkeit
  • erringert die Fähigkeit, sich Handlungsfolgen bewußt zu machen
  • Enthemmung (bei gewalttätigen Leuten) bzw. Förderung aggressiven Verhaltens
  • Deindividuierung

ABBEY & al. ( 1993): In Experimenten teilen alkoholisierte Personen stärkere Elektroschocks aus.
2) Wirkung von Testosteron

  • erhöhte Aggression bei männlichen Jugendlichen mit erhöhtem Testosteron
  • Abfall von Aggression und Testosteron nach 25. Lbj.
  • Korrelation von Testosteronspiegel und Aggression bei Gefängnisinsasse mit Gewaltverbrechen vs. Insassen mit nicht-gewaltätigen Verbrechen
  • Senkung von Aggression durhc testosteronhemmende Medikamente

Dies ist jedoch kein eindeutiger Ursache-Wirkungs-Zusammenhang!

12.2.2 Ist Aggression eine Antwort auf Frustration?

Frustration: Blockieren von zielgerichtetem Verhalten
Ersetzung: Umorientierung von Aggression zu anderem Ziel als der Ursache der Frustration. Im allgemeinen ist das neue Ziel ein sichereres oder sozial akzeptierteres Ziel.
Bsp.: Angestellter, der von seinem Chef fertiggemacht worden ist und der seinen Frust abends an der Ehefrau und den Kindern in Form unkontrollierter Wut ausläßt.
(ursprüngliche) Frustrations-Aggressions-Theorie (nach DOLLARD, 1939): "Frustration führt immer zu irgendeiner Art von Aggression" Aber es gab gemischte Ergebnisse: ab und zu wurde durch Frustration Aggressivität erhöht, manchmal nicht

12.2.2.1 Revidierte Frustrations - Aggression Theorie

Aggressions-Frustrations-Schema nach BERKOWITZ (1978, 1989): Ärger:

  • emotionale Bereitschaft für aggressives Verhalten
  • tritt auf, wenn uns jemand frustriert, der sich anders hätte verhalten können.

Auftreten von aggressivem Verhalten

  • ohne auslösende Reize (cues) => manchmal aggressives Verhalten
  • mit auslösenden Reizen (cues) => Verstärkung aggressiven Verhaltens

Der Anblick von Waffen ist so ein cue:
BURNSTEIN & WORCHEL (1962): Ein Vertrauter unterbricht die Problemlöseaktivitäten seiner Gruppe weil sein Hörgerät versagt. => Bei entschuldbarer Frustration folgt keine Aggression sonder Irritation.
BERKOWITZ & LEPAGE( 1967): Männer erteilten anderen Personen, die sie verärgert hatten mehr Elektroschocks, wenn eine Pistole oder ein Gewehr sichtbar waren als wenn ein Badmintonschläger sichtbar war.
Präsenzwirkung, Waffen lassen nicht nur Gewalt zu, sie können sie auch stimulieren

  • In Ländern, in denen der Besitz von Handfeuerwaffen beschränkt / verboten ist, treten weniger Mordfälle pro Jahr auf.
  • Handfeuerwaffen sind nicht nur aggressionsauslösende cues, sondern vergrößern auch den psychisch/emotionalen Abstand zwischen Täter und Opfer

12.2.2.2 Ist Frustration das gleiche wie Deprivation?

Frustration entsteht nicht nur aus Nicht-Haben oder Nicht-Erreichen von Zielen, sondern auch daraus, daß das tatsächlich Erreichte hinter den Erwartungen zurückbleibt. Es kann jemand sexuell unzufrieden sein ohne zölibatär zu leben!
Frustration = Erwartungen - Erreichtes

Durch steigende Erwartungen kann Frustration eskalieren, selbst wenn sich die Bedingungen verbessern.
Frustration entsteht also aus der Lücke zwischen Erwartungen und Erreichtem, also nicht alleine aus Mangel.

Beispiel:
Aufruhr in Detroit (1967): Obwohl sich die Lage der Schwarzen verbesserte, entstand eine der größten Unruhen in den USA in diesem Jahrhundert.
Möglicher Grund: Enttäuschung über die geringen Verbesserungen nach den Erfolgen der Schwarzen Bürgerbewegungen.

12.2.2.3 Hilft Geld gegen Frustration?

Fakten bezüglich des Zusammenhangs zwischen Glück und Geld sind nicht eindeutig:

  • Studenten erhoffen sich zwar, später wohlhabend zu sein (mehr Geld würde sie ein bißchen glücklicher machen.)
  • Durchschnittliches Einkommen in den USA hat sich verdoppelt ohne daß sich Amerikaner durchschnittlich glücklicher fühlen (eher weniger glücklich)

Dieser Trend, daß unser Wohlstand wächst, nicht jedoch unser Wohlergehen, läßt sich überall beobachten.

Anpassung an ein Level: Die Tendenz, sich an ein gegebenes Reizniveau anzupassen (z.B. Gehaltserhöhung) und auf Abweichungen von diesem Niveau zu reagieren. z.B. Erfolg und Versagen, Zufriedenheit und Unzufriedenheit
Anpassung an Erfolg: Steigerungen gegenüber einem bestimmten Niveau bereiten zunächst Freude. Doch wir adaptieren schnell an das neue Niveau, d.h. es bereitet keine Befriedigung mehr. Um neue Befriedigung zu finden, müssen wir uns gegenüber diesem neuen Niveau erneut nach oben absetzen.
COATES & JANOFF-BULMAN (1978): Lottogewinner halten ihren Lottogewinn für das schönste Ereignis in ihrem Leben. Trotzdem steigt ihr Allgemeines Glücksempfinden nicht an. Möglicherweise weil gewöhnliche Aktivitäten (z.B. gutes Essen) nicht mehr geeignet sind, Freude auszulösen.
Relative Deprivation: Die Wahrnehmung, daß man selber weniger gut dran ist als andere, mit denen man sich vergleicht.
Relative Deprivation wird ausgelöst durch Vergleiche mit besseren: Tendenz, sich mit Menschen, denen es besser geht zu vergleichen. Das bedeutet: man vergleicht sich damit, wo man hin will und nicht damit, wo man hergekommen ist. Bsp: gute Beförderungsaussichten des Air Corps führen zu größerer Unzufreideneheit als schlechte Aussichten bei Military Police

Ein möglicher Grund solcher Frustration heutzutage ist der Standard, der uns durch das Fernsehen und Werbesendungen herangetragen wird:
HENNIGAN & al. (1982): Anstieg der Diebstahlsrate bei Einführung von Fernsehen zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Städten beobachtbar. Erklärung: Wecken von Konsumwünschen durch Werbesendungen
Some Schlußfolgerungen

  • Zufriedenheit/Glück abhängig von Erwartungen
  • Adaptationsvermögen hilft Menschen, mit starken Lebensveränderungen fertig zu werden z.B. traumatische Ereignisse, Behinderungen,...=> Adaptation ist also auch nach unten möglich!
  • Erfahrungen, die unsere Vergleichsstandards senken, können unsere Zufriedenheit wieder herstellen:

DERMER (1979): Frauen fühlten nach einem Vergleich mit den Verhältnissen im 19. Jahrhundert oder bei der Vorstellung von möglichen, nicht eingetretenen, negativen Ereignissen (z.B. Verbrennungen im Gesicht) größere Lebenszufriedenheit.

12.2.3 Ist Aggression erlerntes soziales Verhalten?

12.2.3.1 Belohnung von Aggression

Durch Erfahrung und indem wir andere beobachten, lernen wir, daß sich Aggressivität oftmals auszahlt.
Aggressive Handlungen bewirken auf jeden Fall, daß die Aufmerksamkeit auf den Aggressor gelenkt wird.
Weitere Beispiele:

  • aggressive Hockeyspieler erzielen mehr Tore als nicht-aggressive Spieler
  • nach großen Unruhen (z.B. 1967 in Detroit) verstärken sich die Bemühungen, die Ursachen der Unruhen zu beheben.
  • Terrorismus bleibt als politisches Mittel wirksam, solange es mit einzelnen Terroranschlägen eine große Menge in Angst versetzen kann.

12.2.3.2 Beobachtungslernen

Soziale Lerntheorie (nach BANDURA): Theorie, die besagt, daß wir soziales Verhalten durch Beobachtung und Nachahmung und durch Belohnung und Bestrafung lernen.
BANDURA & al. (1961): Ein Kind spielt in einem Zimmer, wobei ein Erwachsener, der auch in diesem Zimmer ist, plötzlich anfängt, für 10 Minuten auf eine große aufgeblasene Puppe mit einem Kricketschläger einzuschlagen und rumzuschreien. Danach wird das Kind in ein anderes Zimmer geführt, in dem viele attraktive Spielsachen liegen, mit denen es jedoch nicht spielen darf. Nachdem es auf diese Weise frustriert wurde, wird das Kind in einen weiteren Raum geführt, in dem wieder eine aufgeblasene Puppe und ein Kricketschläger liegen. Kinder, die kein "aggressives Vorbild" hatten, zeigten kaum aggressives Spielverhalten, im Gegensatz zu Kindern, die den aggressiven Erwachsenen beobachtet hatten und dessen Verhalten nachahmten (Puppe mit Kricketschläger schlagen und rumschreien).
Bandura sagt, daß uns unser Alltag ständig aggressive Modelle durchführt:

  • in der Familie
  • in der Subkultur
  • in den Massenmedien

In der Familie:
Kinder, die mit körperlichen Strafen und Schreien erzogen wurden, neigen dazu, ähnliche aggressive Verhaltensweisen im Umgang mit anderen zu verwenden bzw. als Erwachsene mit größerer Wahrscheinlichkeit selber ihre Kinder zu schlagen.
Korrelation zwischen Fehlen eines Elternteils (meist der Vater) und kriminellen Verhaltens der Kinder vorhanden unabhängig von Rasse, Einkommen, Erziehung und Wohnort. Kinder, die ohne Vater aufwachsen, werden deshalb nicht unbedingt delinquent oder gewalttätig, allerdings ist das Risiko erhöht.
Die Subkultur und die Massenmedien
Wirkung von Massenmedien: Gewalt im Fernsehen bewirkt

  • gesteigerte Aggressivität
  • Abstumpfung gegen Gewalt
  • Verzerrung der Realität

Aggression ist am wahrscheinlichsten, wenn wir erregt sind und aggressives Handeln als sicher und erfolgversprechend erscheint.

12.3 Einflüsse auf Aggression

12.3.1 Unangenehme Ereignisse

12.3.1.1 Schmerz

Angriff bei Schmerz: Bei einem physisch oder psychisch aversiven Ereignis greifen viele Tiere automatisch jedes Tier oder sonstiges Objekt an, das in Reichweite ist.
Aggression wurde in diesen Tierexperimente induziert durch aversive Reize:

  • physischen Schmerz
  • große Hitze
  • psychologischer Schmerz (=Frustration)

BERKOWITZ (1983): Studenten, die ihre Hand in kaltes Wasser halten mußten erteilten anderen Personen stärkere Elektroschocks.

12.3.1.2 Hitze

Korrelation zwischen Aggression und belästigenden Gerüchen, Zigarettenrauch oder Luftverschmutzung GRIFFITT (1970): Studenten, die in einem unangenehm warmen Raum (über 30°) Fragebögen ausfüllten, neigten stärker zu Müdigkeit, Aggression und Feindschaft als in einem normal temperierten Raum.
Korrelation zwischen Aggression (Unruhen, Ausschreitungen) und Temperatur (heißes Sommerwetter) vorhanden, aber wahrscheinlich nicht ausschließlich auf direkten Einfluß der Hitze zurückzuführen, sondern auch auf unterstützende Drittvariablen. So kann etwa der Umstand eine Rolle spielen, daß bei Hitze die Menschen eher auf die Straße gehen und daß dann vielleicht Gruppenprozesse eine weitere Rolle spielen.

12.3.1.3 Angriffe

Beabsichtigte Angriffe oder Beleidigungen rufen in besonderem Maße Angriffe der Gegenseite zur Vergeltung hervor.
OHBUCHI & KAMBARA (1985): Studenten spielten ein Reaktionszeitspiel gegen einen programmierten Gegner, glaubten aber daß es ein anderer Student sei. Der Sieger durfte dem Verlierer einen Stromschlag erteilen. Studenten reagierten bei starken erhaltenen Stromschlägen mit dem Austeilen von starken Stromschlägen.

12.3.1.4 Gedränge

Subjektives Gefühl von Platzmangel für das Individuum

  • Crowding bedeutet Stress
  • man hat ein vermindertes Gefühl von Selbstkontrolle

In Tierexperimenten führte Überpopulation von begrenzten Revieren zu erhöhter Aggressivität
Dichtbesiedelte Stadtgebiete weisen eine höhere Kriminalitätsrate und stärkeren emotionalen Distress auf

12.3.2 Erregung

Wie interpretieren wir unsere körperlichen Zustände?
SCHACHTER & SINGER (1962): Vpn wurde Adrenalin injiziert. Einer Gruppe (I) wurde gesagt, daß durch das Hormon Erröten, Herzklopfen, und schnellere Atmung hervorgerufen würde. Der zweiten Gruppe (II) wurde keine Information über die Wirkung der Injektion gegeben. Anschließend warteten die Vpn gemeinsam mit einer euphorischen oder ärgerlichen Person. Während in der Gruppe (I) die Vpn wenig Emotionen verspürten, da sie ihre körperlichen Symptome auf die Injektion attribuieren konnten, empfanden die Vpn der Gruppe (II) verstärkt Euphorie bzw. Ärger.
Körperliche Erregung verstärkt Emotionen, abhängig davon, wie die Person die Erregung interpretiert und benennt.
Theorie von Schachter & Singer: Zwei-Faktoren-Theorie der Emotion
Emotion ergibt sich aus der physiologischen Erregung und aus der kognitiven Bewertung. Es handelt sich um eine generelle, nicht differenzierte Erregung, die zuerst vorliegt. Die Kognition ist dazu da, die Etikettierung dieses unbestimmten inneren Zustandes festzulegen.
Kritik:

  • Andere Experimente weisen darauf hin, daß Erregung nicht als neutraler Verstärker von beliebigen Emotionen wirkt => einige emotionalen Zustände rühren von differenzierten physiologischen Erregungszuständen her.
  • Es wird nicht mehr angenommen, Emotionen folgten notwendigerweise aus der Etikettierung unerklärter Erregungen oder gar, physiologische Erregung sei eine notwendige Grundlage jeglicher emotionalen Erfahrung.

Trotzdem kann körperliche Erregung praktisch jede Emotion verstärken. Erregung, die aus irgendeiner Quelle herrührt, selbst körperliche Anstrengung oder sexuelle Erregung, kann durch die Umwelt in praktisch jede Emotion, z.B. Ärger umgewandelt werden. So können auch leicht Fehlattributionen vorgenommen werden (das wäre ein Beleg für die S&S-Theorie).
Verschiedene formen von Erregung können sich gegenseitig verstärken (z.b. sexuelle Erregung, Angst,...) ( vgl. Erregungstransfer nach ZILLMAN)

12.3.3 Die Medien

Anstieg von gewalttätiger Kriminalität vor allem unter Jugendlichen
Ursachen: ein eindeutiger Ursache-Wirkungs-Zusammenhang kann nicht erstellt werden, allerdings ist es auffällig, daß mit Zunahme der Kriminalität auch der Fernsehkonsum und vor allem der Inhalt der Fernsehsendungen sich stark verändert hat.

12.3.4 Pornografie und sexuelle Gewalt

Mögliche Wirkungen von Pornographie:

  • Verringerung der Attraktivität eines weniger aufregenden Partners
  • gesteigerte Akzeptanz von außerehelichem Sex und der Unterordnung von Frauen
  • Verstärkte Betrachtung von Frauen als Sexualobjekte

Mögliche Wirkungen von Darstellung sexueller Gewalt:

  • Verzerrung der Wahrnehmung der tatsächlichen Reaktionen von Frauen auf sexuellen Zwang (Frauen verhalten sich in Wirklichkeit anders als dies im Fernsehen gezeigt wird.
  • Steigerung der Aggressivität von Männern gegenüber Frauen

12.3.4.1 Verzerrte Wahrnehmung der sexuellen Realität

Bewirkt das Schauen sexueller Gewalt im Fernsehen, daß der Mythos der "begehrenden Frau nach sexueller Gewalt" verstärkt wird?
MALAMUTH & CHECK (1981): Einer Gruppe (I) von Männern wurden zwei nicht-sexuelle Filme gezeigt, einer anderen Gruppe von Männern wurden zwei Filme gezeigt, in denen ein Mann sexuelle Gewalt gegenüber Frauen verübte. Männer der Gruppe (II) waren nach einer Woche eher bereit, sexuelle Gewalt gegenüber Frauen zu akzeptieren.
LINZ & al. (1988): Männer, die brutale Splatter-Filme gesehen hatten, neigten dazu, gegenüber Brutalität abzustumpfen und weniger Sympathie für Vergewaltigungsopfer zu empfinden.

12.3.4.2 Aggression against Women

Alarmierende Statistiken:

  • Mit der Verbreitung von Pornographie in den 60er und 70er Jahren stieg die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen steil an
  • hohe Korrelation von Verkaufszahlen von Pornoheften und Vergewaltigungszahlen in 50 verschiedenen Staaten
  • ca. 20% der Studentinnen in verschiedenen Ländern sind schon vergewaltigt worden bzw. wurden zu vergewaltigen versucht.
  • 33% von männlichen Studenten geben zu, daß eine geringe Möglichkeit bestünde, daß sie eine Frau vergewaltigen, wenn niemand davon erführe und sie nicht bestraft würden.
  • Straftäter von Vergewaltigungen zeigen exzessiven Gebrauch von pornographischen Materialien
  • Wenn man Pornographie ausgesetzt ist, erhöht das strafendes Verhalten gegenüber Frauen
  • Männer, die sich in einer sexuell aggressiven Art und Weise verhalten, zeigen Dominanz und Feindseligkeit gegenüber Frauen und sind sexuell erfahren

DONNERSTEIN (1980): Männliche Studenten sahen entweder einen neutralen Film, einen erotischen Film, oder einen aggressiv-erotischen Vergewaltigungsfilm. Bei einem anderen davon scheinbar unabhängigen Experiment mußten die Männer einem anderen männlichen oder weiblichen Vertrauten des Versuchsleiters sinnlose Silben lernen lassen, indem sie falsche Antworten mit Elektroschocks bestraften. Männer, die den Vergewaltigungsfilm gesehen hatten verteilten deutlich stärkere Elektroschocks, aber nur an Frauen(!).

12.3.4.3 Bewußtsein über die Medien

Möglichkeiten zur Prävention: => Bewußtmachen der Problematik, d.h. des verzerrten Frauenbildes in der Pornographie und der Vermischung von Gewalt und Sexualität und Korrigieren der falschen Vorstellungen
Positives Beispiel: Rückgang des Zigarettenkonsums

12.3.5 Fernsehen

Fernsehen spielt in der industrialisierten Welt eine zentrale Rolle (durchschnittlicher Fernsehkonsum 4h pro Tag)
Welche sozialen Modelle werden vorgespielt?
In zwei von drei Programmen wird Gewalt gezeigt
Stimuliert die im Fernsehen gezeigte Gewalt gewalttätiges Handeln?
Katharsis: Emotionale Freisetzung. Nach der Katharsis-Theorie wird der Aggressionstrieb dadurch verringert, wenn aggressive Energie freigesetzt wird entweder durch aggressives Handeln oder aggressive Phantasien.

Wie beeinflußt das Fernsehen das Verhalten und das Denken des Zuschauers?

12.3.5.1 Einfluß des Fernsehens auf das Verhalten

Aggressivität und Fernsehkonsum bzw. Konsum von gewalttätigen Programmen korrelieren miteinander.
Beachte: korrelative Untersuchungen sind keine Erklärung, da Drittvariablen eine Scheinkorrelation hervorrufen können
Wie können alternative Erklärungen getestet werden? Es wird eine partielle Korrelation durchgeführt, indem die mögliche Drittvariable herauspartialisiert wird!

BELSON (1978): Jungen, die viel bzw. wenig Gewalt im Fernsehen sehen, haben mehr bzw. weniger aggressive Handlungen in den letzten 6 Monaten ausgeführt (z.B. Telefonhäuschen kaputt gemacht).
Korrelation bleibt auch nach Berücksichtigung von möglichen Drittvariablen bestehen! => Kinder waren aggressiver aufgrund ihres hohen Fernsehkonsums!
ERON & HUESMANN (1980, 1985): Bei Achtjährigen korreliert das Sehen von Gewalt im Fernsehen mit Aggressivität auch nach statistischer Kontrolle von Drittvariablen.
Schauen von Gewalt im Fernsehen mit 8 Jahren sagte Aggressivität im Alter von 19 Jahren voraus.
Aber Aggressivität im Alter von 8 Jahren sagte nicht Schauen von Gewalt im Fernsehen mit 19 Jahren voraus.
Fernsehschauen => Aggressivität und nicht umgekehrt
Mordraten korrelieren mit der Einführung von Fernsehen zu verschieden Zeiten in verschiedenen Ländern (deutlicher Anstieg!)

BANDURA & WALTERS (1963): Wiederholung des Experiments von Bandura, wobei die aggressive Handlung auf Video vorgespielt wird. => gleicher Nachahmungseffekt von aggressivem Verhalten durch Kinder
Allgemein: diese Studien bestätigten, daß das Beobachten von Gewalt aggressives Verhalten verstärkt.
BOYATZIS & al. (in press): Grundschulkinder, die die aggressive Zeichentrickserie "Power Rangers" gesehen hatten, führten 7mal soviel aggressive Handlungen pro 2 Minuten durch als Kinder, die die Serie nicht gesehen hatten.
Sehen von Gewalt führt zu (mäßiger) Steigerung von gewalttätigem Verhalten. Der Zusammenhang zwischen antisozialen Modellen und antisozialem Verhalten ist allerdings nicht überwältigend. Trotzdem: das Schauen von Gewalt steigert gewalttätiges Verhalten.

Fernsehen ist nur ein Grund von vielen für die Zunahme von Gewalt
Mögliche Erklärungen:

  • Nicht der aggressive Inhalt der Sendungen verursacht aggressives Verhalten, sondern die ausgelöste Erregung.
  • Sehen von Gewalt wirkt enthemmend durch eine scheinbare Legitimation von Gewaltanwendung.
  • Sehen von Gewalt regt zur Nachahmung an.

Prosoziales Verhalten: Positives, konstruktives, hilfsbereites soziales Verhalten; das Gegenteil von antisozialem Verhalten
Durch im Fernsehen gezeigtes prosoziales Verhalten kann auch prosoziales Verhalten gefördert werden

12.3.5.2 Einfluß des Fernsehens auf das Denken

Bei langem Fernsehkonsum kann man gegenüber Gewalt abstumpfen (psychisches Abstumpfen):
CLINE & al. (1973): Jungen sahen einen brutalen Boxkampf, wobei die physiologische Erregung gemessen wurde. Im Gegensatz zu den Jungen, die wenig fernsahen, beobachteten die Kinder, die gewohnheitsmäßig fernsahen, den Kampf mit Gleichgültigkeit.
Adaptation: Abstumpfen gegen Reizwiederholungen (z.B. Brutalität)

Verzerrungen der Wahrnehmungen der Realität: GERBNER & al. (1979): Jugendliche und Erwachsene, die viel fernsehen (> 4h pro Tag), überschätzen die Häufigkeit von Gewalt in der Welt und haben mehr Angst, persönlich überfallen zu werden als andere, die wenig fernsehen (< 2h pro Tag).

12.3.6 Gruppeneinflüsse

Faktoren, die bei Individuen Aggression hervorrufen, wirken auch bei Gruppen
Verstärkung von Aggression durch zusätzlich wirkende Faktoren:
1) Verantwortungsdiffusion:

  • durch Distanz zum Opfer
  • bei zunehmender Gruppengröße
  • Deindividuation

GAEBELEIN & MANDER (1978): Studenten sollten entweder als "front-line subjects", die den "Schockempfängern" unmittelbar die Elektroschocks erteilten, oder als "Berater", die die Erteilung eines Elektroschocks bestimmter Stärke empfahlen, bei der Erteilung von Elektroschocks" mitwirken. Wenn die "Schockempfänger" die "front-line subjects" provozierten, waren sich die "front-line subjects" und die "Berater" über die Stärke der Stromschläge einig. Wurden die "front-line subjects" jedoch nicht provoziert, dann erteilten die "front-line subjects" weniger starke Stromschläge als ihnen von "Beratern" empfohlen wurde.
=> Effekt der größeren Distanz zum Opfer!

Entwicklung einer Gruppenidentität

  • Konformitätsdruck (social contagion = soziale Ansteckung)
  • Deindividuierung


Polarisierung aggressiver Handlungen:
JAFFE & YINON (1983): Männliche Studenten teilten Elektroschocks an angebliche Vpn aus, die sie verärgert hatten. Wenn sie in einer Gruppe waren, erteilten sie den anderen Vpn stärkere Elektroschocks als wenn sie alleine waren.
In einem anderen Experiment (JAFFE & al., 1981) erteilten die Vpn anderen angeblichen Vpn im Verlauf des Experiments immer stärkere Elektroschocks, was durch Gruppenentscheidungen noch verstärkt wurde.
=> Gruppeneffekt!

12.4 Aggression reduzieren

12.4.1 Katharsis

Katharsis-Theorie (Hydraulik-Modell): Emotionale Energie verringert sich durch Freisetzung von "angestauter" Emotion
z.B. Aggressionstrieb verringert sich durch Freisetzung von "angestauter" Aggression
Mögliche Wege zur Freisetzung von emotionaler Energie:

  • Ausleben von Emotionen durch verschiedene Handlungen
  • Beobachten des Auslebens von Emotionen (z.B. im Theater)
  • Erinnern und Durchdenken/ Durchleben von emotionalen Ereignissen

HOKANSON &al. (1961, 1962, 1966): Die Erregung (gemessen als Blutdruck) von Studenten, denen erlaubt wurde, auf eine Provokation mit einem Gegenangriff zu reagieren, kehrt schneller wieder zum Normalwert zurück als in der Kontrollgruppe.
Beachte: Der beruhigende Effekt von Katharsis tritt nur auf, wenn..:

  • Ziel der Aggression ist mit dem Provokateur identisch (kein Ersatzobjekt!)
  • Aggression muß gerechtfertigt sein
  • Ziel der Aggression darf nicht beängstigend sein.

damit sich die Person nachher nicht schuldig oder ängstlich fühlt!

Bewirkt eine derartige Aggression eine Reduzierung spätere Aggression?
EBBESEN & al. (1975): Ingenieure wurden durch Benachrichtigung über zu leistende Überstunden verärgert. Eine Gruppe (I) bekam, die Möglichkeit, ihrer Aggression in einem Fragebogen zum Thema "Welche Beispiele für unfaire Behandlung durch die Firma fallen Ihnen ein ?"
Ausdruck zu verleihen, während die Kontrollgruppe (II) dies nicht konnte. Danach bekamen beide Gruppen einen Fragebogen bezüglich ihrer Einstellung zu ihrer Firma.
Ergebnis: Gruppe (I) zeigte größere Feindseligkeit/Aggression gegenüber ihrer Firma

=>Korrelative und Experimentelle Untersuchungen weisen darauf hin, daß Katharsis nur in wenigen Fällen eine Verringerung der Emotionen bewirkt, und statt dessen meistens die Emotionen noch verstärkt werden. Der Ausdruck der Feindseligkeit bewirkte nur noch mehr Feindseligkeit!

Weitere Möglichkeit zum Abbau von Aggression:
Formulierung von neutralen "Ich"-Aussagen statt anklagender "Du"-Aussagen:
z.B. "Ich bin verärgert!" statt "Du machst mich mit Deiner Art ärgerlich !"

12.4.2 A Soziales Lernen

Reduktion von Aggression durch Verringerung der fördernden Faktoren:

  • Vermeiden von übertriebenen Erwartungen => Vermeidung von Frustration
  • Belohnung von nichtaggressivem Verhalten
  • Bestrafung von aggressivem Verhalten wirkt nur unter den Bedingungen:
    starke, unmittelbare und sichererer Strafe
    kombiniert mit Belohnung von nicht-aggressivem Verhalten
    Bestrafter darf nicht wütend sein
    Beachte: Bestrafung kann auch gegenteiligen Effekt haben!!! (Reaktanz)
  • Prävention: Aufklärungsarbeit und Anti-Aggressionstraining von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen,... über Erziehungsstile, Wirkung von Gewalt im Fernsehen,...
    Vermeidung von aggressiven Stimuli (z.B. Beschränkung von Handfeuerwaffen, Kriegsspielzeug)
    Unterrichten von nicht-aggressiven Konfliktlösungssstrategien

KAPITEL 13: Attraktivität und Intimität

Intimitätsmotiv: Motivation, mit anderen Lebewesen Beziehungen einzugehen, die fortlaufende, positive Interaktionen gewährleisten.
Gründe für unser starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft:

  • Gemeinschaft erhöhte Überlebenschancen ihrer Mitglieder
  • Anziehung bzw. Gemeinschaft zwischen Eltern führt zu Kindern und erhöht Überlebenschancen des Nachwuchses
  • ausgelöste Glücksgefühle durch Lieben und Geliebt-werden
  • Einsamkeit und Isolation machen unglücklich, ängstlich

13.1.1 Zusammenhang mit der Gesundheit

Enge Beziehungen fördern die Gesundheit. Der Verlust solcher Bindungen erhöht das Krankheitsrisiko.
Mögliche Gründe: Menschen mit engen Beziehungen...

  • ...essen besser
  • ...treiben mehr Sport
  • ...trinken und rauchen weniger
  • Hilfe durch Freunde bei Bewältigung von Streß
  • Steigerung des eigenen Selbstwertes
  • Ablenkung von Problemen
  • Gefühl, gemocht zu werden

Witwen haben eine doppelt so hohe Sterblichkeit in der ersten Woche nach dem Tod des Gatten
PENNEBAKER & O'HEERON (1984): Die Gatten von Selbstmord- oder Unfallopfern hatten weniger gesundheitliche Probleme, wenn sie ihren Kummer offen ausdrückten.
PENNEBAKER (1990): Frauen, die sexuelle Traumata erlebt hatten, hatten mehr gesundheitliche Probleme (Kopfschmerzen, Magenleiden, etc.) als Frauen, die nicht-sexuelle Traumata erlebt hatten. Dies gilt besonders für Frauen, die ihre Probleme für sich behalten hatten.
Betrogene Gatten zeigten solange erhöhten Muskeltonus, (z.B. beim Erzählen von alltäglichen Ereignissen) bis sie das Problem, das sie plagte, erzählten.

13.2 Freundschaften

Welche Faktoren bedingen Attraktivität und damit den Beginn einer Freundschaft?

  • geographische Nähe
  • physische Attraktivität
  • Ähnlichkeit
  • Das Gefühl, gemocht zu werden

13.2.1 Geographische Nähe

Präziser ausgedrückt: "funktionale Distanz" (d.h. "wie oft man sich über de Weg läuft") beeinflußt Sympathie sehr stark.
Beispiel: oft Heirat von räumlich "benachbarten" Menschen
Nähe kann jedoch auch Feindseligkeit nähren

13.2.1.1 Interaktion

Interaktion mit anderen Personen ermöglicht:

  • Feststellen von Ähnlichkeiten
  • festzustellen, daß der Andere einen mag
  • sich und den anderen als soziale Einheit zu betrachten

Man kann mit fast jedem eine enge Freundschaft haben, der einem wiederholt begegnet, ungefähr ähnliche Eigenschaften hat und unsere Zuneigung erwidert.
LYKKEN & TELEGEN (1993): Trotzdessen, daß eineiige Zwillinge genetisch identisch sind, mögen nur 50% der Zwillinge die/den Verlobte(n) ihres anderen Zwillings bzw. sagen nur 5% der Zwillinge, daß sie sich in die Verlobte /den Verlobten ihres zwillings verliebt haben könnten!
=> geringe Bedeutung von angeborenen Partnervorlieben, große Bedeutung von individuellen Erfahrungen

Warum fördert Nähe Sympathie?
Nähe fördert Sympathie aufgrund der Verfügbarkeit des anderen, d.h. man kann keine Freundschaft mit jemand eingehen, den man nicht kennt.
Warum führt Nähe öfter zu Anziehung als zu Feindseligkeit?...

13.2.1.2 Erwartung einer Interaktion

Die bloße Erwartung von Interaktion fördert Sympathie:
DARLEY & BERSCHEID (1967): Weibliche Vpn erhielten diverse Informationen über zwei andere Frauen, von denen sie eine zu einem vertraulichen Gespräch treffen sollten. Die weiblichen Vpn empfanden mehr Sympathie für die Frau, die sie treffen sollten.
Eine positive Erwartung, d.h. daß wir von der erwarteten Person annahmen, sie sei freundlich und verständnisvoll, erhöht die Chance einer belohnenden Partnerschaft.
Adaptive Bedeutung: unser Leben ist angefüllt mit Beziehungen, die wir uns nicht aussuchen können. Wenn wir solche Leute mögen, ist das sicherlich einer besseren Beziehung dienlich und führt so zu einem glücklicheren Leben

13.2.1.3 Einem Reiz ausgesetzt sein

"Mere-exposure Effect":Tendenz, daß neue Reize positiver beurteilt werden, nachdem der Beurteiler den Reizen wiederholt ausgesetzt war.
ZAJONC (1968): Studenten bekamen türkische Wörter und chinesische Ideographen vorgelegt, deren Bedeutung sie nicht kannten und männliche Gesichter, die sie nicht kannten. Bei einer anschließenden Beurteilung wurden sie befragt, welche der Worte wohl etwas gutes bedeuten
=> Diejenigen Worte oder Zeichen, die sie am häufigsten präsentiert bekamen, wurden auch am wahrscheinlichsten als etwas Gutes eingestuft.
"Mere exposure" führt selbst dann zu Sympathie, wenn sich die Leute einer bloßen Aussetzung nicht bewußt sind:
ZAJONC, KUNST-WILSON & MORELAND (1977): Studenten hörten über Kopfhörer auf einem Ohr eine Geschichte, deren Wortlaut sie mitlesen mußten, während auf dem anderen Ohr verschiedene Melodien gespielt wurden.
Obwohl die Studenten kaum eine dieser Melodien wiedererkannten, beurteilten sie die Tonfolgen, die ihnen bereits vorgespielt wurden, am "positivsten".
=>nach ZAJONC (1980) gilt: Emotionen sind oft spontaner und primitiver als Kognition!
=>Vorurteile nicht als Folge falscher Einstellungen, sondern Einstellungen als Rechtfertigung der empfundenen Gefühle.

Der mere-exposure effect färbt auch die Bewertung anderer ein:
MITA, DERMER & KNIGHT (1977): Von Frauen wurden zwei Fotos gemacht. Das eine Foto zeigte die Frauen so wie sie von anderen wahrgenommen wurden. Das zweite Foto zeigte das Spiegelbild der Frauen. Während die Frauen selber das Spiegelbild-Foto bevorzugten, d.h. das Foto auf dem sie sich sahen, so wie sie es gewohnt waren sich zu sehen, entschieden sich enge Freunde für das Normal-Foto, welches der von ihnen gewohnten Sichtweise entsprach.
Weiter Anwendungen des mere-exposure effects:

  • Wirtschaft: z.B. Werbung für Produkte
  • Politik: z.B. Wahlkampf

13.2.2 Attraktivität

Die äußere Erscheinung spielt eine große Rolle! Gutes Aussehen ist Kapital!

13.2.2.1 Attraktivität und Dating

Attraktivität von Frauen bzw. Männern ist ein mäßig guter Prädiktor dafür, wie oft sie sich verabreden.
Männer legen etwas mehr Wert auf das physische Aussehen des Gegengeschlechts als dies Frauen tun.
HATFIELD (1966): Studenten füllten Personality-/Aptitude-Frägebögen aus und wurden zufällig zu Pärchen (männlich/weiblich) zugeordnet. Die Pärchen trafen sich zu einer "Willkommens"-Party und tanzten und sprachen 2,5 h miteinander und gaben dann ein Rating über ihren Partner/-in ab. Es zeigte sich, daß die gegenseitige Sympathie (attraction) nur durch die körperliche Attraktivität des Partners bestimmt war.

13.2.2.2 Zusammen passen

Matching Phenomenon: Die Tendenz von Männern und Frauen, ihre Partner danach auszusuchen, ob sie gut zu ihnen passen bzgl. Intelligenz, Attraktivität und anderen Eigenschaften.
WHITE (1980): Pärchen, die ähnlich körperlich attraktiv sind, haben glücklichere Beziehungen (größere Liebe nach 9 Monaten).

  • Verheiratete Paare haben eine bessere "Passung" als locker-gebundene Pärchen.
  • Kompensation von Attraktivität durch andere Qualitäten möglich
  • Männer bieten normalerweise Status und bevorzugen Attraktivität bei Frauen
  • Frauen bevorzugen Status bei Männern und bieten Attraktivität (Lippenstift, Stöckelschuhe, Minirock....)

13.2.2.3 Der "attraktive" Stereotyp

Attraktivität ist nicht alleine auf sexuelle Attraktivität zu beziehen, sondern ist auch geschlechtsunabhängig wirksam unter Erwachsenen, unter Kindern, zwischen Erwachsenen und Kindern, zwischen Erwachsenen und Babys
Halo-Effekt: Annahme, daß körperlich attraktive Menschen auch andere sozial erwünschte Eigenschaften besitzen => Was schön ist, ist auch gut!
CLIFFORD & HATFIELD (1973): Lehrer nehmen attraktive Kinder als intelligenter und erfolgreicher war.
KALICK (1977): Studenten beurteilten Fotos von Frauen vor und nach einer Schönheitsoperation. Nach der Schönheitsoperation wurden die Frauen nicht nur als schöner, sondern auch netter, sensibler, sexuell attraktiver, liebenswerter,... beurteilt.
Aber: physische Attraktivität kann nicht andere Eigenschaften der Person überspielen. Der Halo-Effekt betrifft vor allem erste Begegnungen. Aber erste Begegnungen sind wichtig für die weitere Interaktion und werden vor allem in Gesellschaften wichtiger, in denen Kontakte mit anderen Leuten flüchtiger werden

ROSZELL & al (1990): Bei der Untersuchung von Attraktivität auf einer Skala von 1 bis 5 und dem jährlichen Einkommen der jeweiligen Person, entsprach einem zusätzlichen Punkt auf der Skala ein um $1988 höheres Einkommen.
Tatsächliche Unterschiede zwischen attraktiven und gewöhnlich-aussehenden Menschen:

  • keine Unterschiede in der intellektuellen Begabung (SPARACINO & HANSELL, 1979)
  • attraktive Menschen haben bessere soziale Fertigkeiten und sind sympathischer (GOLDMAN & LEWIS, 1977)

Der erste Eindruck spielt eine wichtige Rolle und ist stark von physischer Attraktivität beeinflußt
Physisch attraktive Menschen besitzen größeres Selbstvertrauen, weil

  • sie entspannter sind
  • sozial "poliert" werden
  • höher eingeschätzt werden aufgrund von Erwartungen ("self-fulfilling prophecy")
  • bevorzugt werden

Worunter leiden besonders attraktive Menschen?

  • unerwünschte sexuelle Annäherung
  • Groll seitens des eigenen Geschlechts
  • weniger Motivation, sich in andere Richtungen zu entwickeln

13.2.2.4 Wer ist attraktiv?

Allgemein: Attraktivität weicht nicht zu sehr vom Durchschnitt ab:
LANGLOIS & ROGGMAN (1990): Studenten beurteilen "durchschnittliche" Gesichter, die aufgrund von Computerberechnungen ermittelt wurden, als attraktiver als 96% der ursprünglichen Gesichter, aus denen die "durchschnittlichen" Gesichter ermittelt wurden.
Was ein attraktives Gesicht ausmacht, hängt vom Geschlecht der Person ab:
Männer empfinden Frauen mit folgenden Eigenschaften schön: "Baby-Face" (z.B. große Augen), nicht dominant, jugendlich, gesund, fruchtbar
Frauen empfinden Männer mit folgenden Eigenschaften schön: reif, dominant, hoher Status

Die evolutionäre Perspektive erklärt diese Geschlechtsunterschiede mit den unterschiedlichen Bedürfnissen von Mann und Frau

Was attraktiv ist, hängt außerdem von unseren Vergleichsstandards ab:
KENRICK & GUTIERRES (1980): Männliche Studenten, die gerade eine Sendung mit hübschen Frauen gesehen hatten, beurteilten Fotos von durchschnittlich attraktiven Frauen als weniger attraktiv als Studenten, die keine solche Sendung gesehen hatten. => Kontextabhängigkeit von Attraktivität! ("contrast effect")
Außerdem mögen wir nicht nur attraktive Leute, sondern finden wir auch Leute attraktiv, die wir mögen:
GROSS & CROFTON (1977): Studenten finden Fotos von Menschen attraktiver, wenn diese mit positiven Eigenschaften beschrieben werden (z.b. freundlich, hilfsbereit,...)

13.2.3 Ähnlichkeit vs. Gegensätzlichkeit

13.2.3.1 Gleich und gleich gesellt sich gern

Je ähnlicher Menschen sich in ihren Einstellungen sind, desto sympathischer finden sie sich auch. Dies gilt für Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Berufe und verschiedener Nationen
Beispiele für die Gültigkeit dieses Effekts:

  • Studenten in Studentenwohnheimen: diejenigen, die von Anfang an in ihren Meinungen am stärksten übereinstimmten, wurden am wahrscheinlichsten enge Freunde (vgl. NEWCOMB, 1961!)
  • Männer in Atombunker (gleicher Effekt wie bei Studenten in Wohnheimen)
  • Pärchen, die sich zu blind-dates treffen => diejenigen, die sich wieder trafen, sahen sich als am ähnlichsten an

Unähnlichkeit führt zu Nicht-Mögen

  • Unterschiedlichkeit begünstigt Vorurteile / Feindseligkeit / Unterdrückung
  • Abgesehen von intimen Beziehungen spielt die Unterschiedlichkeit der Mentalität eine wichtigere Rolle als die Unterschiedlichkeit der Rasse

Kultureller Rassismus (nach JONES, 1988) aufgrund unterschiedlicher Kulturen:

  • Schwarze Kultur betont Gegenwartsbezogenheit, Expressivität, Spiritualität, Emotionalität
  • Weiße Kultur betont Zukunftsorientiertheit, Individualismus, Materialismus, Zielorientierung, Leistungsorientierung

13.2.3.2 Gegensätze ziehen sich an

Bedeutung der "Anziehung durch Gegensätze" ist mit Ausnahme des Geschlechts äußerst gering, es überwiegt bei weitem "Anziehung durch Ähnlichkeit"
Die vermutete Tendenz in der Beziehung zwischen zwei Personen, die gegenseitigen Mängel zu kompensieren.

13.2.4 Wir mögen die, die uns mögen

Aus der Sympathie einer Person für eine andere Person kann deren Sympathieerwiderung vorhergesagt werden (=> Korrelation).
Was sind die Prinzipien, unter denen diese Formel funktioniert?

13.2.4.1 Attribution

Unsere Reaktionen hängen von unserer Attribution ab: Können wir die Aufmerksamkeit einer anderen Person auf Einschmeicheln oder auf ehrliche Absichten zurückführen.
Einschmeicheln: Der Gebrauch von Strategien, z.B. Schmeichelei, durch welche Personen versuchen die Gunst eines anderen zu erlangen.
Abhängigkeit der Wirkung von Einschmeicheln von Attribution:

  • Wenn äußere Motive des Schmeichlers erkennbar sind (z.B. bei stark übertriebenem Lob) führt dies zu Abwertung des Schmeichlers und Ablehnung der schmeichelnden Aussage
  • Wenn keine äußeren Motive erkennbar sind, führt dies zu Aufwertung des Schmeichlers und Annahme der schmeichelnden Aussage.

Es spielt auch eine wichtige Rolle, wie wir unsere eigenen Handlungen erklären:
SELIGMAN, FAZIO & ZANNA (1980): Jugendliche Pärchen mußten intrinsische Gründe (z.B. Gemeinsame Interessen) und extrinische Gründe (z.B. Bewunderung durch Freunde) für ihre Beziehung angeben. Anschließend schätzten sie ihre Beziehung auf einer "Liebes-Skala" ein. Es zeigte sich, daß Partner, die starke extrinsischen Gründe angegeben hatten, weniger Liebe empfanden und eine Heirat als weniger wahrscheinlich ansahen als Partner, die starke intrinsische Gründe angegeben hatten.

13.2.4.2 Selbstwert und Attraktivität

HATFIELD (19??): Studentinnen erhielten eine sehr günstige oder eine sehr schlechte Persönlichkeitsanalyse. Anschließend mußten sie verschiedene Personen beurteilen, darunter auch ein junger attraktiver Mann, der sie vorher um eine Verabredung gebeten hatte. Die Studentinnen, deren Selbstwert durch die Analyse erniedrigt worden war, bewerteten den Mann als sympathischer, als die anderen Studentinnen aufgrund ihres Bedürfnisses nach sozialer Anerkennung.

13.2.4.3 Anerkennung bekommen

Mögen wir jemanden am meisten, der uns von Anfang an gemocht hat oder jemanden, der uns nach anfänglichen Animositäten erst gemocht hat?

ARONSON & LINDER (1965): Frauen hörten eine Sequenz von Beurteilungen von sich selbst durch eine andere Frau. In der ersten Bedingung kamen nur positive Beurteilungen vor, in der zweiten Bedingung nur negative Beurteilungen, in der 3. Bedingung änderten sich die Beurteilungen von positiv zu negativ, in der 4. Bedingung von negativ zu positiv.
Frauen fanden die "Sprecherin" am sympathischsten, wenn sich ihre Beurteilungen von negativ zu positv änderten.
Konstante Wertschätzung kann an Wert verlieren. Im obigen Experiment wandelte sich ja die Wertschätzung graduell von negativ nach positiv und es wurde die anfängliche Kritik sogar ins Positive verkehrt.

13.3 Liebe

13.3.1 Romantische Liebe

Verschiedene Definitionen von Liebe:

  • "Liebesdreieck" nach STERNBERG (1988): Dimensionen von Liebe: Leidenschaft, Intimität, Bindung
  • Dimensionen von Liebe nach HENDRICK & HENDRICK (1993): Leidenschaft, Spielen, Freundschaft.

Gemeinsam ist allen Liebesbeziehungen:

  • wechselseitiges Verstehen das Geben und das Erhalten von Unterstützung
  • das Genießen der Gesellschaft des anderen

Symptome der romantischen Liebe:

  • "Zustand von intensivem Sehnen nach Vereinigung mit dem anderen" (HATFIELD, 1988)
  • körperlicher Ausdruck
  • begrenzt auf zwei Partner
  • Faszination durch den Partner
  • Gefühlsgemisch aus ekstatischer Euphorie und tiefer Depression
  • emotionale Erregung

13.3.1.1 Eine Theorie der romantischen Liebe

Zur Erklärung von leidenschaftlicher Liebe schlägt Hatfield vor: ein körperlicher Erregungszustand kann in praktisch jede Emotion umgelenkt werden, in Abhängigkeit davon, wie wir die Erregung erklären
Zwei-Faktoren.Theorie: Erregung x Benennung = Emotion

Verschiedene Emotionen gehen mit gleichen physiologischen Erregungsvorgängen einher
Unter diesem Blickpunkt ist Liebe die psychologische Erfahrung, durch eine attraktive Person biologisch erregt zu werden.
Entsprechend dieser Theorie sollte es möglich sein, durch irgendeine Quelle der Erregung leidenschaftliche Gefühle zu produzieren - vorausgesetzt, man kann seine Erregung auf einen romantischen Stimulus attribuieren.
DUTTON & ARON (1974, 1989): Männliche Studenten treffen eine attraktive weibliche (angebliche) Vp zu einem Lernexperiment. In einer Bedingung werden die Studenten in Erregung versetzt durch die Ankündigung, daß sie ziemlich schmerzhafte Elektroschocks ertragen werden müssen.
In Fragebögen beurteilten diese erregten (ängstlichen) Studenten ihre Partnerin als attraktiver (z.B. küssenswerter) als nicht-erregte Studenten. =>Erregung wirkt als unspezifischer Emotionsverstärker, selbst schmerzvolle Erfahrung kann in einem entsprechenden Kontext in Leidenschaft verwandelt werden.
DUTTON & ARON (1974): Männer, die durch das Überschreiten einer hohen, wackeligen Brücke erregt wurden, und anschließend von einer attraktiven Frau um das Ausfüllen eines Fragebogens gebeten wurden, rufen wahrscheinlicher bei der Frau an, um sich nach den Ergebnissen der Untersuchung zu erkundigen als Männer, die eine niedrige, sichere Brücke überquerten oder von einem Mann befragt wurden.

13.3.1.2 Variationen der Liebe

Kulturen unterscheiden sich in der Bedeutung, die sie (romantischer) Liebe als Voraussetzung für Heirat beimessen.
Menschen können grob zwei Zugänge zur Liebe haben:

  1. manche streben nach außergewöhnlichen und lange andauernden Beziehungen,
  2. während andere wiederum nach kurzen Beziehungen streben.

Marc Snyder konnte mit diesen unterschiedlichen Zugängen Persönlichkeitsunterschiede bei der jeweiligen Präferenz feststellen:

Menschen, bei denen self-monitoring (Anpassen an Erwartungen anderer) stark ausgeprägt sind, neigen im Vergleich zu schwach self-monitoring Personen zu:

  • kürzeren und häufigeren Beziehungen mit weniger Tiefe statt langer, intensiver Beziehung
  • Betonung der Attraktivität des Partners statt innerer Werte
  • Betonung gleicher Aktivitäten statt gleicher Einstellungen

Menschen demhingegen, bei denen self-monitoring nur schwach ausgeprägt ist:

  • Betonung der inneren Werte des Partners
  • Betonung persönlicher Attribute statt Erscheinung

Geschlecht:
Gemeinsamkeiten:

  • gleiche emotionale Involviertheit während Beziehung

Unterschiede:

  • Männer verlieben sich eher
  • Männern fällt es schwerer, eine Beziehung zu beenden
  • Männer denken eher an körperliche Aspekte der Liebe
  • Frauen betonen eher die Intimität einer Beziehung und die Sorge um den Partner
  • Frauen berichten eher von euphorischen Gefühlen

13.3.2 Kameradschaftliche Liebe

Wenn eine enge Beziehung lange andauert, wird die leidenschaftliche Liebe im Idealfall in einen stabileren, aber immer noch warmen Zustand übergehen:
Kameradschaftliche Liebe: Gefühle, die man für Menschen empfindet, mit denen das eigene Leben eng verwoben ist.
Nach ca. 4 Jahren gibt es weltweit ein Maximum in der Scheidungsrate.

  • Abkühlen des kurzen, intensiven "Feuers" der passionate love und
  • Ersetzen durch kameradschaftliche Liebe (in fortdauernden Beziehungen)

GUPTA & SINGH (1982): Indische Ehepaare, die aus Liebe geheiratet haben, berichten einen Rückgang an Liebe, wenn sie länger als 5 Jahre verheiratet waren. Im Gegensatz dazu berichteten "arrangierte" Ehen mehr gegenseitige Liebe im Verlauf ihrer Ehe.

  • Das Abkühlen intensiver romantischer Liebe löst oftmals eine Periode der Desillusion aus. Dies geschieht vor allem bei denjenigen, die Leidenschaft als unabdingbar für Heirat und Fortführen einer Beziehung ansehen.
  • Wachsende Scheidungsraten in den letzten 20 Jahren sind teilweise auch auf die enttäuschten Erwartungen von intensiven, positiven, emotionalen Erfahrungen zurückzuführen
  • evtl. evolutionsbiologischer, adaptiver Wert des Rückgangs von gegenseitiger passionate love => mehr Aufmerksamkeit für Kinder
  • Rückkehr der passionate love, wenn Kinder aus dem Haus sind è wieder mehr Zeit für Partner

13.4 Enge Beziehungen

Welche Faktoren beeinflussen das Auf und Ab von engen Beziehungen?

13.4.1 Bindung

Soziale Bindung spielen eine Rolle im Überlebenskampf und für Energie und Lebensfreude des Individuums während des ganzen Lebens.
Gemeinsamkeiten aller Beziehungen mit gegenseitiger Zuneigung:

  • gegenseitiges Verständnis
  • gegenseitige Unterstützung
  • Wertschätzen und Freuen über das Zusammensein mit dem anderen

13.4.1.1 Bindungstypen

Unterscheidung von Bindungsstilen bei Mutter-Kind-Bindung durch Verhalten in fremder Umgebung:
Sichere Bindung:

  • Mutter anwesend: Kind spielt und erforscht die Umwelt
  • Mutter abwesend: Kind empfindet Kummer
  • Mutter kehrt zurück: Kind umarmt Mutter, entspannt sich, spielt wie vorher weiter

Unsichere (ängstlich-ambivalente) Bindung :

  • Mutter anwesend: Kind klammert sich ängstlich an
  • Mutter abwesend: Kind weint
  • Mutter kehrt zurück: Kind verhält sich indifferent oder sogar feindlich

Vermeidende Bindung:

  • Mutter anwesend: Kind zeigt wenig Kummer oder Freude
  • Mutter abwesend: Kind zeigt wenig Kummer oder Freude
  • Mutter kehrt zurück: Kind zeigt wenig Kummer oder Freude

Ursachen für unterschiedliches Bindungsverhalten:

  • sicher gebundene Kinder haben sensible, aufmerksame (responsive) Mütter
  • Alternative: inhärente Temperamente der Kinder bedingen unterschiedlichen Bindungsstil

Übertragung der Bindungsstile auf Erwachsene:
Sichere Individuen:

  • leichtes Eingehen von Beziehungen
  • keine Angst vor Abhängigkeit oder Verlassen werden
  • langdauernde Partnerschaften

Ängstlich-ambivalente Individuen:

  • mißtrauisch, besitzergreifend, eifersüchtig
  • wiederholtes Abbrechen derselben Beziehung
  • Vermeidende Individuen: Bindungsangst
  • geringere emotionale Beteiligung in Beziehung
  • Promiskuität

13.4.1.2 Ehe und Glück

Verheiratete Menschen beiderlei Geschlechts sind im Allgemeinen glücklicher als Nie-Verheiratete, Geschiedene oder Getrennt-lebende.
U.S.A.: 66% aller Ehen sind "sehr glücklich"!
Warum sind verheiratete Menschen generell glücklicher?
Ehe bietet langdauernde, unterstützende, intime Beziehung und Schutz vor Einsamkeit
Ehe / Familie bietet zusätzliche Quellen für Selbstwert (Rolle als Ehemann und Vater)

13.4.2 Belohnung in einer Beziehung

Theorie der Belohnung und Attraktivität (nach BYRNE): Die Theorie besagt, daß wir die mögen, die uns mit ihrem Verhalten belohnen oder welche wir mit belohnenden Ereignissen verbinden.
Zwei Komponenten :

  1. Wir mögen die, deren Verhalten (be)lohnend für uns ist
  2. Wir mögen diejenigen, die wir mit guten Gefühlen assoziieren

Freundschaft/ Anziehung wird auch durch die positiven bzw. negativen Assoziationen, die mit einer Person verbunden werden, bestimmt. => soziale Konditionierung
LEWICKI (1985): Studenten beurteilten die Fotos von zwei Frauen als gleich freundlich. Wurden sie jedoch von der Versuchleiterin, der einer der beiden Frauen auf den Fotos ähnlich sah, sehr unfreundlich bzw. sehr freundlich behandelt, dann erhöhte dies die Wahrscheinlichkeit mit der das ähnliche Foto als unfreundlicher bzw. freundlicher beurteilt wurde.
Diese simple Theorie von Anziehung - wir mögen diejenigen, deren Verhalten für uns lohnend ist und die wir mit Belohnungen assoziieren - hilft uns, einige der Einflüsse auf Anziehung zu verstehen:

  • Proximity => geringerer Aufwand zur Aufrechterhaltung der Freundschaft è Nähe ist belohnend
  • körperliche Attraktivität => Assoziation mit positiven Eigenschaften (Halo-Effekt)
  • gleiche Mentalität => verbessert Kommunikation, Austausch von Informationen
  • gegenseitige Sympathie => geringeres Risiko zurückgewiesen zu werden.

13.4.3 Gerechtigkeit

Zustand, in dem der Nutzen, den Menschen aus einer Beziehung erhalten, proportional zu den Kosten ist, den sie zu der Beziehung leisten.
Achtung! Gerechte Erträge müssen nicht gleichzeitig gleiche Erträge sein!
Das Gerechtigkeits-Prinzip der Anziehung besagt, daß das, was ich und mein Partner aus unserer Beziehung "herausholen" proportional dazu sein sollte, was jeder einzelne in die Beziehung einbringt. Es ist jedoch so, daß gerade in langfristigen und auch glücklichen Beziehungen nicht das Gesetz herrscht, daß jede kleine Handlung sofort gegeneinander aufgewogen wird, sondern ein Austausch von unterschiedlichen Leistungen über langfristige Zeiträume angestrebt wird oder sogar das gegenseitige Aufrechnen von Leistungen vermieden wird.

Gerechtigkeit wird gewahrt, aber Leistungen aus verschiedenen Bereichen werden miteinander aufgerechnet
SCHAFER & KEITH (1980): Ehepaare, in denen die Equity (z.B. Haushalt, Berufstätigkeit, Kindererziehung) nicht gewahrt wurde, empfanden mehr Kummer und Depression.

13.4.4 Selbstenthüllung

Enthüllen von vertraulichen/persönlichen Aspekten von sich selber gegenüber anderen.
Fehlt es uns an solchen Intimitäten, erfahren wir Einsamkeit.

Was sind die Gründe für Self-disclosure?

  • Wenn wir uns ärgerlich oder ängstlich fühlen, also unter Streß
  • Reziprozität:

Tendenz, den Austausch von vertraulichen/ persönlichen Informationen mit dem Gesprächspartner (schrittweise) gegenseitig abzustimmen
Eigenschaften des Zuhörers:

  • Ehrlichkeit beim Ausdrücken eigener Gefühle
  • Akzeptieren der Gefühle anderer
  • Empathischer, sensibler, nachdenklicher Zuhörer
  • aufmerksamer, interessierter, freundlicher Gesichtsausdruck
  • Gebrauch von unterstützenden Floskeln (z.B. " Ach ja? So, So! Mh-Hm!) => reflektiver Zuhörer

Was sind die Folgen von self-disclosure:

  • Förderung von gegenseitiger Liebe, Vertrauen
  • Distanzierung (von indiskretem, unreifen, instabilem Gesprächspartner, der etwa Intimitäten zu früh preisgibt)
  • Ehen mit gegenseitiger Vertraulichkeit sind glücklicher und stabiler
  • Frauen gestehen eher Schwächen und Ängste ein als Männer

Zentrale Aspekte der Liebe (nach ARON,1994): Verbindung, gegenseitige Öffnung und Identifikation von zwei Individuen

13.5 Beziehungen beenden

Steigende Scheidungsraten beobachtbar: Verdopplung der Scheidungsraten von 1960
GLENN (1991): Von amerikanischen Ehepaaren, die 1972 geheiratet haben, sind 1988 nur noch 33% "glücklich verheiratet".

13.5.1 Wer läßt sich scheiden?

Individualistische Kulturen haben höhere Scheidungsraten
Positive Einflüsse auf eine stabile, glücklich Ehe:

  • Heirat nach dem 20. Lebensjahr
  • Beide sind in stabilen Familien mit beiden Elternteilen aufgewachsen
  • Beide sind schon lange vor der Heirat miteinander "gegangen"
  • gute und gleiche Bildung
  • Stabiles Einkommen aus einem guten Beruf
  • wohnen auf Bauernhof oder in einer kleinen Stadt
  • kein Sex oder Schwangerschaft vor der Ehe
  • religiös
  • ähnliches Alter, Glaube, Ausbildung

13.5.2 Der Trennungsprozeß

Trennung von Beziehungen ist kein plötzlicher, sondern ein kontinuierlicher Prozeß:

  • aufgewühlte Beschäftigung mit dem verlorenen Partner
  • tiefe Traurigkeit
  • u.U. emotionale Trennung
  • Rückkehr zu einem normalen Leben

Auch nach der Trennung kann es ein starkes Bedürfnis, mit dem Partner zusammen zu sein, geben
Je enger und länger die Beziehung gewesen ist und je weniger Alternativen es gibt, desto schmerzvoller ist die Trennung (SIMPSON (1987)):
BAUMEISTER & WOTMAN (1987): Im Rückblick nach Monaten oder Jahren empfinden es Menschen als schmerzhafter die Liebe anderer zurückgewiesen zu haben, als zurückgewiesen worden zu sein.
Kosten einer Scheidung: geschockte Eltern, Freunde, beschränktes Sorgerecht, Schuldgefühle
Kosten einer schlechten Ehe: Um das Zehnfache höhere Wahrscheinlichkeit von Symptomen von Depression
Kompensationsmethoden bei einer schlechten Ehe (nach RUSBULT & al., 1986):

  • passives, optimistisches Warten auf bessere Zeiten; geduldete Verschlechterung der Beziehung mit zunehmender gegenseitiger Isolation
  • Aktive Verbesserung der Beziehung durch Diskussion, Beratung, Verhaltensänderung

Typische Verhaltensweisen unglücklicher Paare: nicht einigen, befehlen, kritisieren, abwerten
Typische Verhaltensweisen glücklicher Paare: einigen, zustimmen, lachen , anerkennen
KELLERMAN, LEWIS & LAIRD (1989): Zufällige, einander nicht bekannte Pärchen (männlich /weiblich) schauten einander entweder 2 Minuten lang in die Augen (wie bei verliebten) oder auf die Hand. Ergebnis: Augen-Gucker empfanden stärkere Anziehung/ Erregung.
Welches sind die psychologischen Inhaltsstoffe einer guten Ehe?

  • ähnliches Denken
  • soziale und sexuelle Identität
  • gleichverteiltes Geben und Nehmen von emotionalen und materiellen Ressourcen

KAPITEL 14: Altruismus: Anderen helfen

Altruismus: Motivation, das Wohlbefinden eines anderen zu erhöhen ohne eigene Interessen bewußt zu betrachten.

14.1 Warum helfen wir?

Was sind die Motive von Altruismus?

  • Sozialer Austausch
  • Helfen als verdecktes Selbstinteresse
  • Empathie als eine Quelle ursprünglichen Altruismusses
  • Soziale Normen
  • Die Reziprozitätsnorm
  • Die Norm der sozialen Verantwortung
  • Evolutionäre Psycholgie
  • Arterhaltung
  • Reziprozität

14.1.1 Sozialer Austausch

Soziale Austausch-Theorie: Theorie, die besagt, daß menschliche Interaktionen darauf ausgerichtet sind, den eigenen Nutzen zu maximieren und den eigenen Aufwand zu minimieren.
Diese "Minimax-Strategie" beinhaltet nicht unbedingt, daß wir uns bewußt Kosten und Nutzen vor Augen führen, aber daß solche Überlegungen unser Verhalten vorhersagen können.
Beispiel: Kosten-Nutzen-Überlegungen sagen Blutspende vorher

14.1.1.1 Helfen als verdecktes Selbstinteresse

Innerhalb dieser Theorie gibt es 2 grundlegende Motivationen zu helfen:
Externale Motivation: z.B. Steigerung des Ansehens, Einschmeicheln, Vermeidung von Bestrafung wegen unterlassener Hilfeleistung,...
Internale Motivation: z.B. Verringerung des eigenen Unbehagens bei Anblick von Leid, Steigerung des Selbstwertes
SNYDER: Analyse darüber, warum Menschen freiwillig sich mit AIDS-Patienten befreunden:

  • Wissen, d.h. besseres Verstehen der Menschen oder Erlernen von Fähigkeiten
  • Karriere: durch Erfahrung und Kontakte Jobperspektiven verbessern
  • Soziale Anpassung, d.h.Anerkennung gewinnen
  • Abwehr von Schuldgefühlen
  • Steigerung des Selbstwertes
  • Ausdruck eigener Wertvorstellungen

Diese Kosten-Analyse erscheint erniedrigend, zumal nur der letzte Punkt wirklich selbstlosen Altruismus ausdrückt.

Erklärung altruistischen Verhaltens durch Egoismus:
Egoismus: Motivation (die vermutlich jeglichem Verhalten zugrundeliegt), das eigene Wohlbefinden zu steigern. Das Gegenteil von Altruismus, das darauf abzielt, das Wohlbefinden des anderen zu steigern.
Diese Soziale Austauschtheorie hat viel Kritik erfahren: Erklärungen von Verhalten durch Egoismus sind teilweise zirkulär (After-the-fact-explanations)!
Aufgrund dieser egoistischen Erklärung von "altruistischem" Verhalten geriet diese Theorie auch sehr schnell in Verruf.
Um dieser Zirkularität zu entfliehen, müssen wir daher Kosten und Nutzen unabhängig von altruistischem Verhalten definieren. Wenn soziale Anerkennung zu helfendem Verhalten motiviert, dann sollte man in Experimenten finden, daß, wenn auf Helfen Anerkennung folgt, helfendes Verhalten zunehmen sollte.

Also: Soziale Anerkennung => Altruismus
Aber auch: Altruismus => Soziale Anerkennung => mehr Altruismus (Dies wurde bestätigt! )
Das heißt, das es auch Altruismus als Ausgangspunkt von Verhalten gibt!
Es gibt also auch ein angeborenes Anliegen um das Wohlergehen des Anderen, das ebenfalls motiviert!

14.1.1.2 Empathie als eine Quelle ursprünglichen Altruismusses

Egoistische Sicht:
Egoismus als Erklärung jeglichen Verhaltens, auch von altruistischem Verhalten
Erklärung: Auch wenn jemand Mitleid hat mit jemanden, der in Not ist, so führt doch das Lindern der Not des anderen zu einer Verringerung des selbst empfundenen (Mit)Leids
=> Helfen zur Steigerung des eigenen Glücks

Differenzierte Sicht nach BATSON (1991, 1995):
Wir werden in unserem Handeln sowohl von selbstdienlichen als auch selbstlosen Überlegungen geleitet!
Unterscheidung von selbstdienlichen und selbstlosen Überlegungen
Empathie: Mitgefühl ohne selbstdienliche Überlegungen
Wir empfinden vor allem dann Empathie, wenn wir uns an jemanden gebunden fühlen

Oft ist es jedoch so, daß Kummer und Empathie zusammen uns zu Helfen veranlassen. Um die egoistische Reduzierung von Kummer von altruistischer Empathie zu trennen, wurden Experimente durchgeführt:
BATSON (1981): Studentinnen beobachten wie eine andere weibliche angebliche Vp unter Elektroschocks litt. Während einer Pause im Experiment wurde den Studentinnen der Vorschlag gemacht mit der angeblichen Vp zu tauschen. Bei einem Teil der Studentinnen war vor dem Experiment der Eindruck erweckt worden, die Schein-Vp hätte ähnliche Interessen und Einstellungen (=> Empathie), bei einem anderen Teil lag dieser Eindruck nicht vor.
Desweiteren glaubte ein Teil der Studentinnen, daß sie mit dem Experiment fertig wären, ein anderer Teil glaubte, daß sie noch am weiteren Experiment teilnehmen müßten.
Ergebnis: Alle Studentinnen, bei denen Empathie erweckt worden war, erklärten sich bereit, die Elektroschocks an Stelle der Schein-Vp zu ertragen.

Handelt es sich dabei um reinen Altruismus?
SCHALLER & CIALDINI (1988): Ähnliches Experiment wie oben. Jedoch ließen sie die Vpn glauben, daß sie das Mitleid, das sie mit der leidenden Person empfanden, durch das Sehen eines lustigen Filmes verringern konnten. In dieser Situation verhielten sich empathische Menschen nicht hilfsbereiter als andere.

Es gibt keine wahre Empathie?!
Fazit: Auch wenn Experimente nicht alle egoistischen Erklärungen für hilfsbereites Verhalten ausschließen können, so gibt es doch Situationen im Leben, die sich nicht mit egoistischen Erklärungen begründen lassen z.B. Soldaten, die sich im Krieg über eine Handgranate werfen, um das Leben ihrer Kameraden zu retten.

14.1.2 Soziale Normen

Normen sind soziale Erwartungen, die passendes Verhalten in bestimmten Situation vorschreiben. Man kann zwei derartige Normen unterscheiden, die altruistisches Verhalten erklären.

14.1.2.1 Die Reziprozitätsnorm

Die Erwartung, daß Menschen auch denen helfen werden (und ihnen nicht schaden werden), die ihnen geholfen haben.

14.1.2.2 Die Norm der sozialen Verantwortung

Auf Leute, die nicht in der Lage sind, sich in der Weise der Reziprozitätsnorm zu verhalten, wie etwa beispielsweise Kinder oder Schwerstbehinderte, ist eine andere Norm anwendbar:
Die Erwartung, daß Menschen denen helfen, die von ihnen abhängig sind.

Abhängigkeit der Hilfsbereitschaft von Attribution der Hilfsbedürftigkeit des anderen.
Ist seine Hilfsbedürftigkeit Folge situationaler (z.b. Unfall) oder personaler (z.B. Faulheit)
BARNES, ICKES & KIDD (1979): Studenten erhalten einen Anruf von einem Studenten, der sie um ihre Aufzeichnungen aus der Vorlesung bittet zur Vorbereitung auf ein Examen. Wenn seine Erklärung, warum er keine eigenen Aufzeichnungen besitzt, auf ungünstige äußere Umstände verweisen, dann sind die Studenten eher zu helfen bereit, als wenn er selbst daran Schuld trägt.

14.1.3 Evolutionäre Psycholgie

Evolutionsbiologie kann nur folgende Formen von Altruismus erklären:

  • Altruismus unter Verwandten, wodurch die Vererbung der eigenen Gene gefördert wird
  • Reziprozität: Helfen, damit andere wiederum einem selber helfen

Demnach würden Gene, die Individuen zu selbstlosem Verhalten gegenüber anderen bringen, nicht im evolutionären Wettbewerb überleben.

14.1.3.1 Arterhaltung

Biologischer Altruismus tritt auf in Abhängigkeit von der Übereinstimmung an Erbgut:

  • Eltern gegenüber Kindern (evtl. auch umgekehrt, dieser Fall ist aber seltener)
  • unter Verwandten, wobei mit dem Grad der Verwandtschaft auch die Hilfsbereitschaft abnimmt.
  • gegenüber Nachbarn (proximity => höhere Wahrscheinlichkeit ähnlichen Erbguts)
  • gegenüber Fremden, die ähnliches Erbgut haben, erkennbar an körperlichen/ geistigen Eigenschaften

Vergleiche Rettungsreihenfolge bei Katastrophen: Junge vor Alten, Familienmitglieder vor Freunden, Nachbarn vor Fremden
Arterhaltung: Die Theorie, daß die Evolution Altruismus gegenüber engen Verwandten hervorgebracht hat, um das Überleben der gemeinsamen Gene zu fördern.

14.1.3.2 Reziprozität

Die Erwartung, daß Menschen auch denen helfen werden (und ihnen nicht schaden werden), die ihnen geholfen haben. Besonders wirkungsvoll in kleinen, isolierte Gruppen => häufiger Kontakt und Austausch von Hilfeleistungen => Erhaltung der Gerechtigkeit
Beispiele:

  • Vampirfledermäuse können nicht länger als 60 Stunden ohne Nahrung bleiben ohne zu verhungern. Hungernde Fledermäuse holen sich darum Nahrung von einer anderen satten Fledermaus, indem diese Nahrung erbricht. Dieser Altruismus tritt jedoch nur bei verwandten/ einander vertrauten Fledermäusen auf.
  • in kleinen Schulen, Städten, Kirchen usw. ist größere Hilfsbereitschaft vorhanden

(Feststellung durch "lost-letter"-Technik, Fragebogenuntersuchungen,...)
Wenn aber das individuelle Selbstinteresse unvermeidbar im genetischen Wettkampf gewinnt, warum gibt es dann Altruismus gegenüber Fremden, bei denen man keine Gegenleistung erwarten kann (z.B. Mutter Theresa)?
Gesellschaftlich normierte Hilfsbereitschaft als Bremsklotzè durch Sozialisation entstanden:

  • Einschränkung negativer Wirkungen von Eigennutz, d.h. man stimmt Eigeninteresse auf das Interesse der Gruppe ab
  • Selbstlosigkeit aufgrund von Gruppenselektion: Selektion von Gruppen, die gegenseitige Hilfsbereitschaft zeigen aufgrund größerer Macht, Leistung, Einfluß bei Jagd, Verteidigung, Abwehr von Katastrophen

14.2 Wann helfen wir?

Faktoren, die Hilfsbereitschaft beeinflussen:

  • Anzahl der Zuschauer
  • Aufmerksamkeit
  • Interpretation der Ereignisse
  • Verantwortungsdiffusion
  • Modellfunktion altruistischen Verhaltens
  • Zeitfaktor
  • Gefühle
  • Schuld
  • Stimmung
  • Persönlichkeitseigenschaften
  • Religiosität

14.2.1 Situationseinflüsse: Anzahl der Zuschauer

Die wachsende Anzahl von Zuschauern beeinflußt das Hilfeverhalten jedes einzelnen Zuschauers durch drei Aspekte (nach LATANÉ & DABBS, 1975):

  1. Verringerung der Wahrscheinlichkeit, daß der Vorfall wahrgenommen wird
  2. Verringerung der Wahrscheinlichkeit daß der Vorfall als Problem oder Notfall wahrgenommen wird
  3. Verringerung der Wahrscheinlichkeit, daß man sich selber verantwortlich fühlt.

Bystander effect: Befund, daß Personen mit geringerer Wahrscheinlichkeit helfen, wenn noch andere Zuschauer vorhanden sind.

14.2.1.1 Aufmerksamkeit

LATANÉ & DABBS (1968): Studenten füllten entweder alleine oder mit zwei Fremden in einem Zimmer einen Fragebogen aus, in dem durch eine Wandöffnung plötzlich Rauch eindrang. Alleine arbeitende Studenten bemerkten den Rauch früher (nach 5s) als in Gruppen arbeitende Studenten (nach 20s).

14.2.1.2 Interpretation der Ereignisse

Interpretation von Vorfällen wird durch den informativen Einfluß der Anwesenheit/Verhalten von anderen Personen beeinflußt; z.B. "Wenn die anderen auch nichts machen, kann es ja nicht so schlimm sein!"
Erklärungen, die im nachhinein für den Vorfall gegeben werden sind abhängig von Verhalten => die Passivität der Gruppe beeinflußte die Interpretation; die Antwort darauf, was den Rauch ausgelöst haben könnte, wurde in der Gruppe mit allen möglichen Erklärungen erklärt, nicht jedoch mit der naheliegenden Interpretation "Feuer"
LATANÉ & RODIN (1969): Studenten sollten einen Fragebogen ausfüllen. Dabei hörten sie, wie die Versuchsleiterin im Nebenraum vom Stuhl fiel und über ihren schmerzenden Fuß jammerte. Von alleine arbeitenden Studenten kamen 70% um zu helfen, von zu zweit arbeitenden Studenten kamen nur 40%, um zu helfen. Von denen, die nicht geholfen hatten, wurde der Vorfall eher als harmlos interpretiert.

14.2.1.3 Verantwortungsdiffusion

Problem der Verantwortungsdiffusion:
DARLEY & LATANÉ (1968): Studenten sollten über ihre Probleme beim Studium sprechen. Dazu saßen sie in verschiedenen Kabinen und unterhielten sich über Mikrofone miteinander, um ihre Anonymität zu gewährleisten. Es wurde der Eindruck erweckt, als wenn einer der Gesprächsteilnehmer einen epileptischen Anfall erleiden würde. Desweiteren bat dieser um Hilfe. Von den Studenten, die glaubten, der einzige zu sein, der den Vorfall gehört hatte, halfen 85%. Von den Studenten, die glaubten, daß noch vier weitere Zuhörer vorhanden seien, halfen nur 31%.
Die Studenten, die nicht geholfen hatten, waren sich bewußt, daß ein Notfall aufgetreten war, aber waren unschlüssig, ob sie helfen sollten. Desweiteren glaubten sie, daß die Anwesenheit von anderen Zuhörern sie nicht in ihrem Verhalten beeinflußt hatte.

Weitere Experimente brachten zutage, daß die Anwesenheit anderer die Leute manchmal nicht davon abhält, zu helfen:
PILIAVIN & al. (1969): U-Bahn-Passagiere, die sahen, wie eine Vertrauter des Versuchsleiters, in der U-Bahn zusammenbrach, halfen unabhängig von der Zahl der Zuschauer. War es, weil die Situation eindeutig war? Hilfe wurde vor allem dann angeboten, wenn mehrere Männer außen herumstanden. Brachte dies einen Sicherheitsfaktor mit ein?
Die Eindeutigkeit der Situation scheint tatsächlich eine Rolle zu spielen. Man fand, daß sich in absolut eindeutigen Notfällen die Hilfe der Gruppe nicht von der Hilfe Einzelner unterschied. Während in mehrdeutigen Situationen die Unterschiede zwischen Gruppe und Individuum wieder deutlich wurden.
Je größer und dichter eine Stadt bewohnt ist, desto geringer ist die Hilfsbereitschaft der Menschen

Welchen Effekt hat die Kommunikation über den Gesichtsausdruck?
DARLEY, TEGER & LEWIS (1973): Studenten, die einander zugewandt arbeiten, helfen bei einem auftretenden Unfall genauso wahrscheinlich wie einzeln arbeitende Studenten. Wenn sie Rücken an Rücken arbeiten, helfen sie kaum.
=> Bedeutung der facial communication!!! Fazit: Die Anwesenheit anderer Zuschauer verringert die Hilfsbereitschaft, wenn

  • der Notfall nicht eindeutig ist
  • die anderen Zuschauer Fremde sind
  • man Schwierigkeiten hat, die Reaktionen der anderen Zuschauer zu interpretieren(Wichtigkeit der facial communication)

14.2.2 Situationseinflüsse: Helfen, wenn andere es tun

Vorbilder von prosozialem Verhalten erhöht die Hilfsbereitschaft => Modellfunktion altruistischen Verhaltens
z.B. Wechseln von Autoreifen, Geld spenden, Blut spenden

14.2.3 Situationseinflüsse: Zeitdruck

DARLEY & BATSON (1973): Theologiestudenten sollten über einen Text sprechen, was auf Tonband aufgenommen werden sollte. Ein Teil referierte über die Parabel vom "Barmherzigen Samariter" , ein anderer Teil über einen anderen Text. Zur Aufnahme wurden die Studenten in ein naheliegendes Gebäude geschickt, wobei ein Teil der Vpn unter Zeitdruck stand, ein anderer Teil noch genügend Zeit hatte, in das andere Gebäude zu gehen.
Auf dem Weg ins andere Gebäude lag ein zusammengekauerter Mann, der hustete und stöhnte. Von den unter Zeidruck stehenden Studenten halfen 10%, von den Studenten, die noch genügend Zeit hatten, halfen 66%. Das Referatsthema hatte dagegen kaum Einfluß auf die Hilfsbereitschaft.
-In einem weiteren Experiment zeigte sich, daß auch die Wichtigkeit des Termins, der einen unter Zeitdruck setzt, eine wichtige Rolle spielt. Gründe: Bei Zeitdruck verringert sich die Aufmerksamkeit für die Umgebung: geringere/ fehlende Wahrnehmung einer Notlage!

14.2.4 Persönliche Einflüsse: Gefühle

14.2.4.1 Schuld

Menschen haben ein starkes Bestreben, ihre Schuldgefühle zu reduzieren und ihr beschädigtes Selbstwertgefühl wiederherzustellen, um ein positives öffentliches Bild zu erreichen.
McMillen & AUSTIN (1971): Studenten, die sich durch die Teilnahme an dem Experiment "credit points" verdienen wollen, werden im Wartezimmer von einem anderen Studenten über die richtigen Lösungen der gestellten Aufgaben informiert. Nachdem die Studenten gegenüber dem VL gelogen haben, daß sie weder an einem solchen Experiment schon teilgenommen haben noch Vorabinformationen erhalten haben, helfen die Studenten nach dem Experiment freiwillig durchschnittlich 63 Minuten bei der Auswertung von Fragebögen gegenüber durchschnittlichen 2 Minuten, von Studenten, die kein "schlechtes Gewissen" hatten.

Am wahrscheinlichsten werden wir unsere Schuld wieder gut machen, wenn andere über unsere Schuld Bescheid wissen. Aber auch private Schuld (von der niemand etwas weiß) veranlaßt uns dazu, diese wieder gut zu machen:
REGAN & al. (1972): Frauen, die glaubten, im Kaufhaus einen Fotoapparat kaputt gemacht zu haben, neigten stärker zu Hilfsbereitschaft, auch wenn niemand von ihrer "Schuld" wissen konnte.
=> Bestreben Schuldgefühle zu reduzieren, auch ohne Aufbesserung des öffentlichen Selbstbildes

14.2.4.2 Negative Stimmung: Fühl Dich schlecht, handle gut

Schlechte Stimmung bewirkt bei Kindern eine Verringerung der Hilfsbereitschaft und bei Erwachsenen eine Erhöhung der Hilfsbereitschaft. (feel bad-do good effect)
Mögliche Erklärung: Kinder sind von Natur aus egoistisch. Durch den Sozialisationsprozess nimmt Altruismus zu aufgrund von erlernter Perspektivenübernahme und erlernter Abhängigkeit des Selbstwertes (~Stimmung) von positiven Selbstbild. Erst ein Erwachsener hat somit gelernt, daß durch Helfen die Stimmung verbessert werden kann.
CIALDINI & KENRICK (1976): Wenn sie durch Erinnerung an traurige Ereignisse in eine schlechte Stimmung versetzt wurden, neigten junge Kinder dazu, weniger Gutscheine an Gleichaltrige abzugeben als ältere Kinder. Jugendliche gaben am wahrscheinlichsten Gutscheine ab.

14.2.4.3 Ausnahmen:

  • Ärger
  • Depression
  • tiefes Leid / Trauer

THOMPSON, COWAN, ROSENHAN (1980): Studenten sollten sich vorstellen, daß die Erfahrungen mit einer an Krebs sterbenden Person, die sie auf Tonband hörten, ihren eigenen Partner beträfe. In einer Gruppe (I) wurden die Erfahrungen, die sie mit einem solchen Partner hätten, beschrieben (Ich-Bezogenheit)è Lenkung der Aufmerksamkeit auf einen selbst. In einer anderen Gruppe (II) wurden die Erfahrungen des Partners beschrieben (Fremd-Bezogenheit)è Lenkung der Aufmerksamkeit auf eine andere Person. Die Kontrollgruppe (III) hörte ein anderes (langweiliges ) Band.
Obwohl beide Experimentalgruppen gleich bewegt waren, halfen von der Gruppe (I) nur 25% einem anderen Studenten, von der Gruppe (II) jedoch 83%.

"feel bad-do good effect" tritt vor allem bei Personen auf, deren Aufmerksamkeit auf andere gerichtet ist.
Damit ist Altruismus belohnend
Wenn Menschen nicht mit sich selbst beschäftigt sind, sind sie sensibel und hilfsbereit. Bei einer selbstbezogenen negativen Stimmung (z.B.tiefe Trauer) ist dies nicht möglich.

14.2.4.4 Fühl Dich gut und handle gut

Gute Stimmung korreliert sehr stark mit Hilfsbereitschaft, unabhängig von der Ursache der guten Stimmung und des Alters der Person.
Erklärung:

  • gute Stimmung => positive Gedanken/positiver Selbstwert (Glaube an eigene Fähigkeiten, zu helfen) => positives Verhalten
  • Erklärung, warum man sowohl bei guter als auch bei schlechter Stimmung hilft: Gute Taten mildern schlechte Stimmung ab und erhalten gute Laune

14.2.5 Persönliche Einflüsse: Eigenschaften

Allgemein: Persönlichkeitseigenschaften sind ein nur schwacher Prädiktor für helfendes Verhalten. Es ist schwierig, überdauernde altruistische Charaktereigenschaften zu finden, die Hilfsbereitschaft determinieren.
Es wird trotzdem versucht, Antworten auf diese Frage zu finden:
Erste Vorschläge für determinierende Eigenschaften:

  • starke Emotionalität
  • starke Empathie
  • hohe self-efficacy

Persönlichkeitseigenschaften beeinflussen, wie man sich in bestimmten Situationen verhält; davon ausgehend lassen sich Aussagen treffen (z.B. stark selbstüberwachende Menschen werden sich wahrscheinlich in Situationen hilfsbereit verhalten, in denen dies im besonderen von ihnen erwartet wird und sie dadurch Anerkennung bekommen.)

Weitere Befunde: Männer helfen öfter Fremden in nicht alltäglichen, ernsten, gefährlichen Situationen (z.B. Autopanne, Sturz in U-Bahnschacht,...)
Frauen eher innerhalb von langandauernden Beziehungen in alltäglichen Situationen (z.B. Krankenpflege)

14.2.6 Persönliche Einflüsse: Religiösität

Beispiel: Altruistisches Verhalten der "Vier Kapläne" bei Schiffsuntergang
Religiosität korreliert mit einer etwas höheren spontanen Hilfsbereitschaft, aber stärker mit willentlichen Entscheidungen für langandauerndes Hilfeverhalten.
GALLUP (1984): Korrelation zwischen Religiosität und Arbeitseinsatz für Arme, Schwache, und Kranke

14.3 Wem helfen wir?

14.3.1 Geschlecht

Männliche Helfer helfen eher Frauen (vor allem attraktiven Frauen) als Männern
Weibliche Helfer helfen Frauen und Männern gleichermaßen
Frauen suchen eher Hilfe als Männer (z.B. Medizinische oder psychologische Hilfe)
Frauen erhalten mehr Hilfe

14.3.2 Ähnlichkeit

Ähnlichkeit spielt wichtige Rolle bei Hilfsbereitschaft sowohl bei Äußerlichkeiten (z.B. Kleidung, Hautfarbe) als auch bei Einstellungen (z.B. politische Einstellung)
Ist diese "Ähnlichkeits-Verzerrung" auch auf Rassen anwendbar?
GAERTNER & DOVIDIO (1977, 1986): Weiße Studentinnen zeigten weniger Hilfsbereitschaft gegenüber einer schwarzen Studentin als einer weißen Studentin, wenn andere Zuschauer vorhanden waren und damit die Verantwortung unter den Umherstehenden aufgeteilt werden konnte("Ich habe der schwarzen Frau nicht geholfen, weil da andere waren, die es hätten tun können"). Wenn sie alleine waren, zeigten sie gleiche Hilfsbereitschaft gegenüber schwarzen und weißen Studentinnen.
=> Bevorzugen der eigenen Rasse
Erklärung: Menschen bevorzugen ihre eigene Rasse, aber unterdrücken diesen Impuls, um ein positives self-image zu bewirken. Erst wenn andere Attributionen als Rassismus möglich sind und kein image-verlust droht, tritt der same-race bias auf.

14.4 Wie kann man Hilfeverhalten erhöhen?

14.4.1 Die Einschränkungen der Hilfe beseitigen

14.4.1.1 Mehrdeutigkeit reduzieren, Verantwortlichkeit erhöhen

Man muß Individuen dabei unterstützen, Vorfälle korrekt zu interpretieren und ihre Involviertheit erhöhen.
Persönlicher Einfluß hat große Überzeugungskraft; z.B. Menschen gehen zum Blutspenden meist auf persönliche Einladung eines Bekannten Familienmitglieds
nonverbale Aufforderung (z.B. durch Augenkontakt)
Reduktion von Anonymität:

  • Identifikation (z.B. durch Name,Alter, ...)
  • Antizipation von Interaktion (z.B. Anlächeln)
  • Kommunikation (z.B. kurzer Wortwechsel)

Erwartung, das Opfer und andere Zeugen wiederzusehen
Erhöhung der Selbstaufmerksamkeit (z.B. durch Kamera, Spiegel, Persönlichkeitsfragebogen,...)

14.4.1.2 Schuld und die Besorgnis um das Selbstbild

KATZEV (1978): Ermahnungen von Personen, die entweder im Museum oder im Zoo Richtlinien für Besucher mißachtet hatten, zeigten sich hilfsbereiter gegenüber einer Person, die etwas fallen gelassen hatte (58% zu 33% in der Kontrollgruppe).

1. Bewußtmachen von Schuld erhöht Hilfeverhalten
2. Sorge um das eigene Bild in der Öffentlichkeit

Door-in-the-face Technik:
Strategie, um ein Zugeständnis zu erhalten. Nachdem ein Bittsteller erst eine (unvernünftig) hohe Forderung gestellt hatte (die "Tür-ins-Gesicht"), stellt er eine vernünftigere Forderung.

Even-a-penny-will-help-Technik
WEYANT (1984): Sammler für Krebshilfe erhöhten die Wahrscheinlichkeit eine Spende zu erhalten durch den Zusatz "Even a penny will help!" von 39% auf 57%.
Bei schriftlichem Spendenaufruf bewirkt die Bitte um kleine Spenden eine höhere Spendenwahrscheinlichkeit ohne das die durchschnittliche Spendensumme verringert wird im Vergleich zur Bitte um große Summen.

Titulierung von Menschen als hilfsbereit
Stärkung des erwünschten Selbstbildes z.B. als hilfsbereite und fürsorgliche Menschen erhöht die Hilfsbereitschaft (z.B. Spendenwahrscheinlichkeit)

14.4.2 Altruismus sozialisieren

Wie kann man den Leuten altruistisches Verhalten beibringen?

14.4.2.1 Einbeziehung anderer in die Gruppe, für die ich mich sorge

"Moral exclusion:" die Wahrnehmung von bestimmten Individuen oder Gruppen als außerhalb der Grenze stehend, innerhalb der die eigenen Wertvorstellungen und Gerechtigkeit gilt.
"Moral inclusion:" betrachtet andere als innerhalb der eigenen moralischen Fürsorge stehend.
=> Moral exclusion begünstigt und rechtfertigt die Diskriminierung, Ausbeutung und Brutalität gegen andere.
=> Moral inclusion begünstigt Altruismus

14.4.2.2 Altruismus vormachen

Beobachtung altruistischen Verhaltens erhöht die Wahrscheinlichkeit eigenen altruistischen Verhaltens
Außergewöhnliche Altruisten haben gewöhnlich warme und enge Kontakte zu wenigstens einem Elternteil.
Viele Kriminelle haben oft besonders strenge, bestrafende Eltern
Prosoziale Modelle im Fernsehen haben sogar größere Effekte als antisoziale Modelle
Beispiele: Erhöhung der Blutspenden von High school Schülern durch Vorbilder anderer High schools
Förderung von prosozialem Verhalten durch das Sehen von vorbildhaften Sendungen (z.B. Kindersendungen mit Erziehungsaspekt)

14.4.2.3 Hilfeverhalten auf Altruismus attribuieren

Overjustification effect: Wenn die Rechtfertigung für eine Handlung mehr als ausreichend ist, wird die Person ihr Handeln eher auf eine extrinsische Rechtfertigung als auf eine innere Motivation beziehen. Belohnen wir Menschen für Dinge, die sie ohnehin gerne tun, so erreichen wir damit eine Unterminierung intrinsischer Motivation.
Konkrete Anwendung: wenn man Individuen gerade genügend Rechtfertigung gibt, um eine gute Tat auszulösen, können wir die Freude der Person an derartigen Handlungen erhöhen, indem die Person internale Rechtfertigung für ihr Handeln bildet.

Attribution von altruistischem Verhalten spielt wichtige Rolle:

  • Steigerung der intrinsischen Motivation, altruistisch zu handeln durch Verwendung von minimalen Handlungsanreizen (Belohnung, Bestrafung) für Altruismus.
  • Handlungsanreize mit Aspekt von Handlungskontrolle führen zu Reaktanz und somit zu Verringerung des gewünschten Verhaltens bzw. zu gegenteiligem Verhalten (vgl. Overjustification effect (Kapitel 4))

14.4.2.4 Über Altruismus lernen

BEAMAN & al. (1978): Studenten, die eine Vorlesung über die psychologischen Mechanismen von Hilfsbereitschaft gehört hatten verhielten sich zwei Wochen später mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit hilfsbereit gegenüber einer gestürzten Person als Studenten, die eine andere oder keine Vorlesung gehört hatten.

KAPITEL 15: Konflikte und Frieden schaffen

Konflikt: wahrgenommene Unstimmigkeit von Handlungen und Zielen.
Konflikt bedeutet auch Fortschritt, es kann erneuerte und verbesserte menschliche Beziehungen stimulieren. Ohne Konflikt stellen sich Menschen nur selten Probleme und lösen sie.
Frieden als Ergebnis eines kreativ gehandhabten Konfliktes, in dem die Parteien ihre unterschiedlichen Interessen in Einklang gebracht haben und wirkliche Einigung erzielt haben.

15.1 Konflikt

15.1.1 Soziale Dilemmata

Probleme entstehen oftmals daraus, daß einzelne Gruppenmitglieder ihre Eigeninteressen verfolgen, dabei jedoch gleichzeitig ihrer Gruppe Schaden zufügen
Entscheidungen, die individuelle Vorteile bringen, können der Gemeinschaft schaden.
Man betrachte dazu zwei Beispiele: Das Gefangenendilemma und Tragik der Allmende.

15.1.1.1 Das Gefangenendilemma

Problem: ein Anwalt muß zwei Verdächtige befragen. Sie sind gemeinsam schuldig, doch der Anwalt kann sie nur wegen eines minderen Vergehens anklagen.

  • Wenn A die Tat zugibt und B nicht, dann bekommt A Immunität, der andere die Höchststrafe.
  • Wenn beide zugeben, erhalten beide eine moderate Strafe
  • Wenn keiner von beiden zugibt, erhalten sie nur eine leichte Strafe.
  • Der einzelne ist am besten dran, wenn er die Tat zugibt. Wenn jetzt der andere die Tat ebenfalls zugibt, erhalten sie eine moderate Strafe und gibt der andere die Tat nicht zu, dann kommt man frei è Beide denken genauso, d.h. wenn beide gestehen, ist das Ergebnis schlechter als wenn beide nichts zugeben => soziale Falle

=> Kooperation wäre für beide insgesamt am günstigsten
=> im Experiment wurden die Vpn, die bedingungslos kooperativ waren, oft ausgenutzt
Beispiel: Wettrüsten der Nationen

15.1.1.2 Tragik der Allmende

Dilemma: Bauern, die ein gemeinsames Stück Weide, die Futter für eine bestimmte Anzahl an Kühen bietet, besitzen, würden die Weide nicht überweiden und somit zerstören, wenn jeder nur die ihm zustehende Anzahl von Kühen auf der Weide grasen ließe. Der Nutzen des einzelnen Bauern läßt sich aber (kurzfristig) maximieren, dadurch daß er mehr Kühe auf die Weide stellt als ihm zusteht. Würde das nur ein Bauer mit wenigen Kühen machen, wäre eine nur geringe Überweidung die Folge, die vielleicht keinen Schaden verursachen würde. Wenn allerdings ein Bauer so handelt, dann wollen die anderen Bauern auch ihren Nutzen maximieren bzw. nicht zurückstehen, und stellen auch mehr Kühe auf die Weide, wodurch die Weide aber zerstört wird und alle einen langfristigen Nachteil haben. => Konflikt zwischen Einzelinteresse und Gruppeninteresse bei begrenzten Ressourcen, wobei Maximierung des Gruppennutzens auch langfristig den Einzelnutzen maximieren würde.
Da dies aber mit dem Risiko einer Benachteiligung des Einzelnen verbunden ist, überwiegen die Einzelinteressen.
Anmerkung: Allmende (deutsch) = commons (engl.) = gemeinsames Weideland
Beispiele: Treibhauseffekt, Umweltverschmutzung

EDNEY (1979): Eine Schale enthielt 10 Metallkugeln, deren Anzahl alle 10 Sekunden verdoppelt wurde. Studenten sollten eine maximale Anzahl von Kugeln anhäufen, wobei sie zu jedem Zeitpunkt beliebig viele Kugeln aus der Schale nehmen durften.
Ergebnis: In 65% aller Gruppen waren noch vor dem Ablauf der ersten 10 Sekunden alle Kugeln aus der Schale genommen worden.
Ähnliche Ergebnisse in individualistischen (U.S.A.) und kollektivistischen (Japan) Kulturen

Gemeinsamkeiten vom Gefangenendilemma und der Tragik der Allmende als soziale Fallen:
1) Fundamentaler Attributionsfehler:

  • Situationale Erklärung des eigenen Verhaltens ("Ich muß mich vor der Gier der anderen schützen!")
  • Dispositionale Erklärung des Verhaltens der anderen ("Die anderen sind selbstsüchtig!")

2) Veränderung der Motive:

  • Gewinnmaximierung, dann
  • Verlustbegrenzung, schließlich
  • Wahrung des Images bzw. Vermeidung einer Niederlage

3) non-zero-sum game, d.h. beide können gewinnen und beide verlieren, es ist nicht so, daß der Gewinn des einen gleichzeitig der Verlust des anderen sein muß.
Spiele bei denen sich die Ergebnisse nicht zu 0 aufaddieren müssen. Bei Kooperation können beide gewinnen, bei Konflikt können beide verlieren.

15.1.1.3 Soziale Dilemmata lösen

1. Regulation
Freiheit bei individuellem Zugriff auf gemeinsame Ressourcen führt zu Zerstörung der Ressource
=> Gesetze und Regelungen für den Zugriff
Beispiel: Abrüstungsabkommen
Nachteil:

  • Verwaltungsaufwand
  • Aufwand bei Durchsetzen der Regelungen
  • Verringerung der persönlichen Freiheit

2. Klein ist schön
Verkleinerung der Gruppe der beteiligten Individuen verstärkt Kooperation durch...

  • Steigerung der Verantwortlichkeit des Einzelnen
  • Größere Bedeutung der Konsequenzen des Handelns einzelner
  • Das Handeln des Einzelnen ist effektiver
  • Stärkere Identifikation mit Gruppenerfolg

3. Kommunikation
Kommunikation fördert

  • Kooperation
  • Verringerung von Mißtrauen
  • stärkere Identifikation mit Gruppenerfolg
  • Einigung auf gemeinsame Regelungen => Zusammenarbeit

DAWES (1980, 1994): Jede Vp von 7 Vpn erhielt $6. Wenn eine Vp ihre $6 abgab, dann wurde die verschenkte Geldsumme verdoppelt (=> "Der Versuchsleiter legt noch was drauf!"). und die anderen 6 Vpn erhielten dementsprechend jeweils $2 (2 x $6/ 6 Vpn). Dabei war jeder Vp freigestellt, ob sie ihr Geld lieber behalten oder verschenken wollte. Kooperation war in diesem Experiment auch am ertragreichsten, aber auch mit Risiken verbunden. Verschenkt jeder sein Geld, so erhält jede Vp insgesamt 12$. Gibt eine Vp ihr Geld jedoch nicht her, so kann sie ihren Gewinn auf 18$ maximieren, dadurch erhalten jedoch die anderen nur je 10$, wenn zwei ausscheren nur 8$ usw. In der einen Versuchsbedingung konnten die Vpn miteinander diskutieren, in der anderen Bedingung jedoch nicht.
Ergebnis: Ohne Diskussion verschenkten 30% der Vpn ihr Geld, mit Diskussion 80% der Vpn

4. Erhöhung der Belohnung Erhöhung der Kooperation durch Erhöhung der Belohnungen für Kooperation bzw. Erhöhung der Strafen bei Konflikt/ Wettbewerb.

5. Appeals to Altruistic Norms Erhöhung von Kooperation durch Propagieren von altruistischen Verhaltensweisen, Hinweisen auf Mechanismen von social traps, usw.

15.1.2 Wettbewerb

Wettkampfsituationen fördern Aggressionen gegen den Gegner. Wettbewerb fördert sogar zerstörerisches Verhalten:
SHERIF (1966): "Robbers' Cave / Sommerlager-Experiment"
22 einander nicht bekannte Jungen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt und verbrachten 3 Wochen in Ferienlagern.
In einer Bedingung schlossen die einzelnen Gruppen untereinander durch verschiedene Aktivitäten enge Kontakte ohne von der anderen Gruppe zu wissen. Nach einer Woche veranstalteten die Lagerleiter ein Turnier verschiedener Wettkämpfe zwischen den beiden Gruppen (Baseballspiele, Tauziehen,...). Von da an verschlechterte sich die Beziehung zwischen den beiden Gruppen zunehmend von Beschimpfungen über Flaggenverbrennen bis zu Schlägereien.
Auch durch gemeinsame Aktivitäten (z.B. Fernsehen) ließ sich keine Versöhnung herbeiführen, sondern sie wurden zum Austausch von Feindseligkeiten genutzt.
Erst durch gemeinsame superordinate goals=übergeordnete Ziele(z.B. Lastwagen mit Panne ziehen), die erfolgreich erreicht wurden, konnte die Feindseligkeit in Freundschaft umgewandelt werden.

15.1.3 Wahrgenommene Ungerechtigkeit

Definitionen von Gerechtigkeit:

1) Equity (Gerechtigkeit bezogen auf Leistung):
My outcomes = Your outcomes
My inputs = Your inputs

Beachte:

  • "Ausbeuter" oder "Nutznießer" dieser Rechnung können bestehende Ergebnisse rechtfertigen, indem sie Einzahlungen auf- oder abwerten:
  • Bei der Gewichtung der "Einzahlungen" spielt Subjektivität (self-serving bias) eine wichtige Rolle. Z.B. kann ein älterer Mitarbeiter seine Erfahrung zu Felde führen, während ein jüngerer Mitarbeiter seine Produktivität betont.
  • "Goldene Regel": Wer das Gold hat, macht die Regeln! d.h. Personen mit höherem (sozioökonomischen) Status rechtfertigen gegenüber sich und anderen die "Auszahlungen", die sie erhalten und den Status, den sie einnehmen.
  • Je kompetenter und wertvoller sich Menschen fühlen, desto eher fühlen sie sich unterbezahlt und neigen eher zu Vergeltung (z.B. beobachtbar bei zunehmendem Selbstbewußtsein von Frauen in den letzten Jahrzehnten)

Mögliche Reaktionen von Ausgebeuteten:

  • Akzeptieren und Rechtfertigen der unterlegenen Position
  • Forderung nach Kompensation (evtl. auch durch Betrug gegen den Überlegenen)
  • Wiederherstellung der Equity durch Rache


2) Gerechtigkeit bezogen auf Bedürfnisse

3) Gerechtigkeit bezogen auf Gleichheit (gleichen Eigenschaften) der Parteien

4) Kombinationen aus 1) -3)

15.1.4 Mißverständnisse

Konflikte sind Situationen mit wahrgenommenen nicht vereinbaren Handlungen und Zielen, wobei meist ein wahrer Kern von tatsächlichen Interessenkonflikten vorliegt, aber ein großer Teil des Konflikts durch Mißverständnisse verursacht wird.
=> große Bedeutung von Mißverständnissen
Verschieden Faktoren, die Mißverständnisse fördern:

  • Selbstdienliche Denkfehler: man akzeptiert Lob für gute Taten und weist Schuld von sich für schlechte Taten
  • Selbst-"justification"
  • Fundamentaler Attributionsfehler
  • Voreingenommenheit
  • Gruppenpolarisation
  • Gruppendenken
  • Ingroup-Denkfehler
  • negative Stereotyoen

Es ist also nicht weiter überraschend, daß Fehlwahrnehmungen zu Konflikten führen, es ist sogar teilweise die Form der Fehlinterpretation (siehe Punkt 1-8) vorhersagbar.

15.1.4.1 Gegenseitige Fehlwahrnehmungen

Gegenseitige Fehlwahrnehmungen in Konfliktsituationen sind oft spiegelbildlich, d.h. die Parteien schreiben sich selbst die gleichen Werte zu und die entsprechenden Gegenteile dem jeweiligen anderen.

Reziproke Wahrnehmung des anderen, was oft bei Parteien, die miteinander im Konflikt stehen, auftritt z.B. kann sich jede Seite für moralisch und friedliebend halten und den anderen als böse und aggressiv, was die Gegenpartei ebenfalls tut.
Weitere Aspekte von Mirror-image perceptions:

  • Man glaubt, nur die Führung eines Landes ist gegen uns, das Volk aber in Wahrheit hinter uns.
  • Übertriebene Wahrnehmung der Position der Gegner als extremer als sie ist.

Beispiel: Gegenseitige Fehlwahrnehmungen im Wettrüsten zwischen USA und UDSSR

  • beide würden am liebsten Abrüsten
  • aber die anderen rüsten auf
  • und wollen militärische Überlegenheit

Während Konflikten oder wachsender Spannung in der Politik treten vermehrt vereinfachte, stereotype, Schwarz-Weiß-Aussagen (wir sind gut, die anderen böse!) auf.
=> Hemmung rationaler, komplexer Überlegungen, die das Finden von kooperativen Lösungen erleichtern würden.
Falsche Übereinstimmungswahrnehmung und Selbsterfüllende Prophezeiung führen zur Verstärkung von Stereotypen und Voreingenommenheit.
Teufelskreis: das ist sehr einleuchtend, nachdem, was wir oben im entsprechenden Kapitel erfahren haben, daß bestimmte Vorstellungen und Erwartungen selbstbestätigend sein können.

15.1.4.2 Wahrnehmung ändern

Derselbe Prozeß, der uns das Bild eines Feindes vermittelt, kann, wenn der Feind zum Freund wird, den Feind uns nun als Freund darstellen
Bsp.: die "Japse" des 2. WK wurden nach dem Krieg die Gleichgesinnten der USA
Wahrnehmung wird stark durch die situationale Faktoren beeinflußt
z.B. bei Konflikten treten Mißverständnisse auf, die mit der Konfliktlösung wieder verschwinden.
Konflikte zwischen zwei Gruppen, werden durch einen gemeinsamen Gegner verringert

15.2 Frieden schaffen

Die vier C's des Friedenschließens: contact, cooperation, communication, conciliation (Versöhnung)

15.2.1 Kontakt

Förderung von gegenseitiger Sympathie bzw. Frieden durch:

  • Nähe
  • Interaktion
  • Antizipation von Interaktion

15.2.1.1 Förtdert räumliche Trennung den Rassismus?

Verschiedene Antworten vorhanden
Desegregation vermindert Vorurteile:

  • Der Kontakt zwischen den Rassen führte vor allem nach dem 2. WK zu verringerten Vorurteilen:

DEUTSCH & COLLINS (1951): Weiße Frauen, die in Häuserblocks mit Sozialwohnungen lebten, in denen sowohl schwarze als auch weiße Familien lebten, waren positiver zu diesem rassenunabhängigen Wohnen eingestellt als weiße Frauen, die nur mit weißen Familien zusammenlebten.
Freundschaft oder persönlicher Kontakt (z.B. einen homosexuellen oder farbigen Freund haben) beeinflussen die Einstellung zur Minderheit positiv.

Desegregation hat keinen Einfluß auf Vorurteile:
STEPHAN (1986): Geringer Einfluß von gemischten Schulen (Schwarze und Weiße) auf Einstellung der Schüler.

Desegregation fördert manchmal eine positive Einstellung gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen, manchmal nicht

15.2.1.2 Wann förtdert räumliche Trennung den Rassismus?

Einfluß auf Einstellung:
1. Faktor: Quantität des Kontaktes:
Beachte: Rassenzugehörigkeit beeinflußt die Häufigkeit des Kontaktes zwischen Personen verschiedener Rassen. Die Mitglieder akademischer Förderprogramme rekrutieren sich oft aus Weißen, deren sozialökonomischer Hintergrund oftmals besser ist und die Kinder daher bessere Vorteile hatten, eine bessere Ausbildung zu genießen. 2. Faktor: Qualität des Kontaktes:
Beachte: Nicht jedweder Kontakt ist förderlich. Ist Kontakt etwa auf der Basis von Wettbewerb, kann keine Verbesserung der Einstellungen erwartet werden è Gleicher Status vs. verschiedener Status

Was geschaffen werden muß: Equal-status contact: Kontakt, der auf der Basis von Gleichberechtigung bzw. gleichem Status beruht.
Beziehungen zwischen Personen, die verschiedenen Status haben, bewirkt Einstellungen, die konsistent mit ihren Beziehungen sind. Entsprechendes gilt für Personen mit gleichem Status. Deswegen sollte der Kontakt zwischen Personen verschiedener Rassen auf gleichem Status beruhen, um Vorurteile zu vermeiden.
Erklärung für geringe Wirkung von Kontakt in gemischten Schulen:

  • Schüler kommunizieren/ interagieren bevorzugt mit Schülern gleicher Rasse.
  • Schwarze Schüler haben niedrigeren Status, da weiße Schüler aktiver, einflußreicher und erfolgreicher sind.

15.2.2 Kooperation

Führt Wettkampf zu Trennung, Kooperation zu Einheit?

SHERIF (1966): vgl. Experiment von SHERIF (1966) weiter oben.
Auch durch gemeinsame Aktivitäten (z.B. Fernsehen) ließ sich keine Versöhnung herbeiführen, sondern sie wurden zum Austausch von Feindseligkeiten genutzt.
Was sind wichtige Determinatnen von Kooperation?

  • gemeinsam auszustehende Gefahren
  • übergeordnete Ziele
  • kooperatives Lernen

15.2.2.1 Gemeinsam auszustehende Gefahren

LANZETTA (1955): Marinekadetten arbeiteten zu viert an Problemlöse-Aufgaben, wobei in einer Bedingung durch den Versuchleiter die Rückmeldung kam, daß ihre Leistung sehr schlecht sei.
In diesen Gruppen verhielten sich die Kadetten freundlicher und kooperativer
=> Gemeinsame äußere Bedrohungen führen zu erhöhter Gruppenkohäsion.
(Siehe auch das Experiment von Sherif, wo eine gemeinsame Bedrohung ebenfalls die Gruppenkohäsion erhöhte und Konflikte überwunden werden konnten.)
Anwendung dieses Prinzips in der Politik: so kann durch Schaffen eines bedrohenden äußeren (oder inneren wie die Juden im dritten Reich) Gruppenkohäsion schaffen.

15.2.2.2 Übergeordnete Ziele

SHERIF (1966): vgl. Experimente von SHERIF (1966) weiter oben.
Erst durch gemeinsame superordinate goals (z.B. Lastwagen mit Panne ziehen), die erfolgreich gemeinsam bewältigt wurden, konnte die Feindseligkeit in Freundschaft umgewandelt werden.
Gemeinsames Ziel, das kooperative Anstrengung erfordert. Ein Ziel, das die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen/Personen überwindet.
Beachte:

  • Die erfolgreiche Umsetzung der superordinate goals in Form von Kooperation ist von großer Bedeutung für die versöhnende Wirkung. Fehlschläge können durch Attribution auf Versagen/ mangelnde Kooperation der jeweils anderen Gruppe zur Verstärkung des Konfliktes/ negative Stereotypen führen.
  • Ergebnisse von SHERIF (1966) lassen sich auch auf Erwachsene übertragen
  • Förderung der Aussöhnung von Konflikten durch neue gemeinsame Gruppenidentität, die die früheren Subgruppen auflöst.

15.2.2.3 Kooperatives Lernen

1. Typische Schuldesegregation hat nur magere Ergebnisse im Kampf gegen Vorurteile gebracht
2. Erfolgreiche, kooperative Kontakte zwischen Gruppen hat hervorragende Ergebnisse gebracht
Kombination beider Punkte: Ersetzen von kompetitiven Schulpraktiken durch kooperative Lerntechniken

MADDEN (1979): Gemeinsames Sporttreiben, Spielen oder Arbeiten mit Mitgliedern anderer Rassen fördert Freundschaften und positive Einstellungen gegenüber anderen Rassen.
Ausgehend von diesem korrelativen Befund: Können wir daraus schließen, daß kooperative Aktivität zwischen den Rassen gegenseitige Vorurteile abmildert?
SLAVIN (1985): Schüler wurden zu 5er-Gruppen aufgeteilt mit Schülern unterschiedlicher Leistungsfähigkeit und Rasse. Diese Gruppen bereiteten sich auf einen wöchentlichen Wissenswettbewerb zwischen den Gruppen in der Klasse vor, der verschiedene Fächer umfaßte.
Gegenüber isolierten Schülern förderte dies bei in Gruppen arbeitenden Schülern Kontakt und Unterstützung.
ARONSON (1978): "Jigsaw-Classroom-Experiment!" Schüler wurden zu 6er-Gruppen aufgeteilt mit Schülern unterschiedlicher Leistungsfähigkeit und Rasse, wobei jeder Schüler ein Teilgebiet des von der Gruppe zu erarbeitenden Themas zugewiesen bekam (z.B. Teilgebiet "Geographie" von Thema "Chile"). => "jigsaw technique". Jeder Schüler konnte somit unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit oder Rasse etwas Wissenswertes zur Gruppe beitragen bzw. konnte die Gruppe von ihm lernen.
Ergebnis: Kooperatives Lernen stellt eine wirkungsvolle Möglichkeit dar, Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Rassen und die Leistungen in Schulen zu verbessern.

Es bestehen Hinweise, daß kooperative, statusgleiche Beziehungen auf allen Ebenen menschlicher Beziehungen zu einer Verbesserung derselbigen führt.

15.2.3 Kommunikation

Wie können Konfliktparteien ihre Probleme durch Kommunikation lösen?

  • Verhandeln
  • Vermittlung (Mediation)
  • Schiedsspruch / Schlichtung

15.2.3.1 Verhandeln

Suche nach Einigung durch direkte Verhandlungen zwischen den in Konflikt stehenden Parteien.
CIALDINI, BICKMAN & CACIOPPO (1979): Vertraute erkundigen sich bei Chevrolet-Händlern nach einem bestimmten Auto mit festgelegter Ausstattung. Wenn sie, wie in der Experimentalbedingung, zuerst nach einem anderem Autotyp fragen, diesen als zu teuer ablehnen (=> harte Verhandlungsposition), und dann nach dem eigentlich gewünschten Auto fragen, dann war der genannte Preis um durchschnittliche $200 niedriger.
=> Harte Verhandlungsposition (Extreme Forderung/ Angebot) bewirkt oft einen Vorteil!

Beachte: Das Vertreten einer harten Verhandlungsposition kann auch die Wahrscheinlichkeit, eine Einigung zu erzielen, verringern, und somit einen Nachteil bewirken. Beispielsweise wenn der Verhandlungspartner einen ähnlich harten Standpunkt hat.

15.2.3.2 Vermittlung

Versuch eine Einigung zu erzielen durch Vermittlung einer dritten Partei, durch Erleichterung der Kommunikation und Anbieten von Vorschlägen.
Problem: Häufig verhindern in stark emotionalen, spannungsgeladenen Konflikten ein auf Wetttbewerb ausgerichtetes Gewinn-Verlust-Denken und verzerrte Wahrnehmungen (Mißverständnisse) eine Einigung.

Aufgaben des Mediators (Teil I):

  • Aufforderung zum und Hilfe beim Überdenken des Konfliktes durch die beteiligten Parteien
  • Informationen zwischen den Parteien vermitteln über die jeweiligen Interessen
  • Problem: Auflösen des typischen Gewinn-Verlust-Denkens, d.h. daß eine Partei verlieren und die andere gewinnen muß. Übergang zu kooperativem Gewinn-Gewinn-Denken zur Erreichung eines Integrative Agreements

Integrative Agreement: Gewinn-Gewinn orientierte Einigung, die die Interessen beider Parteien zum gegenseitigen Nutzen in Einklang bringt.
Beispiel: Zwei Schwestern streiten um eine Orange. Beide einigen sich darauf, die Orange in zwei Hälften zu teilen, wobei jede Schwester eine Hälfte erhält. Die eine Schwester nutzt daraufhin ihre Hälfte um aus dem Fruchtfleisch Saft zu pressen, die andere Schwester verwendet die Schale ihrer Hälfte für eine Kuchen.
Die eine Schwester erhält das ganze Fruchtfleisch, die andere Schwester die ganze Schale.
Auflösen Mißverständnisse mit kontrollierter Kommunikation
Problem: selbstbestätigende Fehlwahrnehmungen

Aufgaben des Mediators (Teil II):

  • Feststellung und Gewichtung der wirklichen Interessen der gegnerischen Parteien
  • Korrigieren von Mißverständnissen,
  • Koordination der Kommunikation durch Beschränkung auf sachliche Aussagen,

Aussagen über persönliche Gefühle, Aussagen über eigene Reaktionen auf Aktionen des anderen
KNUDSON & al. (1980): Verheiratete Paare spielten im Labor einen ihrer kürzlichen Konflikte nach. Vor, während und nach dem Konflikt wurden sie beobachtet und befragt. Paare, die ihre Positionen nicht klarmachten oder die Position ihres Partners nicht zur Kenntnis nahmen, glaubten nach der Diskussion in stärkerem Einklang zu sein als sie es tatsächlich waren. Im Gegensatz dazu erreichten Paare, die ihre Positionen klar darlegten und diese auch gegenseitig zur Kenntnis nahmen, eine größere tatsächliche Einigung und erlangten mehr Informationen über die Position des anderen.

Wichtige Grundlagen für gute Kommunikation:

  • Konflikt ist normal
  • Gewinn-Gewinn-Denken
  • nicht-aggressive Kommunikatiosstrategien
  • gegenseitiges Vertrauen

Schlüsselfaktor Vertrauen: Fehlt gegenseitiges Vertrauen, erschwert dies den notwendigen Austausch von persönlichen Informationen (z.B. Absichten, Gefühlen), da man befürchtet, daß dies durch den Gegner ausgenutzt wird.

Durch Vorschläge vom Mediator wird Reaktanz gegenüber den Vorschlägen des Gegners vermeiden
Beispiele aus der Politik:Arabisch-Israelischer Konflikt, Pakistanisch-Indischer Konflikt

15.2.3.3 Schlichtung

Lösung eines Konfliktes durch Schlichtung durch eine dritte Partei, die sich über beide Seiten informiert und dann eine Schlichtung vornimmt.
Manche Konflikte sind unlösbar, die zugrundeliegenden Interessen zu divergent. Es ist eine Lösung, mit der beide Parteien restlos zufrieden sind, nicht möglich
Schlichtung wird angewandt, wenn die Forderungen der gegnerischen Parteien so extrem bzw. unvereinbar sind, daß sie untereinander keine Einigung erzielen können.

McGILLICUDDY & al (1987): Vpn bemühten sich stärker durch Mediation eine Einigung zu erzielen und einigten sich auch häufiger, wenn ihnen bei Scheitern der Verhandlungen eine arbitration drohte (über die sie keine Kontrolle haben).
Problem: Parteien neigen bei Arbitration dazu, ihre Positionen zu verhärten, um bei einem Kompromiß des Arbitrators einen Vorteil zu erzielen.
Gegenmaßnahme: "final-offer-arbitration": Eines der beiden letzten Angebote der Parteien wird vom Schlichter angenommen

15.2.4 Versöhnung

Wenn die Feindseligkeiten auf beiden Seiten so stark sind, daß keine Kommunikation, geschweigedenn eine Einigung erzielt werden kann, müssen beide Gegner erstmal versöhnt werden.

15.2.5 GRIT

GRIT: Akronym für "graduated and reciprocated initiatives in tension reduction".

Eine Strategie, die entwickelt wurde, um internationale Spannungen zu verringern. Verschiedene Schritte der GRIT:

  • Signalisieren einer Versöhnungsabsicht durch ein paar kleine Maßnahmen, die deeskalierend wirken. Dazu muß eine Partei die Initiative ergreifen. => Öffentlicher Druck auf Gegner
  • positive Antwort / Maßnahmen des Gegners
  • Verstärkung der Glaubwürdigkeit der Versöhnungsabsicht durch verschiedene kleine Versöhnungsmaßnahmen in verschiedenen Bereichen
    => Initiator vermeidet dadurch, Schwachstellen bei sich zu schaffen
    => Gegner erhält größere Wahlfreiheit bei Antwortmaßnahmen .
  • positive Antwort / Maßnahmen des Gegners

Wichtige Prinzipien des GRIT:

  • Anbieten von Versöhnung
  • Erhaltung der eigenen Stärke
  • Ausbeutung einer Partei wird nicht akzeptiert

Prinzipien nach DEUTSCH (1993).

  • "firm": keine Einschüchterung, Ausbeutung, schmutzige Tricks
  • "fair": Festhalten an eigener Moral. Prinzipien auch bei Provokation
  • "friendly": Initiative von Versöhnungsbemühungen und Eingehen auf Initiativen der Gegenseite

LINKSKOLD (1978): In Laborspielen führten Ankündigung von kooperativen Absichten und versöhnende Handlungen zu Verringerung von Spannungen => Hinweise auf Wirksamkeit der GRIT

15.2.5.1 Wirksamkeit der GRIT

1) Berlin Krise (1960er): schrittweiser Rückzug von amerikanischen und sowjetischen Panzern
2) schrittweise Abrüstung von Atomwaffen zur Beendigung des "Kalten Kriegs" durch KENNEDY (1963) und BUSH (1991)