Die Akte als Buch

Die gesamte Akte, versehen mit zusätzlichen Informationen, Erläuterungen und Bildern ist als Buch erhältlich.

Das Buch enthält ca. 120 Seiten, kostet 11,90 Euro und ist bei mir zu bestellen. Bitte mailt mir einfach.

"Die Glocke" am 8.9.2010:

Tipps zum Thema:

Wikipedia-Eintrag "Enniger": hier ist de Mord kurz erwähnt.

Wikipedia-Eintrag "Jüdische Gemeinde Enniger": Abbildungen der Synagoge und weitere Infos.

FILMFORM KÖLN: Drehten den Film "UNTER BAUERN - Retter in der Nacht", der im Herbst 2009 in den Kinos lief.

Heimatverein Enniger: Umfangreiches Archiv und netter Kontakt!

Unter Bauern: Die DVD der Geschichte von Marga Spiegel bei jpc.de

Mord an Elisabeth Schütte

Die 34-jährige Elisabeth Schütte war die Schwester meiner Ururgroßmutter Gertrud Schütte aus Enniger. Elisabeth war nicht verheiratet und führte bei ihrem verwitweten Vater den Haushalt.

Am 24. April 1873 erstattete der Amtmann Brüning aus Enniger Anzeige bei der Königlichen Staatsanwaltschaft Münster, dass Elisabeth Schütte im Angelbach als Leiche aufgefunden worden sei:

"Gestern Abend ist die unverehelichte 34 jährige Tochter des Kötters Schütte in der Pölinger Bauerschaft hiesiger Gemeinde, namens Elisabeth, welche für ihren Vater Haushalt führt in dem etwa 5 Minuten von ihrer Wohnung entfernten Angelbache, unmittelbar dem Fußwege von Enniger nach Vorhelm, welcher auch ihr Fußweg ist, als Leiche aufgefunden. Da dieselbe Spuren gewaltsamer Verletzungen an sich trägt, so ist der königliche Staats-Anwaltschaft sofort Anzeige erstattet.
Um hochgeneigte Übersendung eines Zählblättchens bittet
der Amtmann Brüning"


Später schreibt er noch:

"Gestern war die Obduction der Leiche der im Angelbache gefundenen Elisabeth Schütte von hier. Ich habe mich an Ort und Stelle begeben und von dem Herrn Staats-Anwalt erfahren, daß dieselbe geschändet und ermordet ist. Spuren die zur Entdeckung des Thäters führen könnten, sind bis jetzt nicht ermittelt worden. Da die E. Schütte eine kräftige Person war, so ist nicht zu bezweifeln, daß sie sich gewehrt und dem Angreifer Wunden beigebracht hat."

Über den Tathergang wird in der Mordakte folgendes geschrieben:

"Am 22.4.1873 Abends zwischen 7 und 8 Uhr verließ die unverehelichte 32 Jahre alte Elisabeth Schütte, Tochter eines Kötters und Webers, ihr elterliches im Kirchspiel Enniger Kreise Beckum, ungefähr 10 Minuten vom eigentlichen Dorfe Enniger entfernt, gelegenes Haus, um eine Schwester in dem Dorfe Enniger zu besuchen. Hier traf dieselbe nicht ein, und da dieselbe auch nicht nach Hause zurückkehrte, begann man in der Meinung, daß ihr ein Unglück zugestoßen sei, sie am folgenden Tage zu suchen. Gegen Abend des 23. April fand man ihre Leiche in einem damals fast gänzlich wasserarmen Bache, der Anger, welcher dem Wege entlang läuft, den die Schütte zu nehmen hatte, um nach dem Dorfe Enniger zu ihrer Schwester zu gelangen. Schon der erste Blick ließ erkennen, daß die Schütte gewaltsam um das Leben gebracht sein mußte. Denn ihre Kleider waren vorne von unten nach oben aufgeschlitzt oder aufgerissen und dann über dem Kopf zusammen gedreht.
Sodann bemerkte man an ihrem Halse eine starke Schnittwunde und in der Nähe der Stelle, wo die Leiche gefunden wurde, auf dem Wege eine große Blutlache und Stücke ihrer Mütze."

Die Staatsanwaltschaft war mit den Ermittlungen des Amtmannes Brüning nicht zufrieden. Es wurde bemängelt, dass er nicht frühzeitig am Tatort erschienen sei. Er rechtfertigt sich dafür, dass er nicht gleich an Ort und Stelle geeilt ist.

"...hat seinen Grund darin, daß ich von einer Lungenentzündung noch nicht wieder hergestellt war und mir von meinem Arzte, dem Kreis Physikus Dr. Heyne in Beckum aufs bestimmteste untersagt war, bei rauher Witterung mit Nordostwind die Stube zu verlassen und damals herrschte solche in hohem Grade; es war sogar Schnee gefallen was bekanntlich um diese Jahreszeit in hiesiger Gegend etwas sehr seltenes ist. Es war mir von den Ärzten, da ich wiederholt an langwierigen Brust Übeln gelitten habe, für den Falle wenn ich mich solcher Luft jetzt aussetzte, bei meinem Alter von 61 Jahren, Lungenschlag, Brustfieber, ernste Brustwassersucht in Aussicht gestellt." 

Die Ermittler wurden Ende Juli 1873 auf den Enniger Juden Herz Spiegel aufmerksam, da Gerüchte besagten, dass er in der Nähe des Tatortes gewesen sei. Obwohl die Ermittlung fallengelassen wurde, begannen gegen die jüdischen Einwohner Ennigers die ersten massiven Ausschreitungen.

Am 18. November 1873 kam es in Enniger zu einem Volksauflauf, bei dem mit Pistolen geschossen wurde. Die Beteiligten sagten hinterher aus, sie hätten den Namenstag der Königin Elisabeth gefeiert. Einige Frauen aus dem Dorf sagten gegen Herz Spiegel aus, er hätte schon vor Jahren Mädchen und Frauen belästigt, obwohl die meisten Aussagen auf Gerüchten beruhten:

"Er hielt mich darauf bei jedem Durchgange des Fußweges durch einen Haspel fest und steckte mir seinen Bart ins Gesicht. An dem dritten Durchgange fragte er mich, indem er mich festhielt, ob er mir jetzt thun sollte, wie Metz Heringloh, der einige Tage vorher geheiratet hatte, seiner Truta (seiner Frau) jetzt thäte, die nähm er gut los."

Es kam zu Schüssen und Steinwürfen in Spiegels Haus, viele seiner Nachbarn wurden von der Polizei befragt, und niemand hatte etwas gesehen.

Dann ging ein anonymes Schreiben ein:

"Enniger, 26. December 1873

An das hochlöbliche königliche Landrathsamt zu Beckum

Euren hochlöblichen Landrathsamt wollte hierdurch mittheilen, daß zum Silvester wieder ein Judenkrawall statthaben soll.

Meinen Namen darf ich nicht nennen, denn wenn man hier von dieser Anzeige hörte, es mir noch schlimmer als den Juden ging.

Hochachtungsvoll."

Nachdem die Angriffe gegen die jüdischen Dorfbewohner immer stärker wurden, zogen die jüdischen Familien bis 1892 aus Enniger fort. Sie gingen nach Ahlen, Vorhelm oder Warendorf. 

Marga Spiegel schreibt in Ihrem Buch "Retter in der Nacht" über die Vertreibung Ihrer Familie aus Enniger und später während des 2. Weltkrieges aus Ahlen. Ihre Familie wurde von Bauern im Münsterland versteckt und konnte so den Holocaust überleben.

Über diese Begebenheit wurde im Jahr 2009 ein Spielfilm gedreht.

Elisabeths Familie hat zu Ihrem Gedenken einen Bildstock aufstellen lassen, der heute in der Nähe des Tatortes steht. Er trägt ein Bibelzitat als Inschrift: 
"Ich habe gekämpft den guten Kampf, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt, hinfort bleibt mir allemal die Krone der Gerechtigkeit."

Urte Allkämper schreibt in ihrer volkskundlichen Arbeit, dass er vor seiner Restaurierung im August 1983 auf der Rückseite eine zweite Inschrift trug, die lautete: 
"Zur Erinnerimg an die Sodalin Elisabeth Schütte, geboren am 10. Mai 1841, an dieser Stelle grausam ermordet im Kampfe um ihre Tugend, den 22. April 1873"

Als ich vor einiger Zeit in Enniger war, wurde mir erzählt, dass die älteren Ennigeraner vor einigen Jahren noch genau zu wissen glaubten, wer damals der Täter war. Es sei allgemein bekannt gewesen; man sprach allerdings nicht darüber. Und es soll nicht Herz Spiegel gewesen sein. Es wäre heute jedoch schwierig, jemanden zu finden, der darüber noch Auskunft geben kann.

Als Elisabeth Schütte beerdigt wurde, hielt der Pastor eine Predigt, die Elisabeths Schwester Gertrud abgeschrieben hat, um sie in der Familie zu erhalten. Diese alte Abschrift, die in Sütterlin in ein Schulheft geschrieben wurde, befindet sich heute im Archiv des Heimatvereines. Ich habe sie zusammen mit Walter Volmer aus Köln abgeschrieben.

 

Predigt gehalten den 24. April 1873 am Grabe der am Abend des 22. April ermordeten und am 23. desselben Monats in der Angel als Leiche gefundenen Soldalin Elisabeth Schütte aus Enniger geboren den 10. Mai 1841

Ich habe gekämpft den guten Kampf 
den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt
hinfort bleibt mir aufbewahrt
die Krone der Gerechtigkeit

Andächtige Trauerversammlung!
Da stehen wir Geliebte im Herrn an einem Grabe, das wohl seitdem unsere Gemeinde wie keines im Laufe der Jahrhunderte die Theilnahme aller erregte. Unser aller Herz ist aufs Schmerzlichste bewegt und aufs tiefste erschüttert einerseits durch die Trauer über das herbe Geschick einer schuldlos Ermordeten, andererseits durch die gerechte Entrüstung über die Grausamkeit, mit der die schwarze That ausgeführt wurde. Mit herzlicher Theilnahme sind wir dem Leichenzug gefolgt, um der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen und sind nun im Begriffe den gemordeten Leib ins kalte Grab zu betten und die Seele im hl. Opfer Gott zu empfehlen. Bevor wir aber dieses Grab schließen und unsere letzten Gebete für die Seelenruhe der Mitschwester verrichten, wollen wir noch einige Augenblicke verweilen, damit wir vernehmen, was dieser Leichnahm im offenen Grabe uns predigt, um so außer dem tiefen Eindrucke auf unser Gemüth auch heilsame Lehren für unser Leben mit hinweg zu nehmen. Der Herr verleihe meinen Worten Kraft, daß sie in die Tiefen eurer Herzen eindringe, dort ein Samen herrlicher Früchte seien, die reifend in der Zeit einst geerntet werden, für die Ewigkeit.

Heute Abend werden wir es 8 Tage da verließ die Gemordete ihr väterliches Haus, um es lebend nie wieder zu betreten. Auf dem Wege zu ihren Verwandten fällt sie in der Nähe des Dorfes in die Hände eines Unmenschen, der weil in seinem Herzen wilde Lüste toben die Gelegenheit zur Befriedigung derselben sich nicht entziehen lassen will. Das und nichts anderes wird der Zweck des Ungeheuers gewesen sein, denn wer hätte bei ihr das Vorhandensein von Schätzen, welcher die Habgier reitzen, vermuthen sollen, nein ohne Zweifel war es nicht Geldgier, sondern eine ganz andere, eine wüste Leidenschaft, die ihre Befriedigung suchte. Die aber stieß auf einen heldenmütigen Wiederstand.
Ein Kampf auf Leben und Tod entspannt sich zwischen einer Jungfrau, die ihre Tugend als den besten Schatz betrachtet und einem Menschen, den wilde ungebändigte Leidenschaft zum grausamen Thiere gemacht.
(...)
Ist es ferner nicht eine Ehre für die Gemordete daß Gott sich ihrer zu solchen Zwecken und Absichten bedienen konnte? 
Ach was würde geschehen sein wenn in die Versuchung gekommen wäre, eine andere die nicht so befestigt war in der Liebe Gottes und der Tugend? Würde eine solche nicht vielleicht das Leben der Seele preisgegeben haben um das Leben des Leibes zu retten, wäre dann nicht der Herr wie der Apostel sagt aufs neue gekreuzigt worden?
(...)

Die Ahnentafel habe ich mit dem Programm "Ahnenblatt" erstellt.

Dankeschön!

Da ich bei meinen Recherchen sehr viel Unterstützung erhalten habe, möchte ich mich herzlich bedanken bei:

Walter Volmer (Kriminaldirektor a..D.) hat mich auf die Idee gebracht, mir die Original-Akten zu beschaffen. Er war mir beim Entziffern der Akten und bei den polizeilichen Fragestellungen eine besonders große Hilfe.
Heinz Orthaus hat mir die alte Holzkiste mit den Unterlagen seiner Familie anvertraut und mir so Einsicht in viele Details der Geschichte meiner Familie gewährt.
Heinz Becker vom Heimatverein hat sich viel Zeit für mich genommen, um mir in Enniger alles zu zeigen.
Urte Evert dafür, dass sie uns ihre Arbeiten zur Verfügung gestellt hat.
Den netten Mitarbeitern vom Kreisarchiv Warendorf und vom Staatsarchiv Münster für die Unterstützung.


Quellen:

Urte Allkämper: „Grausam ermordet im Kampfe um ihre Tugend..." Volkskundliche Aspekte eines Sexualmordes im Münsterland des späten 19. Jahrhunderts. Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 48/2003

Egon Stutenkemper: Hier sin ick to Hus. Heimatbuch der Gemeinde Enniger. Hrg. Gemeinde Ennigerloh, 1976

Marga Spiegel: Retter in der Nacht. Wie eine jüdische Familie in einem münsterländischen Versteck überlebte, Münster 1999

Acta betreffend vorgefallene Mordthaten, Selbstmorde, Mordversuche, Verstümmlungen. Landesarchiv NRW -Staatsarchiv Münster. Kreis Beckum, Landratsamt Nr. 76

Acta specialica: Die Ermordung der Elisabeth Schütte zu Enniger betreffend, Kreisarchiv Warendorf. Amt Vorhelm A 782